Lokaljournalist*in ist der beste Job der Welt. Ernsthaft. Aber es gibt Wochen, die wirklich, wirklich beschissen sind – und so eine habe ich kürzlich erlebt.

Bereit?

Ich habe lange zu einem Arzt recherchiert, der seine Praxisräume einer Querdenker-Gruppe für “Orga-Treffen” zur Verfügung stellte. Solche Recherchen sind besonders schwierig. Warum?
https://www.zvw.de/mehr-nachrichten/ostalbkreis/lorch-diente-eine-hausarztpraxis-im-ostalbkreis-als-querdenker-treffpunkt_arid-1009581
Lorch: Diente eine Hausarztpraxis im Ostalbkreis als Querdenker-Treffpunkt?

Lorch: Diente eine Hausarztpraxis im Ostalbkreis als Querdenker-Treffpunkt? - Nachrichten aus dem Ostalbkreis - Zeitungsverlag Waiblingen

Zeitungsverlag Waiblingen
Die Recherche kann sich massiv darauf auswirken, wie Menschen diesen Arzt wahrnehmen, sobald der Artikel erschienen ist. Das ist eine große Verantwortung, die man ernst nehmen muss.
Man muss bei der Recherche deshalb die Frage klären: Ist das von öffentlichem Interesse? Ich meine ja, denn die Gruppe veranstaltete pseudomedizinische “Vorträge”, auch zur lebensgefährlichen “Germanische Neue Medizin”.
https://www.krebsgesellschaft.de/media/positionen/alle-wissenschaftlichen-stellungnahmen/neue-germanische-medizin
Stellungnahme Neue Germanische Medizin

Die Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie der DKG nimmt Stellung zur Neuen Germanischen Medizin.

Ich habe den Mann also gefragt, wie das mit seiner Tätigkeit als Hausarzt vereinbar ist. Er antwortete ausweichend, ging nicht auf die Inhalte der Vorträge ein, wollte bei weiteren Anfragen die Kontaktdaten eines Vorgesetzten haben. Wild.
Ich habe alles sauber recherchiert. Ich habe die Möglichkeit geboten, Stellung zu beziehen. Ich war fair. Und trotzdem schlafe ich vor der Veröffentlichung solcher Texte schlecht. Weil ich nie ausblende, dass ich über Menschen schreibe – und dass das für sie Folgen haben kann.
Jetzt könnte man sagen, ich bin vielleicht falsch in meinem Job. Aber ich halte das für eine wichtige Sache und bin überzeugt: Ohne diese Empathie, ohne die unruhigen Nächte, wäre meine Arbeit schlechter. Aber das ist noch gar nicht der eigentliche Punkt.
Der Text erschien. Ich war währenddessen längst bei der nächsten Recherche, zum sadistischen Online-Netzwerk 764. Ich habe schon viel Schlimmes gesehen, mein Schwerpunkt ist Rechtsextremismus. Aber nichts hat mich bisher so verstört wie diese Recherche.
https://www.zvw.de/rems-murr-kreis/sie-qu%C3%A4len-kinder-treiben-sie-in-den-tod-das-sadistische-online-netzwerk-764_arid-1010760
Sie quälen Kinder, treiben sie in den Tod: Das sadistische Online-Netzwerk 764

Sie quälen Kinder, treiben sie in den Tod: Das sadistische Online-Netzwerk 764 - Nachrichten aus dem Rems-Murr-Kreis - Zeitungsverlag Waiblingen

