Es überrascht mich immer wieder, wenn Menschen, überrascht sind, dass sie etwas nicht wussten oder etwas dazu gelernt haben. Denn das setzt voraus, dass diese Menschen dachten, bereits alles zu wissen.

Diese Annahme ist mir sehr fremd, aber sie begegnet mir immer wieder. Für mich ist "Nicht-Wissen" der Ausgangspunkt und der "Normal"-Zustand. Ich weiß sehr wenig. Und ich kann immer zu allen Themen etwas lernen

Habt Ihr Gedanken dazu? Als Lehrende beschäftigt mich das immer wieder.

@sonjdol Die Professorin meines geschichtswissenschaftlichen Einführungsseminars sagte damals etwas im Sinne von: Bei allem was Menschen theoretisch wissen können, unterscheiden wir alle uns nur im Grade unseres Nicht-Wissens.

Das begleitet mich immer.

@sonjdol @todzi
Ich würde hier zwischen known unknown und unknown unknown unterscheiden.
Mir geht's beim Nicht-Wissen grundsätzlich ähnlich und ich habe eine Idee, was ich alles nicht weiß.
Überrascht bin ich halt manchmal, wenn ich etwas lernen, von dem ich nicht mal wusste, das ich nichts weiß ... also unknown unknown. 🥸
@todzi @ueberlauch Ja, das auch st ein guter Punkt.
@sonjdol Sehe das im Prinzip wie du, gebe aber zu, dass es mich manchmal auch überrascht, wenn ich was nicht wusste, was ich hätte wissen sollen, weil ich mit dem Thema viel beschäftigt bin, es kein völlig unbedeutender Nebenzweig ist oder so. Überhaupt nicht überrascht bin ich, wenn ich Neues auf Gebieten lerne, wo ich mich eh nicht auskenne - kann aber sein, dass ich dann staunend sage: Wusste ich nicht - und dass das als Überraschung interpretiert wird ...
@sonjdol ich verstehe es eher so, dass man eine bestimmte Sache hätte schon wissen können, also nicht alles und nicht schon immer.
@sonjdol Und umgekehrt wird gern vorausgesetzt, daß Menschen all das wissen, was man selbst weiß. Weil das ja „normal“ sei. Aber jeder Mensch hat ein eigenes „Normal“.
@atarifrosch oh ja z.b. immer dieses gestellt entsetzte "WIE? DU KENNST XYZ NICHT?" - da bekomm ich immer Gewaltphantasien 🙄
@sonjdol das klingt sehr als sei eine Überraschung etwas negatives. Man kann soch auch positiv überrascht sein etwas gelernt zu haben von dem man noch nicht wusste weil man es dort nicht erwartet hat und sich dann darüber freuen, oder nicht?
@nicole4fox ja, aber wenn der Zusatzsatz ist "ich dachte nicht, dass ich noch was lernen könnte", fällt diese wohlwollende Interpretation schon mal weg. So oder so basiert die Überraschung auf der Annahme, dass es eigentlich nichts mehr zu lernen gibt. Ob positiv oder negativ ist dann Ingo nicht relevant
@sonjdol also auch ein "ich dachte nicht dass ich noch etwas lernen könnte" hängt imo sehr stark vom Sentiment ab. Können auch Selbstzeifel sein idk. Ich lege jedenfalls Leuten solche Sachen ungerne negativ aus und versuche es positiv zu framen weil so das Lernen besser klappt und die Motivation/Freude größer ist. Das steckt ja auch an wenn man das dann positiv kommentiert.
@nicole4fox guter Punkt. Hast du eine Idee, wie du das positiv Damen würdest?

@sonjdol

Vielleicht steckt da die Idee drin, hinter ein (eingegrenztes) Thema einen Haken machen zu können à la "das ist mein Bereich, da kenn ich mich aus". Wunschdenken ;)

@tarbonam jede*r, der sich in einem Bereich wirklich auskennt, weiß, wondie offenen Fragen sind. Und das sind meist viele

@sonjdol

eventuell gibt es da Unterschiede zwischen Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und Technik?

