Prof #WillSteffen hatte 2019 die Sozialwissenschaften dazu aufgerufen, doch bitte endlich nachzukarten, wo die Sollbruchstellen unserer Zivilisation liegen, damit die near-term risks kapiert werden. "Our climate is like reckless banking before the crash – it’s time to talk about near-term collapse "
Hab ich damals ins Deutsche übersetzt https://myworldwidewindow.wordpress.com/2020/03/01/unser-klima-ist-wie-die-rucksichtslose-finanzbranche-vor-dem-crash-es-ist-an-der-zeit-uber-den-kurzfristigen-zusammenbruch-zu-sprechen/

Aber außer ein paar sehr interessanten Papers zu Dürren, die Kulturen in vorchristlicher Zeit gewaltsam beendeten, hab ich noch immer nix dazu gelesen. Und jene Kulturen waren der unseren heute sowieso überhaupt nicht gleichzusetzen.

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Unser Klima ist wie die rücksichtslose Finanzbranche vor dem Crash

Warum kennen wir zB keinen Kulturzusammenbruch mehr in Europa aus Dürrezeiten nach AD 500 ?
Weil sich die Ordnung damals schon quasi-globalisiert hatte, nehme ich an, und Ordnungs-Strukturen nicht mehr nur in kleinen 1x1° Gebieten herrschten, sondern quasi-föderalisiert verteilt.

Fiel ab AD 500 tatsächlich mal ein geografischer 1x1° Quadrant aus, was aber in Totalität auch bereits schwieriger war als vor zB 4200 Jahren, hielten andere Quadranten die Ordnung hoch, und der gefallene Quadrant konnte sich dem wieder einfügen, sobald seine Versorgungslage stabilisiert war.
"Ordnung" meint hier das Soziopolitische: wer herrscht wo, mit welchem anderen Quadrant ist der verbandelt, wer hat lokale Verwaltungsmacht – und meint auch die Lieferketten für Nahrung, Saatgut, Werkzeuge, und für Rohstoffe zu deren Herstellung.

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In Mitteleuropa hatten kath. Kirche, die Franken, Handel und die fortschreitende Durchdringung der Gesellschaft mit der Kunst des Lesens dafür gesorgt, dass Ordnungsprinzipien verlässlich gleich blieben.
In China war das übrigens auch so: die Lesekunst und die Kontinuität der lokalen Verwaltungsmacht hat die Ordnung auch durch Zeiten mongolischer Besetzung oder Epidemien aufrechterhalten.

Ob klimatische Schwankungen allerdings in China, in Europa oder MENA nach AD500 noch mal so lang und weitläufig verheerend waren wie der sogenannte "“4.2 ka event”, weiß ich grad nicht ausm Kopf.
Ich nehme an, dass es solch starken, langen Schwankungen gab. Kandidaten wären so ausm Kopf raus das LIA, little Ice Age, oder die "Mittelalterliche Warmzeit" – aber was währenddessen in welcher Region wettertechnisch passierte, müsste ich recherchieren.

Mach ich vll noch in einem #Tegtmeier Thread.
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Jedenfalls.
Eine großflächig mental zusammenhängende und stark vernetzte Ordnung ist für den Totalzusammenbruch weniger anfällig als Kleinstkönigreiche, wie sie in archäologischen Papern beschrieben werden, die zB. im “4.2 ka event" übern Jordan gingen.

Unsre Zivilisation ist auch so organisiert. Toll, gell.
Aber die Komplexität ihrer technologischen Abhängigkeiten ist rasant gestiegen.
Ein bisschen Kupfer oder Eisen und Kohle für's Schmiedefeuer, um die paar Waffen zur Selbstverteidigung herzustellen, oder auch einen Pflug und Kochtopf,
damit kommen wir heutzutage zur Aufrechterhaltung der Ordnung nicht mehr weit.
Reichte aber damals und bis 1750.

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Schon die Waffen bestehen heute aus einer Vielzahl von Materialen, die ein einzelner Kaufmann allein nicht liefern kann und kein Schmied allein kennt all die nötigen Teil-Fertigungsprozesse oder könnte sie an einem einzigen Ort von der ersten Raffinade bis zur letzten Schraube realisieren.

Das gilt nicht bloß für Waffen. Auch die Kunst der Pharmazie und Medizin ist so komplex geworden, dass Plastikherstellung und Bau und Maintenance komplizierter Maschinen nötig ist.
Oder: man braucht für alles und jedes einen Fach-Anwalt, weil die ordnende Bürokratie lokal, regional, staatlich und überstaatlich so komplex ist.

