Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit (2)
Es ist ein Tabu, das Judith Hermann benennt, an dem sie sich abarbeitet, an dem sie schildert, wie die bundesrepublikanische Gesellschaft damit umgegangen ist. Schweigen, Verdrängen, sich selbst zum Opfer machen. Dieses Tabu, das einmal die 68er brechen wollten, aber sie haben es nicht wirklich geschafft und dann hat dieser Versuch offenbar gereicht und die deutsche Gesellschaft hatte ihre Schuldigkeit getan. Wir vergessen ja allzu leicht und scheinbar immer leichter, dass es keine Neutralität gibt in deutschen Familien, da sind entweder Opfer oder Täter. Ich erinnere mich, wie ich als Schülerin, es muss in den ersten Jahre der Realschule gewesen sein, in eine Ausstellung im Gemeindehaus ging, wo ich zum ersten Mal Fotos der entsetzlich ausgehungerten KZ Häftlinge sah. Ich erinnere mich auch, wie viele Gedanken ich mir Jahrzehnte später gemacht habe, wie ich meinen Kindern dieses Kapitel unserer Geschichte möglichst schonend nahe bringen kann, aber dann waren sie verstörend abgebrüht und meinten: Was geht uns das an? So geht es weiter mit der Verdrängung. Und auch darum ist es so immens wichtig, dass eine mit dem Talent von Judith Hermann dieses Buch schreibt, dass sie davon schreibt, wie sie keine Sprache findet, weil wir ja nie eine Sprache entwickelt haben für Verantwortung und Schuld. Hermann, die nach Polen gereist ist, auf den Spuren einer Fotografie ihres Großvaters, um vielleicht hier vor Ort zu verstehen, wer dieser Mensch war, der in Radom half ein Ghetto für die Vernichtung der Juden zu errichten, der aber auch der Vater ihrer Mutter gewesen ist und lange Zeit ein dunkler Fleck in der Familiengeschichte. Sie fährt also nach Radom und findet den Platz an dem das Foto gemacht wurde, und macht ihrerseits ein Foto von diesem Platz. „Bedrückend“, schreibt die Mutter, die mühsam dazu gebracht werden musste, sich überhaupt an diesen Vater zu erinnern, mit dem sie immerhin bis in die Pubertät aufgewachsen war. Hermann schreibt: „Es war für uns beide nicht entlastend, dass mein Großvater an diesem Mittag in Radom weder von meiner Mutter, geschweige denn von mir etwas gewusst hatte. Nicht der Vater meiner Mutter, nicht mein Großvater gewesen war. Er war es dann später erst geworden.“ Das ist ein schwer auszuhaltender Satz. Und vielleicht fühlt er sich deswegen so schwer an, weil es klar ist, dass wir alle, wenn wir in der Vergangenheit suchen würden, einen Täter finden würden. Weil wir auch das in den Genen haben: die Schuld. Das Schweigen das immer noch wie eine Decke aus Beton darüber liegt.
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