RE: https://norden.social/@SheDrivesMobility/116370491015213134

Auch das Justizministerium in Niedersachsen stellt sich gegen den Vorschlag aus Berlin. Aus Sicht der Landesregierung gilt das Schwarzfahren weiterhin als strafwürdiges Erschleichen von Leistungen und wird als Betrug eingestuft [...]

Wofür haben wir Rot-Grün wenn sie weder Rot noch Grün sind. Unironisch wie passiert es das unsere Landesregierung das nicht jubelnd entgegennimmt. Diese Sache SPART GELD und ist sozial. Wenn selbst die CDU dem einwilligen kann warum kann es Rot-Grün nicht?

Das Landesjustizministerium argumentiert das, sollte das Fahren ohne Fahrkarte anders rechtlich gewertet werden, es potenziell schlimmere Konsequenzen für die Fahrer:innen geben könnte als es bei der Klassifizierung von „Betrug” (dem Erschleichen von Leistungen) ist.

Doch die Bundesjustizministerin spricht bei der Entkriminalisierung klar vom Entlasten der Behörden, demnach etwas was wohl kaum als schwerere Straftat klassifiziert wird. Definitiv nichts was in einer Erzwingungshaft, wie beschrieben, endet.

Ich bin kein Jurist, deswegen lest gerne den Artikel und helft mir falls Ich etwas nicht verstehe. Warum müsste für eine Entkriminalisierung eine schwerere Klassifizierung dieser Straftat stattfinden? Ist das eine konkrete Forderung der Bundesjustizministerin?

Es wurde mir netterweise erklärt: Sollte das Erschleichen von Leistungen von Betrug auf eine Ordnungswidrigkeit abgestuft werden, so wäre die Konsequenz für Schwarzfahrer:innen aufgrund der Erzwingungshaft schlimmer (Absitzen von Zeit im Gefängnis ohne das es die Geldstrafe ersetzt).

Jedoch kann man in Fällen des Schwarzfahrens die Erzwingungshaft abbedingen, was explizit ein Vorschlag in einem Gesetzesentwurf sein sollte, der nichtmal vorliegt. Pauschal diesen Vorschlag vom Bundesjustizministerium abzulehnen mit den Worten das Schwarzfahren illegal ist weil es halt eine Straftat ist, zeugt mir von fehlender Kreativität.

Darüber hinaus hilft die Klassifizierung als Ordnungswidrigkeit das der Satz fest bleibt, also müssten böse Wiederholungstäter (meist arme Menschen dessen Lebenssituation sich nicht bessert) nicht jedes Mal länger ins Gefängnis wenn sie erwischt werden.
Ich habe meine Frust in ein langes Gespräch mit einem Juristen und einer Pressemitteilung gesteckt

Armut ist kein Verbrechen: Niedersachsens Justizministerium mangelt es an politischer Fantasie!

Hannover, den 09. April 2026 – Zur Ablehnung der Entkriminalisierung des sogenannten Schwarzfahrens durch das niedersächsische Justizministerium erklärt Erik Uden, Mitglied im Landesvorstand von Die Linke Niedersachsen:

„Die Reaktion des niedersächsischen Justizministeriums auf den Vorschlag zur Entkriminalisierung des Fahrens ohne Fahrschein ist ein Armutszeugnis für die politische Vorstellungskraft in unserem Land. Anstatt veraltete und sozial ungerechte Strafparagrafen aus der NS-Zeit endlich zu überwinden, flüchtet sich das Ministerium in juristische Nebelkerzen.

Das Argument, die Umwandlung in eine Ordnungswidrigkeit würde durch eine mögliche ‚Erzwingungshaft‘ alles nur schlimmer machen, ist nicht nur kreativlos, sondern faktisch irreführend. Werfen wir einen Blick auf die Realität, so birgt das Degradieren des Schwarzfahrens zur Ordnungswidrigkeit die Änderung das Menschen weitaus kürzere Zeit in Haft verbringen müssen und sich die Länge der Haft nicht explosiv bei wiederholten Delikten erhöht. Es wäre möglich die Erzwingungshaft abzubedingen für Fälle in denen Bußgelder aufgrund vom Fahren ohne Ticket auferlegt wurden. Auf solche konstruktiven Ergänzungen sollten wir setzen, anstelle den Vorschlag pauschal wegen Formalia abzulehnen!

Bisher gibt es keinerlei Belege dafür, dass Strafanträge gegen Fahrgäste ohne Ticket eine abschreckende Wirkung haben, ganz im Gegenteil: Das Beispiel der Kölner Verkehrsbetriebe zeigt, dass die Zahl der Schwarzfahrenden sogar gesunken ist, seitdem auf Anzeigen verzichtet wird. Die ÜSTRA sollte aufhören Strafanträge zu stellen und diese Falschbehauptungen in den Medien zu verbreiten.

