@unir Danke, interessanter Artikel. Allerdings bin ich von der Verbindung zu Stalin nicht wirklich überzeugt. Da wird z.B. erzählt, Stalin hätte 1924 eine Durchsetzung der Herrschaft über die Bourgeoisie mit Gewalt gefordert. Das passt zwar in unser heutiges Bild Stalins, aber Stalin hatte 1924 wenig zu melden. Außerdem hat zu diesem Zeitpunkt die Gewaltspirale gegenüber der "Bourgeoisie" bereits zahlreiche Umdrehungen gemacht, an denen Lenin und andere sehr deutlich mitgewirkt haben, aber Stalin mangels einer Machtposition kaum.
Allgemein vermute ich, dass der Artikel Stalin zu viel Anerkennung gibt. Nach meinem Wissensstand war Stalin im Gegensatz zu Lenin oder Trotzki nicht sonderlich stark in der Theorie. Seine theoretischen Arbeiten fanden entsprechend wenig Anerkennung, ehe er sich zum Herrscher über die Sowjetunion hochgearbeitet hat. Seine Stärken lagen in der Praxis - hier war er ausgesprochen pragmatisch und verwendete die Theorie allenfalls als Vorwand. Was wir heute als Stalinismus bezeichnen, ist dementsprechend weniger ein theoretisches Gerüst, sondern vielmehr seine Art, die Ziele ohne Rücksicht auf Verluste (typischerweise in Menschenleben) zu erreichen.
Der Bogen von allgemeinen Überlegungen hin zum linken Antisemitismus scheint auch eher schwach belegt zu sein. Wie der Artikel bereits zugibt, haben sich Marx und Lenin nicht allzu sehr antisemitisch hervorgetan (zumindest vor dem Hintergrund einer durch und durch antisemitischen Welt). Obwohl der Artikel anderes suggeriert, ist bei Stalin nach meinem Wissen erstmal kein qualitativer Unterschied zu sehen.
Die Frage ist allenfalls, wie die letzten Lebensjahre Stalins zu bewerten sind. In den Nachkriegsjahren hatte russischer Nationalismus Hochkonjunktur, befeuert auch von Stalin. Dass russischer Nationalismus schnell in Antisemitismus umschlägt, ist üblich. Ob Stalin etwas dazu beigetragen hat, ist durchaus fraglich.
Eindeutig wird es erst 1953 mit dem Ärzteprozess, also im letzten Lebensjahr Stalins. Stalins Repressionsapparat wurde auf die Juden angesetzt, eine Zwangsumsiedelung war geplant - das konnte nur auf Stalins Befehl hin passieren. Wir kennen die Gründe des Diktators nicht, aber mit Stalins Tod war das zunächst vorbei. Dass diese Episode bis heute Nachwirkungen in der linken Szene hat, erscheint eher wenig plausibel.
Es gibt dazu diesen Artikel, der die sowjetischen Ursprünge des Antizionismus beleuchtet, ohne sich auf Stalin zu fixieren: https://fathomjournal.org/soviet-anti-zionism-and-contemporary-left-antisemitism/. Demnach erwuchs der Antizionismus sowjetischer Machart vor allem aus der arabischen Niederlage im Sechstagekrieg - lange nach Stalins Tod. Das soll der Punkt gewesen sein, als die Sowjetunion ihre gesamte Propagandamaschinerie angeworfen hat, um Israel und die damit implizit assoziierten Juden zu diskreditieren. Sämtliche noch heute gängige Interpretationsmuster (u.a. Israel als westlich-kolonialistisches Projekt) sollen dort entstanden oder zumindest massiv verstärkt worden zu sein.