Was für ein Wind!

Einer hat wirklich was zu sagen – er ist jetzt tot

mit Update mittags

Die FAZ schlagzeilt (Paywall) von “Die Selbstaufgabe des DFB”. Und ich dachte, Zeitungen würden Neuigkeiten verbreiten. Der britische “Independent” hat bei Mister Infantino “Trumpsches Geschwafel” (“Trumpian ramble”) gehört. Das weltweit zu verbreiten, ist strategische Absicht.

Die dpa verbreitet Zitate von Christian Streich aus einem eingemauerten Kicker-Interview: “Eine solche Inszenierung von wenigen Menschen an der Macht, die sich dann teilweise noch die Behauptung erlauben, sie würden demokratische Werte schützen, ist natürlich eine Unverfrorenheit, die einen sprachlos macht … Andererseits wundert einen inzwischen ja fast nichts mehr. … Wir können als große Fußballnation, die sich bisher immer für die WM qualifiziert hat, nicht den Anspruch ableiten, nur mit 16 oder 24 spielen zu wollen. Das wäre Herrschaftsdenken der Mächtigen. … Was da aktuell bei der WM mit den Tickets passiert, ist pervers: Profitmaximierung um jeden Preis und eben auf Kosten vieler Menschen … Das ist so dermaßen elitär, und ich denke nicht, dass die Leute, die das bezahlen können, sagen: super, dass die anderen nicht reinkommen. Wo kommen denn noch verschiedene Gesellschaftsschichten zusammen? Beim Sport oder allenfalls noch in Einrichtungen wie einem Schwimmbad. … Ich habe irgendwann gedacht: Wem gehört eigentlich das Spiel? Allen! Und ich bin einer davon. Soll ich mir das jetzt alles, diese Freude an diesem tollen Spiel, das weiterhin so die Menschen auf der Welt verbindet, vermiesen lassen wegen einiger weniger?” Und darum wurde er “WM-TV-Experte” – mann muss ja auch an die Versorgung der Kinder und Enkel denken …

Wenn Sie bis hierher drangeblieben sind, haben Sie sich den Tipp auf einen, der wirklich was zu sagen hat, redlich verdient. Jean Ziegler ist gestern Im Alter von 92 Jahren gestorben. Ich glaube, ihn habe ich das erste Mal im Namenspatron dieses Blogs, dem “Berliner Extradienst” wahrgenommen. Ein taz-Text von Christian Jakob ist mit “Weltgewissen” überschrieben, was in mir die Reaktion auslöste “Hamses nich ‘ne Nummer kleiner?” Vielleicht ist es als Kontrast zu seinem schwerkriminellen Landsmann Infantino gedacht – immerhin hatte die taz den Trump-/Infantino-Festspielen eine ganze ihrer nur noch wöchentlich erscheinenden Druckausgaben gewidmet. Schlagzeilen-Ablass? Produkt internen Ärgers?

Das ist nicht wichtig. Wichtig ist bis heute geblieben, was Jean Ziegler selbst zu sagen hatte. Das hat die LeMonde diplomatique richtig erkannt, und republiziert einen Text aus dem Jahre 2008 von ihm selbst:

Europas Gier ist Afrikas Hunger – Die Nacht ist schwarz und mondlos, der Sturm peitscht fast in Orkanstärke übers Meer. Haushohe Wellen stürzen krachend auf das hölzerne Fischerboot herunter. Zehn Tage zuvor hat das Boot in einer kleinen Bucht in Mauretanien mit über hundert afrikanischen Hungerflüchtlingen abgelegt. Wunderbarerweise wird es am Ende auf ein Riff vor der kleinen kanarischen Insel El Medano geworfen. Im Boot findet die spanische Guardia Civil die Leichen von drei jungen Männern und einer Frau, die an Hunger und Durst gestorben sind.”

