Der Emmauswald â einen gröĂeren hat Neukölln nicht
Fast vier Hektar groĂ ist der Emmauswald (PDF-Steckbrief hier) und damit der gröĂte Wald Neuköllns. Knapp auĂerhalb der Ringbahn und nördlich der in diesem Abschnitt im Tunnel gefĂŒhrten A100 gelegen, ist er eine grĂŒne Oase mitten im dicht bebauten Bezirksnorden.
Doch er ist bedroht, das Tochterunternehmen Buwog des Wohnkonzerns Vonovia möchte auf dem Areal und einer angrenzenden FreiflÀche rund 580 Wohnungen errichten, drei Viertel davon Eigentumswohnungen, der Rest Sozialwohnungen.
âDer Emmauswald ist eine der FlĂ€chen, die wir im Rahmen der Kampagne in den letzten und nĂ€chsten Monaten aufsuchen werdenâ, sagt am sonnigen Donnerstagnachmittag Andrea Gerbode, Vorstandsmitglied des BUND Berlin. âGrĂŒne FlĂ€chen retten â Hitzeschutz jetztâ â so lautet der Name der Kampagne, die den weiter anhaltenden FlĂ€chenfraĂ in Berlin möglichst beenden soll.
âDiese FlĂ€chen stehen exemplarisch fĂŒr viele FlĂ€chen in der Stadt, die gefĂ€hrdet sind durch Bebauung. Ob nun Wohnbebauung, Gewerbe, Infrastruktur, soziale Infrastruktur, Verkehrâ, sagt Gerbode. Sie ist dabei umringt von an die 50 Teilnehmenden der Tour ĂŒber das Areal.
âEs sind viele FlĂ€chen, die auf dem Radar stehen. Mittlerweile sind es ja auch 24 Stadtquartiere, die gebaut werden sollenâ, ruft Gerbode in Erinnerung. Gestartet worden ist die Kampagne auf dem Tempelhofer Feld. NĂ€chste Station war SpĂ€thsfelde. Der Emmauswald ist der dritte Stopp â in den nĂ€chsten Monaten folgen weitere.
Bindeglied all dieser FlĂ€chen sei nicht nur der Umstand, dass sie bebaut werden sollen, sondern dass sie auch sehr strukturreich sein. Dieser Abwechslungsreichtum macht sie besonders wertvoll fĂŒr die Artenvielfalt.
Alle Fotos: BUND Berlin/Rick Heger
Einfach nur gegen Wohnungsbau ist der BUND Berlin nicht. âWir zeigen auch Alternativen auf; nĂ€mlich wo kann bebaut oder nachverdichtet werden kannâ, so Gerbode. Dazu gehören bereits versiegelte FlĂ€chen oder die Umwandlung nicht mehr benötigter GewerbeflĂ€chen zu Wohnungen.
Andrea Gerbode hat zwei Ămter, sie ist auch Vorsitzende der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz (BLN). â Seit Jahren mĂŒssen wir beobachten, wie FlĂ€chen salamitaktikmĂ€Ăig verloren gehenâ, sagt sie allgemein fĂŒr die Berliner NaturschutzverbĂ€nde gesprochen.
âWir arbeiten uns mĂŒhsam in Stellungnahmen an jedem Planvorhaben ab und wir haben natĂŒrlich auch einen gewissen Schutz, wie hier zum Beispiel nach dem Landeswaldgesetz oder besonders geschĂŒtzte Biotope. Aber in der AbwĂ€gung fallen die FlĂ€chen doch immer wieder hinten runterâ, schildert sie die bitteren Alltagserfahrungen. Deshalb sei die Idee entstanden, âdass wir diese Gesamtheit der FlĂ€chen auch noch mal in dieser Kampagne vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus thematisieren möchtenâ.
Mit auf der Tour ist auch Jochen Biedermann. Der GrĂŒnen-Politiker ist Neuköllner Bezirksstadtrat fĂŒr Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr. Bis 2023 habe der Bezirk die Aufstellung eines Bebauungsplans fĂŒr das ehemalige Friedhofsareal betrieben. Als sich 2023 allerdings zeigte, dass es in der Bezirksverordnetenversammlung nicht die nötige Mehrheit fĂŒr den Beschluss des B-Plans, sei es in seinen Augen sinnlos gewesen, die Arbeit daran fortzufĂŒhren. âDie Reaktion der Senatsverwaltung fĂŒr Stadtentwicklungwar, diesen Bebauungsplan an sich zu ziehen und zu sagen: Dann machen wir es halt statt dem Bezirkâ, berichtet Biedermann.
âDie Senatsverwaltung kann den Bebauungsplan offensichtlich auch nicht schnell fertigstellenâ, so Biedermann. âSeit Ende 2023 ist ja schon einige Zeit vergangenâ, unterstreicht der Stadtrat. Ganz raus aus dem Verfahren ist der Bezirk allerdings nicht. âWir sind ĂŒber das Umwelt- und Naturschutzamt immer noch zumindest mit Stellungnahmen daran beteiligt und bringen uns da natĂŒrlich auch kritisch einâ, so der GrĂŒnen-Politiker.
âIch bin aber nach wie vor der Meinung ĂŒber die Frage, ob hier bebaut werden soll oder nicht, sollte vor Ort, sollte lokal entschieden werden und deswegen sollte auch die ZustĂ€ndigkeit fĂŒr diesen Bebauungsplan meiner Ansicht nach wieder zurĂŒck an den Bezirk Neukölln gehenâ, unterstreicht er.
