Die Mehrausgaben der vergangenen Jahre aufgrund der Pandemie müssen irgendwie aufgefangen werden. Insofern scheint es logisch, dass jetzt erstmal gespart werden muss. Klar. Im Falle der Kürzungen bei Demokratie-Förderprojekten halte ich das allerdings für enorm kurzsichtig.

Nach Plänen von Innenministerin Nancy Faeser (SPD) soll die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) demnächst auf 1/5 ihrer Mittel verzichten.

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeszentrale-fuer-politische-bildung-ampel-will-drastisch-sparen-a-46082b60-5f93-4911-a383-ba6ad13b7ab2

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Haushalt: 20 Millionen Euro weniger – Ampel will bei Bundeszentrale für politische Bildung sparen

Die Bundeszentrale für politische Bildung soll die Demokratie in Deutschland stärken. Doch ausgerechnet in Zeiten des AfD-Aufschwungs plant die Bundesregierung, dem Institut rund ein Fünftel des Etats zu streichen.

DER SPIEGEL

Das Bundesjustizministerium unter Marco Buschmann (FDP) will zudem die Förderung des Projekts @hateaid der @amadeuantonio einstellen. 600.000 Euro sollen so gespart werden.

In Zeiten, in denen die Demokratie so akut gefährdet ist wie selten, sollen also dringend notwendige Mittel gestrichen werden, die nicht nur kostenlos oder zumindest kostengünstig Bildung bereitstellen.

Nein, es werden auch Mittel gestrichen, die der Unterstützung derjenigen dienen, die unsere Demokratie verteidigen. 2/x

Und das sind vor allem diejenigen, die schon jetzt am eigenen Leib erfahren müssen, was es bedeutet, wenn eine Demokratie erodiert. Die sich schon jetzt nicht mehr auf den ihnen zustehenden juristischen Schutz verlassen können.

Wenn die Bundesregierung an diesen Projekten spart, gibt es zwei Möglichkeiten: a) sie werden eingestellt oder b) es wird Privatsache der Bevölkerung sich aus eigener Tasche darum zu können. Ihr ahnt es: Eigenverantwortung.

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Und das gilt nicht nur für Demokratieförderung an sich, sondern eben auch für Bildung, Pflege, im Prinzip alles, was eine Gesellschaft sozial zusammenhält.

Wie der Markt das regelt, erleben wir grade auf vielen Ebenen. Genau. Gar nicht. Oder besser: Zu ungunsten derer, die nicht genügend Geld haben, sich den ganzen Bumms privat zu leisten.

Wenn man jetzt noch hinzuzieht, was Wissenschaftlerinnen wie Julia Ebner sagen,

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nämlich dass gerade eine Massenradikalisierung der Mitte stattfindet, sollte das mindestens zu denken geben.

Aber: Es gibt ein wirksames Mittel gegen diesen Rechtsruck (der wievielte ist das jetzt eigentlich inzwischen? 🤔): Eine gute Sozialpolitik, Investitionen in Strukturen, die das gesellschaftliche Miteinander fördern und voran bringen, wie nicht zuletzt eine Studie der Harvard University zeigt:

https://www.hks.harvard.edu/centers/mrcbg/programs/growthpolicy/compensation-austerity-and-populism

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Compensation, Austerity, and Populism

December 6, 2019, Paper, "The existence of comprehensive social policies to compensate those who might be harmed by integration is widely seen as an important precondition for public support for economic and political integration in western Europe. However, many western European countries reduced spending on income maintenance after 1990. In countries hard hit by the sovereign debt crisis, there have also been significant cuts to social services. We evaluate the impact of levels of social spending on public support for populist parties.

Jetzt bräuchte es nur noch eine Partei, die genau darin ihre* Kompetenz sieht und mit entsprechenden Vorschlägen punktet.

Oder eben eine Bevölkerung, die genau das von der Politik einfordert. Und ja, das ist unbequem. Aber ich fürchte, genau das muss passieren. Dass eine Bevölkerung, die ja zu großen Teilen wirklich sehr unter dieser Politik leidet - siehe Kinderbetreuung, Pflege, soziale Verkehrspolitik, sich hinstellt und sagt: Sorry, aber so wirds nix.

