Analog zu "This call could have been an email", mein #rp25 Talk als Mastodon-Thread. Ich beschäftige mich darin damit, wie die Milliardeneinnahmen aus Werbung Journalismus und Internet verändern.
Ich bin seit der Jahrtausendwende hauptberuflich Journalist. Als ich anfing, waren es für Verlage goldene Zeiten. Einerseits kam haufenweise Werbegeld durch Internetkonzerne und die Dot-Com-Bubble rein. Andererseits fand die Information weitgehend im Print statt, weil nur wenige Leute sich ausschließlich im Internet informierten. https://de.wikipedia.org/wiki/Dotcom-Blase
Dotcom-Blase – Wikipedia

Das hat sich seitdem enorm verändert. Zum einen kaufen immer weniger Leute Papiermedien, zum anderen wird auch weniger Werbung so verkauft.

Man sieht immer wieder verzweifelte Aktionen, um die Werbeumsätze zu retten, wie etwa hier einen Titelseite, die nur aus einer Anzeige besteht.

Als Journalist bekam ich das so zu spüren: Wo einst in jeder Pressekonferenz noch fünf bis zehn Journalisten saßen, waren es irgendwann drei oder zwei. Als Google vor ein paar Jahren seine Coalition for Better Ads vorstellte, war ich der einzige Journalist im Raum. Ein komisches Gefühl: Auf der Seite fünf Milliardenkonzerne, auf der anderen Seite nur ich. https://www.heise.de/news/dmexco-Coalition-for-better-ads-will-Adblocker-ueberfluessig-machen-3324505.html
dmexco: "Coalition for better ads" will Adblocker überflüssig machen

Ein globales Bündnis aus Werbeindustrie, Werbetreibenden und Publishern soll das Netz von den nervigsten Werbeformen befreien. Der Anfang war eher unscheinbar.

heise online
Es gibt durchaus neue Medien, die sich auf die neue Situation eingestellt und sich von vorneherein von Werbeeinnahmen abgekoppelt haben, wie etwa @netzpolitik_feed @uebermedien oder auch @Krautreporter. Aber die können allenfalls einen Bruchteil des Journalismus auffangen, der in den vergangenen Jahren weggefallen ist.
Die Geldströme sind gewaltig. Je nach Zählung werden weit über 600 Milliarden Euro allein für personalisierte Onlinewerbung ausgegeben. Für alle Werbeformen werden in Deutschland knapp 50 Milliarden ausgegeben. https://zaw.de/jahreszahlen2024_werbewirtschaft-trotzt-rezession/
Werbewirtschaft trotzt Rezession – Marktvolumen steigt um 2,2 Prozent auf 49,87 Mrd. Euro - Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft e. V.

Werbemarkt dank digitaler Erlöse leichtes Plus | 2024: Potenzial für Wachstum, Gefahr durch Überregulierung + weitere Wettbewerbsverzerrungen

Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft e. V.
Es gibt den Spruch: "Die Hälfte des Werbegeldes ist verschwendet. Wir wissen nur nicht, welche Hälfte." Den gleichen Spruch gibt es auch mit sehr viel höheren Werten. Wie viele Leute tatsächlich bin zu einer Anzeige blättern und sie betrachten, kann man nicht wirklich wissen. Und man bezahlt auch für die Exemplare, die absolut nicht der eigenen Zielgruppe entsprechen.
Onlinewerbung hat das Problem scheinbar gelöst. Statt dem ganzen gesamten Publikum die gleiche Werbung auszuspielen, kaufen Marken nur noch für die eigene Zielgruppe. Auf Websites und in Apps kein Problem: Schließlich hat man dank Werbecookies und genug Infos zur Verfügung.
Einer der wenigen Märkte, wo das Geld noch richtig floss, war Fernsehen. Der große Bildschirm ist attraktiv, die Inhalte ebenso, Leute stehen minutenlang nicht auf, wenn Waschmittel, Haribo und Autos angepriesen werden.
Doch irgendwann überholten die Einnahmen aus Onlinewerbung die TV-Werbung. Natürlich waren auch die Sender alarmiert und versuchten, den Onlinewerbemarkt für sich zu beanspruchen. Falls Ihr einen Fernseher mit Onlineverbindung habt, werdet ihr deshalb Cookiebanner im Privatfernsehen sehen.

Die Idee war: Wenn man weiß, dass die richtige Zielgruppe vor dem Fernseher sitzt, kann man etwa einen Hautcreme-Werbespot per Internet durch einen Werbespot für Rasenmäher ersetzen. Das beste zweier Welten!

