SCHLUMMERMÄNNLEIN

Den Heiligtümern aus Holz
bereitet ein Männlein die ewigen Feuer.
Das alle Empörten begrub
verhüllt nun das letzte flüchtige Antlitz.

Dann häuft es die Späne der Seelen.
Dann flackert der eigene Span.

Traumlos reiht sich ihm Wolke an Wolke.

»Ich sah dein Herz auch verblassen am Hügel vor mir.
Dein Aug ist die Blindheit der Tage;
mein Welken ihr Wachstum.«

Aus: #Das_Frühwerk (1989)

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DIE EWIGKEITEN fuhren
ihm ins Gesicht und drüber
hinaus,

langsam löschte ein Brand
alles Gekerzte,

ein Grün, nicht von hier,
umflaumte das Kinn
des Steins, den die Waisen
begruben und wieder
begruben.

Aus: #Lichtzwang (1970)

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EINE MÜCKE, taubengroß,
melkt das Gesicht hinterm Berg,
du hast Abend genug
für das mit dem einen
Steineuter über-
hängende Wort,

wenn doch dein Gedächtnis jetzt käme,
nachsinnig
wie dein ins Ungehörige ver-
franzter
Gott.

Aus: #Späte_Gedichtsammlung

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BEFAHRENE STEINBLICKE und
der Mut auch dazu,
seine Dauer.

Aus: #Späte_Gedichtsammlung

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WIRK NICHT VORAUS,
sende nicht aus,
steh
herein:

durchgründet vom Nichts,
ledig allen
Gebets,
feinfügig, nach
der Vor-Schrift,
unüberholbar,

nehm ich dich auf,
statt aller
Ruhe.

Aus: #Lichtzwang (1970)

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FLÜGELNACHT

Flügelnacht, weither gekommen und nun
für immer gespannt
über Kreide und Kalk.
Kiesel, abgrundhin rollend.
Schnee. Und mehr noch des Weißen.

Unsichtbar,
was braun schien,
gedankenfarben und wild
überwuchert von Worten.

Kalk ist und Kreide.
Und Kiesel.
Schnee. Und mehr noch des Weißen.

Du, du selbst:
in das fremde
Auge gebettet, das dies
überblickt.

Aus: #Von_Schwelle_zu_Schwelle (1955)

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IM LEEREN
wo sich die Kuttel rankt
mit der Bregen-
Blüte,
warf ich mich Steinen zu,
die fingen mich auf
und bekrönten ein Rund
mit dem, was ich wurde.

Aus: #Lichtzwang (1970)

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BEILSCHWÄRME
über uns,

Gespräche
mit Tüllenäxten im Tiefland –

Inselflur du,
mit der dich
übernebelnden
Hoffnung.

Aus: #Lichtzwang (1970)

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AUCH MICH, den wie du Geborenen, hält keine Hand,
und keine wirft mir ein Glück in die Stunde, nicht anders als dir,
dem wie ich in Stierblut Getauchten,

doch stehen die Zahlen bereit, der Träne zu leuchten,
die in die Welt schnellt
aus unserm Nabel,

doch geht in die große Silbenschrift ein,
was uns nah kam, einzeln,

und die Mandelhode
gewittert
und blüht.

Aus: #Lichtzwang (1970)

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DER UNS DIE STUNDEN ZÄHLTE

Der uns die Stunden zählte,
er zählt weiter.
Was mag er zählen, sag?
Er zählt und zählt.

Nicht kühler wirds,
nicht nächtiger,
nicht feuchter.

Nur was uns lauschen half:
es lauscht nun
für sich allein.

Aus: #Von_Schwelle_zu_Schwelle (1955)

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