*Vertipper korrigiert

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@fraunora

Angesicht der homöopathischen Dosis dieser als "Einsparung" verkauften Entscheidungen in Bezug auf den Gesamthaushalt, ist es meines Erachtens keine haushalterische Entscheidung, weil sie völlig wirkungslos ist. Es kann nur politisch motiviert sein.

Im "besseren" Fall ist es eine ablenkende Beschäftigungsmaßnahme fürs Plenum, an der sich Abgeordnete heiß reden, während andere Themen, Regierungsentscheidungen und ihre Ausgaben zum Haushalt 2024+ unbeachtet bleiben.

@fraunora

Es hält auch uns hier draußen auf Trab. Während wir um Brotkrumen kämpfen, bleiben Strukturen unangetastet. Und eben... Großentscheidungen auch.

Kindergrundsicherung. Bürgergeldhöhe. Barriereabbau. Schnelle Integration schon im laufenden Asylverfahren. ÖPNV und Verkehrswende. Und irgendwas mit Klima. Istanbulkonvention. Femizid und (Ex-)Partnerschaftsgewalt. Gesundheitssystem, Therapieplätze und Long COVID. Bildungsgerechtigkeit.

Pyrrhussieg, wenn wir die 20,6 Mio reinlobbyiieren.

@fraunora also lass uns für 243 Mio lobbyiieren, die in politische Erwachsenenbildung, Gewalt-Beratung und psychosozialen Prozesssupport fließen.

Die krumme Summe ist Zufall. Ehrlich.

@fraunora
Ich denke dass diese ganze Idee, wir als Staat müssten jetzt in einen haushaltspolitischen Normalzustand zurückkehren in einer Zeit in der der Bedarf in vielen Bereichen riesengroß ist, das ist von vorneherein vom Design so angelegt, dass alle Probleme nur viel größer werden müssen. Das zahlt alles aufs Konto der afd ein. Es ist schwer vorzustellen, dass man das in den bestehenden Strukturen noch lösen kann, ohne die Spielregeln umfassend zu ändern.
@fraunora
Die Mehrausgaben aus der Pandemie, aus anderen Krisen zurückzahlen zu wollen durch Sparvorgaben ist nicht nötig, sondern eine politische Entscheidung, die Umverteilung zu den Krisengewinnern bringt, die ihre Macht nur noch mehr sichern, während gesellschaftliche Spannungen noch mehr eskalieren. Die Verteilungskämpfe die damit stattfinden werden sind ideal für Rechte die Mauern hochziehen und Sündböcken die Schuld geben wollen.
@fraunora Wie die Landwirte, die wertvollen Humus zerstören, lassen verantwortungslose Politiker unsere Demokratie fahrlässig von rechtem Gesindel unterminieren. Haben die den Kampf gegen Rechts schon aufgegeben?

@fraunora ach hätten wir wir in D doch eine sozialdemokratische Partei. Die bräuchten wir wirklich dringend.

Haben wir aber nicht. Die #SPD ist es nämlich höchstens noch dem Namen nach.

@Monsterklatsch Man kann es nur einfordern. Auf Bundesebene. Aber das müssen eben die Wähler:innen selbst tun. So bitter das ist. Hinschreiben, Ortsverein aufsuchen, Druck machen.
@fraunora nee, ich probiere das in einer anderen Partei.
Musste allerdings merken, daß der Idealismus, bzw. meine Kraft, meine Frusttolleranz, sehr begrenzt sind. Die Wände gegen die mensch da rennt, sind eher hart und stabil.

@fraunora > Die Mehrausgaben der vergangenen Jahre aufgrund der Pandemie müssen irgendwie aufgefangen werden. Insofern scheint es logisch, dass jetzt erstmal gespart werden muss.

Das ist falsch. Damit hast Du schon komplett die ideologische Prämisse der Konservativen und Rechtsliberalen übernommen. Der Staat hat in der Coronazeit vielmehr gezeigt, dass er kräftig investieren kann, es ist ein Fehler, wenn er jetzt damit aufhört.