3sat, das ist der TV-Sender, den die 16 medieninkompetenten deutschen Ministerpräsident*inn*en so gerne dichtmachen würden, hat für morgen Vormittag 11.25 h eine Sondersendung (Wiederholung) ins Programm gerückt: “Vis-à-vis: Jean Ziegler – In ‘Vis-à-vis’ befragt der Publizist Frank A. Meyer einen prominenten Gast zu seiner Person und aktuellen Themen. Diesmal dabei: Jean Ziegler.” (Noch?) Ohne Mediathekangebot. So kennen wir sie …

Update mittags

WM und Windmacherei

Eine recht ausgereifte Gesamteinstellung zur WM, darin ein gelehriger Schüler von Christian Streich (s.o.) – und nicht zufällig, dass er Österreicher ist – bietet Gabriel Kuhn/Junge Welt: Das Ganze verschwindet – Eine noch so korrupte FIFA konnte den Geist der Fußballweltmeisterschaft bisher nicht zerstören. Wenn jetzt das Turnier vor allem in den USA ausgetragen wird, ist selbst das nicht mehr sicher”.

Ein hohes Risiko für seine eigene geistige Gesundheit ist mal wieder Stefan Niggemeier/uebermedien eingegangen, indem er sich gründlicher, als es gesund sein kann, mit dem grössten Windbeutel der an Windbeuteln wahrlich nicht armen Bundesregierung beschäftigt hat. Ehrlich – ich konnte es bei aller Zuneigung zum Autor nicht komplett lesen, aber wenn Sie wollen, versuchen Sie es: Wolfram Weimer baut der Eigentlichkeit ein Gehäuse – Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lässt Journalisten mit seiner intellektuell scheinenden Wortwahl mitunter ratlos zurück. Sind wir tatsächlich zu doof – oder ist Weimer eigentlich nur ein rhetorisches Heißluftgebläse?”

Was für ein Wind! – Beueler-Extradienst

Das Privileg des Alters

In einem Gespräch mit einer gleichaltrigen Freundin stellte ich gestern beim Mittagessen die steile These auf, dass “wir” – zu unserem grossen Glück – die Klimakatastrophe “nicht mehr erleben” werden. Mmh, obwohl ich es durchaus für realistisch halte, dass mein persönliches Ableben in einem der kommenden Hitzesommer stattfinden wird. Letzterer Verdacht wird ganz aktuell durch die laufenden Motoren verstärkt, die im Beueler Combahnviertel die Atemluft aromatisieren, in dem irrigen, aber unausrottbaren Glauben, dem allgegenwärtigen Autostau dadurch einige Sekunden Lebenszeit abzuringen. Wie kommichdrauf?

René Martens/MDR-Altpapier schrieb zum Thema Journalismus und Klimapolitik mal wieder durchgehend richtig: Der Unterschied zwischen Selbstbewusstsein und Selbstgefälligkeit – Der Vertrauensverlust der Medien hat möglicherweise auch damit zu tun, dass Journalisten sich ihre Themensetzungskompetenz ausreden ließen – und einreden ließen, es wäre paternalistisch, das Publikum mit Inhalten zu konfrontieren, die es nicht nachfragt.”

Brückenpanik in Bonn – coming soon: Wasserpanik in Berlin

Weil deutsche Medien so sind, ist auch die Politik so, wie sie ist. Sarkastisch schreiben selbst Leserbriefschreiber, dass die jetzt aktenkundigen Brückenschäden eindeutig “völlig überraschend” und “überhaupt nicht zu erwarten” waren. Wie hätte mann darauf kommen sollen? Eine Möglichkeit wäre die Befragung von Fachleuten gewesen. Aber wer hat denn heutzutage für sowas noch Zeit? Und entsprechend gross ist die Aufregung, geschäftstüchtig befeuert von ebenden Medien, die darauf hätten aufmerksam machen können, bevor der jetzige für sie geschäftsfördernde Schaden auftritt.

Anderes Beispiel: so, wie in Bonn derzeit die lange absehbare Brückenpanik ausgebrochen ist, so wird in Berlin in Kürze Wasserpanik ausbrechen. Das Stadtgebiet ist durch alle Wetterperioden hindurch im Dürremonitor jederzeit gut zu erkennen. Und da sich die Braunkohlekonzerne schon immer einen schlanken Fuss gemacht haben, und dabei tatkräftig von Bundes- und Landesregierungen unterstützt werden, sitzen die Berliner*innen demnächst auf dem Trockenen. Aber vom Klimawandel – s.o. René Martens – nichts hören oder sehen wollen. Mein Rat: lassen Sie die Finger von Berliner Immobilien! 😉

Der von Martens absolut richtig analysierte Sachverhalt scheint den Status eines physikalischen Gesetzes zu erlangen – der Bonner Brückenschaden läuft exakt so ab, wie der globale Klimaschaden – obwohl er doch ein reines menschlich absolut beeinflussbares Produkt von Politik und sozialem Handeln ist. Selbstverständlich muss jetzt “alles” dafür getan werden, dass der Autoverkehr irgendwie wieder fliessen kann – Klima hin oder her … Wiekommichdrauf?

