Jeder schreibt nur noch mit KI? Kein Problem, findet halb Linkedin

In Deutschland wurden mehrere Journalisten und Politiker erwischt, wie sie ganze Meinungsstücke bzw. Reden von der künstlichen Intelligenz haben verfassen lassen. Darob ist eine Debatte entbrannt, ob und wann die KI als Ghostwriter dienen darf.

Das ist die dümmstmögliche Wendung in dieser Angelegenheit. Es versteht sich von selbst, dass sich Leute mit politischer Verantwortung in ihren eigenen Worten an die Bevölkerung wenden sollten. Und wenn Mathias Döpfner in seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender von Axel Springer damit prahlt, einen ganzen Meinungstext «in ungefähr einer Sekunde» zu «hundert Prozent mit Gemini» erzeugt zu haben, dann frage ich mich schon, wie man die Menschen noch dazu motivieren will, für ein Zeitungsabo Geld zu bezahlen. Für mich ist es eine Frage des Respekts, auch hier im Blog nur handgearbeitete Texte zu veröffentlichen – wobei ich mir bei der Produktion der Beiträge gerne helfen lasse.

Statt uns dem Verdacht auszusetzen, wir seien zu faul zum Denken, sollten wir Medienmenschen etwas diametral anderes tun: Wir sollten unserem Publikum erklären, wie unsere Texte dank des Fortschritts besser werden. Klug eingesetzt, ermöglicht die KI eine Qualitätsverbesserung bei der Sprache, den Fakten und der Präsentation. Uns helfen Prompts wie der «gnadenlose Gegenleser», die ich vorgestern im Nerdfunk beschrieb, als ich mich zum ersten Mal über dieses Thema echauffieren musste.

Die KI-Apologeten von Linkedin

«Wovon sprechen wir hier überhaupt?» – Von Werten. Und darüber, wer beim Denken die Hoheit behält.

Diese Kontroverse ist längst in den sozialen Medien angelangt. Vor allem auf Linkedin wird sie geführt; und da der Algorithmus so freundlich war, mir ungefragt mehrere Pamphlete der Pro-KI-Ghostwriter-Fraktion zu präsentieren, erlaube ich mir, hier einige der Argumente zu zerfleddern. Erstens von Martin Eisenlauer, Berater für Kommunikation, KI und GEO (ich nehme an, dass mit dem letzten Begriff die Ausdehnung der Suchmaschinenoptimierung ins KI-Zeitalter gemeint ist):

Mir ist es wirklich egal, ob ein Text von einem Menschen oder einer KI verfasst wurde. Wichtig ist nicht, wer einen Text geschrieben hat. Wichtig ist nur, ob der Text richtig und wertvoll ist.

Eine mögliche (menschliche) Antwort darauf wäre: Mir ist egal, ob das Bild von Vincent van Gogh oder Adolf Hitler gemalt wurde, Hauptsache, es macht sich gut neben meiner Wohnwand. Aber natürlich bringt uns Zynismus hier nicht weiter.

Das Argument stimmt meines Erachtens nicht einmal für die ganz banalen Gebrauchstexte. Sogar bei der Betriebsanleitung für ein Fussmassagegerät empfände ich es als Gewinn, wenn der Text nicht allein die Funktionsweise erklären, sondern mir etwas über den Hersteller verraten würde. Wenn zwischen den Zeilen steht, dass er für weiche Fusssohlen brennt, dann gäbe mir das ein gutes Gefühl für meine Neuerwerbung.

Sprache ist mehr als bloss ein Trägermedium für Inhalt

Ich bin überzeugt, dass es fast keine Texte gibt, bei denen nur die Ebene der Informationsvermittlung von Bedeutung ist. Es gibt fast immer auch eine Ebene der Beziehung von Urheber und Rezipient. Und ein Text existiert auch nicht isoliert für sich, sondern schwimmt in einem kulturell-gesellschaftlichen Meer. Wäre es nicht so, hätten wir längst eine universelle Informationsvermittlungssprache. Ideen dafür existieren längst:

Ithkuil ist eine Sprache, die Information so kompakt wie möglich kodiert. Speedtalk ist eine Erfindung von Robert A. Heinlein, die «eine komplexe Syntax, einen minimalen Wortschatz und einen umfangreichen Phonemkatalog (geschrieben mit Buchstaben wie œ, ħ, ø und ʉ) aufweist und sowohl die Kommunikation als auch das Denken effizienter und präziser machen» würde. Keine Frage, dass LLMs problemlos daruauf getrimmt werden könnten. Wir Menschen hingegen hängen an unserer viel weniger effizienten, aber lieb gewonnen Sprache – und zu der gehört die individuelle Prägung.

