„Schostakowitsch by heart“ – Eröffnung des Bonner Beethovenfests mit dem Londoner Aurora Orchestra
Ursula Hartlapp-Lindemeyer
Sensationelle Eröffnung des Bonner Beethovenfests mit dem Londoner Aurora Orchestra
Der russisch-polnische Komponist Dmitri Schostakowitsch lebte mit einem gepackten Koffer unter seinem Bett, denn er rechnete täglich mit seiner Deportation nach Sibirien, wie es seiner Schwester 1937 widerfahren war. Nachdem seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Stalin in einem Artikel in der „Prawda“ 1936 verrissen worden war, hatte er seine 4. Sinfonie in ständiger Angst vor der Zensur zurückgezogen. Schostakowitschs 5. Sinfonie entstand nach dem Vorbild von Beethovens 5. Sinfonie nach dem Modell „Per aspera ad astra“ zur Zeit des stalinistischen Terrors und wurde 1937 mit großem Erfolg in Leningrad uraufgeführt. „Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. (…) So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu. Jubeln sollt ihr! Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten“, so Schostakowitsch, dem mit diesem Werk die Gratwanderung als linientreuer Komponist des sozialistischen Realismus gelang, den er maßgeblich prägte. Die Solo-Flöte sehe ich als Ich-Erzähler, die die Ängste und Konflikte des Komponisten im Dialog mit dem Orchester ausdrückt. Auch die anderen Instrumente, zum Beispiel Oboe, Klarinette, Hörner und Solo-Violine haben im zweiten Satz Ländler-artige Solopassagen, die alle von den schneidenden Blechbläsern niedergemacht werden. Der dritte Satz ist fast nur den Streichern vorbehalten und äußert eine bleierne Resignation. Der vierte Satz, ein penetranter Marsch, wurde früher als Verherrlichung des Regimes interpretiert, aber der Komponist sieht darin einen Todesmarsch. Zum Glück sind Sinfonien keine Programmmusik, da kann jeder seine eigene Interpretation finden. Für mich ist es Schostakowitschs Auseinandersetzung mit der stalinistischen Diktatur, die sein Leben und seine künstlerische Freiheit bedrohte. Ein Meisterwerk! (Rezension der Vorstellung v. 29. August 2025) […]
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