Von George Sand lernen

Die gleichen Fragen muss sich vor knapp 200 Jahren schon die Schriftstellerin Aurore Dupin, die sich als erwachsene Frau “George Sand” nennen liess, gestellt haben. In der Jungen Welt steht ein absolut lesenswertes Porträt der Dame von Stefan Ripplinger: Sozialistische Literatur: Ketzerkommunismus – Vor 150 Jahren starb die Schriftstellerin George Sand. Sie rief eine revolutionäre »Kirche der Zukunft« aus und setzte ganz entschieden auf Gewalt”. Nur einige Tage paywallfrei.

Über Madame Sand ist mir dunkel ein weit launigerer Beitrag unseres Autors Hans Conrad Zander in Erinnerung. Das kann aber eine Täuschung meinerseits sein. Ich befrage seine Erinnerung und lasse Sie das Ergebnis wissen.

Am Schluss ist Stefan Ripplinger eine besonders tröstliche Formulierung gelungen: “Diese Entfernung von der Geschichte ist vielleicht das Privileg des Alters und kann ohnehin ein beeindruckendes Werk nicht ungültig machen. Es gebe niemanden auf der Welt, der in seinem Leben so viel geträumt und so wenig gehandelt habe wie sie, notiert George Sand in der Autobiographie. Tatsächlich hat sie gehandelt, als sie träumte.”

Das Privileg des Alters – Beueler-Extradienst

Schröder liefert

Nein nicht der Ex-Bundeskanzler – Sie können sich beruhigen: Borussia Mönchengladbach

Die FAZ fragt, wo ein gewisser Bernd Neuendorf ist. Wer will das wissen? Ich kenn’ keinen. RWE bleibt in der 3. Liga. 15 Spieler sollen gehen. Wie soll so ein Team entstehen? Eine Frage, die meinen Opa interessierte, der 1974 starb, und mir die Fussballmacke vererbte. Aber nicht RWE (darunter leidet Küppi). Auf seinem Schwarz-Weiss-Fernseher sah ich 1965 sonntags in der Regionalliga West Günter Netzer (17 Tore), Jupp Heynckes (24 Tore), Bernd Rupp (25 Tore) und im Tor den Ex-Schalker Manfred Orzessek zaubern. Sie machten mich süchtig. Und ich bereue immer noch nichts.

Seit Roland Virkus bei der mittlerweile 126-jährigen Borussia die Managerherrschaft übernahm, es war 2022, näherte sich das Team zügig seinem dritten Abstieg in die – ohnehhin sportlich spannendere – Zweite Liga. Von Platz 10 (2023) auf 14 (2024) nur einen Punkt vor der Relegation, die zum Glück dieses Jahr VW Wolfsburg zum Verhängnis wurde. Virkus wurde in der laufenden Saison freigestellt, und unter dem Cheftrainer Eugen Polanski gelang erst auf der Zielgeraden ein 12. Platz mit 9 Punkten Vorsprung vor VW.

Das klingt positiver, als es war. Die Fangemeinde betrachtete angemessen kritisch, dass der von Virkus und dem Vorgängertrainer Gerardo Soane zusammengestellte Kader nur begrenzt fussballerisch konkurrenzfähig war. Die Mehrheit der Spiele, auch und gerade der Heimspiele, war nicht ansehbar, ohne gesundheitlich Schaden zu nehmen. Polanski musste die Saison mit einem Team durchstehen, auf dessen Zusammensetzung er keinen Einfluss hatte.