@tarbonam das weiß ich nicht, aber ich würde vermuten, dass nicht
@sonjdol
Ich hab seit Kindheit immer noch dieses "Boah, wattet allet jibt!"-Gefühl, daß es immer noch Neues und mir Unbekanntes zu entdecken gibt, und freue mich jedesmal drüber. Daß ich andererseits so einiges weiß, hab ich bis vor einigen Jahren eher verborgen gehalten, ich kann es eigentlich erst jetzt einschätzen. Ich bin allerdings ein aktiver Wissensabschnorchler, egal wann und wo.
@sonjdol Es gibt fast keinen Tag, an dem ich nicht irgendeine Sache dazulerne, und sei sie noch so klitzeklein. Geht natürlich besser, wenn man sich mit offenen Augen und aufgeschlossenem Geist durch die Welt bewegt. ;-)

@sonjdol

Eine neue Dinogattung zu entdecken, ist für die Forschenden bestimmt auch überraschend und doch werden sie sicherlich nicht so naiv sein zu denken, dass sie schon alle Dinoarten entdeckt hätten, welche je existierten. Kommunikativ denke ich, dass oftmals mit „Überraschung“ die Freude gemeint ist, etwas unbekanntes entdecken/erleben/erlernen zu dürfen.

@sonjdol Ich denke, ein Ausdruck der Überraschung über neu Erfahrenes drückt eigentlich aus, dass man unerwartet etwas erfährt, was einem *wichtig* ist.

@sonjdol Danke für deinen Gedanken! Ich selbst musste lange lernen (bzw. bin noch dabei), mein Unwissen einzugestehen und es nicht wie etwas schlechtes aussehen zu lassen.

Ich bin selbst Lehrender in einer Universität und versuche, meinen Studis von Anfang an klar zu machen, dass man mich zwar alles fragen kann, ich aber nicht unbedingt auf alles ne Antwort habe. Wenn es die Möglichkeit hergibt, gebe ich die Fragen zurück an meine Studis „Wisst ihr das?“. Das bezieht sie mit ein, vermittelt ein Bild von mir, dass ich vermitteln möchte (eben explizit nicht allwissend) und zeigt hoffentlich meinen Respekt.

Das geht in manchen Branchen besser als in anderen. Manchmal wird von mir erwartet, dass ich Dinge einfach weiß und Versagen (vielleicht ist es mir auch nur kurz entfallen und/oder ich hab ein Brett vorm Kopp) wird nicht toleriert. Hängt nach meinem Gefühl super von der Rolle ab, in der man sich gerade befindet.

Schönen Tag dir!

@sonjdol Ich bin überrascht, wenn ich was Neues lerne, aber eher vom Inhalt, nicht davon, dass ich es nicht wusste - glaube ich.
Jedenfalls ist Neues meist eine freudige Überraschung, außer ich erfahre, dass irgendwas schlechter läuft, als ich mir vorgestellt hatte.
@sonjdol @funkvolk Und doch bist auch du überrascht 😊
@sonjdol Mit jedem Buch, jedem Essay, jedem Artikel, welche ich lese, steigt mein Bewusstsein für die Dinge die ich (noch) nicht weiß exponentiell an, eröffnet unbekannte Pfade und macht mich demütig und gleichzeitig weiter neugierig, was auf dieser Welt bereits alles entdeckt wurde und inspiriert meine Vorstellungskraft, was wohl alles noch im Nebel liegt.
@sonjdol Mich überrascht meist eher der Moment/der Anlass als die Tatsache, also z.B. habe ich zu dem Zeitpunkt oder in dem Kontext nicht damit gerechnet. Also es ist eher ein "Ach guck, wie cool, dass so zu lernen!" als ein "Ach, da hatte ich wohl eine Wissenslücke!" weil die hat man ja nun wirklich überall.
@sonjdol

Gesellschaftlich ist etwas nicht zu wissen eine Schwäche. Das ist so ein tief verankertes patriarchales Ding. Wenn Menschen überrascht feststellen, dass sie etwas nicht wussten, dann ist das doch schon ein erster Schritt. Besser als die Unwissenheit in diesem Punkt zu Überspielen, zu Leugnen oder sonstwie Ungesehen zu machen.