Der Alte

Neues aus dem Fernsehrat (114)

Der ZDF-Fernsehrat hat den Intendanten für das ZDF bestätigt: Norbert Himmler bleibt im Amt. Keine Überraschung, er war ja auch der einzige Kandidat. Unser Kolumnist Erik Tuchtfeld fragt: Ist die Wahl ohne Auswahl ein Problem?

Er bleibt es: Vergangenen Freitag haben wir als ZDF-Fernsehrat Norbert Himmler für weitere fünf Jahre als ZDF-Intendanten bestätigt. Auffällig ist, wie kontroverse öffentliche Berichterstattung und große Einigkeit innerhalb des Gremiums auseinanderfallen.

Himmler war – nachdem die zwischenzeitliche Überraschungskandidatin Floria Fee Fassihi zurückgezogen hatte – der einzige Kandidat und wurde mit einer Mehrheit von über 90 Prozent der abgegebenen Stimmen gewählt. Die heftige Kritik dieser „Wahl ohne Auswahl“ ist Anlass für eine Kolumne zum Wahlverfahren und der Frage, ob die Vielfalt im Fernsehrat für demokratische Wahlen genügt.

Die Kritik

Auf dem Wahlzettel am Freitag standen ein Name und drei Optionen:

Norbert Himmler; [ ] Ja, [ ] Nein, [ ] Enthaltung

Anders war es noch vor fünf Jahren, als ein Nachfolger für den damaligen Intendanten Thomas Bellut gesucht wurde. Himmler trat damals gegen die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel an. Zur Entscheidung kam es erst, nachdem Tina Hassel im dritten Wahlgang ihre Kandidatur zurückzog. Sie hatte in den beiden Wahlgängen davor weniger Stimmen als Himmler erhalten, dieser hatte allerdings nicht das erforderliche Quorum von drei Fünfteln der Stimmen des Fernsehrats auf sich vereinen können.

In der Logik des Fernsehrates, der sich in einen „schwarzen“ (konservativen) und einen „roten“ (progressiven) Freundeskreis aufteilt (zur Kritik von Leonhard Dobusch an diesem System siehe hier), war Hassel damals die Kandidatin des roten und Himmler der des schwarzen Freundeskreises.

Nun gab es also nur noch einen Kandidaten. Vorgeschlagen von der Vorsitzenden des schwarzen Freundeskreises Christiane Schenderlein, Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt, trifft beides – Person und Verfahren – auf scharfe Kritik in den (soweit ich es erkennen kann nahezu ausschließlich konservativen) Medien. Wolfgang Kubicki poltert in der BILD, das Wahlverfahren sei „intransparenter Muff“, der „radikal demokratisiert“ gehöre. Boehme-Neßler (den man sonst davon kennt, dass er die Forderung eines AfD-Verbots als „Zivilisationsbruch“ bezeichnet) im Cicero und Hanfeld in der FAZ sind sich einig, dass diese Wahl eine „Farce“ war (für die Zusammenstellung der Kritik sei Bartels im Altpapier gedankt).

Das Ausmaß und die Stoßrichtung der Kritik überraschen doch etwas, wenn man bedenkt, dass es sich um Empörung des konservativen (bis rechtsäußeren) Feuilletons über die Wahl eines Kandidaten auf Vorschlag der konservativen Gruppe handelt. Wolfgang Kubicki, so scheint es, ist völlig erbost darüber, dass es nicht mehr links-grüne Vorschläge auf dem Stimmzettel gab. Wie demokratisch und offen war das Verfahren für die Kandidatenaufstellung also?

Gemäß der Wahlsatzung des ZDF wurde das Amt des Intendanten vom 5. bis 30. Januar 2026 öffentlich ausgeschrieben, bewerben konnte sich also jedermann. Sofern die Bewerbungen die formalen gesetzlichen Voraussetzungen erfüllten (recht banale Eigenschaften wie die unbeschränkte Geschäftsfähigkeit und ein ständiger Wohnsitz in Deutschland, § 26 Abs. 2 ZDF-Staatsvertrag), wurden sie an sämtliche Mitglieder des Fernsehrats weitergeleitet. Danach lagen uns als Fernsehratsmitgliedern sieben Bewerbungen vor.