Während sich all die fachfremden Spektakelmedien nun für die Trump-WM heissmachen, und zum Glück meistens sowieso weniger für unsere wahre Borussia interessieren, macht Virkus-Nachfolger Rouven Schröder im Schatten der Schlagzeilen seine Arbeit. Und zwar bevor bei der WM die Preise steigen. Das überrascht positiv. Dabei lässt er sich nicht von Medienschlagzeilen lenken, sondern von Fach- und Personenkenntnis. Klar, dass er nicht in der Premiumklasse der Grosskonzerne in Süddeutschland, Westfalen und Britannien mitspielen kann. Wenn “niemand” seine Neuerwerbungen “kennt”, umso besser. Wissensvorsprung spart einen Haufen Geld und Ärger. Der SC Freiburg kann es doch auch.

Es ist nur fair, dem Trainer die Chance zu geben, eine Saisonvorbereitung mitzubestimmen. Je weniger Medienschlagzeilen, umso besser. Die Wegelagerer sollen sich auf die Wiesen um die Schalke-Arena legen und mit ihrer Karre die Dortmunder Strobelallee auf und ab fahren. Die langen Linien entscheiden die Richtung. Alles unter einem Jahr Kontinuität ist Panik. Die schlechteste aller Berater*innen. Siehe oben RWE.

Finale in Argentinien – und hier guckt wieder keine*r zu

Wenn Sie schon dabei sind, und weil hierzulande mal wieder niemand davon berichtet, ist ja nur das Meisterschaftsfinale im Land des amtierenden Welteisters, beachten Sie auch die hübsch geschriebene Reportage vom diagonal anderen Ende der Weltkarte, die nur wenige Tage paywallfrei sein wird:

André Dahlmeyer/Junge Welt: Latin Lovers: Piraten – Einen wunderschönen guten Morgen! Wer jemals das südliche Patagonien, die dortige Atlantikküste und die Insel Feuerland bereist hat, dem sollte der Schriftzug »Fuera, Piratas!« (Haut ab, Piraten!) aufgefallen sein, er steht auf Fels­blöcken, an Häuserwänden, so ziemlich überall. Gemeint sind die britischen Kolonialherren auf den Islas Malvinas.”

Danke André, hast Du fein gemacht.

Schröder liefert – Beueler-Extradienst

Militärmacht oder Grossmacht?

Beides wird das Merz-Doitschland nicht kriegen können

Dass Aufrüstung irgendein ökonomisches Problem löst (“Kriegskeynsianismus”), ist eine Sau, die die profitierende Kapitallobby mit Vorliebe durch jedes Dorf treibt (für das tierfeindliche Femininum bitte ich um Entschuldigung). Immerhin sind sich die herrschenden Klassen darüber bisweilen uneinig. Intelligente Gegenkräfte, zu einer entsprechenden Analyse fähig, können das u.U. taktisch ausnutzen. Wenn Sie die irgendwo sehen, sagen Sie mir bitte Bescheid.

Selbst Donald Trump weiss, wie doof diese Sau ist. Deswegen will er den Europäer*inne*n die unübersichtlichen Kosten dafür ja aufdrücken. Der ist nicht nur doof. Denn Aufrüstungskeynsianismus löst null Folgeinvestitionen aus. Die verbrennen bei Rheinmetall und Co. und kommen nie wieder.

Darum ist ja auch die deutsch-französische Achse so kaputt. Zahlen/Investieren soll immer der Andere, hauptsache Profit fliesst in die eigenen Konten.

Jörg Kronauer und Satyajeet Malik/Junge Welt: Rüstungsrivalität: »Deutschland braucht Drohnen« – Das deutsch-französische Rüstungsprojekt FCAS steht vor dem Aus. Nun heißt es vereinzelt, die BRD benötige gar keinen neuen Kampfjet”

Schlauer als alle zusammen mal wieder “der Chinese”, wiederum Jörg Kronauer/Junge Welt: Ungleiche Verbündete – Putin trifft Xi in Beijing”.

In die gleiche Richtung der anonyme German-Foreign-Policy-Autor: Streit um den Panzerbauer – Die Bundesregierung droht aufgrund interner Differenzen den geplanten Börsengang des deutsch-französischen Panzerbauers KNDS zu verschleppen. Frankreich stellt bei anhaltender Blockade einen Alleingang in Aussicht. Der Streit schwillt an.”

