Auf den Algorithmus getriebenen Plattformen merkt man, dass Mehrdeutigkeit und Zwischentöne nicht favorisiert werden.

Das hat Hartwin Maas sinngemäß im Podcast von Maja Göpel gesagt. Dem würde ich nicht widersprechen. Spannend finde ich, dass auch hier, ganz ohne Algorithmus, das gleiche zu merken ist. Aber irgendwoher muss der Algorithmus es ja haben, dass wir Zwischentöne nicht gerne sehen wollen. Es sollte mich also weniger erstaunen als es das kurz tat.

Gemeint sind hier Zwischenmeinungen also nuancierte Meinungen in einer polarisierten Debatte.
@fuzzyleapfrog Mir fällt tatsächlich auf, dass die Leute weniger gut lesen. Letztlich hat jemand beispielsweise in einem langen thread ein Buch kritisiert und alle Kritikpunkte mit Zitaten belegt. Aber die Zitate sagten einfach nicht das aus, was der OP kritisierte. Keine gute Entwicklung.
@katzenschiff Ich versuch mal gemäß des Grice'schen Kooperationsprinzips den Zusammenhang zu meinem Toot herzustellen: Deine Hypothese ist, dass fehlende Lesekompetenz dazu führt, dass Zwischentöne, z.B. in Debatten auf Social Media, nicht gerne gelesen werden oder gesehen sind?
@fuzzyleapfrog
@katzenschiff
Nicht gerne gelesen werden oder erst gar nicht verstanden werden und deswegen keine Interaktionen auslösen?
@EinPhysiker @katzenschiff Wir vermögen Zwischentöne nicht mehr zu verstehen? Hm. Ich sehe hier eher häufiger, dass Zwischentöne niedergemacht oder angegangen und die Personen danach ignoriert werden.
@fuzzyleapfrog @EinPhysiker @katzenschiff Ja, da gebe ich dir Recht,: Zwischentöne werden gerne als Aufhänger für emotionale Reaktionen genutzt. Da wir medial und gesellschaftlich sehr stark einem Polarisierungsdruck ausgesetzt sind (man ist immer "für" oder "gegen"), sucht man sich schnell diese Zwischentöne, um seine Meinung eher gefühlt zu bestätigen als bilden. Es ist also schon irgendwo mit Lesekompetenz verknüpft, zumindest wenn man Nachdenken über das Gelesene als Teil derer sieht.
@BarryJive Ich beobachte eher, dass sie schon als Zwischentöne wahrgenommen werden, aber eben nicht willkommen sind. Also sie werden verstanden, aber verdrängt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das noch unter Lesekompetenz fällt oder eher unter Ambiguitätstoleranz. @EinPhysiker @katzenschiff
@fuzzyleapfrog @EinPhysiker @katzenschiff Da hast du nen Punkt. Ambiguitätstoleranz kannst du trainieren, indem du dich mit anderen Meinungen und Ansichten beschäftigst. Das erfordert dann direkt wieder, dass du sie siehst, darüber nachdenkst und in dein Weltbild einbaust.
Abblocken bei anderen Ansichten verweigert sich diesem Schritt komplett. So entwickelt sich da auch nix, was nicht mit der Bestätigung der eigenen Meinung einher geht. Das fällt oft schwer, bringt einen aber weiter.

@BarryJive @fuzzyleapfrog @EinPhysiker @katzenschiff Was das Ganze furchtbar komplex macht, ist, dass auch die Frage, wieviel Ambiguität man tolerieren sollte oder möchte, selbst wieder ambigue ist.

Phänomene wie “false balance”, „Mitte-Extremismus“ und „Hufeisen-Theorie“ sind ja auch nicht völlig erfunden und, um sie zu vermeiden, möchte man eben nicht alles bis zur Unkenntlichkeit abwiegeln und derailen lassen.

… und kann dann im Zweifel auf der nächsten Meta-Ebene darüber diskutieren, ob der dann gerade vorliegende „Aber vielleicht ist das gar kein Schwurbel, sondern hat einen Punkt.“-Zwischenton nun wissenschaftsleugnende falsche Balance ist oder eine Ambiguität, die es zu tolerieren gilt.

@HeptaSean @fuzzyleapfrog @EinPhysiker @katzenschiff Du bringst da was auf den Punkt, was ich nicht in Worte fassen konnte, danke :)
Wir alle entscheiden uns in jedem Gespräch, das wir führen, bis wohin wir diese Ambiguität tolerieren wollen. Jeder zieht seine eigene Grenze, was das angeht, in jedem Gespräch wieder selbst. Wahrscheinlich müsstest du sogar Dinge beachten wie persönliche Sympathien.

