IM LEEREN
wo sich die Kuttel rankt
mit der Bregen-
Blüte,
warf ich mich Steinen zu,
die fingen mich auf
und bekrönten ein Rund
mit dem, was ich wurde.

Aus: #Lichtzwang (1970)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

BEILSCHWÄRME
über uns,

Gespräche
mit Tüllenäxten im Tiefland –

Inselflur du,
mit der dich
übernebelnden
Hoffnung.

Aus: #Lichtzwang (1970)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

AUCH MICH, den wie du Geborenen, hält keine Hand,
und keine wirft mir ein Glück in die Stunde, nicht anders als dir,
dem wie ich in Stierblut Getauchten,

doch stehen die Zahlen bereit, der Träne zu leuchten,
die in die Welt schnellt
aus unserm Nabel,

doch geht in die große Silbenschrift ein,
was uns nah kam, einzeln,

und die Mandelhode
gewittert
und blüht.

Aus: #Lichtzwang (1970)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

UNTER DER FLUT
fliegen, an
gehöhten schwarzen
Opfersteinen vorbei,

die unendlich geerdete Schwermut
in den
Fahrwerkschächten,

berauschte Flugschreiber im
Sehnsuchtsgehänge,

künftige Fundstücke, silbrig,
im
schädligen Cockpit,

Sichttunnels, in
den Sprachnebel geblasen,

Selbstzündblumen
an allen Kabeln,

im großen, unausgefahrenen
Felgenring deinen
genabten Schatten,
Saturn.

Aus: #Lichtzwang (1970)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

DIE LEHMIGEM OPFERGÜSSE,
von Schnecken umkrochen:

das Bild der Welt,
dem Himmel entgegengetragen
auf einem Brombeerblatt.

Aus: #Lichtzwang (1970)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

WIRK NICHT VORAUS,
sende nicht aus,
steh
herein:

durchgründet vom Nichts,
ledig allen
Gebets,
feinfügig, nach
der Vor-Schrift,
unüberholbar,

nehm ich dich auf,
statt aller
Ruhe.

Aus: #Lichtzwang (1970)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

DER DURCHSCHNITTENE Taubenkordon,
die gesprengten
Blütengewalten,

die tatverdächtige
Fundsache Seele.

Aus: #Lichtzwang (1970)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

IHN RITT DIE NACHT, er war zu sich gekommen,
der Waisenkittel war die Fahn,

kein Irrlauf mehr,
es ritt ihn grad –

Es ist, es ist,
als stünden im Liguster die Orangen,
als hätt der so Gerittene nichts an
als seine
erste
muttermalige, ge-
heimnisgesprenkelte
Haut.

Aus: #Lichtzwang (1970)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

IM ZEITWINKEL SCHWÖRT
die entschleierte Erle
still vor sich hin,

auf dem Erdrücken, handspannenbreit,
hockt die durchschossene
Lunge,

an der Flurgrenze pickt
die Flügelstunde das Schneekorn
aus dem eigenen Steinaug,

Lichtbänder stecken mich an,
Kronschäden flackern.

Aus: #Lichtzwang (1970)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

SCHALTJAHRHUNDERTE, Schalt-
sekunden, Schalt-
geburten, novembernd, Schalt-
tode,

in Wabentrögen gespeichert,
*bits*
*on chips*,

das Menoragedicht aus Berlin,

(Unasyliert, un-
archiviert, un-
umfürsorgt? Am
Leben?),

Lesestationen im Spätwort,

Sparflammenpunkte
am Himmel,

Kammlinien unter Beschuß,

Gefühle, frost-
gespindelt,

Kaltstart –
mit Hämoglobin.

Aus: #Lichtzwang (1970)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry