Im Grunde gut: WissensbĂŒcher des Sommers
Denke ich an den vergangenen Sommer zurĂŒck, so sehe ich das Meer, die Berge â und viele BĂŒcher. Wie schon im letzten Jahr gehöre ich der Jury zum âWissensbuch des Jahresâ an. Eine Auszeichnung, die die Zeitschrift Bild der Wissenschaft einmal im Jahr in verschiedenen Kategorien an BĂŒcher vergibt, die zwischen Juni 2024 und Juni 2025 erschienen sind. Insgesamt 59 BĂŒcher waren zu begutachten. Die Vorauswahl entstand aus VorschlĂ€gen aller Juror:innen.
Petra Wiemann, Redakteurin und Bloggerin (Elementares Lesen) organisiert den Preis. In ihrem Blog sind alle nominierten Titel in sechs verschiedenen Kategorien aufgelistet: BĂŒcher mit soziologischem Hintergrund, ethischen Fragestellungen, Themen rund um Digitalisierung und KI und historische Entwicklungen. Ich habe BĂŒcher gelesen, die ich sonst vielleicht gar nicht entdeckt hĂ€tte â und genau das macht fĂŒr mich den groĂen Reiz daran aus, Teil der Jury zu sein.
Das Ergebnis gibt âBild der Wissenschaftâ erst im gedruckten Dezemberheft bekannt. Die Stimmen der Jury sind nun abgegeben, und ich kann einen RĂŒckblick auf meine persönlichen Favoriten geben â der natĂŒrlich nichts ĂŒber die tatsĂ€chlichen Ergebnisse aussagt. Es sind die BĂŒcher, mit denen ich mich intensiver beschĂ€ftigt habe und die mich persönlich am meisten interessiert haben â das kann, muss aber nicht bedeuten, dass ich sie fĂŒr die besten ihrer Kategorie halte.
Kriterien fĂŒr ein gutes Wissensbuch
Vor der Bewertung habe ich mich selbst noch einmal befragt: Was macht fĂŒr mich ein gutes Wissensbuch aus? Das sind gleich mehrere Kriterien:
- Relevanz â kann ich erkennen, warum ich mich mit einem Thema beschĂ€ftigen sollte und was den/die Autor:in selbst angetrieben hat, gerade dazu ein Buch zu schreiben?
- VerstĂ€ndlichkeit â kann ich folgen, auch wenn ich in dem Themengebiet keine Expertin bin, werde ich mitgenommen, auch wenn es fachlich wird?
- Anschaulichkeit â bleibt das Buch theoretisch oder kann ich durch konkrete Beispiele besser verstehen, worum es geht? Ein Text wird leichter zugĂ€nglich, wenn Elemente wie Bilder, Zitate, Anekdoten oder Fragen ihn lebendiger und greifbarer machen.
- Ansprache der Leser:innen: Schreibt der/die Autor:in fĂŒr sich â oder werde ich als Leser:in mitgedacht und einbezogen? FĂŒr mich ist das ein sehr wichtiges Kriterium, denn im besten Fall gelingt es darĂŒber, dass sich aus der LektĂŒre ein Dialog entwickelt, dass bei mir eigene Fragen entstehen, die mich ĂŒber das Buch hinaustragen.
- Persönlichkeit â entsteht ein solcher Dialog, möchte ich natĂŒrlich auch wissen, wer mir da begegnet. Autor:innen, die ihre eigenen Motivationen erkennen lassen, als realer Mensch mit ihrer Biografie, ihren Interessen, Vorlieben, Ansichten sichtbar werden, helfen mir, in das GesprĂ€ch einzusteigen.
- Einordnung â hilft mir der/die Autor:in, das Wissen einzuordnen? Ich erwarte in BĂŒchern fĂŒr ein breiteres Publikum keinen kompletten Stand der wissenschaftlichen Forschung, aber eine Verortung in aktuelle Debatten und den Wissenstand zu bestimmten Themen â gerade, wenn ich mich selbst in dem Gebiet nicht auskenne. Hinweise auf die wissenschaftliche Forschung finde ich hilfreich.
- HĂ€lt das Buch eine gewisse Spannung? Lesen ist immer wieder auch anstrengend. Wenn ich mich direkt angesprochen fĂŒhle, Teaser mich neugierig machen oder ich kleine Aha-Erlebnisse genieĂen kann, weil ich einer FĂ€hrte gefolgt bin, ist der Reiz höher, durchzuhalten.