@BarryJive @fuzzyleapfrog @EinPhysiker @katzenschiff „Jede*r zieht seine eigenen Grenzen.“ ist nicht nur hier ein ganz wichtiger Punkt.

Aber Menschen suchen sich gern Bestätigung für die Grenzen, die sie ziehen. Und gerade in diesen seltsam öffentlich-privaten Social-Media-Diskussionen suchen oder finden sie oft die Bestätigung, dass die Grenze nicht nur valide ist (was richtig und wichtig ist), sondern auch gleich, dass sie eine „objektiv richtige“ Grenze ist, jede*r sie genau so ziehen sollte, was dann zu Fuzzys Eindruck von „Nuance ist (generell) nicht willkommen“ führt.

Das klingt erst mal so, als wenn helfen könnte, individueller zu formulieren: Nicht „Das geht gar nicht!“, sondern: „Ich kann damit gerade gar nichts anfangen und habe gerade auch keine Lust, es weiter zu versuchen.“

@HeptaSean @fuzzyleapfrog @EinPhysiker @katzenschiff Alle Absolutismen sind immer schlecht ;)

Die zweite Variante, die du vorschlägst, beendet die Diskussion deutlich weniger auf Konflikt fokussiert, kann aber auch wieder über die Zwischentöne in den falschen Hals der Diskutierenden geraten.
Mein Vorschlag wäre: "Ich teile deine Meinung nicht, erkenne sie aber an und kann sie trotzdem nicht in meine Sicht der Dinge einfügen." Ist aber auch nur "agree to disagree" with extra steps.

@fuzzyleapfrog
@katzenschiff
Reden wir gerade von denselben Zwischentönen? Also (versteckte) Hinweise, Andeutungen, Anspielungen durch Sprachnuancen und Formulierungen oder Zwischentöne im Sinne von Zwischenmeinungen?
@EinPhysiker Zwischenmeinungen @katzenschiff
@EinPhysiker Er nutzt "Mehrdeutigkeiten" und "Zwischenmeinungen" um das zu beschreiben, wenn ich es von heute früh noch richtig im Kopf habe. @katzenschiff
@fuzzyleapfrog
Habe den Podcast gerade gehört, der stand sowieso in der Warteliste und ich habe ja Urlaub.
Ja, sagt er so. Bei Zwischentönen war meine Assoziation direkt bei Lesekompetenz. Bei Zwischenmeinungen bin ich ganz bei Dir. Die will keiner hören.
@katzenschiff
@fuzzyleapfrog
@katzenschiff
Ok, das habe ich mal anderes gelernt. Für mich steht der Begriff Zwischentöne in erster Linie für sowas wie "subtext" um es mal Englisch zu sagen.
@EinPhysiker Ich denke direkt an das Format "Zwischentöne" vom DLF 😬 @katzenschiff
@fuzzyleapfrog @EinPhysiker @katzenschiff Sehe da gar nicht so sehr richtig oder falsch, sondern eher Anwendung des gleichen Begriffs auf unterschiedlichen Ebenen. Ein „Zwischenton“ ist ein Ton zwischen zwei reine(re)n Tönen.
Wenn man das auf der stilistischen Ebene auf einen Text anwendet, kommt etwas relativ nah am englischen “subtext” heraus.
Wenn man es auf der inhaltlichen Ebene anwendet, ist es eine nuancierte Meinung, irgendeine Form von „sowohl als auch“ oder „weder noch“.
@fuzzyleapfrog Gehört, glaube ich, in eine ganze Reihe von Dingen – ebenso wie z.B. sich in Filter-Bubblen einzuigeln – die Menschen gerne „dem Algorithmus“ oder den „kommerziellen Plattformen“ vorwerfen, die aber zu einem sehr großen Teil einfach menschlich sind.
@HeptaSean @fuzzyleapfrog 'der Algorithmus' maximiert Engagement mit der Plattform - in unzähligen A/B Tests immer wieder kleiner Anpassungen ausprobiert.
@HeptaSean @fuzzyleapfrog Daher: Zwischentöne führen zu weniger Engagement. Vielleicht sind sie schwerer zu erfassen, vielleicht reicht bei manchen die Lesekompetenz nicht zum Verständnis, vielleicht gehen sie neben eindeutigen Texten unter...
@mainec In wie weit erklärt das die Erfahrung, dass auch hier Zwischentöne ungern gesehen/gehört werden? @HeptaSean
@fuzzyleapfrog @mainec Das, was in „den Algorithmus“ eingeht – dass Menschen (im Schnitt, nicht alle) Zwischentöne aus Faulheit, Unfähigkeit oder Widerwilligkeit nicht so mögen – ist ja hier auch so, wird halt nicht durch einen intransparenten Algorithmus verstärkt, sondern „nur“ durch Wegscrollen, Nicht-Boosten, Nicht-Antworten und eventuell Entfolgen/Muten/Blocken.
@HeptaSean @fuzzyleapfrog Danke fürs neu formulieren meines zweiten Satzes, anscheinend war der zu indirekt, um ihn als plattformunabhängige Erklärung zu verstehen
@mainec @fuzzyleapfrog Wahrscheinlich mache ich das auch zu oft. Selbst in Bereichen, in denen ich Zwischentöne schätze, interagiere ich, fürchte ich, immer noch intensiver mit den Nicht-Zwischentönen, fast egal ob durch Widerspruch oder durch „Endlich sagt's mal einer!“-Boost.

