Meiner Therapeutin von meiner Überlastung im Job erzählt.

Ihr Rat (unter anderem): Die nächsten 3 Monate bewusst langsamer machen, um so am neuen Ort anders starten zu können. Sonst lande ich direkt wieder in derselben Überarbeits-Spirale.

Ich (halb im Spass): „Gibt es nichts, was mich verlangsamt?“
Sie, fast entsetzt: „Sie bekommen schon Methylphenidat. Das ist die gebremste Version Ihrer selbst. Früher waren Sie doppelt so schnell, jetzt "nur" noch gefühlt 3× schneller als der Durchschnitt.“ 🤯

Ich vergesse immer, wie viel schneller ich rede, denke, gehe etc. ... oder alle anderen einfach entsprechend langsamer‽ 🤭

#adhs #mentalhealth #adhd #neurodivergent #zuschnell

@DopaScout Oh, du auch?
(Ich fragte mich dieser Tage, ob es eigentlich eher mein ADHS oder mein Autismus ist, dass ich so „schnell“ bin & gefühlt andere zuweilen überfordere.)
@sofasophia
Ja, absolut! 😅 Wenn ich, wie heute in der Therapie, darauf hingewiesen werde, fällt es mir selbst auf. Im Alltag hingegen gar nicht, da habe ich eher das Gefühl, dass alle anderen einfach so langsam sind. 🤯 😜

@DopaScout @sofasophia

Ich hab einen ganz guten Radar dafür entwickelt, glaub ich. (auDHD Lieblingsbruder, einstmals auDHD Liebster, ADHD Freund:innen)

Ich kann’s schlecht beschreiben. Aber ich spür eine Unruhe in dieser Schnelligkeit, von Eile bis sogar Rastlosigkeit, die ich nicht habe. Ich bin als Autie auch schnell im Erfassen & Denken, aber irgendwie anders. auDHD fühl ich fast wie Hochspannungs-Brizzeln in der Luft, bildlich gesprochen. Wo ich so denke, he, entspann dich doch mal 😉

1/

@DopaScout @sofasophia

Ich kann da mithalten (jahrelange Übung), und es macht oft riesig viel Spaß, aber es strengt mich auch an mit der Zeit. Als ob ich ständig hinterher hechel.

Das ist so mein Blick von außen. Es kommt mir jedenfalls nicht abwegig vor, wenn ich hier von Leuten lese, die ihre Medis als Erleichterung empfinden. Ich stell mir dann vor, dass die diese Unruhe wegnehmen und das Hochspannungsbrizzeln, und das stell ich mir angenehm vor. Aber das könnt ihr besser beurteilen 🙂

2/2

@erdstern Das Hochspannungsbrizzeln passt für mich ganz gut als Begriff. Trotz MPH, so ein adhstypisches, verinnerlichtes Persönlichkeitsmerkmal vermutlich. Aber die Medis frieden es ein wenig ein.

@DopaScout

@sofasophia @erdstern
"Hochspannungs-Brizzeln in der Luft", das trifft es auf den Punkt, danke dafür! 🤩
Ich finde es auch super beschrieben, von euch beiden. Die Schnelligkeit ist das eine, das andere aber tatsächlich eine Unruhe und Rastlosigkiet. Und ja, auch mit MPH bleibt das, denn es wurde ein Teil von uns, so zu sein. Bei mir hilft es einfach vor allem die Gedanken zu sortieren und das Gefühl zu verhindern, dass ich gleich explodiere, wenn ich jetzt nicht sofort mich bewege. 🤯

@DopaScout @sofasophia

Stimmt, das hat eine Freundin auch immer gesagt, wenn wir für mein Gefühl mitten im schönsten Telefongespräch waren: “Wir müssen jetzt aufhören, mein Körper will jetzt, dass ich mich bewege”! Das kenne ich als “Nur-Autie” so gar nicht.

Dass ich auch schnell bin, zeigt sich darin, dass ich ganz allein eine Arbeit schaffe, die woanders ein Team von 3 Leuten braucht. Ich kann mich aber auch in Terminen mit anderen an deren Geschwindigkeit anpassen, ohne zu explodieren 🤭

@DopaScout @sofasophia

Bestimmt ist der Tipp der Therapeutin ganz gut. Ich hatte das auch mal bei einer Arbeit, wo der mich Einlernende sagte, ich solle nicht so schnell sein, dann würden die das immer von mir erwarten.

(ich dachte nur, es würde dann ihn in einem schlechten Licht zeigen😜)

Aber…
1/

@DopaScout

…was du in einem anderen Post gesagt hast, deutet auf ein anderes Problem, nämlich viel Mitgefühl, der starke Wunsch, Erwartungen zu erfüllen und große Hingabe an deine Aufgaben. Alles gute Impulse, die von Arbeitgebenden aber gern ausgebeutet werden.