Wenn nur ein einziges Fernsehratsmitglied eine Bewerbung unterstützt, wäre die Person zur Wahl zugelassen worden und hätte die Möglichkeit bekommen, sich im Plenum vorzustellen und befragt zu werden (§ 5 Abs. 4 ZDF-Wahlsatzung). Während die Möglichkeit der Bewerbung also so gut wie keinen Einschränkungen unterlag, waren die Hürden für die Zulassung zur Wahl zumindest denkbar gering (und es erscheint mir absolut sinnvoll, dass Kandidierende ohne Aussicht auf auch nur eine Stimme sich nicht einer öffentlichen Wahl stellen müssen). Das Verfahren selbst hätte deshalb kaum offener ausgestaltet sein können.

Nun stellt sich die Anschlussfrage: Sind wir als Wahlgremium – als Fernsehrat – vielleicht derart gleichartig besetzt, dass von vornherein klar war, dass sämtliche Mitglieder die gleiche Präferenz teilen werden?

Welche Gesellschaft repräsentiert dieser Fernsehrat?

Wie homogen ist also der Fernsehrat, diese laut Rosenfelder (Welt) „Ständevertretung des politischen Beamtenapparats und der durchpolitisierten Verbands- und NGO-Landschaft“? Ist – so könnte die Kontrollfrage lauten – (ausgerechnet) Wolfgang Kubicki der wahre Anwalt marginalisierter Gruppen, der darauf hinweist, welche Interessen im Gremium nicht ausreichend vertreten sind?

In seiner Grundsatzentscheidung aus dem Jahr 2014 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die damalige Zusammensetzung des Fernsehrats den Anforderungen des Grundgesetzes nicht genügte. Seitdem ist klar, dass maximal ein Drittel der Fernsehratsmitglieder „staatlich oder staatsnah“ sein darf. In der Praxis besteht diese „Staatsbank“ im Fernsehrat nun aus 20 der 60 Mitglieder (16 für die Bundesländer, zwei für die Bundesregierung, zwei für die Kommunen). Gemeinsam mit den 40 weiteren Mitgliedern muss der Fernsehrat „möglichst vielfältige […] Perspektiven und Erfahrungshorizonte […] aus allen Bereichen des Gemeinwesens zusammenzuführen“, um als „Sachwalter des Interesses der Allgemeinheit“ zu dienen. Die Zusammensetzung soll gleichermaßen das „Gebot der Vielfaltsicherung“ und das „Gebot der Staatsferne“ sichern.

Und es ist tatsächlich ein recht bunter Strauß an zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisationen, die Menschen in den Fernsehrat entsenden. Von Arbeitgeberverbänden zu den Gewerkschaften und Sozialverbänden, von den Kirchen bis zum Bund der Vertriebenen, von den Bereichen „Internet“ (den ich vertreten darf) über „Kunst“ und „Musik“ bis zu „Wissenschaft“ und „Heimat und Brauchtum“. Dank des Rotationsprinzips (auf jeden Mann muss eine Frau folgen und umgekehrt, § 21 Abs. 4 ZDF-Staatsvertrag – nicht-binäre Geschlechter wurden in der Gesetzesnovelle 2015 offensichtlich nicht bedacht) ist er aktuell zudem auch weit überwiegend weiblich. So kommt auch eine große Diversitätsstudie der Neuen Deutschen Medienmacher*innen zu dem Ergebnis, dass zumindest „[im] Vergleich mit anderen Rundfunkräten […] der ZDF-Fernsehrat damit recht vielfältig besetzt“ ist.

Trotzdem gibt es auch Schwächen: Die Perspektiven junger Menschen sind in dem Gremium mit einem Altersdurchschnitt von 57,3 Jahren [Stand: Juli 2022, Diversitätsstudie] eindeutig unterrepräsentiert, auch die ganz unterschiedlichen Erfahrungen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte (rund 25 Prozent der deutschen Bevölkerung) oder muslimischen Glaubens (6,4 Prozent der Bevölkerung) werden primär durch jeweils eine:n Vertreter:in für die Bereiche „Muslime“ und „Migranten“ vertreten, aber sind selten bei Repräsentant:innen anderer Bereiche vorhanden. Auch Nicht-Akademiker:innen und, noch deutlich weniger, Menschen mit Armutsgeschichte sind nach meinem sehr subjektiven Eindruck kaum im Fernsehrat vertreten.