@HeptaSean @fuzzyleapfrog spannend wäre: sind Zwischentöne allgemein etwas, was Menschen eher weg blättern - und wenn ja, warum

Oder ist bei Fediverse clients ein ux pattern übernommen, dass zu diesem Effekt führt?

@mainec @fuzzyleapfrog Was es, glaube ich, schon immer gab: Zwischentöne neigen dazu, ein bisschen dröge, ein bisschen langweilig zu sein. Klare Kante gibt dem Tag Struktur, auch wenn sie nur eine Halbwahrheit ist.

Was, glaube ich, in den letzten paar Jahr(zehnt)en schlimmer geworden ist: In ganz vielen Bereichen werden Zwischentöne als verdecktes Agieren für die jeweilige „Gegenseite“ wahrgenommen – und das auch noch oft zu recht.

Bei einem Zwischenton, der in Richtungen wie „not all men“, „not all AfD-Wählers“ oder „not all Corona-Schwurblers“ geht, fehlt mir auch oft einfach nur die Lust herauszufinden, ob das jetzt ein ehrlicher Zwischenton oder einfach nur Derailing ist.

In jedem Fall: Ich glaube kaum, dass das UX/Technik ist. Das ist 90% Mensch.

@fuzzyleapfrog

Ich denke Mehrdeutigkeit, Zwischentöne oder feine Ironie sind oft für die Lesenden nicht eindeutig, zumindest wenn man den Schreibenden nicht kennt. Wenn einem das Thema nicht wichtig ist scrollt man einfach weiter. Und boostet weniger weil man nicht weiß, wie die Empfänger die Message verstehen.

Insofern passt was @mainec @HeptaSean geschrieben haben und Algorithmen verstärken menschliches Verhalten und sind nur auf „verwertbares“ Engagement aus.

Aber Vorteil hier ist, dass Beiträge auch ohne „Likes“ in der Timeline landen während Algorithmen nur die einfachen, „klickbaren“ Inhalte ausspielen. Weniger boosts und damit Verbreitung sind natürlich auch hier ein Thema, aber man sieht halt nicht, wieviele Menschen sich einen Beitrag angesehen haben und sich vielleicht still über Zwischentöne gefreut haben oder über die Mehrdeutigkeit nachgedacht haben. Ich nehme aus Beiträgen mit ein/zwei Favs oft mehr mit als von solchen mit >100 Engagements, die auch genauso auf Insta stehen könnten.

@ThorstenMunk Ich beobachte eher, dass Menschen mit Zwischentönen hier wenig willkommen sind. @mainec @HeptaSean

@fuzzyleapfrog @ThorstenMunk @mainec Ich fürchte, das kommt sehr auf den konkreten Zwischenton an. Und das auch bei mir. Bei uns?

Ein „Vielleicht ist das Fediverse gar nicht _so_ geil, wie Ihr glaubt?“-Zwischenton bekommt in meiner Bubble relativ viel Zuspruch, lockt aber manchmal dann auch die Bros an.

Ein „Vielleicht haben Männers es ja doch ganz schwer?“-Zwischenton muss auch bei mir schon eine ziemliche Hürde nehmen, um nicht angewidert weggescrollt zu werden (oder schlimmeres).

Zwischentöne zu Israel/Palästina sind mir persönlich und meinem Eindruck nach auch größeren Teilen meiner Bubble sehr willkommen, aber da gibt es natürlich auf beiden Seiten sehr viele, die sehr sofort sehr harsch reagieren.

usw. usf.

