Dann ist da die interkulturelle Komponente. Auf den Fähren treffen Schweden und Finnen aufeinander. Zwei Länder mit wechselvoller gemeinsamer Geschichte, unterschiedlichen Ideen, Vorurteilen. Das kann auch schon mal clashen.
Auf der anderen Seite sind die Fähren ein seltener echt zweisprachiger Ort. Finnland hat zwar zwei Amtsprachen, Finnisch und Schwedisch, aber die meisten Orte sind entweder-oder (wobei Finnisch klar überwiegt). An Bord sind beide Sprachen dagegen komplett gleichberechtigt.
Auch das sind die Schwedenfähren: Ältere Paare, die zu melancholischer finnischer Musik tanzen, gespielt von oft erstaunlich guten Bands. Das sind die Momente, die mir ans Herz gehen und wo ich denke: hier bin ich richtig.
Also, wer sich mal fühlen möchte wie in einem Film von Aki Kaurismäki, sollte nach diesen Orte auf der Fähre Ausschau halten.
Und so ging es mit meiner Reise weiter. Mein Zug aus Stockholm endete vorzeitig in Malmö. Also schnell vom Kopfbahnhof zum unterirdischen Bahnhofsteil gewechselt und in den erstbesten Öresundståg nach Kopenhagen gehüpft. Leider hat dieser Verspätung und ist proppenvoll, mit meinem Anschluss in Kopenhagen wird es eng.
Aber first things first: Hallo Europa 👋
Von der Fahrt nach Odense kriege ich nichts mit, weil ich für meine Follower auf Mastodon einen Reise-Thread schreibe 🙃 Ein Dänemark-Klischee-Bild gelingt mir aber doch.
Moment mal, Odense? Warum eigentlich Odense…?
Natürlich hätte ich die Wartezeit auf den EC nach Hamburg auch in Kopenhagen rumbringen können. Aber das ist ja langweilig. Ich versuche immer, die Gelegenheit zu nutzen, anderen Orten in Dänemark einen kurzen Besuch abzustatten.
Im Moment steht Odense hoch bei mir im Kurs. Nettes Städtchen! Außerdem gibt es im Bahnhof ein Thai-Buffet, wo man unkompliziert und lecker essen kann 😋
An mir ist gerade ein tschechischer Speisewagen vorbeigefahren.
It‘s so European, I can’t take it!
Brückenzeit in #Rendsburg.
Jetzt muss ich an Kapitän Ingo Drewes und seine Henneke Rambow denken und habe die Musik von Penguin Cafe Orchestra im Ohr: https://youtube.com/watch?v=Sr1CF02GCEA
Schulausflug zu meiner Zeit:
„Wie viel Korn muss ich mir unter die Cola mischen, damit es richtig schön ballert aber ich mich nicht sofort übergeben muss?“
Schulausflug heute:
„Nee, sorry, ich kann leider am Wochenende nicht, weil am Mittwoch haben wir Test in Biologie und ich will unbedingt eine Eins schreiben damit ich eine Eins auf dem Zeugnis habe.“
Oh, dich gibts ja wirklich!
Schon ziemlich schick, muss ich sagen. Auslastung sah nicht so doll aus, gerade im Schlafwagen. Muss auf jeden Fall irgendwann mal getestet werden.
Und da ist mein Heim für die Nacht, der ÖBB Nightjet von Hamburg nach Zürich! Ich habe Glück, mein Liegewagen entpuppt sich als modernisierter „Liegewagen comfort“. Gefällt mir gut, sieht toll aus und scheint solide gearbeitet.
Am Hauptbahnhof steigen dann noch ein Schweizer Pärchen und ein Hamburger auf dem Weg ins Baskenland zu. Wir unterhalten uns über Reisen, Sprachen und den ganzen Rest bis uns die Augen zufallen. Sehr angenehme Reisebegleitung!
Und damit Gute Nacht für heute 😴
Schnelle Eindrücke von der Nacht im Liegewagen comfort ehe mir das Internet ausgeht.
Erstmal: Es sieht großartig aus und es macht absolut Freude in Mitteleuropa endlich in einem zeitgemäßen Nachtzug-Wagen fahren zu können! In der Praxis aber auch ein paar Schwächen.
- Die Betten sind bretthart. Muss man mögen. Ich komme damit klar.
- Es wurden keine Keycards ausgegeben und auch nicht darauf hingewiesen, dass man von innen zusperren muss. Unser Abteil war praktisch die ganze Nacht offen.
- Es gibt dieses moderne Bedienpanel. In der Praxis hatten wir aber das Gefühl, dass die Temperatur komplett random ist. Erst war es zu kalt, dann zu warm. Einmal roch das Abteil komplett nach verschmorter Bremse.