- KreativitĂ€t â gibt es etwas, das in der Darstellung besonders ist, hat das Buch eine eigene Idee, kann es mich ĂŒberraschen? Das muss nicht durchgĂ€ngig sein, sonst könnte es auch anstrengend werden. Mir reichen einzelne Details oder auch eine konzeptionelle Grundidee. Ich möchte erkennen, dass sich der/die Autor:in Gedanken gemacht hat und im besten Fall selbst SpaĂ daran hatte, etwas Neues auszuprobieren.
- Wirkung â sehe ich nach der LektĂŒre des Buches ein wenig anders auf die Welt als vorher, habe ich neue Erkenntnisse mitnehmen können, Themengebiete entdeckt, ĂŒber die ich mehr wissen möchte?
- QualitĂ€t â nicht zuletzt möchte ich darauf vertrauen, dass sich der/die Autor:in intensiv mit dem Thema beschĂ€ftigt hat und nicht nur das wiedergibt, was ich bei einer einfachen Recherche selbst herausfinden könnte. WidersprĂŒche sollten sichtbar gemacht werden, Wissen dem aktuellen Stand entsprechen.
- Gesamteindruck â wie ist das Buch gestaltet, passt der Titel, wie sieht das Layout aus, ist es gut gegliedert und sind die Visualisierungen hilfreich?
Warum eigentlich SachbĂŒcher lesen?
Die Arbeit in der Jury motiviert mich einmal im Jahr, eine intensive Zeit mit BĂŒchern zu verbringen. GrundsĂ€tzlich geht es mir wie so vielen: Ich wĂŒrde gerne viel mehr lesen, die Stapel ungelesener BĂŒcher wachsen in unserer Wohnung, aber ich schaffe es nicht. Dabei lese ich zugleich sehr viel: Das ganze Internet ist voll von spannenden Texten, ich lese E-Mails, Chats und Zusammenfassungen. Und ich lese Zeitungen.
Aber durch das viele Lesen am Tag ist das Lesen von BĂŒchern anstrengender geworden. Sicherlich hat es auch mit der Themenvielfalt zu tun, die das digitale Lesen und auch meine Arbeit insgesamt immer wieder ausmacht. Die Fokussierung auf einen einzigen Text am Abend wird zur Herausforderung, wenn der Tag vom Switchen geprĂ€gt ist â von langen zu kurzen Texten, von einem Thema zum anderen.
Urlaub ist also grundsĂ€tzlich eine gute Zeit zum Lesen, leider kann man sich beim Lesen nicht gut bewegen. Um beides zu vereinbaren, habe ich einige der BĂŒcher gehört und wichtige Stellen noch einmal nachgelesen. FĂŒr mich eine sehr gute Kombination. Manchmal habe ich mir beim Gehen und Hören Notizen ins Smartphone gesprochen, um wichtige Gedanken nicht zu verlieren.
Meine Top 5 der LektĂŒre
Meine Best-of-Liste entspricht keiner Rangfolge. Ich stelle meine Favoriten hier vor und habe schon beim Lesen festgestellt, dass es einen roten Faden gibt. Erstaunlich viele BĂŒcher beschĂ€ftigen sich damit, zu belegen, dass Optimismus, eine moralische Neigung zum Guten und die Bereitschaft zur Kooperation uns als Menschen wesentlich ausmachen. Gleich mehrere Autor:innen versuchen, neue Perspektiven aus dieser Denkrichtung zu eröffnen. Diese BĂŒcher haben mich besonders angesprochen. Mir ist klar, dass sie nur einen Teil der aktuellen Debatten ausmachen und dass es auch dĂŒstere Bestandsaufnahmen gibt, wie etwa âGeist und MĂŒllâ von Guillaume Paoli (2023). Ich möchte hier nicht den Anspruch erheben, eine wirkliche Ăbersicht zu haben. Mir ist ein Trend zu eher positiven, Mut machenden Betrachtungen vor allem unter den nominierten Titeln aufgefallen, und es gibt auch in diesem Herbst Titel, die das fortsetzen. Der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens zum Beispiel wird im November sein neues Buch âHoffnungslos optimistischâ herausbringen. Liest man die AnkĂŒndigung, so schwingt da durchaus auch ein gewisser Zweckoptimismus mit. Umso mehr haben mich die BĂŒcher beeindruckt, die ihre Postionen auch wissenschaftlich belegen können.
