Ab ins All, wo Tausende Tonnen Rohstoffe auf die Menschheit warten
WĂŒrden wir uns auf dieses Abenteuer begeben? Auf diese Mission, die das Potenzial hat, in der Menschheitsgeschichte ein neues Kapitel aufzuschlagen? Die anknĂŒpft an die Zeit der Entdecker im 15. Jahrhundert, als Christoph Kolumbus und Vasco da Gama ins Ungewisse aufbrachen, um ihren Horizont und den von uns allen zu erweitern?
Delta v steht in der Physik fĂŒr eine VerĂ€nderung der Geschwindigkeit.
Diese Frage stellt sich den Protagonistinnen und Protagonisten am Anfang von Daniel Suarezâ Werk «Delta-V» (mit dem gleichnamigen Titel in Englisch und in Deutsch): Im Jahr 2032 herrscht eine Ă€hnliche Stimmung wie 1962, als John F. Kennedy die Mondmission ankĂŒndigte (We choose to go to the Moon). Doch im Gegensatz zum Kalten Krieg, als die SupermĂ€chte durch die AktivitĂ€ten im Weltall ihre Ăberlegenheit demonstrieren wollten, sind es heute die MilliardĂ€re, die wirtschaftliche Chancen wittern.
Bist du es, Elon?
Es gibt gleich ein halbes Dutzend von ihnen, und im Kapitel fĂŒnf (Potlatch) treffen sie aufeinander:
George Burkett entwickelt wiederverwendbare TrĂ€gersysteme.Jack Macy will den Mars kolonialisieren.Nathan Joyce entwickelt einen von Astronauten bewohnten OâNeill-Zylinder und strebt den Asteroidenbergbau an.Ebenso Alan Goff, der fĂŒr diesen Zweck jedoch keine Menschen ins All schicken will, sondern Roboter.Raymond Halser hĂ€lt aufblasbare Weltraumhabitate fĂŒr ein lukratives BetĂ€tigungsfeld.Schliesslich Thomas Morten: Er investiert in suborbitale FlĂŒge und den Weltraumtourismus.Es kommt nicht von ungefĂ€hr, dass uns diese Tech-Bros an real existierende Menschen erinnern. Burkett hat gewisse Ăhnlichkeiten mit Jeff Bezos. Bei Macy mit seiner Mars-Obsession denken wir sofort an Elon Musk. Bei Sir Thomas Morten, dem Briten, stand Richard Branson Pate. Die anderen sind (fĂŒr mich) nicht klar erkennbar, doch Halser dĂŒrfte das Alter Ego von Robert Bigelow sein. Bei Alan Goff denkt man wahrscheinlich an Chris Lewicki und Eric Anderson, die in der RealitĂ€t das Unternehmen Space Adventures grĂŒndeten.
FĂŒr die ErzĂ€hlung am wichtigsten ist Nathan Joyce. Er hat kein 1:1-Vorbild. Er zeigt im Verlauf der Geschichte höchst unsympathische CharakterzĂŒge, die Suarez durch die Gleichsetzung mutmasslich keinem lebenden MilliardĂ€r unterstellen wollte. Ein bisschen Musk steckt sicherlich in ihm, ebenso ist ein Anteil Branson auszumachen. Mit Peter Diamandis hat er gemein, dass beide sich fĂŒr Asteroidenbergbau interessieren.
Wie damals bei Apollo â und auch wieder nicht
Jedenfalls eine spannende Ausgangslage fĂŒr eine Geschichte aus dem Bereich der harten Science-Fiction. Der Autor gibt uns zu verstehen, dass das, was er schreibt, keine Gehirngespinste sind, sondern in 13 Jahren («Delta-V» wurde 2019 geschrieben) in greifbare NĂ€he rĂŒcken könnte. Das erhöht bei Leuten, die nicht den reinen Eskapismus suchen, das LesevergnĂŒgen. Und es verleiht der LektĂŒre LegitimitĂ€t: Die wissenschaftlichen Aspekte wirken fundiert. Die implizite Gesellschaftskritik trifft bei mir einen Nerv: Denn wie angedeutet, sind es nicht politische Motive oder der Wissensdrang, die den Forscherdrang befeuern.
Nein, es geht um das Weltall als jenen Raum, in dem Milliarden- und Billionengewinne warten. MilliardĂ€r Nathan Joyce bietet im ersten Kapitel sogar einen NobelpreistrĂ€ger namens Sankar Korrapati auf. Dieser erklĂ€rt dem staunenden Protagonisten (James Tighe), dass das Geldsystem unweigerlich implodieren wird, wenn er den Weltraum nicht erschliesst. Forschung ist in diesem Kontext nebensĂ€chlich. Autor Suarez lĂ€sst keinen Zweifel daran, was er persönlich davon hĂ€lt: Er zeichnet die Kapitalisten â Nathan Joyce et al. â als Opportunisten, die lĂŒgen, betrĂŒgen und ĂŒber Leichen gehen.
