In der Debatte zum Bürgergeld wird scheinbar etwas wichtiges verkannt: Sie wird nicht von falsch kommunizierten Fakten getrieben sondern von Missgunst in weiten Teilen der Bevölkerung.

Deshalb werden auch Erklärungen und Beiträge mit Fakten die Diskussion dazu oder die Einstellung eines signifikanten Teils der deutschen Gesellschaft nicht beeinflussen.
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Emotionen lassen sich kaum mit Fakten beeinflussen und so erzielen auch Medienbeiträge wie „Wie viele Totalverweigerer es wirklich gibt“ auch nicht die erhoffte Wirkung und sind am Ende nur „Preaching to the choir“.

Es geht auch nicht darum, dass Teile der Bevölkerung Angst hätten sie bekämen jetzt weniger: Denn während der Neider das Objekt eines anderen besitzen möchte, besitzt es der Missgünstige schon und gönnt es seinem Nachbarn nicht.
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Wie Neid und Missgunst die „Meinung“ eines grossen Teils der Bevölkerung beeinflusst sieht man nicht nur beim Bürgergeld sondern auch an anderen Stellen, wie zum Beispiel beim Thema Flüchtlinge: Bezahlkarte, Leistungskürzungen für „Dublin-Flüchtlinge“ etc.

Wobei Neid nicht grundsätzlich negativ ist, denn es kann auch Antrieb und Motivator sein. Im Sport zum Beispiel, oder im Beruf.
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Auch spielt das Selbstwertgefühl wohl eine wichtige Rolle. Es heisst ja oft, dass Neidern die Kraft oder Fähigkeit zur Bewunderung fehlt. Menschen mit stabilem Selbstvertrauen können akzeptieren, dass andere etwas haben was einem selbst fehlt.

In dem Zusammenhang habe ich schon lange den Eindruck, dass negativer und destruktiver Neid aber vor allem auch Missgunst bei uns in Deutschland in der Gesellschaft weiter verbreitet sind als in vielen anderen Ländern.
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Es wirkt auf mich so, als würde sich das auch stärker nach dem vermeintlichen Gesellschaftlichen „Stand“ richten: Die Redewendung nach unten Treten und nach oben buckeln kennt vermutlich jeder. Man muss nicht mal Empfänger von Bürgergeld oder Flüchtlinge als Beispiel heranziehen. Welchen „Stand“ haben in den Gedanken vieler unserer Mitmenschen die Mitarbeiter an der Supermarkt Kasse oder Putzkräfte am eigenen Arbeitsplatz und wie wird mit ihnen umgangen?
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Das unsere Gesellschaft immer weiter nach Rechts driftet und dabei über Bürgergeld und Flüchtlinge „debattiert“ wird ist u.U. kein Zufall. Der Historiker Daniel Logemann beschreibt Neid und Missgunst als Teil des Herrschaftsprinzips der Nazis:
https://www.stiftung-gedenkstaetten.de/en/reflexionen/reflexionen-2022/neid-und-missgunst-als-herrschaftsprinzip
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Neid und Missgunst als Herrschaftsprinzip. - Buchenwald and Mittelbau-Dora Memorials Foundation

Daniel Logemann geht vor dem Hintergrund einer durch den Einsatz von Zwangsarbeiter:innen immer diverseren deutschen Gesellschaft und einer rassistischen, Kontakt unterbindenden Gewaltherrschaft der Frage nach, ob dennoch von einem transnationalen Geflecht mit Praktiken, die den Herrschaftsanspruch der Nationalsozialisten unterliefen, gesprochen werden kann

Buchenwald and Mittelbau-Dora Memorials Foundation

Noch ein paar Zitate und Links als Leseempfehlungen:

