Mir tut das Herz weh, wenn ich solche Texte zum Thema NSDAP-Mitgliederkartei lese. Mag sein, dass einige Leute so bessere Karrierechance hatten. Aber es ist doch nicht so, das man sonst verhungert wäre. Millionen Menschen sind in diesem Krieg gestorben. Nicht nur an der Front, sondern auch in Lagern oder ermordet als "Untermenschen" während der Besatzungszeit. Mein Uropa war in der Resistance, hat nur knapp das Lager überlebt. Er hatte auch Kinder. Was sollen wir denn sagen? Mir blutet das Herz.
Zum geschichtlichen Kontext: Es gab damals viele polnische Gastarbeiter in der französischen Industrie. Diese wurden teils gezielt angeworben. In der Resistance waren dann später auch einige eben dieser Gastarbeiter aktiv. Einige sind nach dem Krieg zurück nach Polen, es gab sogar organisierte Programme dafür. Meine Oma hat perfekt Französisch gesprochen, es war ihre Muttersprache. https://en.wikipedia.org/wiki/Poles_in_France#Polish_resistance_during_the_Nazi_occupation_in_France
Poles in France - Wikipedia

Da jetzt einige hier schreiben "ich weiß nicht ob ich in den Widerstand gegangen wäre" oder "ich weiß nicht ob ich bei der Entscheidung Leben oder Tod..." – aber darum geht es in dem Post doch gar nicht. Der Text auf den ich mich beziehe gibt die Kontruktion "NSDAP-Mitgliedschaft oder Tod" doch gar nicht her. Mich macht das ehrlich betroffen.
@kattascha Die Leute wollen sich die Frage nicht stellen, wie opportunistisch sie gewesen wären. - Wir in Deutschland haben *nie* aus dem Faschismus gelernt. Immer waren wir Meister der Verdrängung. Kenne das gut aus meiner Familie, meine Eltern waren zu Kriegsbeginn Jugendliche. Immer und immer gab es nur Entschuldigungen und vermeintliche logische Erklärungen. Wir würden das nicht verstehen, wären Gott sei Dank nicht in ihrer Lage usw. Immer dasselbe. Traurig und erschreckend!
@kattascha Mein Großvater väterlicherseits war bis an sein Lebensende überzeugter Antisemit und Nazi. Auch den habe ich natürlich in der Kartei gefunden - keine Überraschung meinerseits. Er ist 1937 mit 22 Jahren beigetreten. Politische Diskussionen waren völlig sinnlos. Ähnlich wie heute bei überzeugten Anhängern der AfD.
@kattascha
Dazu kommt noch dieses äußerst ominöse "so die Erzählung".
Wer sagt schon ganz offen (außer in einer vollbraunen Familie vielleicht), dass die (Ur-)Großeltern glühende Nazis waren voller Antisemitismus und/oder Hass gegen bestimmte damals verhetzte Menschengruppen?
Oder dass Opa im Krieg Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung begangen hat?
Spannend ist auch diese "Ich war in Stalingrad"-Geschichte, die so oft erzählt wird. Durch Recherche entpuppen sich überraschend viele als Lügen.
@kattascha ich glaube nicht, dass man bis zur NS Zeit zurückgehen muss. Ich denke an die letzten Jahre der DDR zurück und das ich das nahe Ende nicht wahr genommen habe. Frühestens mit der Volkskammer-Wahl und ab September hat sich das geändert.
Und heute sieht man es auch. Diese überquellende Bequemlichkeit und aktive Nichtwahrnehmung der Probleme.
@wrdlbrmpft @kattascha
Ja. Einerseits bin ich heute wütend auf die Ignoranten, die sich bei einem Einmarsch Putins nicht wehren würden.
Andererseits wäre ich in der DDR wahrscheinlich hauptamtlicher StaSi-Mitarbeiter geworden (mit Glück nicht, weil rechtzeitig die friedliche Revolution kam).
Es ist die Macht bzw. die Machtlosigkeit, die Menschen zu Rädchen im totalitären System macht - es ist nicht ihr natürliches Verhalten. Deshalb muss die Macht weg, um so was zu verhindern!
@wrdlbrmpft @kattascha Danke für dieser Satz: „ Diese überquellende Bequemlichkeit und aktive Nichtwahrnehmung der Probleme.“
@kattascha in den entnazifizierungsgesetzen ist noch eindeutig definiert, dass sich schuldig gemacht hat, wer den NS gefördert hat um selbst voran zu kommen. Und wenn man sich das nur zwei Minuten lang überlegt, ist das auch völlig einleuchtend.