Und damit das gequälte deutsche Rüstungskapital nicht allzu viel Angst vor Öffentlichkeit kriegen muss, verschwinden alle genannten Texte in wenigen Tagen in Paywall-Archiven.

Wenn Sie danach immer noch auf der Suche nach unabhängigen Fachinformationen sind, empfehle ich Ihnen die Tübinger Informationsstelle Militarisierung. Die arbeitet öffentlich und freut sich über freiwillige Spenden.

Robert Schwierkus/telepolis wird, wenn nicht bei heise einem Boss eine Laus über die Leber läuft, vorläufig nicht digital verschwinden:

Die Deutsche Frage ist zurück – und Europa zittert – Deutschlands Militärmacht wächst rasant – und alte Ängste vor deutscher Hegemonie in Europa kehren mit voller Wucht zurück.”

Woher nur dieses Misstrauen? Nur wegen zwei Weltkriegen und 12 Jahren Faschismus und Völkermord?

Was in einem eindeutig “kriegstüchtigen” Land mit Meinungs- und Pressefreiheit passiert, das berichtete gestern

Antonia Groß/MDR-Altpapier: Ist das noch SLAPP oder schon Propaganda? – Ein Journalist veröffentlicht Berichte sexualisierter Gewalt gegen palästinensische Gefangene durch israelische Sicherheitskräfte. Der verantwortliche Machthaber geht daraufhin auf das Medium los. Was sagt das über die Vorwürfe aus? Und über die PR-Strategie des Landes?” Gute Frage.

Militärmacht oder Grossmacht? – Beueler-Extradienst

#jungeWelt #Buergerrechtsbewegung #USA #Wahlrecht #King

USA: Schwarze Wählerstimmen entwertet

»Einundsechzig Jahre später kehren wir als neue Generationen an diesen heiligen Ort zurück, um dieses Erbe zurückzugewinnen und zu bewahren, denn die jüngste Entscheidung des Obersten Gerichtshofs verlangt unsere Anwesenheit. Es war nicht nur eine rechtliche Entscheidung, Leute, es ist eine moralische Schande und ein schamloser Angriff auf die politische Macht der Schwarzen.«

https://www.jungewelt.de/artikel/522793.usa-schwarze-w%C3%A4hlerstimmen-entwertet.html

USA: Schwarze Wählerstimmen entwertet

Eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs macht das Anfechten rassistisch motivierter Wahlkreiszuschnitte nahezu unmöglich. In Selma, einem bedeutenden Ort der Bürgerrechtsbewegung, protestierten Tausende dagegen.

junge Welt

Qualitätsjournalismus, deutscher

“Lieber zwei als eine KI”

mit Update 19.5.

Einer der bestbezahlten deutschen Medienmanager in öffentlichen Anstalten, der langjährige Tagesschau-Chef (2003-19), Kai Gniffke, heute Intendant des SWR und Mörder der “Eisenbahnromantik”, wollte mal wieder öffentlich bemerkt werden. Die Katholiken von der gleichnamigen Nachrichtenagentur versuchen damit Abos zu werben. Wandern wir also kurz digital in der Deutschen liebstes Auswanderungsland Schweiz rüber, wo der gleiche Inhalt frei zugänglich ist:

Kai Gniffke fordert ein Ende des Empörungsjournalismus – Die digitale Welt verändert auch die Kriterien für Qualitätsjournalismus. Ein Gespräch mit dem SWR-Intendanten und ehemaligen ARD-aktuell-Chef über Journalismus, Haltung und Technikfröhlichkeit.”

Da ist eigentlich alles drin, was Christiane Voges/telepolis auf die Palme bringt, und mich auch:

Der neue Mediengehorsam: SWR-Intendant erklärt, wer keine Stimme verdient – ARD-Topfunktionär Kai Gniffke fordert Qualität statt Empörung und mehr KI. Über technokratische Kontrolle, Diskursverengung und Leitmedien.”

