Erweckungserlebnis

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie es war, als ich begann, „dieses Internet“ zu benutzen und zu verstehen. Das ist jetzt gute 30 Jahre her, und ein bisschen bedauere ich die Nachgeborenen, für die die große weite Netzwelt von Anfang an selbstverständlich ist. Sie haben das Staunen und die Faszination verpasst, die für uns davon ausging. Das Experimentieren und die Freude mit jeder frischen Entdeckung. Die vielen Türen, die da mit einem Schlag aufgingen, zu neuen Wissenswelten und zu neuen Kunstrichtungen. Die Möglichkeit, eine Nachricht in Augenblicken rund um die Erde zu schicken. Spannende Menschen zu finden, denen man im Real life nie begegnet wäre. Es war, davon war ich überzeugt, nicht nur der Wendepunkt zur Demokratisierung von Information und Wissenschaft, sondern auch die Chance, dem Turbokapitalismus etwas entgegenzusetzen. Eine wahrhaft schöne, vollkommen neue Welt.

30 Jahre später: Das.

https://www.youtube.com/watch?v=Nfe1Ch1WnnY&ab_channel=tomi

Mehr Worte als nötig

Natürlich habe ich die letzten 30 Jahre nicht unter einem schlecht vernetzten Stein verbracht und die Entwicklung vom Turbokapitalismus zum Hyperkapitalismus hautnah miterlebt, ebenso wie den Weg von der Freiheit der Information zur Freiheit der Desinformation. Und ebenso natürlich ist nichts Verwerfliches daran, sich zuweilen in Katzenvideos zu verlieren, und ja, das Elvis-Hendl-Video ist ja irgendwie auch ganz… lustig.

Dennoch erschien mir dieses Video heute, als es in meinen Messenger flatterte, wie das Ende einer Vision. Ein blitzartiger Moment der Nüchternheit nach einem auf- und abschwellenden Netz-Rausch. Ein Augenblick von „Was zum Teufel ist mit unser aller Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen passiert?“.

Wahrscheinlich werde ich nur alt und wunderlich. „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“

#weblife

dancing chicken Don't Be Cruel elvis

YouTube

Der Tag, das Ich und die KI

Als ich aus dem Haus trete, ist gerade ein Schwarm Tauben aufgestoben und flattert lauthals Richtung oben. Vom Dach ein einzelnes, langes Gurren. Es klingt seltsam bedeutungsvoll.

Danach gibt sich der Himmel geometrisch.

Später, als ich nach erledigten Erledigungen an der Ampel vor dem Supermarkt warte, denke ich nach, was ich kaufen wollte. Erdäpfel, Petersil und was noch? Es waren drei Dinge, und während ich die wenig interessante Straßenecke auf mich wirken lasse, gehe ich in Gedanken durch die Wohnung, für mich die beste Art, mich an den nicht geschriebenen Einkaufszettel zu erinnern. Es funktioniert auch diesmal.

Die Eigenart, nach einem stillen Gedankenprozess die Conclusio laut zu sprechen, wird mich vielleicht irgendwann in den Guglhupf bringen, denke ich, gleich nachdem ich: „Eier! Ich brauche Eier.“ in die kalte, graue Luft hinausdeklamiert habe. Ein heiseres Lachen rechts von mir; „Die werma in nächster Zeit olle brauchen.“ schmunzelt der alte Mann neben mir, wir wechseln ein Nicken und ein Lächeln. Wien bleibt halt Wien, denke ich halb gerührt, obwohl er vielleicht ganz andere drohende Schwierigkeiten erwartet als ich.

Derweil ist es ein Ding geworden, KI-Instanzen nach ihrer Einschätzung zur eigenen Person zu fragen.

Die erste Idee sah ich bei Ingrid Brodnik auf Bluesky. Der Prompt an ChatGPT lautet: „based on what you know about me: draw a picture of what you think my current life looks like.“

Nun hatte ich zwar kurz davor einen Text über Lebensmitteltechnologie kürzen lassen, aber von kochen war dabei keine Rede. Die Abwesenheit von anderen Themen, die ich mit der KI kürzlich besprochen hatte, deutet auf ein sehr kurzes KI-Gedächtnis hin. Ich erkannte mich jedenfalls nicht wieder.