Das Falschparken ist auch eine Ordnungswidrigkeit. Es ist an der Zeit, dass das Schwarzfahren mindestens genau so nett behandelt wird, vor allem da es politische Antworten auf unsere Probleme braucht, keine härtere Bestrafung von Armut.“

Im Detail erklärt kritisiere Ich die Ablehnung des Landesjustizministeriums aus folgenden Gründen:
Das Ministerium behauptet, die Erzwingungshaft sei schlimmer, weil das Bußgeld bestehen bleibt. Dabei wird verschwiegen: Ersatzfreiheitsstrafen bei Straftaten sind in der Praxis oft drastisch länger. Während eine Erzwingungshaft bei Ordnungswidrigkeiten meist nur wenige Tage umfasst, sitzen Menschen wegen „Erschleichens von Leistungen” heute im Schnitt 15, 30 oder gar 60 Tage ein – und das oft schon beim ersten oder zweiten Mal, da sich Tagessätze summieren.

Das jetzige System produziert Haftkarrieren aus Armut. Wer die Ordnungswidrigkeit ablehnt, entscheidet sich aktiv dafür, Menschen für längere Zeiträume wegzusperren. Wenn das Ministerium die Erzwingungshaft wirklich fürchtet, stünde es ihm frei, für diesen Bereich Sonderregelungen vorzuschlagen oder die Haft ganz abzubedingen. Das wäre mutige Politik, das Beibehalten des Status Quo ist lediglich die Verwaltung von Elend.

Die Sorge, ohne Strafrecht würde die Zahl der Schwarzfahrer explodieren, ist ein konservatives Märchen welches der klassischen Rhetorik von Gefängnissen zur Abschreckung und nicht Rehabilitation und Hilfe folgt. Ein Blick nach Köln zeigt das Gegenteil: Seit die KVB dort konsequent auf Strafanzeigen verzichtet, ist die Quote der Fahrgäste ohne gültiges Ticket sogar von 2,5 % auf unter 2 % gesunken. Die Kölner Verkehrsbetriebe bestätigen schwarz auf weiß: Ein Verzicht auf staatliche Repression führt nicht zu mehr Regelverstößen. Daran sollte sich auch die ÜSTRA ein Beispiel nehmen, welche allein 2024 um die 424 Strafanträge gestellt hat. Die Erklärung des ÜSTRA-Sprechers Heiko Rehberg „Strafanträge hätten eine abschreckende Wirkung“ lässt sich statistisch nicht nachweisen und stimmt nicht. Menschen fahren ohne Ticket weil sie von Armut betroffen sind, und solange wir daran nichts ändern wird auch die Quote an Schwarzfahrenden nicht sinken.

Armut ist kein Verbrechen: Niedersachsens Justizministerium mangelt es an politischer Fantasie!

Es ist völlig unverhältnismäßig: Wer seinen tonnenschweren SUV im absoluten Halteverbot abstellt und damit Rettungswege blockiert, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Wer aber aus purer Not ohne Ticket in die Bahn steigt, wird wie ein Betrüger behandelt. Diese Ungleichbehandlung muss ein Ende haben.

Unsere Forderungen lauten also:

  • Schwarzfahren muss mindestens wie das Falschparken behandelt werden, als Ordnungswidrigkeit.
  • Die Landesregierung muss Wege finden, wie Ordnungswidrigkeiten ohne den Automatismus der Haft sanktioniert werden können, anstatt sich hinter verkrusteten Paragrafen zu verstecken.
  • Wir fordern das Bundesjustizministerium auf, zeitnah einen detaillierten Gesetzesentwurf vorzulegen. Der Teufel steckt im Detail, und wir können es uns nicht leisten, die Reformdebatte durch bloßes Zögern im Keim zu ersticken.

Es ist Zeit, dass die Justiz aufhört, die Augen vor der sozialen Realität zu verschließen. Gefängnisse dienen momentan auch dem Zweck Menschen für ihre Armut zu bestrafen, was das Problem nicht an der Wurzel packt und zeitgleich nicht ein Mal oberflächlich löst. Dass die Verfolgung dieser Delikte Justiz und Polizei zudem weitaus mehr kostet, als durch Ticketverkäufe jemals eingenommen würde, setzt der Absurdität die Krone auf.

Inspiration aller Talking Points übrigens von @arnesemsrott und @freiheitsfonds ❤️🚩
Mehr als 69% der Menschen aus Niedersachsen wollen nicht nur eine Entkriminalisierung des Schwarzfahrens, sondern fast die Hälfte möchte direkt kostenlosen ÖPNV!
@ErikUden Was das Volk will interessiert nur niemanden in der Politik. <.<
@ErikUden ich finde ja krass, dass so viele menschen das okay finden ...
@brahms @ErikUden na das liegt auch an den - sagen wir mal - wertenden Beschreibung.
Und die Leute, die für Straffreiheit sind bekommen zwei Optionen, sodass sich die Stimmen verteilen. Eigentlich super Material für eine Vorlesung zu empirischen Sozialforschung. Voller negativer Beispiele.
@prefec2 @ErikUden ich weiss schon wieso ich respekt vor empirischer forschung hab ^^ was man da nicht alles tricksen kann ...