Zeitungsverlag Waiblingen
Ich habe Videos gesehen, in denen die Online-Namen mutmaßlicher Peiniger mit Blut an Wände geschrieben waren. Ich habe von grausamsten Verbrechen gelesen, von Menschen, die Kinder in den Tod trieben. Schrecklich. Aber ich würde mir all das wieder antun.
Denn noch nie habe ich so viele Rückmeldungen bekommen, dass Menschen von dieser Gruppierung noch nie gehört hatten. Mein Artikel konnte aufklären, wachrütteln. Vielleicht im Einzelfall Schlimmeres verhindern. Und das war es wert.
Versteht mich nicht falsch: Ich habe mir das alles selbst ausgesucht. Niemand zwingt mich zu solchen Recherchen. Ich mache das, weil ich es wichtig finde, gemerkt habe, dass ich es gut kann – und aushalte, was es mit sich bringt.
Damit war die Woche aber nicht vorbei. Ich bin über die Jahre immer wieder angefeindet und bedroht worden. Das hat mein Privatleben massiv beeinträchtigt. Ich bin viel vorsichtiger geworden, mit wem ich über was spreche. Das ist sehr belastend.
https://taz.de/Rechte-Hetze-gegen-Journalisten/!5966298/
Rechte Hetze gegen Journalisten: Freiheit im Fadenkreuz

Seit Jahren wird der Journalist Alexander Roth wegen seiner Berichterstattung von Rechten attackiert. Er macht weiter – trotz Morddrohungen.

TAZ Verlags- und Vertriebs GmbH
Mein oberstes Ziel war immer: Mein Privatleben weitestgehend geheim, und die Menschen, die mir viel bedeuten, aus dem ganzen Mist heraus zu halten, der mir entgegenschlägt. Ganz ehrlich? Ich bin nicht sicher, ob das noch gewährleistet ist.
Denn am Ende der Woche, die ich gerade beschrieben habe, gab es einen Vorfall. Ich kann nicht weiter ins Detail gehen. Nur so viel: Es ging um den Arzt-Artikel. Dieser Vorfall hat mein Sicherheitsempfinden massiv beeinträchtigt. Noch mehr unruhige Nächte.
Und nun sitze ich hier und wünsche mir, dass all die Leute, die mich anfeinden und bedrohen, auch in der Lage wären, den Menschen in ihrem Gegenüber zu sehen, und nicht das Feindbild, das sie auf mich projizieren. Ein frommer Wunsch, ich weiß.
Ich will nicht jammern. Es gibt Kolleg*innen die Schlimmeres erleben – wir dürfen uns aber nie daran gewöhnen. Und vielleicht habe ich euch ein Gefühl dafür vermitteln können, was alles hinter journalistischer Arbeit steckt. Für die Dinge, die niemand sieht.

Vielleicht denkt ihr das nächste Mal daran, wenn euch ein Artikel aufregt. Ich mache jedenfalls weiter, denn wie ich am Anfang schrieb: Es ist der beste Job der Welt. Trotz allem.

Danke fürs Lesen.

@alexanderroth Danke fürs Schreiben und deine Arbeit insgesamt! Es ist ein Unding, dass du dir Gedanken über deine Sicherheit machen musst. Volle Solidarität!
@alexanderroth vielen Dank für diesen Thread, und für deine Arbeit. Und die Tatsache, dass andere gefährdet sind als du und dein Umfeld, macht es nicht weniger wichtig und schlimm und bedeutsam. Du darfst also gerne „jammern“! Außerdem ist es gar kein Jammern. Ich lese deine Links und Artikel immer sehr gerne, und esist sehr interessant, zu lesen, was du dir ringsherum für Gedanken machst. Danke dafür.
@alexanderroth
Meine Hochachtung für Deinen Mut zu diesen Recherchen. Danke! Solange Du die Kraft dazu hast und Du nicht zu sehr leidest, mache weiter im Sinne "Gemeinsam für unsere Demokratie".
Vielen Dank, lieber @alexanderroth, dass Du unseren Beruf so verantwortungsvoll ausübst und offen kommunizierst. Ich wünsche dir viel Kraft und Mut bei deiner weiteren Arbeit.
@alexanderroth Danke, dass Du uns an Deinen Gedanken teilhaben lässt und Du Deine Arbeit so Gewissenhaft machst. 🙏 Für mich wäre dieser Job von der Belastung her vollkommen unvorstellbar.
@alexanderroth Da nich' für...ich finde, dass hört (liest) sich sehr richtig an, wie du das machst.
@alexanderroth
Ganz großen Dank an dich und deine lebensrettende Arbeit. ... ❤️‍🔥
@alexanderroth
Ganz großen Dank an dich und deine lebensrettende Arbeit. ... ❤️‍🔥