Dann fand ich bei Frau Kaltmamsell die Idee, das Blog und seine Autorin von KI charakterisieren zu lassen. Ich dachte, mit Google Notebooks LM wäre der von ihr angewandte Workaround mit xml etc. nicht nötig, doch tatsächlich liest auch dieses Modell nur die Starseite einer angegebenen URL. Möglicherweise, weil ich die KI-Bots in der robots.txt aussperre? Da das ja seinen Grund hat, und ich die großen, „offenen“ LLMs verwende, ließ ich die Sache mit dem Textfüttern sein. (Das drüben erwähnte AnythingLLM klingt aber interessant, weil lokal, und damit möglicherweise Privacy-affiner. Muss ich mir anschauen.) Deshalb kam bei mir nur ein recht blasser Autorinnentext heraus:

Basierend auf den gegebenen Auszügen lässt sich die Autorin des Blogs „Sturmwarnung“ als eine naturverbundene und künstlerisch interessierte Person beschreiben, die gerne ihre Gedanken und Beobachtungen mit ihren Lesern teilt. Sie schreibt über ihre Erlebnisse in der Natur, wie zum Beispiel Kartoffelfunde auf einem Landweg oder die Schönheit des Herbstlichts. Die Autorin integriert Bilder in ihren Blog und erwähnt musikalische Beiträge, was auf ein Interesse an verschiedenen Kunstformen hindeutet. Ihre Blogbeiträge sind oft persönlich und nachdenklich, in denen sie ihre Eindrücke und Gedanken teilt.

Der Hinweis auf den falschen Artikel wurde immmerhin wohlwollend aufgenommen.

Dann fand ich gestern bei Cochise auf Mastodon noch die Idee, den Mastodonnamen illustrieren zu lassen (dachte ich zumindest, siehe weiter unten). Ich fand mich deutlich zu niedlich dargestellt. Andererseits, was will man von einem „stürmchen“ auch viel erwarten?

Als ich heute nochmals auf das obige lächerliche Lüftchen schaute, stellte ich fest, dass die Idee eigentlich war, den Mastodon-Namen und die Bio zu prompten, und damit sah die Sache tatsächlich ganz anders aus.

Das gesichtslose Wesen, dessen Kopf sich im Universum verliert, der gemütliche Chaosbalkon („Sonnendeck“) und die Sonne mit ihrem wehmütigen, müden Lächeln, die offenbar schon zu viel von allem gesehen hat – ja, das könnte ich durchaus als treffendes Profilbild nehmen.

Danach noch ChatGPT nach besonders beliebten Apfelkuchenrezepten gefragt, weil ich zu viele Äpfel habe. Das Familienrezept hat mich nie so richtig beglückt, und die schiere Masse bei Chefkoch und Co. überfordert mich. Die beiden empfohlenen Rezepte lesen sich durchaus überzeugend, dennoch war ich irritiert: Was kommt mir die KI denn plötzlich mit Smilies?!

#alltag #KI #selbstbild #techstuff #weblife

Ingrid Brodnig (@brodnig.bsky.social)

Das ist sehr lustig: Ich habe ChatGPT meine Bio gefüttert und dann darum gebeten, mein Leben bildlich darzustellen Offensichtlich glaubt ChatGPT, ich bin einer junger Mann, der gedankenverloren auf ein Poster der “Digital Dociety” blickt. Aber immerhin hat meine Hand fünf Finger. Danke, ChatGPT!

Bluesky Social
Fun to watch the drive to release the first (few) good Mastodon apps. I'm still slumming over here on the weeb. #weblife
@ckeen @extebert Thanks for mentioning that. Looking at https://mastodon.social/web/statuses/99364313917752959 I realize that at https://pleroma.heldscal.la/notice/5730126 I'm missing half of what @ajroach42 was saying initially.

#fedlife

I'll look at it all on pleroma.soykaf.com when I'm on a computer not on a VPN and proxy that breaks https.

#weblife

What I'm trying to say is, it's hard to disagree with the first line of this convo (*as I see it here on this instance*):

> The modern web is a clusterfuck of bad choices.

Except maybe s/web/world of computing/ .
Pleroma