Im Kontext der NSU Morde:
»einte diese 7 Männer für die mutmaßlichen TäterInnen allein, dass sie nicht urdeutsch-mischblond aussahen? Dass sie wie Ausländer gesehen wurden, die im Inländischen verschwinden sollten, und sei es um den Preis ihrer Auslöschung? Naheliegenderweise: auch das.
Aber auffällig ist ... dass die Opfer sehr wohl etwas gemeinsam haben, das über die ethnische Wahrnehmung weit hinausgeht:
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Es waren keine zufällig in einer Caystube sitzenden Männer, keine Erols und Ahmeds, die irgendwo flanieren - sondern Handwerker und Kleinunternehmer. Und zwar dort, wo sie arbeiten.
Orte wie Frisör- und Gemüseläden symbolisieren aber mehr als Migration. Wer diese betreibt, arbeitet extrem hart und fleißig an der eigenen bürgerlichen Existenz. Der will es in der neuen Heimat unbedingt schaffen ... .
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Zehntausende MigrantInnen leben diesen bürgerlichen Traum vom Aufstieg durch Fleiß und Strebsamkeit. Das allein müsste allen, die diesen knochigen Weg des Ankommens und Existenzsicherns allein müsste allen, die diesen knochigen Weg des Ankommens und Existenzsicherns nie gehen mussten, Respekt abnötigen, mindestens.
Von den 3 mutmaßlichen MörderInnen aus Thüringen ist nicht überliefert, dass sie mit Ehrgeiz und Fleiß aus ihren Leben etwas Anständiges machen wollten.«
https://taz.de/Deutsche-Tugenden/!5107103/
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Deutsche Tugenden: Neid, Missgunst, Hass

Die Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" arbeiteten als Migranten in harten Jobs an ihrer Integration. Von ihren Mördern lässt sich das nicht sagen.

»Sind die Deutschen ein Volk von Neidern? Einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zufolge liegt diese Einschätzung nahe. Von rund 2000 befragten Bundesbürgern gab fast ein Viertel (23,1 Prozent) an, neidisch zu sein, wenn es anderen Menschen deutlich besser geht als ihnen. 61,8 Prozent bekundeten, beim Blick auf gewisse Vorteile anderer Menschen gelegentlich Neid zu empfinden.
...
Neid kränkt. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen.
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Tatsächlich verursacht das nagende Gefühl Magenschmerzen, Herzrasen und Schlafstörungen. Mehrere Studien konnten zudem eine signifikante Korrelation zwischen Neiddisposition und Depressivität aufzeigen. Je stärker die Neigung, Neid zu empfinden, desto geringer die Lebenszufriedenheit und desto weniger erleben Betroffene Glück.«
https://www.aerztezeitung.de/Panorama/Der-Neid-frisst-seinen-eigenen-Herrn-312392.html
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Buchtipp : Der Neid frisst seinen eigenen Herrn

Er kann menschliche Existenzen zerstören: Der Neid ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Warum eigentlich? Ein Buch aus dem Springer Verlag liefert Antworten.

Springer Medizin Verlag GmbH, Ärzte Zeitung
»Neid schlägt hingegen oft denen entgegen, die selbst nicht so viel haben. Wütende Kommentare und Hetzseiten in den sozialen Netzwerken zeugen davon, dass einige den Bedürftigen selbst die kleinsten Zuwendungen missgönnen. So würden Asylbewerber oder Hartz-IV-Empfänger angeblich auf Kosten der Allgemeinheit ein schönes Leben führen. Dass die entsprechenden Sozialleistungen nur ein Existenzminimum abdecken, scheint dabei unerheblich zu sein.«
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»Mitunter kann der Neid auch bizarre Konsequenzen nach sich ziehen. … Jeweils vier Spieler gleichzeitig konnten verschieden hohe Geldbeträge auf das Ergebnis eines Zufallsgenerators bieten. Doch einige von ihnen wurden künstlich bevorteilt: ... offenkundig zum großen Ärger der übrigen Spieler.