Wenn nun ein 1x1°-Quadrant ausfällt wie Mai/Jini 2016 #Braunsbach oder Juli 2021 vom #Ahrtal bis Hagen in NRWE durch stationäre Wetterlage #Bernd,
machen die anderen Qudranten einfach weiter, stützen sogar das Ahrtal, bis es sich berappelt.
Das betraf ja auch keine wichtige Industrie.

Aber was, wenn Quadranten wie Shanghai und Rotterdam synchron ausfallen?

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Kann das vorkommen?
Why shouldn't it.
Sturm plättet Infrastruktur?
Sollbruchstelle globale Transport-Nadelöre.

In Kanadas Rekordhitzejahr mit 50°C kam es danach auch zu verheerenden Überschwemmungen, die die Zubringer-Infrastruktur zum Hafen in Victoria (glaubich) plätteten – was zur Folge hatte, dass vor allem Agrarerzeugnisse nicht aus den Lagerstätten zum Hafen und dann in die weite Welt gelangen konnten. #Hunger
Und nach den Überflutungen kam direkt – und verfrüht – das große Eis – was die Reparatur der geplätteten Infra verzögerte und verhinderte.

Ist in Rotterdam und Shanghei doch genauso möglich. Oder etwa nicht.

Oder Hafenarbeiter bleiben zu Haus, weil sie ihre Familie durch eine globale Hungersnot bringen müssen, wie sie zB das US Intelligence Council für Anfang der 2030er Jahre in ein Szenario
einbaute, das sie dann "Tragedy and Mobilisation" betitelten (Report März 2021).
Dann geht alles kaputt. Bürokratie, Medizin, AKW, Strom - alles.
#MurphysLaw
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Und warum nach so einem Ereignis in zwei 1x1°-Quadranten dann "alles" kaputtgeht,
darin unterscheidet sich unsere heutige Zivilisation von den Kulturen im "4.2 ka event" und auch von denen nach AD500.

Denn heute ist mit Just-On-Time-System gar keine regionale Lagerhaltung mehr organisiert. Ersatzteile, Teile für diese Ersatzteile + Werkzeuge werden nicht mehr auf Vorrat angeschafft. UND sie können auch nicht mehr lokal isoliert hergestellt werden.

Selbst wenn also Ingenieure in 🇫🇷 AKW Inspektionen durchführen DÜRFTEN 😉 –
nach einem Ausfall der Quadranten Rotterdam und Shanghai hätten diese Ingenieure heutzutage keinen Zugang mehr zu Ersatzteilen und eh null Chance, sie selber herzustellen. Weil alles ohne Lagerhaltung organisiert ist und weil Herstellung zu komplex ist, könnten franz. Ingenieure die AKW nicht am Laufen halten, auch wenn die Kraftwerke selbst und die Ingenieure nicht direkt von dem betroffen wären, was die 2 Quadranten Rotterdam & Shanghai plättete.

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Ohne Klimawandel könnte man die Bedenken wegwischen:

wie niedrig ist denn die Chance, dass sowas in 2 Transport-Nadelören gleichzeitig passiert?

Ja, klar. Aber mit Klimawandel ist die Chance halt höher und nimmt mit zunehmender Chaotisierung, also mit jedem zehntel °C Grad zu.
Dass die sozioökonomische Ordnungsmacht auch noch immer keine Anzeichen zeigt, sich an größere Risiken anzupassen und also ihre Ordnung um 180° auf Solidarität (plus Umstellung auf Lagerhaltung) zu drehen,
erhöht das Kollaps-Risiko durch synchron geplättete Quadranten noch mehr.

7/

Hm. Ab dieser Stelle wollte ich schon länger mal weiter nachdenken. Aber jedes mal, wenn ich beim Schildern hier angekommen bin, bin ich zu erschöpft...auch emotional.

Ich würde gern nach weiteren Sollbruchstellen suchen. Und danach würd ich vor allem aufdröseln wollen, wie lang oder groß denn ein Ausfall (und speziell welcher Ausfall) sein muss, um selbst – oder via ausgelöster Clusterfuck-Kaskade – den irreparablen Zusammenbruch lokaler und globaler Ordnung zu schaffen.
...
Okay. Das nächste mal, wenn ich an diesem Thema ankomme, werd ich diesen Thread finden und schreibend weiter nachdenken, ohne, dass ich alles bis hierhin erst noch mal schildern muss.

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