- Die Lüftung läuft permanent auf Hochtouren und lässt sich nicht regulieren. Wir sind alle etwas verschnupft aufgewacht und es ist dadurch auch recht laut.
- Es gibt nur einen dünnen Hüttenschlafsack, eine dünne Decke zum Drüberlegen und ein winziges Kissen. Da war man arg sparsam.
Mir wurde die Bettwäsche geklaut, über 2 Stunden vor dem Zielbahnhof. Der gemütliche Teil der Fahrt ist damit vorbei.
Schade, hier verschenken die ÖBB mit aus Reisendensicht nicht nachvollziehbaren organisatorischen Abläufen viel von dem großartigen Potential, das diese Wagen bieten.
Um kurz nach 10 Uhr pünktliche Ankunft in Zürich. Cool, mal wieder an so einer europäischen Eisenbahndrehscheibe zu sein!
Hier treffe ich @AufGleis13, der mir freundlicherweise die Dusche seiner WG zur Verfügung stellt (sehr nötig nach 1,5 Tagen auf Schiene) und mir eine Mini-Tour durch Zürichs S-Bahn-Netz gibt.
Und dann ist Zeit für das Hochamt: Mit @AufGleis13 fahre ich nach Basel und wir setzen uns direkt in den #Speisewagen. Endlich, endlich komme ich dazu, Gehacktes mit Hörnli und Apfelmus zu essen. Es schmeckt phantastisch, und auch das alkoholfreie Feldschlösschen dazu ist lecker 😋
Ping @diningcar
Und dann steige ich am Badischen Bahnhof in den letzten Zug zum eigentlichen Ziel dieser Reise: Freiburg. Der ICE 4, der mich nach Freiburg bringt, ist es toller Zug. Modern, Speisewagen, Fahrradplätze, gute Beleuchtung und eine unglaubliche Laufruhe.
Wandfensterplätze gibt es trotzdem, so muss ich mir den Blick auf den Schwarzwald denken.
Warum ich hier bin: Ich wurde von den Grünen Freiburg zu einer Podiumsdiskussion über Nachtzüge in Europa eingeladen. Es ist eine tolle Veranstaltung: gut vorbereitet und ich fühle mich unheimlich wohl und willkommen. Die Folge: Ich bin gut drauf und mache, glaube ich, ein paar gute Punkte zu den Themen Kapazität und Preis.
Leider muss ich vorzeitig aufbrechen, um den letzten Zug Richtung NRW zu erwischen.
Eine Tram bringt mich zurück zum Bahnhof, dort rollt bald ICE 100 mit Fahrtziel Berlin ein, ein DB-„Nachtzug“. Nach einem langen, aber tollen Tag mit vielen Begegnungen gönne ich mir noch mal #Speisewagen. Es gibt vegetarisches Chili, alkoholfreies Weizen und Brownie zum Nachtisch. Sehr nette Bedienung. Bordgastronomie bei der DB ist in den letzten Jahren richtig gut geworden.
Damit lasse ich diesen Thread enden. Es geht nun kurz zur Familie. Ab Montag heißt es dann: Auf nach Frankreich! 🇫🇷
Hat sich die weite Reise nach Freiburg gelohnt?
Ganz klar: ja!
Bevor ich aufbrach, war ich mir nicht sicher, ob ich noch Freude daran habe, über das Zugreisen zu berichten. Kleine Lebenskrise. Habe mich gefragt, ob ich nicht auf dem Holzweg bin und meinem Leben besser eine andere Ausrichtung geben sollte.
Durch diesen Thread aber habe ich gemerkt: Doch, ich habe noch Lust. Und auf der Bühne in Freiburg bekam ich das Gefühl, dass ich was zu sagen habe und Leute mir zuhören.
Ich weiß aber auch, dass ich meine Mittel noch mal überdenken muss.
Die Ziele, die ich mir mit der @zugpost stecke, erreiche ich regelmäßig nicht. Der Anspruch an mich selbst ist so groß, dass ich regelmäßig scheitere. Ich schaffe nie das, was ich mir vornehme und renne meinen Zeitplänen hinterher. Ich sehe immer nur das, was ich *nicht* schaffe. Auf Dauer ist das meintal eine extrem kräftezehrende Situation.
Ich bin die nächsten zwei Wochen bisschen unterwegs. Ganz klassisches Interrailing ohne konkretes Ziel, nur mit ein paar vagen Ideen im Kopf.
Ich hoffe, dabei finde ich meine Motivation zum Schreiben wieder und vielleicht auch ein Konzept, was etwas besser zu meiner Persönlichkeitsstruktur passt und mir nicht nur Stress, sondern auch Freude bereitet.