Nur: Es klappte auf keiner Ebene. Die Zuschauer wollten es nicht, es gab technische Probleme und die Werbeindustrie wollte es auch nicht. https://www.heise.de/news/Personalisierte-Fernsehwerbung-4696978.html

​Personalisierte Fernsehwerbung ​

Jahrelang haben sich der TV-Werbemarkt und der Online-Werbemarkt ein Wettrennen geliefert. Mit den neuen Standards der HbbTV Asso­ciation verschmelzen beide Welten.

heise online

Damit endlich Schwung in das Geschäft kam, wartete alle Welt auf den ehemaligen DVD-Versender Netflix. Aber erst vergangenes Jahr erhörte der Streaming-Dienst das Flehen - und es war ein gewaltiger Erfolg. Inzwischen gibt es kaum noch Streaming-Services, die nicht ein preisreduziertes, werbefinanziertes Modell haben.

https://www.theverge.com/news/667042/netflix-ad-supported-tier-94-million-users-upfront-2025

Wir haben uns die Werbepausen mal angesehen: Auf den ersten Blick wirkt es relativ attraktiv, insbesondere wenn man nicht das Geld hat, Zugang zu allen Angeboten zum vollen Preis zu kaufen. Die Unterbrechungen sind bedeutend kürzer als beim klassischen Fernsehen. Noch. (Abo-Link)

https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/netflix-wow-rtl-prime-video-und-disney-wo-nervt-die-werbung-am-meisten-a-b843ea16-2f7e-4902-8379-3bda3e2ffcbd

Günstige Streamingtarife im Vergleich: Bei diesen Anbietern nervt die Werbung am wenigsten

Streaming wird immer teurer. Doch wer bei Netflix, Disney+, Wow, RTL+ oder Prime Video mit Werbung leben kann, bekommt teils deutlich günstigere Zugänge. Ist das ein guter Deal? Wir haben es ausprobiert.

DER SPIEGEL

Das bedeutet, gewaltige Geldströme verlagern derzeit ihre Richtung. Nicht nur Richtung Netflix und Co, auch zu Plattformen wie Amazon, wo Werbetreibende sich direkt in der Shopping-Plattform anpreisen können. Warum noch den Umweg über Medien machen?

(Bildadaption von https://xkcd.com/2347/, CC2.5)

Ein unmittelbares Ergebnis: Das Zeitalter der Paywalls ist da. Zwar gibt es immer noch viele werbefinanzierten Kostenlos-Informationen, aber die Werbepreise sinken und sinken. Tiefgehende Recherchen können aber im Wesentlichen nur mit anderen Geldtöpfen finanziert werden. Daher: Paywalls.

https://www.heise.de/news/Das-Zeitalter-der-Paywalls-4696357.html

Das Zeitalter der Paywalls

Die aktuelle Lage beschleunigt, was sich schon lange abzeichnete: Die reine Werbefinanzierung von Medien hat ausgedient.

heise online
Eine unmittelbare Bedrohung für Kostenlos-Portale: Per KI-Bots werden ihre Inhalte ausgelesen und auf anderen Websites nacherzählt. Ergebnis: Weniger Publikum. Man kann Inhalte immer billiger produzieren, aber irgendwann kommt man an eine Grenze. https://www.techspot.com/news/107859-cloudflare-ceo-warns-ai-zero-click-internet-killing.html
Cloudflare CEO warns AI and zero-click internet are killing the web's business model

It's been known for some time that the web is changing into the Zero-Click Internet, the name for when users no longer need to click on links...

TechSpot

Wer denkt, dass auf diese Weise wenigstens das invasive Geschäftsmodell personalisierter Werbung zurückgedrängt wird - ich sehe nur eine Verlagerung, aber kein Ende. Im Gegenteil.

https://techcrunch.com/2025/04/24/perplexity-ceo-says-its-browser-will-track-everything-users-do-online-to-sell-hyper-personalized-ads/

Perplexity CEO says its browser will track everything users do online to sell 'hyper personalized' ads | TechCrunch

Perplexity is building its own browser is to collect data on everything users do outside of its own app to sell ads.

TechCrunch

Ihr sehr in letzter Zeit viele Meldungen über juristische Erfolge für Datenschutz. Doch bei den meisten geht es schlicht darum, ob Datenverarbeitung als "berechtigtes Interesse" gelten oder eine andere Einwilligung benötigen. Die Branche hat sich schon drauf eingestellt: Zugang gibt es nur bei Zustimmung oder evtl mit "Pur-Abos".

https://www.lfd.niedersachsen.de/startseite/infothek/presseinformationen/urteil-zu-manipulativem-cookie-banner-alles-ablehnen-schaltflache-ist-ein-muss-241960.html

Dass viele Verlage wirklich keine Ausstiegsmöglichkeit sehen, sieht man an diesen Utiq-Bannern, die vermehrt ausgespielt werden, wenn ihr über Mobilnetz online seid. Zwei Cookie-Banner für eine Website, das zeigt, wie sehr man auf die Umsätze noch angewiesen ist.

Utiq mag es übrigens absolut nicht, wenn man ihr Geschäftsmodell "Super-Cookies" nennt. Aber das ist es nun mal: Apple hat vor Jahren angefangen, Cookies auf iPhones zu löschen und anders einzuschränken. Und die Mobilfunkprovider bieten sich an, diese verlorenen ID-Informationen über ihren Datenstrom wiederherzustellen.

