RE: https://mastodon.social/@UweKaspers/116233571553400146

Wie sich Weimers Unterstützer mit Halbwissen brüsten - ich will das noch nicht mal ignorieren, sondern hier einmal exemplarisch darauf eingehen.
Eine Nationalbibliothek ist mit ihrem gesetzlichen Sammeltauftrag (der vom BKM unterminiert, aber nicht abgeschafft werden kann) nicht ein Bücherregal unter vielen, sondern hat die Funktion eines "Last Resort" zu erfüllen, d.h. sie informiert authentisch über das Original einer Veröffentlichung, unabhängig von Medientyp oder Vertriebswegen. Archiv! 1/n

Wer mit seinem Urteil jedoch schon vor der Befassung mit dem Gegenstand fertig ist (kulturelle Überlieferung bewahren sei Regale sortieren, ökonomisch minderwertig u.ä.), der wird immer irgendwas finden, was im Vergleich wichtiger ist: entweder "das Digitale" (nicht begreifend, wie es notwendig mit der Bewahrung körperlicher Medien zusammenhängt, wie ich schon gestern hier schrieb), oder heute nun, wer hätte es gedacht, "die Kinder".
2/n

Wenn eine Professorin aus genau diesen Fach (@fuzzyleapfrog) die Geduld hat, ihm dennoch hier zu antworten, ist die Kränkung anscheinend so groß, das darauf gleich gar nicht mehr eingegangen wird. Stattdessen nochmal einen random Artikel-Link über digitale Speichermedien posten.

Noch einmal: wir Bibliotheken treiben Forschung & Praxis in diesem Bereich auf hohem Niveau voran. - Muss man immer so tun, als wisse man alles? Vielleicht auch einfach mal: schweigen, zuhören und lernen?

3/n

Maximale Kreativität beim Vergleich auch auf der haushalterischen Ebene. Einerseits um Verständnis werben dafür, bei 2 Mrd Jahresetat natürlich eine einmalige (!) Einsparung von 100 Mio. machen zu wollen. Andererseits dann mit Budgets zu vergleichen, die überhaupt nichts mit Weimers Ressort zu tun haben, Krankenversorgung etc.
4/n
Immerhin kam die interessierte Nachfrage auf, worin der gesellschaftliche Nutzen von Archiven denn *überhaupt* bestehe. Ich bin kein Archivmensch, kann und werde daher nicht versuchen, ein "Archive 101" in Toot-Länge abzuliefern. Aber ich hinterlasse hier gerne mal eine kleine Anregung zum selber Nachdenken:
5/n

Eine Gesellschaft...

...deren öffentliche Institutionen unter Beschuss stehen, darunter ihre Öffentlich-Rechtlichen Medien

...deren Öffentlichkeit mit KI-Fakes überschwemmt werden, u.a. verstärkt durch Online-Plattformen, deren Geschäftsmodell dies begünstigt

...in deren Diskurs von einer "Zeitenwende" die Rede ist - womit ein Vergleich zu einem "Früher" aufgerufen ist, das erinnert und verstanden werden müsste

Wozu könnte eine solche Gesellschaft vielleicht Archive brauchen? 🤔
6/n

Zum Weiterlesen (und -gucken) kann ich z.B. den wunderbaren Richard Ovenden empfehlen. Er macht greifbar, dass wir in einer Zeit leben, in der Archive wichtig sind - nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, mit dem wir uns dagegen wehren können, dass Geschichte gelöscht oder umgeschrieben wird. Er zeigt, wie letzteres von diversen Akteuren überall auf der Welt vorangetrieben und vom medialen Wandel ebenso begünstigt wird wie vom Zerfall öffentlicher Institutionen.
https://youtu.be/ZWCrCTIVxTM
7/n
Richard Ovenden - Burning the Books

