https://penberlin.de/rede-akhtar/
Finde die Rede in vielen Punkten problematisch. Paar gute Kommentare dazu gibts von @tillraether auf Tw.
Hier nur kurz zu diesem einen Satz: „Dass menschliche Rede kapitalistisch ausgebeutet wird, hat eine digitale Apartheid geschaffen, in der sich Gruppen nach Identitätskriterien separieren und nur noch Äußerungen zur Kenntnis nehmen wollen, die ihrer Sicht auf die Dinge entsprechen.“
Gibt es seit der Etablierung des Kapitalismus eine breitere Öffentlichkeit, die ganz abgetrennt von kapitalistischen Bedingungen wäre?
Und was heißt „digitale Apartheid“? Wer hätte hier die Vorherrschaft, wer wäre unterdrückt? Wo bleibt der Aufschrei gegen die Metaphorisierung von „Apartheid“?
@aguigah Die Rede ist ja im Zusammenhang mit #PENBerlin-Konferenz abgedruckt, bin auch Mitglied, gerade sehr passives. Fand aber aus der Ferne diese Einordnung hier auf ZEIT ONLINE interessant - auch “am Ende traf aber bei diesem Kongress zu viel Unpolitisches auf eine politische Hegemonie der Cancel-Angst“
https://www.zeit.de/kultur/literatur/2022-12/pen-berlin-kongress-kunstfreiheit-identitaetspolitik
Ich möchte auf Ihren Thread antworten: Ich teile Ihren Eindruck von der Rede und doch teile ich in begrenztem Umfang die These von einer Diktatur der PC.
Die Rede krankt an einem immanenten Widerspruch, der vielen passiert, die "Sprechverbote" unterstellen: Sie jammert über Beschneidung der freien Rede und behauptet GLEICHZEITIG, Worte seien in ihrem Wirken überschätzt.
Dennoch hat die These, es bestehe inzwischen eine Diktatur der PC ihre Berechtigung, denn...
... die Meinungsindustrie - d.h. Social Media Giganten und Medienkonzerne - und auch die produzierende Industrie mit ihrer milliardenschweren PR haben PC dankend angenommen, um an ihrer schon vorher vorhandenen Fremdbestimmung des Denkens (und Handelns) festhalten zu können. Das tun sie um so lieber und leichter, je mehr ihnen die Verteidigungsstrategie des "whataboutism"-Vorwurfs zur Verfügung steht, wann immer jemand leise den Verdacht hegt, dass Sprachregelungen keine Politik sind.
Insofern ist die Diktatur aber keinesfalls links. Sie frisst nur die Kinder linken Denkens.
Kritik an ungleichen ökonomischen Verhältnissen, die Diskurshoheiten erst ermöglichen, kann sie so nicht einverleiben, ohne sich selbst zu gefährden.
Dass innerhalb (ökonomisch) privilegierter Gruppen ebenfalls Menschen diese Diktatur anprangern und sie für "links" halten, hat damit zu tun, dass sie nicht neoliberal-flexibel genug sind, ihre Pfründe ins 21. Jahrhundert zu retten.
Damit meine ich: Bis vorgestern schien es alten weißen Männern (den Tichys dieser Welt) selbstverständlich, dass es zum guten Ton wirtschaftlich erfolgreicher Menschen (=Männer) gehört, rechts-konservativ zu denken, zu sprechen und zu handeln. Es erscheint ihnen "ehrlos", diese "Werte" aufzugeben, indem Mann z.B. gendert, und sie begreifen nicht, dass es im Kapitalismus keine solchen Werte gibt.
Es gibt Zeitgeist und kommerziellen Erfolg. Alles dafür Nützliche setzt sich durch.
Demselben "Werte"-Missverständnis sitzt meiner Ansicht nach auch die Rede, ich fürchte fast: PEN insgesamt, auf.
Wenn Identitätspolitik, die den Namen verdient, auf sozio-ökonomische Gleichstellung und damit auch Solidarität mit anderen De- oder Unterprivilegierten setzt, wird sie nicht vereinnahmt werden, kann sich aber auch niemals auf Sprachregelungen konzentrieren oder mit ihnen zufrieden geben.