Ich hätte das Zeug garnicht bemerkt, wenn sich Frau Voges nicht so aufgeregt hätte. Viel mehr verärgert mich, was dieser Gniffke in seinem langen Chefsein in der Tagesschau angerichtet hat. Nur die Älteren, so alt oder älter als ich, werden sich noch an Dieter Gütt erinnern, der die Freiheit der Tagesschau-Redaktion noch kämpferisch verteidigt hatte. Er beging 1990 Selbstmord. Der kürzlich hier schon erwähnte Horst Königstein liess über ihn einen eigenen Film produzieren, den Sie in der ARD-Mediathek vergeblich suchen werden. Der CSU-Gesandte Edmund Gruber (1981-88) folgte ihm nach, stiess aber (noch) auf kämpferischen Widerstand der Redaktion. Er konnte weder die Tagesschau noch in den folgenden vier Jahren bis 1992 den Deutschlandfunk zerstören. Zu dieser Zeit bewies der Journalismus noch Selbstheilungskräfte. Die, soweit sie in der ARD existierten, hat erst Gniffke wirkungsvoll zerstört.

2018 profilierte sich Gniffke damit, dass er mit der AfD redete. Wem hat es mehr genützt? Ihm oder denen? Bei ihm führte es zu einem Jahresgehalt von knapp 400.000, bei der AfD zu verdoppelten Umfragewerten.

Über die AfD wird immer und überall gesprochen. Wer kennt Gniffke? Das gefällt ihm sicher nicht. Darum das bescheuerte Interview mit den Katholiken.

Datenersatz für intellektuelle Leere

Was Gniffke und seine Gesinnungsfreund*inn*e*n in den öffentlichen Anstalten an Politik und der real existierenden Gesellschaft nicht verstehen, das erklärt der Österreicher Gabriel Kuhn/Junge Welt am Beispiel des Fussballs und eines missglückten Buches über ihn (Einschub: der Bundestrainer zählt eher zu denen, die an die dort niedergelegte Datenwahrheit ganz fest glauben):

Sportliteratur: Die Rache der Nerds – Wie die Zahlen helfen, den Fußball zu analysieren oder auch nicht: Tobias Escher schreibt »Die Zukunft des Fußballs«”.

Diesen klugen Text wird die Junge Welt in Kürze in ihrem Paywallarchiv versenken (= linksradikaler Qualitätsjournalismus).

Wo soll das alles enden?

Es endet nie.

Die derzeitigen Steuerleute in Parteien, Länderregierungen und Anstalten wollen ganz offenbar, der AfD vorauseilend, dahin, wo die USA schon sind – ein altes BRD-deutsches “bewährtes” Bewegungsgesetz der Nachkriegszeit.

Klaus Raab/MDR-Altpapier: Wie geht es weiter mit Stephen Colbert? – In den USA geht der Late-Night-Host in dieser Woche zum letzten Mal auf Sendung. Sein Sender ist vor dem Präsidenten eingeknickt. Es würde in die mediale Gegenwart passen, wenn er allein weitermachte.”

Hierzulande wird ja ein Kerl, dessen Name mir einfach nicht einfallen will, der mit einem fetten ARD-Vertrag (RBB) ausgestattet ist, und das Publikum mit Jammerei, was er angeblich alles nicht mehr sagen darf, belästigt, für einen Kabarettisten gehalten.

Update 19.5.

Zum gleichen Thema mit absolut angemessener Verbitterung auch René Martens/MDR-Altpapier: Ganz normale Medien auf ganz normalen Abwegen – In einem Interview präsentiert SWR-Intendant Kai Gniffke die sehr überraschende Sichtweise, Perspektiven der Wirtschaft seien in den Qualitätsmedien unterrepräsentiert. In der 20-Uhr-‘Tagesschau’ darf man Lynchfantasien äußern.”

Zu dem diese täglich lesenswerte Kolumne (noch) beherbergenden MDR ist eine Ergänzung erforderlich. Der AfD vorauseilend hat der Sender bekannt gegeben, in den nächsten Jahren keine “Tatorte” und “Polizeiruf 110” mehr zu produzieren. Im quotenstärksten Teil des ARD-Programms käme also noch weniger “Osten” vor. Nicht alle Wessies wären darüber unglücklich. Sehr wohl aber die, die bisher die Arbeit gemacht haben: “Ein fiktionales Großprojekt lasse sich nicht mal eben für drei Jahre einfrieren, ohne irreparablen Schaden anzurichten. Ein Film benötige langen Vorlauf für Drehbücher, Motivsuche und Team-Verpflichtungen. Das Kernproblem sehen Gröschel und Brambach in der Zerstörung gewachsener Strukturen und der existenziellen Bedrohung der Filmschaffenden”, womit die zwei sich selbst gewiss weniger meinen, als die unbeachteten Freelancer-Produktionsteams, die ihnen die Bühne bauen.