YouTube
@Lambo Bettina Schmidt-Czaia, Ex-Direktorin im HAStK sprach immer von Archiven als „beste Gewähr gegen Geschichtsklitterung“ und zutiefst der Demokratie dienende Institutionen. Dass die Einschläge hierzulande näher kommen und nicht so weit weg sind, wie man mit Blick auf die USA denkt, war klar, aber dass es so schnell geht … zivilgesellschaftliche Fördervereine wichtiger denn je, denn die können politisch und öffentlich agieren, wenn Verwaltungen gewissen Restriktionen unterliegen.
@Lambo @fuzzyleapfrog Es ist immer so, dass wenn irgendwo staatliches Geld gestrichen werden soll, die Leute aus dem Bereich sagen „Was wir machen, ist total wichtig für die Gesellschaft“
Wenn man sich dann nicht auskennt, kann man die Argumente ggf. nicht einschätzen o. will sie nicht hören. (Ich stimme Weimer und Co. hier nicht zu! Aber wenns um Kernfusionsforschung o.ä. ginge, würden wir vielleicht auch eher die Augen verdrehen anstatt Argumente zu analysieren)
@JensJot Was mich in diesem speziellen Fall stört: Dass angenommen wird, die vom Fach hätten keine Ahnung bzw. wüssten nichts von der digitalen Welt. @Lambo
@fuzzyleapfrog Ja, das ist wirklich ein veraltetes Bild von Bibliotheken. Wenn die letzte Begegnung mit solchen Einrichtungen vor 35 Jahren in der Mittelstufe war und man seitdem höchstens mal einen Roman ausgeliehen hat, weiß man es nicht besser. Das entschuldigt das Unwissen nicht, aber erklärt es vielleicht.
(Und wir glauben den Fusionsforscher*innen ja auch nicht alles, weil sie ja u.a. ihre Professionen/Jobs erhalten wollen.)
@Lambo
@JensJot Glauben ist hier das falsche Wort. Also ich weiß, dass das deren Fachgebiet ist und ich keine Ahnung davon habe und kann meine Bedenken vortragen und dann abwägen, was ich aus deren Antworten für meine Position zur Kernfusion allgemein machen will. Also wie meine Meinung wird. Aber ich gehe ja nicht hin und sage: "Ihr haltet doch mit Wasserkochern die Atome warm und habt keine Ahnung." @Lambo
@Lambo @fuzzyleapfrog und ich finde die Verlinkung zu einer klar kaum ausgereiften Technologie (steht selbst im Link drin!) auch noch zusätzlich zum Kopfschütteln...
@Lambo In einer ausdifferenzierten Gesellschaft kann es außerhalb eines Fachgebiets stets nur "Halbwissen" geben. Sie haben einen gesetzlichen Auftrag. Den kann man bei sich ändernden Ressourcen und Prioritäten im demokratischen Prozess ändern.
Es gäbe Gründe dagegen, wenn der gesetzliche Auftrag eine Wohlfahrtswirkung hat. Worin besteht - insbesondere für Menschen, die bisher kaum Bücher lesen und andere Kulturangebote nutzen, diese Wohlfahrtswirkung? Warum geht es uns mit Archiven besser?
@UweKaspers
Das Wissen und Kulturschaffen einer Epoche authentisch für die Zukunft zu erhalten halten Sie nicht für sinnvoll? Wenn Archive sich nicht darum kümmern, wer macht das denn sonst?
@Lambo
@HansZauner @Lambo Jede staatliche Leistung ist in sich sinnvoll. Das Problem ist, dass in einer Welt begrenzter Mittel jede konkrete Mittelverwendung eine alternative ausschließt. Ich finde die Erhaltung von Wissen und Kultur sinnvoll, aber auch Theaterpädagogik und die Rettung von Schlaganfallpatienten. Wenn wir also einen Anbau für ein Archiv bauen, können wir ca. 12 Rettungshubschrauber nicht kaufen und Menschen sterben, weil Sie zu spät behandelt werden. Daher die Bringschuld der Effizienz.
@UweKaspers
Dein völlig subjektiver und nach willkürlichem Gutdünken ausgesuchter Vergleich von Mittelverwendung ist eine ziemlich naive Sache. Wenn es dir um Menschenleben ginge, würdest du wesentlich effektivere Maßnahmen vergleichen. Du pickst dir hier scheinbar starke humanistische Argumente heraus, um die Steuerverteilung zu kritisieren. …
@HansZauner @Lambo

@UweKaspers
… Das ist schon grober populistischer Mumpitz. Wie wäre es mit mehr Steuerprüfern für Unternehmen? Die potentiell 100 Milliarden Steuerbetrug jährlich von Unternehmen, können die Bibliothek + Hubschrauber + Kultur +++ finanzieren…

@HansZauner @Lambo

@UweKaspers
Vor der Frage der Effizienz steht bei einem Archiv die Frage der Auftragserfüllung. Mit welcher Methodik gelingt Langzeitarchivierung sicher, sinnvoll UND effizient? Wie hier schon andere geschrieben haben: Die Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, haben all diese Aspekte sehr wohl auf dem Schirm. Aus kurzsichtigen polit. Motiven konzeptlos einen Baustein zu kürzen "weil man für das Geld 12 Rettungshubschrauber kaufen könnte", ist Populismus.