Kooperation statt Wettbewerb bei Dirk Brockmann: Survival of the Nettest
Vor lĂ€ngerer Zeit habe ich hier ausfĂŒhrlicher ĂŒber Dirk Brockmanns Buch ĂŒber KomplexitĂ€t geschrieben â es beeinflusst mich bis heute im Denken. Im letzten Kapitel hatte er damals schon einen Ausblick auf die zentrale Idee seines neuen Buchs gegeben: Statt durch Wettbewerb hat sich das Leben auf der Erde viel mehr durch Symbiosen und Kooperation weiterentwickelt. âSurvival of the Fittestâ ist nur ein Teil der Wahrheit der Evolution und nicht, wie lange Zeit behauptet wurde, der bedeutendste. Vielmehr mĂŒsse man sich die Evolution als âYin und Yangâ aus beiden Prinzipien vorstellen.
Die bislang zu wenig beachtete Bedeutung von Kooperation und Symbiose weist Dirk Brockmann in vielen beeindruckenden Beispielen aus der Natur nach. Wie schon im ersten Buch bleibt die Erkenntnis jedoch nicht im Kosmos der Biologie isoliert. Dirk Brockmann lĂ€dt uns ein zu einer anderen Denkbewegung: Wir sollten Evolution als Netzwerk verstehen statt als âBaum des Lebensâ, als komplexes Gewebe mit Knotenpunkten statt einer hierarchischen Struktur mit einer gemeinsamen Wurzel.
Dirk Brockmann ist kein Wissenschaftler, der in Disziplinen denkt, er ĂŒbertrĂ€gt diese Perspektive auch auf unser gesellschaftliches Miteinander, auf ökologische Bewegungen und auch auf unseren Umgang mit KI. Dem hat er ein eigenes Kapitel gewidmet. Denn auch zwischen Mensch und KI verwischen die Grenzen zunehmend, und auch hier scheint es weiterfĂŒhrender zu sein, in Kooperation und Symbiose statt in Wettbewerb zu denken. Spannend, sich das fĂŒr das VerhĂ€ltnis von Mensch und KI vorzustellen.
âSurvival of the Nettestâ ist durch die vielen biologischen Details und Beispiele in der LektĂŒre auch eine Herausforderung â umso mehr war es hilfreich, immer wieder an die Hand genommen und sehr schön durch den Text gefĂŒhrt zu werden. Zugleich sind die Beispiele aus der Natur extrem beeindruckend. Die Zeichnungen im Buch hat Dirk Brockmann auch fĂŒr dieses Buch wieder selbst erstellt. Es ist, als setze er sich neben die Leser:innen, hole ein Papier und male das noch einmal als Verdichtung auf, was er mit Worten schon sehr anschaulich erklĂ€rt. âAnregende ZusĂ€tzeâ nennt das die VerstĂ€ndlichkeitsforschung, und diese Zeichnungen sind ein schönes Beispiel dafĂŒr, wie sie funktionieren.
Neue Denkrichtungen bei Robert Macfarlane: Sind FlĂŒsse Lebewesen?
Robert Macfarlane gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des âNature Writingâ. Ich bin gar nicht der gröĂte Fan des Genres. Umso mehr finde ich es interessant, wie er in diesem Buch einer zugleich juristischen wie philosophischen, auch poetischen, in jedem Fall aber dringlichen Frage nachgeht: Welche Rechte haben FlĂŒsse, WĂ€lder, Tiere â zusammengefasst also die Natur? Wie verĂ€ndert sich unser Denken, wenn wir sie nicht mehr nur als Objekte betrachten, sondern als eigene Wesen? Auch hier also eine in unserer westlichen Kultur noch neue Perspektive des Denkens.
Macfarlane reist unter anderem nach Ecuador, wo die Rechte der Natur bereits in die Verfassung eingeschrieben sind. Das Buch liest sich als Einladung, unsere Beziehung zur Natur neu auszurichten: nicht mehr auf Beherrschung, sondern auf Verbundenheit und Respekt â eine direkte Verbindung also zu Dirk Brockmanns Buch. Besonders hat mich beeindruckt, wie sich hier philosophische Herleitungen und juristische Argumentationen mit literarischer Sprache verbinden. Das und die Begegnung mit Menschen, die sich fĂŒr die Rechte der Natur stark machen, lĂ€sst die abstrakten Ideen lebendig werden. Macfarlane erreicht seine Leser:innen damit auch auf einer emotionalen Ebene.
