Zu https://digitalcourage.social/@FlorianDieckmann/116701557161040018:
Mit etwas Abstand betrachtet ist es eine merkwürdige Vorstellung, dass politische #Abgeordnete und deren Büros im Bemühen um die Aufmerksamkeit hoffentlich ihrer Klientel Apparaten zu gefallen versuchen, die mit ihren algorithmisch kuratierten Unterhaltungs-Apps (den sogenannten #SocialMedia) vorrangig auf niedere Instinkte setzen, um vermeintlich irgendeine Art messbarer Reichweite zu erzeugen, und das dann mit demokratischer Öffentlichkeit verwechseln. 1/x
Florian Dieckmann (@[email protected])

Für die mediale Öffentlichkeitsarbeit werden neben dem klassischen Presseverteiler, der womöglich per Serien-E-Mail bedient wird, wahlweise Benutzeroberflächen von Google (YouTube), Meta (Instagram, Facebook, WhatsApp), Microsoft (LinkedIn) und TikTok genutzt, im besseren Fall auch Softwaresysteme, die eine zentrale Beschickung und Betreuung mehrerer medialer Kanäle gestatten (z.B. Scompler). Hinzu kommen parteiinterne Foren auf der Basis von Discourse, RocketChat oder Humhub. Die Nutzung des Fediverse steckt vielfach noch in den Kinderschuhen. 6/x

digitalcourage.social

Die Achillesverse der Existenz und Dominanz des Glaubens an so etwas wie "Öffentlichkeit" durch algorithmisch kuratierte Unterhaltungs-Apps hängt mit Luhmanns Konzept "sozialen Vertrauens" zusammen. Siehe https://plinubius.de/exzerptnotizen-zu-luhmann-niklas-vertrauen-ein-mechanismus-der-reduktion-sozialer-komplexitaet-2-erw-aufl-stuttgart-1973/#__RefHeading___Toc93902245

Die Verrückt-heit besteht aktuell darin, dass es Leuten gelungen ist, sich mit ihrem nur von ihnen modifizierbaren Entwurf von Auswahl-Algorithmen in die Kommunikation zwischen Menschen zu schieben, die zueinander in parasozialen Vertrauensbeziehungen stehen 2/x

Exzerptnotizen zu Luhmann, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. 2. erw. Aufl. Stuttgart 1973 | Plinubius

Der oder die Abgeordnete (und ebenso der oder die Journalistin) vertraut dem Apparat, dass Relevanz anhand affektiver Resonanz messbar und verstärkbar ist ("Geschichten, die gut klicken") und der Bürger oder die Bürger*in vertraut, relevant sei, was sie affektiv "abholt" und vermeintlich auch für andere relevant ist ("trendet"). Das dürfte Luhmanns "soziales Vertrauen" wohl in reinster Form entsprechen. Die Frage ist nun, wie man mit dieser Konstruktion sozialen Vertrauens bricht. 3/x
Eine mögliche Schwäche dieser von Dritten algorithmisch kuratierten Pseudowirklichkeit, ihre Achillessehne, dürfte sein, dass die darin "Kommunizierenden" eigentlich gar nicht miteinander kommunizieren. Es geht hier ja nur um gesuchte Selbstverstärkung durch gegenseitige Affirmation. Also selten oder nie um Befähigung des Anderen oder um das Herausarbeiten einer Sache durch ein Gespräch, in dem Eins das Nächste ergibt. Und schon gar nicht um gemeinsame Bearbeitung und Lösung von Aufgaben. 4/x
Wir dürfen daher hoffen, dass das vom #SocialMedia-Apparat organisierte Spiel, das wesentlich auf Affirmation beruht (und dadurch wieder einmal das pure Böse ruft, bspw. in Form von Gespenstern wie der "Remigration") individuell (und später kultrurell tradiert) langweilig geworden sein wird, weil es dann durchgespielt ist (im Sinne Vilem Flussers). #SocialMedia heute ist wie Tetris auf dem Gameboy und wer spielt heute schon noch Tetris auf einem Gameboy? 5/x

Zur Einordnung:

Befähigung des Anderen: #Organizing

Herausarbeiten einer Sache durch ein Gespräch, in dem Eins das Nächste ergibt; gemeinsame Bearbeitung und Lösung von Aufgaben: #Deliberation

Die Abgeordneten und Journalisten von #SocialMedia gestellte Falle funktioniert deshalb so gut, weil sie paradigmatisch im Modus des #Mobilizing stecken geblieben sind. Sehr praktisch für Apparate, die genau für dieses Bedürfnis Versprechen verkaufen. Tragisch daran: Alles ist nur noch Aktionismus. 6/x