Der EinzelgÀnger mutiert zum Teammitglied
Besagter James Tighe ist seinerseits ein Mann, der lieber in unterirdischen Höhlensystemen sein Leben riskiert, als einer geordneten Erwerbsarbeit nachzugehen. Verkracht mit seiner Familie, kommt ihm Joyces Angebot gelegen. Er glaubt zwar nicht, dass diese Mission fliegen wird. Aber es gibt ein Handgeld und eine BeschĂ€ftigung fĂŒr ein paar Monate. Also nimmt er an dem harten Auswahlverfahren teil, bei dem die Crew der Konstantin bestimmt wird. Das ist das Schiff, das zum Asteroiden Ryugu fliegen soll, um wertvolle Rohstoffe in Mengen von Tausenden Tonnen zur Erde zurĂŒckzuschicken.
Die Crew, visualisiert als KI-Infografik: James «J.T.» Tighe, Nicole Clarke, Isabel Abarca, David Morra, Jin Hua Han, meine Lieblings-Nebenfigur Adedayo «Ade» Adisa, Amy Tsukada und Priya Chindarkar.
Ohne jetzt noch mehr zu spoilern, meine Empfehlung: «Delta-V» bietet eine ausgezeichnete Mischung aus spannender Unterhaltung, wissenschaftlichen Details und menschlichem Drama. Suarez hĂ€lt mehrere ĂŒberraschende Wendungen fĂŒr Leserinnen und Leser bereit und schafft es, sein Epos ĂŒber mehrere Stationen von der Rekrutierung, ĂŒber das Training bis zum Start der Mission und darĂŒber hinaus zu entwickeln. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass die RĂŒckkehr zur Erde eine Herausforderung werden wird â schliesslich hat Ryugu eine Umlaufbahn um die Sonne, bei der der Abstand zur Erde mal kleiner und dann wieder sehr viel grösser wird.
Das Ende lĂ€sst Raum fĂŒr eine Fortsetzung, ist aber fĂŒr sich befriedigend genug und nicht bloss ein Cliffhanger. Der zweite Teil erschien 2023 unter dem Titel «Critical Mass» auf Deutsch und Englisch. Die ist ebenfalls lesens- bzw. hörenswert (gelesen von Jeff Gurner), fĂ€llt im Vergleich jedoch ab. Suarez baut zwar die Klimakatastrophe mit ein und zeigt , wie die Menschheit mit der Expansion ins All einen wirkungsvollen Hebel zu deren BekĂ€mpfung in die Hand bekommen könnte. Spannend und relevant, weil ich davon ĂŒberzeugt bin, dass uns nur der Fortschritt retten wird. Aber leider bleibt das nur Staffage und die Geschichte mĂ€andert vor sich hin. Und wie nebenbei die Wissenschaft den Krebs besiegt (zumindest fĂŒr reiche Menschen), ist zu nonchalant.
Ein Hilfsmittel, um mit den Personen klarzukommen
Bei harter Science-Fiction kommen oft die menschlichen Aspekte zu kurz. Daniel Suarez konnte diese Gefahr im ersten Teil bannen: Er schickt eine Crew mit der Konstantin los, die sowohl divers als auch interessant ist, wenngleich der psychologische Tiefgang nicht die grosse StĂ€rke dieses Werks ist. Wegen der Namen hatte ich (beim Hörbuch) mitunter MĂŒhe, die Personen zu unterscheiden â da wĂŒrde ein Personenverzeichnis helfen.
Tipp dazu: Wenn wir das E-Book zur VerfĂŒgung haben, lassen wir uns von der KI eine PersonenĂŒbersicht generieren, wenn die im Werk selbst fehlt. Mein Beispiel oben zeigt, wie diese Ăbersicht fĂŒr das fragliche Buch hier aussehen wĂŒrde. Wie ich sie erstellt habe, erlĂ€utere ich in einem kĂŒnftigen Blogpost.
đ Mehr zur Grafik der Crew beschreibe ich im Beitrag Wie aus einer verwickelten Geschichte eine anschauliche Grafik entsteht.
Beitragsbild: Auch ein unerschrockener Weltraumforscher fĂ€ngt einmal klein an. James «J.T.» Tighe begann seine Karriere als Höhlenforscher â allerdings nicht in Jeans und T-Shirt, sondern mit Taucheranzug (Cottonbro studio, Pexels-Lizenz).
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