Sumit Paul-Choudhury: âThe Bright Side â eine optimistische Geschichte der Menschheit
âOptimismus ist der natĂŒrliche Zustand des Menschenâ, sagt der Physiker und Wissenschaftsjournalist Sumit Paul-Choudhury und findet dafĂŒr in seinem Buch viele wissenschaftliche Belege. Umso erstaunlicher ist es, dass man den Eindruck haben kann, dass der Optimismus in unserer Zeit einen schlechten Ruf hat, mit naiv, gutglĂ€ubig bis hin zu unpolitisch gleichgesetzt wird.
Ich sehe da ĂŒbrigens gerade einen Wandel, allein in den BĂŒchern, die ich gelesen habe, gab es mindestens vier, die davon ausgehen, dass der Mensch âim Grunde gutâ sei, dass die Tendenz zu âbad newsâ oftmals interessengeleitet und keineswegs wissenschaftlich belegbar sei.
Sumit Paul-Choudhury ist ebenfalls angetreten, gegen pessimistische Zuschreibungen zu wirken. âZum Optimisten wurde ich in der Nacht, als meine Frau starbâ â einer dieser ersten SĂ€tze eines Buchs, die man sich merken wird. Das Paradox fĂŒhrt zu seiner grundsĂ€tzlichen These, die so pragmatisch wie logisch klingt und die er in einem Interview folgendermaĂen formuliert:
âOptimismus, das zeige ich in meinem Buch, ist deutlich effektiver als Pessimismusâ.
Interview in Profil, 18.8.2025
Sumit Paul-Choudhury legt auf Basis wissenschaftlicher Forschung nach, dass Optimismus eine zentrale und evolutionĂ€r sinnvolle Kraft im Menschen ist, gerade auch in Krisenzeiten wie Klimakrise, Kriegen oder technologischem Wandel. Er stĂŒtzt sich dabei auf Forschungsergebnisse aus Biologie, Psychologie und Neurowissenschaften und erklĂ€rt, dass Optimismus uns die Kraft verleiht, auch angesichts ungewisser Zukunft aktiv zu bleiben und VerĂ€nderungen anzustoĂen â was könnten wir gerade mehr gebrauchen?
Sehr angenehm finde ich, dass er sich damit deutlich von einer rein positivistischen Bewegung abgrenzt, die davon ausgeht, es komme allein auf das richtige âMindsetâ an â dann regele sich schon alles von selbst. Paul-Choudhury dagegen sieht Optimismus als eine Bereitschaft und Kraft, selbst dann aktiv zu werden, wenn der Ausgang des eigenen Engagements ungewiss ist.
Unbedingt erwĂ€hnenswert: Die deutsche Ausgabe von âThe bright Sideâ ist im auf allen Ebenen nachhaltig agierenden Kjona Verlag erschienen â und wurde mit einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne verbunden. Besser lassen sich Inhalt und Produkt kaum in Einklang bringen, mehr dazu in einem Bericht in der SĂŒddeutschen Zeitung.
Ethik lernen mit Alena Buyx: Leben und Sterben
Alena Buyx ist Medizinethikerin und Hochschullehrerin. Die meisten kennen sie, weil sie in den Jahren der Pandemie den Vorsitz des Deutschen Ethikrats innehatte â und sie damals recht prĂ€sent war, als ethische Themen vermehrt die öffentlichen Debatten bewegten.
Ihr Buch macht die groĂen Fragen der Medizinethik praktisch zugĂ€nglich: Was heiĂt es, gut zu leben â und was bedeutet es, gut zu sterben? Dabei greift sie auf ihre konkreten Erfahrungen in medizinischen Einrichtungen zurĂŒck, aber auch auf spannende Diskussionen mit Studierenden, die sie als Hochschullehrerin unterrichtet. Es sind die aktuellen gesellschaftlichen Debatten, von der Organspende bis zur Sterbehilfe, die sie hier so behandelt, dass jede:r Leser:in dabei explizit angesprochen ist: Wie wĂŒrden Sie entscheiden?