Das Fehlen all dieser Diversitätsmerkmale macht insoweit auch mich zu einem geradezu typischen Vertreter in dem Gremium. Selbstverständlich prägt das auch die Debatten im Fernsehrat: Welche Themen diskutiert und welche Programmbeschwerden als begründet angesehen werden, hängt auch mit den Erfahrungen und Werten zusammen, die die Mitglieder des Fernsehrats individuell einbringen.

Wenn wir als Fernsehrat tatsächlich die Vielfalt der Gesellschaft abbilden möchten, müssen wir in diesen Bereichen besser werden. Das wäre gesetzlich beispielsweise über eine explizite Vertretung für junge Menschen oder vielfältigere Sitze für Menschen mit Migrationsgeschichte möglich. Noch wichtiger ist aber, dass sich zivilgesellschaftliche und wirtschaftliche Entsendeorganisationen (auch „das Internet“) an die eigene Nase fassen und bei zukünftigen Entsendungen darauf achten, den Fernsehrat mit einem Profil zu ergänzen, welches wirklich neue Perspektiven einbringen kann.

Fernsehrat bestätigt Amtsinhaber

Nach diesem sehr großen Bogen soll es zurück zur Ausgangsfrage gehen: Ist die Wahl des Intendanten durch den Fernsehrat demokratisch legitim? Ich würde das eindeutig bejahen. Das Verfahren war offen und der Fernsehrat ist vielfältig besetzt (auch wenn es hier Defizite gibt, um denen es Kubicki, Rosenfeld und Boehme-Neßler aber wohl kaum ging). Gibt es trotzdem eine große Einigkeit im Gremium, mag das vielleicht überraschend sein, ist aber für sich noch kein Anzeichen für fehlende Streitkultur und offene Kritik in anderen Fragen. Verweise auf die (Aus-)Wahl von vor fünf Jahren gehen schlicht fehl, weil es für ein solches Amt einen erheblichen Unterschied macht, ob ein Amtsinhaber zur Wiederwahl antritt (man also über den bisherigen Kurs abstimmt) oder es notwendigerweise aufgrund einer Neubesetzung frischen Wind gibt.

Offensichtlich sind große Teile des Fernsehrats mit der Arbeit von Norbert Himmler grundsätzlich zufrieden. Aus meiner Perspektive gerade nicht, weil er ein „Verwalter“ ist, sondern weil er die notwendige Transformation des ZDF vom Sender zum Ermöglicher gesellschaftlichen Dialogs ernst nimmt (und sie unter anderem als ersten Punkt seiner Bewerbungsrede nannte). Auch die konsequente Nutzung und Entwicklung von Open-Source-Systemen und der (wenn auch meiner Meinung nach viel zu zögerliche) Ausbau des Angebots frei-lizensierter Inhalte sind Schritte in die richtige Richtung.

Das ist alles kein Persilschein, sondern lediglich die Grundlage für Vertrauen, dass dieser Intendant weiter die Zukunft des Senders gestalten soll. Dabei ist er – so wie der Sender als Ganzes – auf kritische Begleitung angewiesen, die Fehler klar benennt (um Nutzung von KI-Material im heute-journal geht es in der nächsten Kolumne, versprochen!) und Druck macht, wenn Dinge sich zu langsam entwickeln.

Erik Tuchtfeld ist Rechtswissenschaftler am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht und leitet dort die interdisziplinäre humanet3-Forschungsgruppe. Ehrenamtlich engagiert er sich als Co-Vorsitzender von D64 – Zentrum für Digitalen Fortschritt. Seit September 2025 vertritt er den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von netzpolitik, gemäss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

Der Alte – Beueler-Extradienst

Ich bin ja heute am Küniglberg beim ORF, morgen tagt der @zdfde.bsky.social #Fernsehrat in Mainz und wird dort mit einem neuen Telemedienkonzept die Grundlagen für die gemeinsame Mediathek-Infrastruktur mit der ARD "Streaming OS" beschließen.