Wer sich weiter informieren möchte.
Es gibt auch eine PK der GeneralStaatsAnwaltschaft Hamburg. Eltern&Schulen mögen sich bitte äußerst Sorgen machen darum/2

https://youtu.be/TrDr35d-Te0?si=6CFvoKyzZVv6wAxZ

Pressekonferenz zur Verhaftung von "White Tiger"

YouTube

@alexanderroth

Danke für deine Arbeit.
Du machst genau das, was ich unter #Quaitätsjournalismus verstehe.
Hoffentlich kannst du noch lange weitermachen. 🍀☺️

@alexanderroth
Ich glaube, Empathie und insgesamt Empfindsamkeit kann eine wichtige Grundlage für guten Journalismus sein.

Ich musste sofort an diesen Kriegsfotografen denken, über den vor ein paar Tagen im Guardian berichtet wurde: https://www.theguardian.com/artanddesign/ng-interactive/2025/oct/29/its-been-a-cesspit-really-my-life-war-photographer-don-mccullin-on-19-of-his-greatest-pictures

Danke Dir, dass Du Dich für Deine Leser:innen diesem Mist aussetzt - thematisch und den Rektionen! Demokratie braucht Menschen wie Dich!

‘It’s been a cesspit, really, my life’: war photographer Don McCullin on 19 of his greatest pictures

At 90, McCullin has spent seven decades recording conflict and tragedy – while escaping snipers, mortar fire and capture. He reflects on pain, pride and regret

The Guardian
@alexanderroth Puh, danke für deine Arbeit! Und daß du trotzdem weiter machst! 🙏🏽🍀

@alexanderroth danke, dass du Aufklärung betriebst. Das ist genau das was mir wichtig ist bei Journalismus. Es ist super, dass du empathisch bist bei der Arbeit. Das geht manchen irgendwie ab oder man sieht es nicht.

Es ist ein Unding, dass du bedroht wirst.

Kritik an Artikeln muss immer möglich sein, aber sie muss sich auf das was im Text steht beziehen. Persönliche Anfeindungen gehören definitiv nicht zur Kritik.

@alexanderroth oh man, sowas muss echt hart sein. Ich wünsche dir ganz viel kraft und danke für alles 

@alexanderroth Danke für deine Arbeit. Danke, dass du so recherchierst und dich dieser Themen annimmst. Das ist so unendlich wichtig! Und das meine ich ganz ernst.

Ich finde es höchst befremdlich, dass es Menschen gibt die Bedrohung von Journalisten und ihrer Familien ausüben und auch noch für gerechtfertigt erachten!

@alexanderroth

Danke für deine Arbeit.

Es zeigt leider erneut: Querdenker sind Terroristen!

@alexanderroth

Danke für Deinen Mut und Deine Menschlichkeit. Wie Du arbeiten viele korrekt und engagiert, so gut und so lange es geht - und ich hoffe, es wird bald wieder als das gesehen, was es ist: vorbildlich.

@alexanderroth hey, kennst du wahrscheinlich, aber falls nicht: https://hateaid.org/doxxing/

Kann dir vielleicht weiterhelfen deine Familie zu schützen. Sie bieten auch Beratung an. Siehe https://hateaid.org/ratgeber/

Doxxing: So schützt du dich und deine Daten

Doxxing ist das illegale Sammeln und Veröffentlichen von Daten anderer Personen. Was du tun kannst, wenn du betroffen bist, liest du hier.

HateAid
@alexanderroth danke für deine Arbeit.
Deine eigene Sicherheit ist auch wichtig 💜
@alexanderroth Danke, dass Du uns das aufgeschrieben hast. Dein Sicherheitsempfinden ist genau so wichtig, wie das anderer Journalisten. Ich hoffe, Du erhältst Hilfe und kannst Deine Privatsphäre schützen.
@alexanderroth Lieber Alexander, danke für dein Offenheit. Ich weiß, das macht nicht ungeschehen, was dir passiert. Aber ich hoffe wirklich sehr, du hast Unterstützung innerhalb der Redaktion und außerhalb. Danke, dass du diese Arbeit machst und das alles auf dich nimmst, um zu berichten und damit andere zu schützen.