Bei den Fallbeispielen hat mich die Geschichte eines alten Mannes berĂŒhrt, der ohne Kontakt zu Angehörigen und ohne PatientenverfĂŒgung sterben musste: Zwischen piependen Maschinen wird er kĂŒnstlich beatmet, weil es keinerlei VerfĂŒgung gibt, diese lebenserhaltende MaĂnahme nicht fortzusetzen. Er stirbt einsam, hat vermutlich lĂ€nger gelitten, als es notwendig gewesen wĂ€re. Sein Fall zeigt, wie wichtig es ist, eigene WĂŒnsche schriftlich festzulegen. Dann können Mediziner:innen sich darauf berufen, wenn sie selbst es fĂŒr sinnvoll halten, die Menschen vom Leiden zu erlösen. Wer vor dem Buch noch keine Patient:innenverfĂŒgung hatte, wird das nach der LektĂŒre vermutlich Ă€ndern wollen.
Das Buch macht ethische Fragestellungen verstĂ€ndlich, indem Alena Buyx uns an Dilemmata heranfĂŒhrt und sie an konkreten realen FĂ€llen zur Diskussion stellt. Sie selbst als Autorin bezieht Position und macht darĂŒber hinaus deutlich, welche ethischen Konzepte dabei Grundlage ihrer individuellen Entscheidungen sind. Die Themen, die sie behandelt, sind Fragen, die uns alle betreffen können, von PrĂ€implantationsdiagnostik ĂŒber Palliativmedizin bis hin zum Einzug von KI in medizinische Diagnostik, Therapie und Pflege. Dem letzten Thema ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das deutlich macht, wie wichtig es ist, sich in ethischen Fragestellungen auch als Laie zu ĂŒben. Denn die technische Entwicklung wird noch viele weitere Fragen aufwerfen, fĂŒr die wir uns in DenkĂŒbungen der Art, zu denen Alena Buyx hier einlĂ€dt, weiter stĂ€rken sollten.
Global denken mit Ingo Dachwitz und Sven Hilbig: Digitaler Kolonialismus
In diesem Buch analysieren Ingo Dachwitz, Tech-Journalist bei netzpolitik.org, und Sven Hilbig, Experte fĂŒr Digitalisierung bei Brot fĂŒr die Welt, die globalen Macht- und AusbeutungsverhĂ€ltnisse hinter der Digitalisierung. Sie zeigen auf, wie Industriestaaten und mĂ€chtige Konzerne der Tech-Branche Entwicklungs- und SchwellenlĂ€nder in neue AbhĂ€ngigkeiten verstricken. Dabei, so die zentrale These, wird der alte Kolonialismus in neuer, digitaler Form fortgefĂŒhrt. Das Buch beleuchtet verschiedene Aspekte des digitalen Kolonialismus, darunter die Ausbeutung von ArbeitskrĂ€ften im Globalen SĂŒden, den Rohstoffabbau fĂŒr digitale Technologien und die Kontrolle ĂŒber digitale Infrastruktur und Daten.
âDie Digitalisierung kommt als immaterieller, körperloser Prozess daher, doch sie beruht oft auf materiellen AbhĂ€ngigkeits- und AusbeutungsverhĂ€ltnissen. Statt physisches Land einzunehmen, erobern die neuen Kolonialherren den digitalen Raum. Statt nach Gold und Diamanten lassen sie unter menschenunwĂŒrdigen Bedingungen nach Rohstoffen graben, die wir fĂŒr unsere Smartphones benötigen. Statt von roher Gewalt profitieren sie von Ăberwachung. Statt Sklaven beschĂ€ftigen sie Heere von unsichtbar gemachten Arbeiter:innen, die zu Niedriglöhnen in digitalen Fabriken schuften, um soziale Netzwerke sauber oder vermeintlich KĂŒnstliche Intelligenz am Laufen zu halten.â (S. 11)
Das Buch zeigt eine recht dĂŒstere Analyse der RealitĂ€t und fordert eine kritische Auseinandersetzung mit den globalen Auswirkungen der Digitalisierung. Dabei geben die beiden Autoren konkrete AnsĂ€tze vor, die in den politischen Debatten weiter verfolgt werden sollten â und alleine das zeigt, dass die Entwicklungen keineswegs irreversibel sind. Sie adressieren jene, die in der Digitalisierung aus einer westlich eingeschrĂ€nkten Perspektive nur als Fortschritt sehen und sich höchstens um die Smartphone-Nutzung ihrer Kinder Gedanken machen. Bei den AnsĂ€tzen von Regulierung ĂŒber Transparenz und Kontrolle, faire Wertschöpfung und Beachtung der Menschenrechte geht es im Gegenteil stets darum, ĂŒber den eigenen Tellerrand zu schauen, die Entwicklungen in ihren globalen Auswirkungen zu betrachten â und entsprechend kritisch zu hinterfragen.