(Abolink)

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/trustpid-die-rueckkehr-der-super-cookies-a-6ea53d94-5996-4d6b-aed5-dfb5f51ab942

Online-Werbung: Rückkehr der Super-Cookies

Bisher leiten Mobilfunkprovider den Datenverkehr ihrer Kunden weitgehend unangetastet ins Internet weiter. Vodafone und Deutsche Telekom wollen das ändern. Datenschützer sind alarmiert.

DER SPIEGEL
Um mit einem positiven Spin zu enden. Ein paar Journalisten haben vielleicht auch was davon, wie sich der Werbemarkt verändert. Aber nur, wenn sie ihre Ergebnisse ihrer Recherchen an Netflix verkaufen können.

Danke für Eure Aufmerksamkeit.

Und nun dürft Ihr "Bohemian Rhapsody" singen. #rp25

PS: Heute habe ich wieder mal gesehen, wie hoch der Verzweiflungsgrad ist. Das Äquivalent der Zeitungs-Titelseite für Anzeigenkunden: Die komplette Website wird von einer aufdringlichen Anzeige verdeckt.
Diese aggressive Form von Anzeige wird vermutlich auf viele Weise als Erfolg in den Statistiken auftauchen. Sie wird gesehen, viele Leute klicken (aus Versehen) drauf, es kommt endlich nochmal Geld rein. Aber wer soll morgen noch auf die Website gehen -- ohne Werbeblocker?
@publictorsten @marcel Ein Leben ohne Adblocker ist möglich aber sinnlos

@publictorsten
Auch pseudonymierte sind persönliche Daten, da diese Daten einer Person zugeordnet werden können (aka IP-Adressen, Autonummerschilder, etc). Und wenn diese Daten an Dritte weitergeleitet werden, bedarf dies mMn einer bewußten Zustimmung. Zudem sind weitergeleitete persönliche Daten an Dritte auch nach DSGVO auskunftpflichtig.
Ich bin auf die Argumentation der Mobilfunkprovider gespannt, wenn die diese mit einem Auskunftbegehren gemäß DSGVO konfrontiert werden und wie die LfDIs mit entsprechenden Beschwerden umgehen werden.

Ich bin selber kein Jurist, so dass ich für eine Einschätzung aus der Datenschutz- oder Juristenecke dankbar wäre.

#datenschutz #auskunftsrecht #dsgvo

@markus Mein Screenshot oben zeigt einen Zustimmungsbanner. Und die Beauskunftung läuft hierüber: https://consenthub.utiq.com/
Utiq consenthub

@publictorsten
Auch bei Zustimmung sind mMn die an Dritte weitergeleiteten Daten auskunftpflichtig.
@markus Wenn die weitergeleiteten Daten im Wesentlichen aus einer pseudonymen ID bestehen, bringt Dir das halt wenig.
@markus Ich will dich aber keineswegs abhalten, berichte gerne, was herauskommt.
@publictorsten
Auch ein nachträglicher Widerspruch und die Löschung der Daten gemäß DSGVO muss gewährleistet sein. Als verantwortlicher Datenverarbeiter muss der Mobilprovider sicher stellen, dass auch die an Dritte weitergeleiteten Daten bei diesen Dritten gelöscht werden.
@publictorsten danke dür den Übersichts-Thread. Hast du einen Überblick darüber, wie gut #tazzahlich ( @tazgetroete ) als Modell funktioniert?
@ArneBab
Die taz war da immer sehr transparent, schau mal bei denen
@tazgetroete

@publictorsten Die Zahlen der Taz kenne ich halbwegs. Was ich nicht kenne ist der Kontext: was bedeutet das eigentlich für Journalistische Möglichkeiten?

https://taz.de/taz-zahl-ich-im-April-2025/!vn6089302/

(ich bin seit etwa 15 Jahren dabei)

@tazgetroete

taz zahl ich im April 2025: 30 Jahre taz im Netz – dank euch frei zugänglich

Unsere Community wächst: 631 neue Unterstützer:innen im April – taz.de bleibt so frei wie seit 30 Jahren!

TAZ Verlags- und Vertriebs GmbH
@ArneBab
Das klingt nach beeindruckend guten Zahlen, schön für die taz. Allerdings kann ich es im Kontext von Vertriebserlösen oder Berliner Mieten nicht einsortieren.
@tazgetroete
@ArneBab
Ich vermute: Das gibt journalistische Möglichkeiten, aber es reicht halt bei weitem nicht für Vollversorgung.
@tazgetroete

Interessant: Nun hat die Deutsche Telekom auch ihre Breitbandverbindungen an Utiq geknüpft. Wenn ihr Cookies löscht, können sie so wieder aufgespielt werden.

https://consenthub.utiq.com/pages/privacy-statement

@publictorsten Ich habe tatsächlich einen jährlichen Reminder für das OptOut, der gerade angesprungen ist. Breitband ging, aber Telekom-Mobilfunk nicht. Bin noch am Suchen woran das liegen könnte.

@publictorsten Eine Statistik, die mitschreibt, wieviele Nutzer:innen danach die Zeit Online GmbH verklagt haben, wäre praktisch...

(SCNR)