@HeptaSean Absolut und ich denke, dass wir uns selbst da, genau wie die Algorithmen, trainiert haben. Das ist ja auch durchaus nützlich, so menschlich betrachtet. Und so ist es eben wirklich schwer sie doch zuzulassen und anzuhören. @ThorstenMunk @mainec
@fuzzyleapfrog @ThorstenMunk @mainec @HeptaSean Woran machst Du das fest? Also, wie definiert sich „willkommen“? Zwischentöne brauchen etwas mehr Aufmerksamkeit als plakative einfache oder gar provokante Standpunkte. Tu eine Menge Menschen in einen Raum, was passiert? Es bilden sich Kleingruppen, die sich auf ein Thema/Diskurs oder eine Weltanschauung einigen können. Zwischentöne kann man vermutlich nur innerhalb dieser Gruppen hören, nicht als Vorbeilaufende:r.
@Optimisc An den Reaktionen darauf. Es wäre sehr spannend das wissenschaftlich zu untersuchen, also wie viel ist am Eindruck dran. @ThorstenMunk @mainec @HeptaSean
@fuzzyleapfrog @Optimisc @ThorstenMunk @HeptaSean Hmmm, "Menschen mit Zwischentönen" - ich glaube dafür brauche ich ein Beispiel. Ich ging von "Posts mit Zwischentönen" aus. Spannend wäre auch, welche Zwischentöne und inwiefern das im realen Leben oder in anderen Medien anders ist
@mainec Ich glaube, da hier jetzt nur ein Missverständnis vorliegt was "mit" meint. Also eine Person kann mit einer Meinung unterwegs oder vertreten sein, die zwischen den Polen einer Debatte liegt. Nicht, dass der Zwischen eine Eigenschaft der Person ist. @Optimisc @ThorstenMunk @HeptaSean

@fuzzyleapfrog das ändert für mich den Blick auf die ursprüngliche Aussage deutlich und erinnert spontan an manche Schulhöfe: "bist du nicht mit mein Freund, gehörst du nicht mehr zur Clique"

Sind einfache Narrative allgemein bei Menschen populärer - oder steht einer differenzierten Diskussion die Kürze der toots im Weg?

@Optimisc @ThorstenMunk @HeptaSean

@mainec Ist, glaube ich, nicht nur die Kürze der Posts. Die sind ja gar nicht so kurz und können zumindest durch Threads beliebig erweitert werden. Außerdem passiert das ja nicht nur auf Microblogging-Plattformen, sondern quasi überall im Internet und eigentlich auch außerhalb.

Ja, wahrscheinlich sind einfache Narrative populärer, möchten Menschen bei all den multiplen Krisen, die sie umgeben, zumindest klare Positionen am besten mit klaren Schuldigen und klarer Richtung für den eigenen Wunsch nach Aktivismus haben.

Faktor könnte auch sein, dass sie ein paar mal zu oft von denjenigen beschissen wurden, die „Ja, aber so einfach ist das alles nicht und man muss auch die andere Seite betrachten.“ sagen.

@fuzzyleapfrog @Optimisc @ThorstenMunk

@fuzzyleapfrog
Ich glaube, Witze und doppeldeutig anzügliche Aussagen haben generell so einen schlechten Ruf, dass sie alle Formen von Mehrdeutigkeit in ein schlechtes Licht rücken.

Gäbe es neben "Favorisieren" ein "Augen rollen" sähe das vielleicht anders aus.

Ich habe auch immer Mühe mich in so kurzen Texten verständlich auszudrücken. Da sind Stilmittel, deren Sinn es ist die Verständlichkeit zu verringern, nicht so hilfreich.

@blackoverflow Es geht mehr um Zwischentöne, z.B. in politischen Debatten.

@fuzzyleapfrog
Ah, TIL die Bedeutung von Zwischentönen in der Kommunikation.

Ich hätte das Nachschlagen nach der Bedeutung vorhin nicht so schnell aufgeben sollen.

Ich kannte das Englische "Subtext" für das was ich jetzt unter "Zwischentöne" interpretiere. Passt das?

Und zum Thema: Subtext wird meist nicht bewusst wahr genommen, wenn nicht absichtlich darauf geachtet wird, oder?
Die emotionale Wahrnehmung geht in Text Kommunikation dann aufgrund der geringeren Bandbreite verloren.

@blackoverflow Eher so Zwischenmeinungen, also in einer polarisierten Debatte z.B. eine nuancierte Position irgendwo dazwischen.

@fuzzyleapfrog
Ahh, also sowas wie "die Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft darf nicht daran scheitern, dass die Wirtschaft zusammenbricht" wird entweder als 100% pro Wirtschaft oder 100% pro Klimaanpassaung interpretiert.
Nicht als sinnvolles Argument welches erfolgreiche Klimaanpassung auf Basis des Status Quo anstrebt.

Passt das?

Eine Debatte darüber wie viel Last für die Wirtschaft akzeptable ist, führe ich privat schon eine Weile.

@blackoverflow Hm, ein bisschen schon. Es geht aber nicht nur um die Interpretation. Positionen, die tatsächlich irgendwo zwischen den Polen einer Debatte liegen.

@fuzzyleapfrog

Ist das aus dem „Neu denken“-Podcast? Bin noch nicht dazu gekommen, die Folge mit Hartwin Maas zu hören, aber steht auf meinem Zettel.