@brahms Und viele davon parken wahrschienlich "mal kurz" auf dem Radweg oder im Kurvenbereich, fahren "nur ein paar km/h zu schnell" und regen sich wahnsinnig auf, wenn das geahndet wird...

@ErikUden

@brahms @ErikUden ich schätze, viele wissen nicht, dass es hier um "Straftat vs. Ordnungswidrigkeit" geht und nicht um "bestrafen vs. alle Konsequenzen streichen".
@Kiki @brahms @ErikUden Das Problem ist, dass die Ordnungswidrigkeit nach aktueller Rechtslage und bei den aktuellen Strukturen praktisch nicht verfolgbar wäre: Bei Ordnungswidrigkeiten gilt das Jedermannsrecht, einen Straftäter bis Ankunft der Polizei festzuhalten, nicht. Das bedeutet, wenn man erwischt wird, kann man einfach nichts sagen und an der nächsten Haltestelle aussteigen und abhauen.
@Kiki @brahms @ErikUden Es wäre natürlich problemlos möglich, Strukturen zu schaffen um dieses Problem zu umgehen, zum Beispiel Fahrkartenkontrolleure den Ordnungsämtern zuordnen und nur an Verkehrsbetriebe verleihen. Das wäre zwar erstmal teurer (Kontrolleure sind aktuell Niedriglohnarbeiter, aber das wäre beim öffentlichen Dienst nicht möglich), aber durch die geringeren Justizfolgekosten in Summe wahrscheinlich trotzdem günstiger.
@pixelschubsi @Kiki @ErikUden oder einfach ... nicht kontrollieren?
@ErikUden Ich weiß nicht, wie das speziell in Niedersachsen ist, aber auf Bundesebene werden va Parteien (cxU, noafd) gewählt, die weder die Entkriminalisierung von Schwarzfahren noch einen besseren ÖPNV wollen. So wichtig scheint es denen, die so wählen, also nicht zu sein.
@ErikUden das waren eher nicht nur die Niedersachsen sondern die fedipower hier. #KatjaDiehl hat die Umfrage hier ja geteilt. Hab auch abgestimmt aus Berlin😏
@hickbln @ErikUden wollte gerade sagen. Das ist keine Umfrage nur für Niedersachsen.
@IreneMoews dito. Aber es zeigt auch, was man von anderen "statistischen Erhebungen" der Medien halten darf...schlecht erstellt, tendenziös und in der Ergebnisinterpretation/-Präsentation wiederholt sich das dann...

@ErikUden
Warum entspricht Ja-Sager-Anteil in etwa dem der AfD-Wähler?

Ist das etwa ein von Nazis eingeführter Straftatbestand?

@ErikUden

Wenn ich dich so lese …

Mir kommt gerade die Idee in den Sinn falschparken zur Straftat zu erklären. Mit dem prädikat besonderer Schwere wenn es auf Rettungs-, Zugangs-, Rad-, und Fußwegen geschieht.

Das wäre eine Angleichung des Rechtsprinzipes mit dem ich durchaus leben könnte!

@coastgnu Gute Idee eigentlich... Das nenne Ich Kreativität in der Justiz!
@coastgnu @ErikUden Blockieren von Feuerwehrzufahrten? Da könnte man schon billigende Inkaufnahme annehmen. Wenn das jetzt die Zufahrt zum Altersheim ist und es tatsächlich brennt.... wohnt man einige Zeit gratis an einem Ort der vom Staat ausgesucht wird.
@coastgnu
Es liegt ja in etllichen Fällen eh` nahe am Tatbestand der Nötigung (zumindest bei Sitzblockaden wurde es ja rauf und runter diskutiert), insofern erscheint es mir gar nicht unplausibel...
@ErikUden
@ErikUden Doch - Armut ist ein Verbrechen! In einer der reichsten Gesellschaften der Welt & auf einer Erde, die genügend Ressourcen für alle Menschen bietet, ist Armut ein Verbrechen
- ein Verbrechen derer, die sich auf Kosten anderer Menschen bereichern,
- ein Verbrechen derer, die Menschen, die in Not sind, nicht helfen,
- ein Verbrechen derer, die glauben mehr Recht auf Wohlstand zu haben als andere,
- ...,
aber niemals ein Verbrechen der Armen.
@Njoerdr @ErikUden Bei Leuten ist eine deutliche Verrohung zu beobachten!