Falls ihr das nicht glaubt, meldet euch wieder, wenn ihr diesen Abschnitt hier verinnerlicht habt:

.i la .itkuil. cu bangu poi kodni lo datni lo se muvdu be fi lo ka jai gau cinla kei se steci lo ka mutce cmalu .i la .spidtok. cu finti be la .robyt. .einlain. noi bangu be zo’e poi se skicu fi lo ka ke’a cu se pagbu lo pluja gerna joi lo cmalu valsi se cmima joi lo barda sance se cmima poi se ciska fi lo lerfu mu’a zoi gy. œ, ħ, ø, ʉ .gy. gi’e kakne lo nu gasnu lo nu tavla kei joi lo nu pensi kei lo ka zmadu lo ka sutra je satci .i na nabmi fa lo du’u lo barda bangu minde pe la .el.el.em. cu kakne lo ka se seltcana lo nu pilno de’i da .i ku’i mi remna cu djica lo nu jgari lo bangu pe mi’a noi se nelci gi’e milxe na sutra gi’e milxe na se stura lo ka snada .i je lo za’i bangu cu se pagbu lo za’i prenu cu pagbu le ri tcini

Human slop als Entschuldigung für AI slop. Really?

Oder Anne-Kathrin Gerstlauer, die «the Future of Text and AI» propagiert:

Was ist schlimmer: Al Slop oder Human Slop?

AI slopHuman slopGedankenstricheSchachtelsätze mit sieben Kommas«Kennst du das?»LabereinstiegNicht A. Sondern B.Nominalstilkonstruktionen zur Bürokratisierung jeder Textformgenerische Texte ohne Inhaltgenerische Texte ohne Inhalt

Die (implizite, vielleicht nicht beabsichtigte) Botschaft: Wenn es schlechte Texte von Menschen gibt, sind schlechte Texte der KI nicht so schlimm.

Doch die Gegenüberstellung scheitert daran, dass sie den Menschen und die Maschine auf die gleiche Stufe stellt. Dabei stellen die KI-Kritiker genau diese Ebenbürtigkeit infrage. Und in der Tat: Der sogenannte «Human slop» kann Ausdruck eines persönlichen Stils sein. Ich bin ein Fan von «Laber-Einstiegen». Sie finden sich bei drei Vierteln der Beiträge in diesem Blog. Man muss sie nicht mögen, aber sie sind unbestreitbar ein Erkennungsmerkmal. Und wenn euch diese egozentrische Sichtweise nicht gefällt: Heinrich von Kleist, Thomas Mann und Marcel Proust waren allesamt Meister der Schachtelsätze und Franz Kafka ist bekannt für eine bürokratische Sprache.

Die Rehabilitierung des Gedankenstrichs

Eine KI hingegen kann per definitionem keinen eigenen Stil haben. Sie erzeugt Text anhand von statistischen Wahrscheinlichkeiten. Selbst sprachliche Eigenheiten sind die Folge der kompletten Abwesenheit einer eigenen Persönlichkeit. Dass sowohl Mensch als auch KI in der Lage sind, schlechte Texte zu schreiben, ist ein Beleg für gar nichts.

Und überhaupt: Wer die Wandersage von den Gedankenstrichen als Erkennungsmerkmal für KI-Texte zum Besten gibt, disqualifiziert sich selbst. Dafür sei noch einmal ein egozentrisches Beispiel erlaubt: Ich war schon immer ein Fan von ihnen. Schon in meinem allerersten Text von 1986, einer Mischung aus Leserbrief und Reportage, kam einer zum Zug.

Beitragsbild: Wer schon selbst etwas von Hand geschrieben hat, weiss, dass es um mehr geht, als Buchstaben irgendwie aneinanderzureihen (lilartsy, Unsplash-Lizenz).

#DerOnlineShitDerWoche #Longread #SozialeMedien #Wochenkommentar