Im Fernsehrat-Newsletter ist dazu ein Interview mit @erik, meinem Nachfolger als Vertreter für "das Internet" im Fernsehrat, zu den damit verbundenen Neuerungen und Chancen: https://www.zdf.de/unternehmen/organisation/gremien/fernsehrat/newsletter-150.html

Öffentlich-Rechtliche müssen Diskursräume schaffen

Im Interview für den ZDF-Fernsehrats-Newsletter: Fernsehrat Erik Tuchtfeld über die Telemedienangebote des ZDF

ZDF Unternehmen
Ich bin ja heute am Küniglberg beim ORF, morgen tagt der @[email protected] #Fernsehrat in Mainz und wird dort mit einem neuen Telemedienkonzept die Grundlagen für die gemeinsame Mediathek-Infrastruktur mit der ARD "Streaming OS" beschließen. 1/2
Wahl der ZDF-Intendanz: Gegenkandidatin für Norbert Himmler - DWDL.de

Am Freitag kommender Woche wählt der Fernsehrat des ZDF die neue Intendanz des ZDF. Neben Amtsinhaber Dr. Norbert Himmler bestätigt das Gremium am Mittwoch die Nominierung einer weiteren Kandidatin, der Journalistin Dr. Floria Fee Fassihi.

DWDL.de

Wahl der Intendantin/des Intendanten des #ZDF

Die Wahl wird in der Sitzung des Fernsehrates am 13. März 2026 stattfinden. Bewerbungen sind bis zum 30. Januar 2026 an den #Fernsehrat unter folgender Adresse zu richten: [email protected]

https://presseportal.zdf.de/pressemitteilung/wahl-der-intendantin-des-intendanten-des-zdf-1

#ÖRRbewegen #Intendantin #Intendant #ZDFFernsehrat #ÖRR

Wahl der Intendantin/des Intendanten des ZDF

ZDF Presseportal
@netzpolitik_feed wäre es evtl. möglich, der Suche auf eurer Webseite einen Button für eine chronologische Sortierung hinzuzufügen?
So finde ich es gerade etwas schwierig, die aktuellsten Artikel zu "Neues aus dem #Fernsehrat" zu finden (oder übersehe ich da eine Option?)
Und danke für die tollen Einblicke immer mit dieser Kolumne
@leonido @erik

Neu im ZDF-Fernsehrat: Plattformexperte Erik Tuchtfeld

Neu im ZDF-Fernsehrat ist Erik Tuchtfeld. Die Nominierung kam von D64, dem Chaos Computer Club, eco – Verband der Internetwirtschaft sowie medianet berlinbrandenburg. Er möchte sich in seiner neuen Rolle besonders dafür engagieren, den öffentlich-recht…...

https://radiocorax.de/neu-im-zdf-fernsehrat-plattformexperte-erik-tuchtfeld/

#Fernsehrat #Medienrat #ZDF #Medien #Netzpolitik

Es ist überaus erfreulich, dass @erik ab sofort das 'Internet' im @ZDF #Fernsehrat vertreten - und die Reihe 'Neues aus dem Fernsehrat' bei @netzpolitik_feed fortführen wird: https://d-64.org/zdf-fernsehrat/ 🎉
Wurde im #Fernsehrat, #Rundfunkrat oder anderen #Gremien des #ÖRR einmal öffentlich oder indirekt bekannt, inwieweit die #Statistik der #Klicks, #Abrufe und #Aufrufe eine Rolle spielen bei der Setzung von Prioritäten?

Die #Frage stelle ich mir, weil ich inzwischen bewusst die aktuellen Inhalte in der #Mediathek beziehungsweise #Audiothek konsumiere und herunterlade. Statt etwa auf dem #YouTube-Kanal vom #Sender oder #Format. Auch wenn @3sat, #arte und andere Leuchttürme einiges dort verbreitet.

Apropros. Auf weitere Einblicke in dieser Richtung bin ich nach wie vor scharf: https://kowelenz.social/notice/AwMpQuZpCVsuoz8RU0
kapierstau (@[email protected])

Wann immer es darum geht, öffentliches #Geld angemessen zu verteilen sorgen #Gemeinden, #Länder und der #Bund einschließlich große #Organisationen wie die #Bundeswehr regelmäßig für schlechte #Stim...

Der #Fernsehrat darf sich nicht einschüchtern lassen. Denn hier geht es nicht um Satire. Es geht um das Fundament: Ob Medien noch kritisieren dürfen – auch wenn es der Polizei nicht passt. 19/x