Qualitätsjournalismus, deutscher – Beueler-Extradienst

Geschäft mit Empörung

Ein Wind weht durch die asozialen Netzwerke und die nur noch wenig unterscheidbaren sonstigen Medien. Und ausnahmsweise, fast schon sensationellerweise wurde diese Agenda von den drei Parteien SPD, Grüne und Linke gemeinsam und gleichzeitig gesetzt. Wo wären wir jetzt, wenn sie das schon getan hätten, als sie noch eine Mehrheit im Parlament hatten? Vergossene Milch. Gegen das Netzwerk des faschistoiden Oligarchen Musk konnten sie sich einigen. Und kassieren nicht wenig Gegenwind von den Rechten. Und den Dummen. Nicht alle sind beides. Leider.

Antonia Groß/MDR-Altpapier ist beides nicht: X oder: Das Geschäft mit der Empörung – Drei Parteien verkünden, dass sie die Plattform X nicht weiter nutzen. Nachrichtenmedien berichten mehr über die Empörung, als über die Motivation für diesen Schritt. Genau das ist das Geschäftsmodell des Unternehmens.”

Ebenfalls weder dumm noch rechts, aber empört, ist der alte Knut Mellenthin/Junge Welt, der eine sehr informative Ziwchenbilanz des angeblich längst beendeten Krieges der USA und Israels gegen den Iran – und der wiederum gegen die anderen Anrainer des Persischen Golfs – zieht. Lesen Sie schnell, die Junge Welt wird das in ihrem Paywallarchiv beerdigen: Eine gewaltige Übermacht – Die USA und Israel haben dem Iran empfindliche Schläge versetzt. Dennoch gibt es Probleme mit dem Nachschub von Raketen und mit Teherans Drohnenangriffen. Eine vorläufige Bilanz des Krieges im Nahen Osten”.

Kommen beim Bundeskanzler etwa dumm und rechts zusammen? Das ist umstritten. Nicht umstritten, jedenfalls unter Demoskop*inn*en ist das: Bernd Müller/telepolis macht es jetzt so eitel wie sein Amtsvorgänger: Friedrich Merz – der unbeliebteste Kanzler der Welt – Selbst Olaf Scholz war beliebter. Nach einem Jahr im Amt ist Friedrich Merz laut Umfragen der unpopulärste Regierungschef weltweit. Ein Leitartikel.” Die Junge Welt findet es witzig, eine Spiegel-Schlagzeile von Merz so abzuwandeln: »Kein Wähler vor ihm hat so etwas ertragen müssen«. Wer darüber lachen kann, hat es gut.

Alternative?

Jacobin veröffentlicht eine Rede seines US-Gründers Bhaskar Sunkara: Etwas Sozialismus im Kapitalismus ist nicht genug – Sozialismus darf nicht lediglich bedeuten, den Kapitalismus gerechter zu gestalten. Er muss auf eine Gesellschaft abzielen, in der das Überleben nicht mehr vom Markt abhängt – und in der sich die Demokratie endlich auch auf die Wirtschaft erstreckt.”

Meine Lieblings-Zwischenüberschrift ist diese: “Vielmehr geht es um eine Ausweitung von Freizeit, Sicherheit und Lebenszeit außerhalb der Produktion.” Da finde ich mich wieder 😉

Geschäft mit Empörung – Beueler-Extradienst

#jungeWelt #Kurdistan #Rojava #Syrien #EvaMichelmann #AhmetPolad

Verschleppte Journalisten in Syrien: Weshalb zieht sich Evas Freilassung so lange hin?

Der Deutsche Journalistenverband hat kein Verständnis für die Inhaftierung der Journalistin in Syrien, sagt Hendrik Zörner

"Die syrischen Behörden hätten die deutsche Regierung »um Informationen zu Identität und Hintergrund der Frau gebeten«, hieß es. Und dann passiert einfach nichts?"

https://www.jungewelt.de/artikel/522156.verschleppte-journalisten-in-syrien-weshalb-zieht-sich-evas-freilassung-so-lange-hin.html

Verschleppte Journalisten in Syrien: Weshalb zieht sich Evas Freilassung so lange hin?