Das Buch legt genau dafĂŒr die Grundlage und lĂ€sst auch die Menschen zu Wort kommen, die aktuell die Opfer des digitalen Kolonialismus sind. Das macht die abstrakte Ausbeutung in all ihren Dimensionen fassbar â und genau deshalb halte ich das Buch von Dachwitz und Hilbig fĂŒr sehr wichtig.
Digitaler Kolonialismus wurde bereits im FrĂŒhjahr fĂŒr den Sachbuchpreis des Jahres nominiert, hier gibt es eine Ăbersicht mit Interviews mit den beiden Autoren.
Anleitung zum Guten von Rutger Bregman: Im Grund gut und Moralische Ambitionen
Wer mitgezĂ€hlt hat: Das hier wĂ€re Nummer sechs. Neben den schon genannten BĂŒchern gehört nĂ€mlich eigentlich auch noch Rutger Bregman mit âMoralische Ambitionenâ auf die Liste meiner LieblingsbĂŒcher. Ich sehe es aber eher als âAktivierungsbuch des Jahresâ und damit sehr gut in der Kombination mit den anderen Titeln.
Als Wissensbuch hĂ€tte ich âIm Grunde gutâ (2022) nominiert, wĂ€re es im entsprechenden Zeitraum erschienen. Hier argumentiert Bergmann vor allem mit wissenschaftlichen Studien: Als Historiker belegt er, dass der Mensch von Natur aus kooperativ, solidarisch, eben âim Grunde gutâ ist â was ja auch die Erkenntnisse anderer Titel meiner Liste prĂ€gt.
Bregman widerlegt in âIm Grunde gutâ verbreitete negative Analysen, die Menschen als egoistisch und von Grund auf böse darstellen, indem er bekannte wissenschaftliche Experimente (zum Beispiel das Milgram-Experiment oder das Stanford-GefĂ€ngnis-Experiment) kritisch hinterfragt. Diese werden immer wieder herangezogen, um zu argumentieren, dass das Böse im Menschen angelegt sei. Er dagegen fĂŒhrt zahlreiche Beispiele an fĂŒr menschliches MitgefĂŒhl und die Bereitschaft zu Kooperation â auch unter schwierigsten UmstĂ€nden, wie etwa Krieg und Hungersnot.
Das nominierte Buch, âMoralische Ambitionenâ, knĂŒpft direkt daran an und will aktivieren: Menschen sollten ihre Talente nicht fĂŒr âBullshit-Jobsâ vergeuden, sondern uneingeschrĂ€nkt in den Dienst der guten Sache stellen. Er fĂŒhrt als Vorbild und zur Motivation gleich mehrere einschneidende gesellschaftliche VerĂ€nderungen an, die von einzelnen Menschen und den von ihnen gegrĂŒndeten Initiativen angestoĂen werden konnten: von der Abschaffung der Sklaverei bis zur EinfĂŒhrung des Frauenwahlrechts.
Damit steckt er den Radius viel weiter, als Menschen damit zu beschwichtigen, erst einmal im eigenen Umfeld anzufangen. Denn das könnte uns auch ruhigstellen. Bregman hat weiterreichende Ambitionen, er fordert auf, gröĂer zu denken. Und hat selbst gleich damit angefangen: mit der GrĂŒndung der âSchool for Moral Ambitionâ will er eine internationale Community aufbauen, die moralisch ambitionierte Menschen zusammenfĂŒhrt und ihr Wirken skaliert.
Optimismus, Kooperation, die Annahme, dass das Gute im Menschen als Basis angelegt ist: âMoralische Ambitionenâ ist fĂŒr mich die praktische Anleitung, die die aktuellen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Erkenntnisse konsequent weiterdenkt. Erkenntnisse, die ich in den nominierten Titeln gefunden habe.
Ich empfehle beide BĂŒcher von Rutger Bregman auch deshalb, um in der aktuell politisch schwierigen Lage besser klarzukommen. Und wenn man sich fragt, warum eigentlich Lesen: Vielleicht ist es auch dafĂŒr gut.
Disclaimer: Alle BĂŒcher wurden im Rahmen der Auszeichnung âWissensbuch des Jahresâ von den Verlagen zur VerfĂŒgung gestellt, mit Ausnahme von âIm Grunde gutâ von Rutger Bregman, das nicht zu den nominierten Titel zĂ€hlte.
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