Doch konnten diese sich anschließend rächen. Ein Knopfdruck genügte, um den Kontostand ihrer Mitspieler heimlich abzusenken. Dafür mussten sie allerdings eine Provision abtreten.
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Dennoch nutzten zwei Drittel der Versuchspersonen dieses Angebot – und das, obwohl sie dafür ihr ohnehin schon knapperes Budget schmälern mussten. ... So entstand eine Lose-lose-Situation: Lieber gingen die Teilnehmer mit weniger Geld in der Tasche aus dem Versuchslabor, als den anderen einen höheren Gewinn zu gönnen.«
https://www.spektrum.de/news/psychologie-warum-wir-neidisch-sind/1571020
https://web.archive.org/web/20190503114530/https://www.spektrum.de/news/psychologie-warum-wir-neidisch-sind/1571020
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Die Kirschen in Nachbars Garten

Geld, Erfolg, Glück in der Liebe – wenn jemand besser dran ist als wir, werden wir schnell gelb vor Neid. Warum müssen wir unsere eigenen Leistungen immer an denen anderer messen?

Spektrum.de

»"Der Neid wird systematisch bewirtschaftet. Das heißt, er wird auch künstlich erzeugt durch Werbung, durch Marketing: ‚Das kannst Du auch haben!“ Es lohnt sich, da genauer hinzugucken, das auch zu hinterfragen. Auch mit sich selber ins Gericht zu gehen: Warum bin ich eigentlich, worauf vor allem bin ich neidisch? Auf materielle Dinge, auf ideelle Dinge …“«

»Wir sind neidisch auf den Nachbarn, der das größere Auto hat oder das schönere Haus ... .
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Wir sind weniger neidisch auf die ganz Reichen, da ist der Abstand eigentlich zu groß, mit denen vergleichen wir uns selten. Wir vergleichen uns meistens mit Leuten aus unserer Gruppe, mit Kollegen, mit Nachbarn, mit Freunden.
...
„Gerade in Demokratien ist der Neidfaktor sehr groß. In der ständischen, alten Gesellschaft war der Bauer nicht neidisch auf den König oder auf den Adligen, das hat sich einfach verboten, das war gar nicht denkbar, dass er da hinkommen könnte.
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Aber in der Demokratie, in der wir alle die gleichen Chancen haben (sollten), ist der Neid natürlich ein wichtiger Antrieb für viele Menschen. Eigentlich ist das das Wesen der Demokratie: jeder hat die gleiche Chance, es gibt einen offenen Wettbewerb um den Zugang zur Macht, aber auch auf Wohlstand und andere Dinge.«
https://www.deutschlandfunkkultur.de/missgunst-statt-bewunderung-100.html
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Missgunst statt Bewunderung

Von Gregor dem Großen, einst Papst der römisch-katholischen Kirche, sagt man, er habe ihn zusammengestellt: jenen Katalog der sieben hauptsächlichen Laster, denen ein Mensch verfallen kann, als da sind: Hochmut, Habgier, Zorn, Wollust, Völlerei, Trägheit und Neid. Das Gefühl des Neides erwächst aus der Tatsache, dass Menschen soziale Wesen sind und ihr Leben mit dem Leben anderer Menschen vergleichen.

Deutschlandfunk Kultur

In Zusammenhang von Demokratie und Chancengleichheit in der Gesellschaft:
»Das Maß an demokratischer Unlust in den deutschen Wahlkämpfen fällt im Kontrast zu vier Tagen Dauerhoch in den USA besonders auf. In den USA war Politik schon immer mit mehr Show und Pathos verbunden als in Deutschland – aber es steckt mehr dahinter. ...

In Deutschland gibt es nur eine Partei, die das um sich herum versammelt, was sich wohl am ehesten als leidenschaftliche Anhängerschaft beschreiben lässt: die AfD.
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Eine dieser klassischen AfD-Erzählungen: Wenn es in Deutschland keine Migranten mehr gibt, werden alle unsere Probleme gelöst sein. Auch Trump verkündet bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass er „Millionen“ Migranten „deportieren“ werde, wenn er gewählt ist. Dann würde es den USA endlich wieder gut gehen. Es sind für viele Menschen überzeugende Erzählungen. Und hier liegt der Unterschied zwischen Deutschland und den USA:
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In Deutschland gibt es keine demokratische Gegenerzählung. In den USA schon.

