Und dann taucht da plötzlich knapp 10 km vor #Rerik, eine 970 m lange und offenbar 11.000 Jahre alte Steinmauer in der #Ostsee auf ...

https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/rostock/Sensationsfund-in-der-Ostsee-11000-Jahre-alte-Mauer-vor-Rerik,ostseefund100.html via @NDR

Sensationsfund in der Ostsee: 11.000 Jahre alte Mauer vor Rerik

Forscher haben in der Ostsee vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns eine Steinreihe entdeckt. Sie glauben, dass es sich um eine 11.000 Jahre alte Mauer handelt, die für die Rentierjagd errichtet wurde.

English press release by Leibniz-Institut für #Ostseeforschung Warnemünde IOW via @idw_online:

https://idw-online.de/en/news828496

Traces of Stone Age hunter-gatherers discovered in the Baltic Sea

Original study:

J. Geersen et al., A submerged Stone Age hunting architecture from the Western Baltic Sea, PNAS 121(8), 2024. 🔓

https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2312008121

Um das noch mal ein bißchen einzuordnen: Das ist nicht einfach ein Haufen alter Steine, der da irgendwo am Meeresgrund herumliegt, sondern eine fast 1 km lange und bis zu 1 m hohe gebaute Struktur! 🪨🪨🪨
Ähnliche Bauten sind auch aus anderen Regionen bekannt - Steinzeitjäger konnten mit ihrer Hilfe die Zugwege von Tierherden "umleiten", in die Enge treiben und dann in der Gruppe erlegen. Angesichts der Datierung nach der letzten Eiszeit wäre hier z.B. die Rentierjagd denkbar. 🦌
Mit Hilfe der ermittelten heutigen Tiefe der Ostsee an dieser Stelle und der Untersuchung von Sedimentproben konnte das Alter der Mauer auf das Ende der letzten Eiszeit eingeengt werden, bevor der Meeresspiegel anstieg - vor gut 11.000 Jahren.
Die Gesamtbevölkerung Nordeuropas wird in dieser Zeit auf gerade einmal 5.000 Individuen geschätzt. Und ein paar davon haben hier vor Rerik eine Rentierfalle gebaut - die uns noch heute von ihnen erzählt. 🙌

Weil die Frage aufkam, inwiefern denn so ein kleines Mäuerchen als #Jagdfalle dienen könne ...

Man kann sich das ganz ähnlich der bekannten #DesertKites ("Wüstendrachen" - nicht wie das Fabeltier 🐉, sondern das Fluggerät 🪁) vorstellen:

https://www.atlasobscura.com/articles/kites-of-the-middle-east

The Middle East Is Dotted With Thousands of Puzzling Kite-Shaped Structures

Some of them are comparable in size to the famous Nazca Lines in Peru.

Atlas Obscura
Diese "Drachen" sind insbesondere aus der Luft gut auszumachen (und hier kann man auch erkennen, woher sie diesen Namen haben) - und seit den 1920er Jahren immer wieder von Piloten aus Wüstenregionen z.B. zwischen Ägypten und Irak gemeldet worden.

Schon in ihrer "Wilderness of Zin" (1914-15) hatten Woolley und Lawrence (ja, "von Arabien") solche Mauern notiert - fanden deren Funktion aber "mysterious" ...

In der Forschung kreist die Diskussion seither um eine Deutung als Jagdfallen oder Viehpferche:

https://sryahwapublications.com/journal-of-zoological-research/pdf/v2-i4/2.pdf

Jüngere Untersuchungen stützen allerdings immer stärker den Jagd-Aspekt dieser Anlagen, vor allem wegen der beachtlichen Zahlen von Gazellenknochen, die im Kontext solcher Kites gefunden wurden:

https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2022/09/spektakulaere-wildtierfallen-aus-der-steinzeit-entdeckt

Wüstendrachen: Spektakuläre Wildtierfallen aus der Steinzeit

Archäologen der Oxford University sind in Saudi-Arabien auf hunderte steinzeitliche Fallen gestoßen – sogenannte Wüstendrachen. Sie umfassen mehrere Kilometer und werfen Fragen zur Vernetzung der damaligen Bevölkerung auf.

