„Jedes Individuum kann und soll nach seiner Facon selig werden – solange es anderen damit nicht auf den Sack geht.“

Soweit, so gut.

Nur: Diese Formel funktioniert heute vor allem technisch.
Kopfhörer, Filter, Blocklisten, Kuratierung – wir haben uns die Welt weichgezeichnet.
Rücksicht wird automatisiert. Konflikt wird nicht mehr ausgehandelt, sondern ausgeblendet.

Und genau da beginnt der Riss.

Filter sind zunächst Höflichkeit: Ich mute deinen ESC, du mutest meinen Fußball.
Fair genug.

Aber Filter sind auch Entzug: Wir lernen weniger, Unsinn anderer zu ertragen.
Wir verlieren Übung im „genervt sein, ohne aggressiv zu werden“.
Öffentlichkeit schrumpft zu parallelen Privatwahrheiten.

Früher war das Gemeinsame oft banal – und genau deshalb wirksam: Tatort am Samstagabend (ob man wollte oder nicht).
WM: Alle wissen, warum am nächsten Tag alle müde sind.
ESC: kollektives Fremdschämen als soziale Klammer.

Das war nicht tief.
Aber es war gemeinsam.

Heute ist das Gemeinsame optional.
Und optional heißt: verzichtbar.

Wenn alles filterbar ist, bleibt am Ende nur Reibungslosigkeit.
Eine Öffentlichkeit ohne Reibung ist keine Öffentlichkeit mehr,
sondern ein Logistiksystem für Befindlichkeiten.

Was dann bleibt: – technische Infrastruktur
– formale Regeln (AGB, Moderationscodes, Hausrecht)
– minimale Ethik („tu niemandem weh, außer mit Meinung“)

Aber kaum noch geteilte Erfahrungen.
Keine Momente mehr von:
„Wir haben das alle gesehen – und fanden es gleichermaßen peinlich.“

Die eigentliche Gefahr ist nicht der Blödsinn.
Die eigentliche Gefahr ist der Verlust der Übersetzungsfähigkeit.

Früher reichte: Ich mag deinen ESC nicht –
aber ich weiß, was du meinst, wenn du dich darüber aufregst.

Wenn Filter zu gut werden, verschwindet diese Übersetzungszone.
Dann reden Gruppen nicht mehr aneinander vorbei,
sondern nebeneinander in inkompatiblen Wirklichkeiten.

Und Fremdheit wird nicht mehr nervig,
sondern bedrohlich.

Was bleibt also noch an „gemeiner Grundsubstanz“?

Vielleicht nur drei dünne Schichten:

  • Körperliche Ko-Präsenz
    Busse, Bahnen, Wartezimmer.
    Niemand filtert den Geruch des Anderen weg. Noch nicht.

  • Infrastruktur-Zwang
    Strom, Netze, Wasser, Müllabfuhr.
    Da sind wir plötzlich sehr einig, wenn es fehlt.

  • Krisen
    Stromausfall. Hochwasser. Bahn kaputt.
    Gemeinsinn entsteht heute oft nur noch durch Störung.

  • Vielleicht braucht Gemeinsinn wieder Zumutung.
    Nicht Gewalt.
    Nicht Übergriffigkeit.
    Sondern das gelegentliche Ertragen von Dingen, die man nicht bestellt hat:

    Der Tatort, den man nicht mag.
    Der Sport, den man nicht versteht.
    Der Mensch, der anders tickt –
    und trotzdem im gleichen Raum existiert.

    Die Sorge ist real:
    Wenn alles personalisiert, gefiltert und entkoppelt ist,
    bleibt als „Gemeinsames“ am Ende nur noch der Systemausfall.

    Vielleicht ist das der stille Preis der Bequemlichkeit:
    Wir verlieren die Übung, gemeinsam genervt zu sein –
    und damit ein Stück Öffentlichkeit.

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    Pleroma