@Lambo

@HansZauner @Lambo Ja, man kann meine Einlassung auch so missverstehen, wenn man will.
Das war jetzt meine letzte Einlassung zu dem Thema. Arbeite ab Morgen auf anderer Baustelle. Danke!
Ich gehe jetzt ins Klavierkonzert in die Kölner Philharmonie. Das Haus wird von der Stadt Köln mit mehr als 15 Mio € pro Jahr subventioniert (= 1,5 Hubschrauber). Ich hoffe nicht nur ich, sondern auch Menschen, die bisher nicht den Weg zur Klavierkunst gefunden haben, werden mit dem Geld erreicht.
Alles Gute!

@UweKaspers @HansZauner @Lambo

Das Konzert zu dem du gehst wird:

Gefördert vom Kuratorium KölnMusik e.V.

Nach deiner Argumentation hier könntest du alternativ auch ein YouTube Video schauen!

@UweKaspers
können wir bitte mal Hubschrauber gegen Dienstwafenprivileg, Dieselprivileg oder Autobahnkilometer auf rechnen? Diese Argumentation hier anzuführen, wo es um kleine Summen geht, ist lachhaft.
@HansZauner @Lambo

@UweKaspers
In einer der reichsten Gesellschaften dieses Planeten ist es wirklich nicht notwendig, Rettungshubschrauber gegen Bücher auszuspielen.

Nötig wäre hingegen nachzuschauen, wohin die ganze Wertschöpfung verschwindet und warum die Gesellschaft nichts (mehr) davon hat.
@HansZauner @Lambo

@UweKaspers
das ist gelinde gesagt Quatsch. Zum einen könnten wir uns problemlos beides leisten, wenn wir wollten. Zum anderen ist das Nadelöhr in der Rettung weniger der Hubschrauber, als das Personal und die Fahrzeugverteilung in der Fläche.

Außerdem ist dieser ganze Take ein Derailing, weil es um komplett verschiedene Töpfe geht.
@HansZauner @Lambo

@UweKaspers
Das Nationalarchiv hat eine Dokumentationsaufgabe. Das geht um Fundament für Recherche und im weitesten Sinne um einen publikatorischen Wahrheitsbegriff. In einer Zeit von Desinformation und Manipulation sollte dieser Wert für die Wohlfahrt anerkannt sein.
@Lambo

@Lambo

Betriebswirschaft ist keine Wissenschaft aber auch kein "Halbwissen"

@p3m1r0

Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Halbwissen ist *völlig* okay, ich habe zu mehr Themengebieten Halb- oder Garnichtwissen, als ich zählen kann...

Was ich schätze: Die Demut, die Grenzen des eigenen Wissens halbwegs klar zu haben, und sich dann in Diskussionen entsprechend zu verhalten.

Ach so, und ich habe hier gar nicht BWL kritisiert. Nur, bei Haushaltsvergleichen zugleich Ressort-intern zu vergleichen und zugleich nicht - die Sorte BWL kannte ich noch nicht.

@Lambo Die beiden Nationalbibliotheken haben die Aufgabe *ALLE* deutschsprachigen Medien im Original zu archivieren (§2 DNBG). Dafür gibts sogar die Regel des Pflichtexemplars. Und irgendwo muß das Ganze ja hin. Will man das nicht mehr, muss erstmal das zugehörige Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek geändert werden. https://www.gesetze-im-internet.de/dnbg/BJNR133800006.html
Aber ich hab eher den Verdacht, dass das eine Einhornforderung ist, wie ein hier Mitschreibender so schön formuliert hat. https://mastodon.social/@haekelschwein/116228211318209236
DNBG - Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek

@Lambo Wie groß die Platznot in der @DNB_Aktuelles sein muss, hat mir Folgendes gezeigt: Aus einer aufgelösten Fachbibliothek beim @BKG wollte ich rund hundert rare Graudrucke ab 1913 (von Ministerien, Vereinen, Kammer der Technik der DDR) an die #DNB vermitteln. Obwohl in keiner einzigen #Bibliothek nachgewiesen, wurde die Übernahme abgelehnt: § 2 DNBG verpflichte nur, alle dt. Medienwerke "im Original zu sammeln". Mit altem Bibliotheksstempel seien die angebotenen Bücher nicht mehr original! 🤔