@alexanderroth Mit Querdenkern und anderen Rechtsradikalen oder Esoterikern hast Du dann leider auch Feinde, die sehr viel Zeit in Kampagnenarbeit stecken und sich dermaßen erleuchtet/im Recht fühlen, dass sie vor kaum etwas Zurückschrecken.
Ich hoffe, Du kannst im Zweifelsfall Hilfe bekommen von Hateaid oder ähnlichen Organisationen - und Deine Redaktion steht hinter Dir.

Die Nachrichten zu dem 764-Netzwerk sind tatsächlich etwas, das ich aktiv vermeide - und da gibt es so viel nicht.
Tiefere Abgründe, als man es sich vorstellen kann - und das als Rollenspieler...

@alexanderroth Danke für deine Arbeit! <3 (Ein Argument mehr, wenn die Kinder fragen, warum sie als einzige kein Roblox und Discord haben dürfen)
@alexanderroth @BlumeEvolution Ich weiß nicht, ob du bei deiner Recherche über Dave Troy gestolpert bist. Er hat die Verbindungen von The Com recherchiert. Es ist gruselig, wie viele dieser (teilweise großen) Gruppen es gibt und wie gut die untereinander und mit der „allgemeinen“ rechtsextremen Szene vernetzt sind.
@alexanderroth Du bist nicht falsch. Empathie ist wichtig.
Wer da keine hat ist eher falsch.
@alexanderroth
Ich habe allergrößten Respekt vor Journalist*innen. Mit diesem Thread hast du mir darüber hinaus gerade 'so nebenbei' sehr geholfen. Mein Schwiegervater hat seine Diagnose noch nicht lange und die Prognose ist ziemlich fürchterlich. Heute hat er Chemo bekommen sich mit einem anderen Patienten unterhalten der genau davon erzählt hat und laut überlegte Chemo + Immuntherapie abzubrechen und auf den Mist zu hoffen. Wollte mich damit noch beschäftigen, war eher so mittel alarmiert und durch das viele was ich im Kopf habe wäre es wohl untergegangen.
@alexanderroth
Jetzt nachdem ich mich dank dir damit auseinander gesetzt habe werde ich ihn sehr eindrücklich vor dem Mist warnen und auch die restliche Familie auf die Gefahr aufmerksam machen. Erinnert mich spontan an den Hochstapler Bernd Klein a.k.a. 'Dr.' Coldwell. Vielen Dank, auch wenn das hier wohl nicht deine eigentliche Intention war hast du mir gerade sehr geholfen und dafür bin ich dir sehr dankbar!
@alexanderroth Danke für deine Arbeit. Mehr geht gerade nicht.

@alexanderroth Ich finde es verstörend, wenn gerade ausgebildete Mediziner gefährlichem Esoterik-Glauben Raum bieten (im wahrsten Sinne des Wortes hier).

Danke für Deinen Einsatz und Deinen Mut!
🙏

@alexanderroth Wenn ich mir anschaue was unsere Lokalzeitung so für rechtsbraunen Bullshit schreibt bezweifle ich die Aussage (also den ersten Satz) <.<
@alexanderroth ich finde auch die Empathie, die du ansprichst, wichtig nicht nur aber auch in deinem Job. Dass du die Möglichkeit zur Stellungnahme geboten hast, zeigt dies. Dass sie nicht genutzt wurde, du stattdessen angefeindet und bedroht wirst, zeigt, wer hier wirklich das gesellschaftliche Klima bedroht. Danke für deinen Mut, mach weiter so.
@alexanderroth
Danke für deine Arbeit.
@alexanderroth Im übrigen finde ich, dass eure Arbeit viel zu schlecht bezahlt wird.
@alexanderroth Ich habe großen Respekt vor dir und deiner Arbeit. Danke dafür und dass du trotz des Gegenwinds weiter machst!