National Geographic

Detaillierte Ausgrabungen konnten nachweisen, dass die kleineren "Zellen" um die größere Einfriedung am Ende der langen "Führungsmauern" offenbar (wirklich tiefe) Gruben waren. Fallgruben, um genau zu sein:

https://www.nationalgeographic.com/adventure/article/desert-kites-out-of-eden-walk-uzbekistan-iron-age-saiga

Giant ‘Arrows’ Seen From Space Point to a Vanished World

In the remote heart of Asia, ancient hunting traps hint at ghostly animal herds and boundless human appetites.

National Geographic

Diese Fallen scheinen ziemlich effektiv gewesen sein. An einigen Kites summieren sich die Gazellenknochen in einer Größenordnung, die regelrechte Massentötungen von bis zu 400 (oder mehr) Tieren vermuten lassen, wenn ganze Herden in die Einfriedungen umgeleitet wurden.

https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1017647108

Der in meinen Augen faszinierendste Aspekt dieser gigantischen Jagdfallen ist der mit deren Errichtung, vor allem aber Planung verbundene Aufwand. Diese langen Mauern und Einhegungen aus der Luft zu bewundern ist eine Sache, sie über Kilometer am Boden zu verfolgen eine ganz andere ...
Es gibt in der Tat zeitgenössische bildliche Darstellungen solcher Desert Kites, die Aufschluss darüber geben können, wie detailliert diese Anlagen geplant wurden. Mitunter finden sie sich gar in unmittelbarer Nähe bekannter Kites und lassen sich so einzelnen Merkmalen zuordnen.

Einige solche Darstellungen aus dem heutigen Syrien finden sich z.B. bei P.-L. van Berg et al. in Paléorient 30(1), 2004 zusammengestellt:

https://www.researchgate.net/publication/251028870_Desert-kites_of_the_Hemma_Plateau_Hassake_Syria

Viele weitere sind u.a. auch aus Jordaniens "Black Desert" bekannt, G. Rollefson et al. haben einige davon im Journal of Epigraphy and Rock Drawings 2, 2008 publiziert:

https://www.researchgate.net/publication/288009394_Images_of_the_environment_Rock_art_and_the_exploitation_of_the_badiah

Zwischennotiz: Der Blick ins Feldtagebuch verrät, dass auch wir während der 2017er Jawa Hinterland Expedition in der jordanischen Wüste über ein ganz interessantes Felsbild gestolpert sind, das ebenfalls in diesem Kontext zu verstehen sein dürfte ...

Und dann gibt es noch diese von G. L. Harding in Antiquity 28, 1954 veröffentlichte Zeichnung, die das Jagdgeschehen hübsch illustriert.

Die safaitische Inschrift könnte ein Datierunsghinweis sein, aber wie immer bei Felsbildern gilt: It's complicated.

Und wem das immer noch nicht reicht, der oder dem sei die fantastische Zusammenstellung von Rémy Crassard und Kolleg:innen im Journal of Archaeological Method and Theory 22(4), 2015 ans Herz gelegt:

https://hal.science/hal-01829329/document

Zusammen mit dem obligatorischen Hinweis auf das #GlobalKites project, das sich dem Phänomen mit globaler Perspektive (bisher: Saudi Arabia, Jordan and Syria, up to Armenia, and Kazakhstan) nähert und beispielsweise eine interaktive Karte zu solchen Anlagen bereithält:

www.globalkites.fr

Um den Bogen zur ursprünglichen Meldung über den jüngsten Fund in der Ostsee zurückzuschlagen, sind durchaus Varianten denkbar, denn im Gegensatz zu den "Wüstendrachen" könnten sich die Jäger hier z.B. zusätzlich auch Landschaftsmerkmale wie See- und Flussufer oder Furten zunutze gemacht haben.