Der Deutsche Journalistenverband sieht keine glaubwürdigen Gründe für die Festnahme der Journalistin Eva Michelmann in Syrien und hat kein Verständnis dafür, dass sie noch immer im Gefängnis sitzt, sagt Hendrik Zörner.

junge Welt

Weltreise

Von China, Mali, USA bis ganz unten, nach Mönchengladbach

Den Kerl habe ich noch nie beim Talkshow-Trash gesehen. Das spricht für ihn. Peter Korig (Interview)/Jungle World sprach mit Daniel Fuchs, Sinologe, im Gespräch über soziale Konflikte in China: »Es gibt eine lebhafte Streikkultur« – Immobilienkrise, schwacher Konsum und hohe Jugendarbeitslosigkeit setzen Chinas Wirtschaft unter Druck. Die Führung will mit einem neuen Fünfjahresplan technologische Eigenständigkeit und »hochwertige Entwicklung« fördern. Ein Gespräch mit dem Sinologen Daniel Fuchs über strukturelle Probleme von Gesellschaft und Wirtschaft sowie Konflikte wegen schlechter Arbeitsbedingungen in China.”

Unverständlich bleibt für mich – der Interviewer hat auch nicht danach gefragt – warum die demografische Entwicklung Chinas keinen Eingang in das ansonsten informative Gespräch fand. Ich gehe sicher davon aus, dass die Staatsführung das Thema im Blick hat. Jedoch keineswegs seine Kontrolle und Steuerung. Wäre eine gute Frage an Klügere.

Mali

Bernard Schmid/Junge Welt setzt seine Mali-Berichterstattung fort: Sahelallianz: Angespannte Ruhe in Mali – Mali: Tuareg-Separatisten kontrollieren erneut nördliche Stadt Kidal. Tod von Verteidigungsminister bestätigt. Russische Truppen kampflos abgezogen”. Dieser Text wird in einigen Tagen in einem Paywallarchiv beerdigt.

USA

Bei telepolis schreibt der Chef selbst, sein Vorgänger Harald Neuber (jetzt: Berliner Zeitung des Milliardärs Holger Friedrich) hätte es als “Leitartikel” tituliert, Bernd Müller: Greater North America: Washingtons neue Landkarte der Macht – Vom Polarkreis bis zum Äquator: Wie ein Konzept aus Washington die internationale Ordnung aushebelt – und warum das niemand zufällig erfunden hat.” Ein sachdienlicher Hinweis auf die Frage, was kommt, wenn Trump mal nicht mehr ist.

Allerdings macht der Herr Chefredakteur einen schwerwiegenden Denk- und Schreibfehler. Sein Fazit lautet: “Wer die kommenden Jahre der Weltpolitik lesen will, sollte diese Karte zur Hand haben. Sie zeigt nicht nur, wo Macht künftig verläuft. Sie zeigt auch, wie viel von der alten Ordnung übrig bleibt – und wie wenig.” Wie kann ein politisch denkender Mensch hier auf den Konjunktiv verzichten? Politik war noch nie ein statisch-linearer Prozess. Propheterie ist in höchstem Masse unseriös, und soll der Entwaffnung jener dienen, die in Alternativen denken und handeln. Die KI ist nicht an der Macht, und wird sie auch nicht ausüben. Sie ist von Menschen gemacht. Und darum ist alles beeinflussbar. Aufgeben ist keine Option.

Ganz unten: Mönchengladbach

Das ist das passende Stichwort für Borussia Mönchengladbach. Ich habe gleich geahnt, dass ich mir Kommentieren sparen kann, weil die seitenwahl-Kollegen die richtigen Worte finden. Der weinende Herr Bonhof muss eingestehen, dass sein grösster strategischer Fehler einen Namen hat: Roland Virkus.

Weltreise – Beueler-Extradienst

Kurdistan-Konflikt: Doppelt bedrängt

Kurden in Japan sind nicht allein alltäglichem Rassismus ausgesetzt, sondern auch den Nachstellungen der Türkei • Foto: Thomas Peter/Reuters

junge Welt