Da könntest du mit ihr mal hingucken, welche Hintergründe das bei dir hat und wie du einen Weg findest, dich da besser abzugrenzen und nein zu sagen. Kannst du jetzt dort, wo du eh schon gekündigt hast, noch gut üben 😜
2/2

@sofasophia

@erdstern @sofasophia
Ja, die Hintergründe sind eigentlich bekannt bei mir ... dass ich besser Grenzen setzen muss auch.
Bei der Umsetzung hapert es 🙄 😅
Aber ja, da habt ihr beide recht. Jetzt kann ich das 3 Monate nochmlas intensiv angehen, denn viel zu verlieren gibt es nicht mehr 🤭

@DopaScout

Nur Mut! Ist doch auch spannend, alte Muster zu durchbrechen und so zu werden, wie man eigentlich gemeint war. Rund und ganz. 💛

Du weißt ja, “Cyclists unite! You’ve got nothing to lose but your chains!”

@sofasophia

@DopaScout Ich hoffe,
du findest dein Tempo und den passenden Platz, dich zu sein ohne dich zu verbiegen.

@erdstern

@erdstern Das – vor allem das Letztgeschriebene – haut bei mir voll rein. Ist gerade aktuell voll das Thema bei mir. 🫣 Danke für den Input!

@DopaScout

@sofasophia @DopaScout

💛

Ich kenne das gut und ich glaube, gerade neurodivergente Kinder verinnerlichen besonders stark die Mechanismen dysfunktionaler Familien(*). Für mich war es eine Erleuchtung zu sehen, dass auch meine Familie wie eine Suchtfamilie strukturiert war, auch wenn niemand suchtkrank, “nur” tief traumatisiert war. Was man so schön transgenerationales Trauma nennt. Aber die “coping strategies” waren bei uns Kindern die gleichen. Schau mal auf S. 6 - 8.

https://nacoa.de/sites/default/files/images/stories/pdfs/akjs%202%20familiendynamik.pdf

@sofasophia @DopaScout

(* das möchte ich erklären, damit das nicht zu Missverständnissen führt:

- der Druck auf uns, uns anzupassen, ist größer

- für uns ist ja alles um uns rum, was uns als “normal” verkauft wird, genauso bizarr und wir lernen, unserem eigenen Gefühl nicht zu vertrauen

- wir finden noch schwerer Menschen, die uns in unserer Not erkennen und unterstützen

Auch das also nicht Ausdruck der Neurodivergenz an sich, sondern der Behinderung durch unsere Umwelt.)

@erdstern
Und wieder ein Treffer ... genau das. Auch der Vergleich mit der Suchtstruktur in der Familie trifft ins Schwarze. (In meiner Familie war auch Sucht ein Thema, wenn auch "nur" Tabak, aber halt doch Sucht.)

Im Zusammenhang mit der ADHS-Diagnostik ist auch die These (ich weiß nicht, ob das schon wissenschaftlich belegt ist), dass Tabakkonsum in der Schwangerschaft ADHS-Wahrscheinlichkeit erhöht, besprochen worden. War bei mir der Fall (reduziert zwar, aber auch passiv).

@DopaScout

@sofasophia @DopaScout

Für mich ist mittlerweile der Ausgangspunkt und Kern von Sucht die Unfähigkeit, unangenehme Emotionen auszuhalten und selbst wieder auszubalancieren. Sondern auf irgendwas auszuweichen, was diese Gefühle erstmal wegmacht.

Das kann dann auch Spielen sein oder Internet oder eben eine Substanz. Klar kann die dann evtl. auch körperlich mehr oder weniger abhängig machen (und Folgeschäden setzen), aber es gibt ja den Punkt, wo Leute…

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@sofasophia @DopaScout

…bereit sind, den Entzug auszuhalten - wenn sie gelernt haben, mit emotionalen Herausforderungen klarzukommen.

Wo jemand das nicht kann, wird der Griff zum Bier / Pfeifchen / etc. immer die leichtere Option sein. Wer wird sich auf mühsame und schmerzhafte zwischenmenschliche Friedensarbeit einlassen, Selbstreflektion betreiben, Kompromisse schließen oder sich entschuldigen, wenn eins nur die Hand auszustrecken braucht, um zur bequemen Ausweichoption zu greifen?

2/3

@sofasophia @DopaScout

Und an der Stelle wird es für mich auch einleuchtend, warum Suchtfamilien so dysfunktional sind: weil emotional nicht erwachsene Eltern eben kein gutes Vorbild sind und nicht geben und vorleben können, was ein heranwachsendes Kind braucht.

Eine Substanz macht dabei einerseits alles schwieriger, andererseits aber auch sichtbarer. Ich habe jahrzehntelang nicht begriffen, was bei uns los war, denn es war doch “alles in Ordnung” - außer, naja, alles Wesentliche.

3/3

@erdstern @sofasophia @DopaScout Danke für den Hinweis, muss ich auch mal nachlesen. Ich fand auch das Buch „adult children of emotionally immature parents“ von Lindsay Gibson super hilfreich und aufschlussreich. Ich seh das auch wie du dass Neurodivergenz beim Kind und bei den Eltern (wenn sie es nicht wissen und selbst nicht gut damit umgehen können) das auch nochmal verstärkt

@erdstern Deine Definition von Sucht kann ich sehr unterschreiben, kenne es von mir selbst ja auch und ja, es geht um die emotionale Unreife. Allgemein gesagt, ist diese, meiner Meinung nach, die destruktivste Kraft überhaupt. Und dafür verantwortlich, wie die Welt aussieht.
Emotionale Reife zu lernen ist, finde ich, die wichtigste menschliche Herausforderung. (In aller Kürze zusammengefasst.)

@DopaScout