Auf dem demokratischen Parteitag in Chicago bezogen sich fast alle Rednerinnen und Redner auf diese Grunderzählung der Vereinigten Staaten: E pluribus unum. Aus vielen eines. Nach dieser Erzählung gehören alle Menschen zu diesem Staat, egal, wo sie herkommen, wen sie lieben, an wen sie glauben. Die frühere First Lady Michelle Obama betonte in ihrer Rede die persönliche Geschichte der Präsidentschaftskandidatin:
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Die Mutter von Kamala Harris zog mit 19 Jahren von Indien in die USA, weil sie „an das Versprechen dieses Landes“ glaubte, so Michelle Obama. Als „Amerikas zentrale Erzählung“ beschrieb auch der ehemalige US-Präsident Barack Obama in seiner Rede in Chicago „die Erzählung, die sagt: Wir sind alle gleich erschaffen“.

Für deutsche Ohren klingt das möglicherweise allzu pathetisch; das mag es sein.
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Und dennoch macht es einen Unterschied, ob es Stimmen in der Politik gibt, die an das erinnern, was sein kann. Was erstrebenswert ist. Nämlich die Verbundenheit untereinander zu erkennen und sich nicht durch das blenden zu lassen, was Menschen vermeintlich trennt. Hört man zu, welche Erzählungen den deutschen Wahlkampf dominieren, möchte man sich derweil die Ohren zuhalten.«
https://www.sueddeutsche.de/kultur/wahlkampf-usa-sachsen-deutschland-politik-trump-lux.Ae6Yebqvfo4nwyJBS8jKdH

Die USA haben viele Probleme, aber der Beitrag sollte uns zu denken geben.
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Politische Kultur in Deutschland: diesem Land fehlt die Freude

Der deutsche Wahlkampf ist ein Zeugnis demokratischer Unlust. Ob nach Solingen oder bei Themen wie Migration oder Bürgergeld – immer werden Menschen zu Gegnern gemacht. Das nützt nur den Autoritären.

Süddeutsche Zeitung
PS Nr 1:
»Die Pandemie war von Anfang an auch ein Charaktertest für die Gesellschaft. Kurz vor dem Ziel drohen die Deutschen krachend durchzufallen. Für die Impfpriorisierung hat der kleine Vorrat an Solidarität gerade so gereicht: Die Alten, Kranken und beruflich besonders Gefährdeten sollten zuerst vor dem Virus geschützt werden. Den 2. Schritt, der sich aus der Priorisierungsierung fast zwingend ergibt, wollen viele nun nicht mehr mitgehen.
23/22

Klar, die Schwachen sollen nicht auf der Intensivstation landen, schneller im Biergarten aber bitte auch nicht. Überspitzt gesagt, lautet die Botschaft an die Geimpften: Wir lassen euch überleben. Nur, jetzt übertreibt es mal nicht mit dem Spaß. Zumindest nicht, solange wir anderen so traurig zu Hause sitzen.

Hauptsache, alle sind gleich, vor allem im Elend. Das fühlt sich leider sehr deutsch an.«
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»Einen Großteil der Verantwortung für die neue Neiddebatte trägt die Politik. ... Erst werden zu wenige Menschen zu langsam immunisiert – jetzt wird diese kleine Gruppe auch noch gegen die frustriert wartende Mehrheit ausgespielt ... .«
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/coronavirus-warum-der-deutsche-impfneid-so-gefaehrlich-ist-leitartikel-a-8533165f-0002-0001-0000-000177330628
https://archive.is/ZLm8T
Charaktertest für die Nation: Impfneid ist typisch deutsch

Die Deutschen missgönnen Geimpften die Freiheitsrechte. Und die Politik traut sich mal wieder keine klare Entscheidung zu. Das ist beschämend – und gefährlich.

DER SPIEGEL