Dass noch nicht die Bagger angerollt sind, liegt vor allem am starken Engagement von Anwohnenden gegen die Bebauung. Der Widerstand organisiert sich in der Initiative âEmmauswald bleibtâ. Deren Mitglieder Alina und Judith fĂŒhren die Gruppe tiefer ins GelĂ€nde zu einer rund 250 Jahre alten knorrigen Eiche. âSeit fast vier Jahren sind wir dabei, den schönen Emmi zu schĂŒtzenâ, sagen sie.
âNach der letzten ZĂ€hlung, die 2010 war, gibt es hier ĂŒber 800 BĂ€umeâ, berichten sie. âDas ist ein Schatz, auf dem wir uns hier befinden.â Bis in die 1980er Jahre ist hier noch bestattet worden.
2022 sei die Initiative mit Mitgliedern des Bezirksparlaments ins GesprĂ€ch gekommen. âGlĂŒcklicherweise sind wir da auf total offene Ohren gestoĂen und haben damals vor allem mit der CDU und mit den GrĂŒnen und den Linken ganz, ganz viel gewuppt, ganz viele GesprĂ€che gefĂŒhrtâ, berichten Alina und Judith.
2024 stellten die Berliner Forsten offiziell fest, dass das GelĂ€nde âWaldeigenschaftâ habe. âDas war fĂŒr uns mega, weil das einfach nochmal die Bedeutung des Waldes hervorgestellt hat â und es war auch medienwirksamâ, sagen die beiden Aktivistinnen. âDie Leute haben sich noch mehr fĂŒr den Wald interessiert, weil wir ihn ja jetzt auch deklarieren konnten als Neuköllner Wald.â
Bei dem Versuch, die Bebauung voranzutreiben stellte die Stadtentwicklungsverwaltung jedoch fest, dass unter anderem die vorbeifĂŒhrende A100 ein Problem ist. Denn laut einem lange existierenden Bundesgesetz muss Bebauung einen relativ groĂen Abstand zu Autobahnen halten, selbst wenn diese â wie in diesem Fall â in einem Tunnel verlĂ€uft. Es wurde umgeplant â die HĂ€lfte des Emmauswaldes soll nach der aktuellen Vorstellung nicht bebaut werden, der Rest dafĂŒr umso höher und dichter.
âUnd der Rest, da wo wir jetzt stehen, da wo auch diese alte Eiche steht, leider auch der ökologisch etwas wertvollere Teil des Waldes, der wird bebautâ, berichten Alina und Judith ĂŒber den Plan. âDie Eigentumswohnungen sollen natĂŒrlich schön im Waldteil platziert werden. Und die Sozialwohnungen sollen an die vielbefahrene StraĂeâ, kritisieren sie.
Dass etwas mit den PrioritĂ€ten in Berlin nicht stimmt, verdeutlichen sie an einem Beispiel: âPro Einwohner in Neukölln gibt es fast zehn Quadratmeter ParkplatzflĂ€che, aber nur fĂŒnf Quadratmeter GrĂŒnflĂ€che.â
âRedet mit den Leuten, erzĂ€hlt ihnen vom Wald und nutzt einfach eure Stimme, um fĂŒr die Menschen und fĂŒr die Tiere aufzustehen, die das vielleicht nicht machen könnenâ, fordern die beiden. âDas ist das, was uns wirklich mega ankotzt, ist das, wenn wir die Wohnungsnot gegen Klimaschutz ausspielen. Das sind beides super, super wichtige Sachen und ich bin davon ĂŒberzeugt, dass die Zeiten der einfachen Lösungen vorbei sind.â
Wie wertvoll die FlĂ€che ist, hatte zuvor Janna Einöder, Referentin fĂŒr StadtgrĂŒn des NABU Berlin erlĂ€utert. âWir merken es hier sofort: Der Wald gibt uns schon ein bisschen KĂŒhle, wir hören ein paar Tiere, ich glaube den Habicht haben wir eben gehört, ein paar Meisen habe ich schon gehört, hier seht ihr eine fantastisch blĂŒhende Weide und so weiter und so fortâ, sagte sie nach nur wenigen Schritten in das Areal. Es gebe auch noch sehr, sehr viele weitere Tiere und Pflanzenarten, die man vielleicht jetzt nicht sieht und hört.
âFriedhofsflĂ€chen sind sowieso extrem ökologisch wertvolle FlĂ€chen in Berlinâ, unterstreicht die NaturschĂŒtzerin. âZum GlĂŒck haben wir noch sehr viele davon.â So wichtig und so ökologisch wertvoll seien die Friedhöfe, weil sie âdurch ihre Art und Weise fĂŒr die Natur einfach sehr störungsarm sindâ.
âSie haben sehr, sehr viele Strukturen, zum Beispiel Baumalleen, Strauchpflanzungen, natĂŒrlich die Grabbepflanzung auch, alte GemĂ€uer, man denkt vielleicht an Mausoleenâ, fĂŒhrt Einöder aus. âUnd immer da, wo viele Strukturen sind, finden eben auch viele Arten Platz. Und auf dieser FlĂ€che hier im Emmauswald war nicht nur ein Friedhof, sondern ist eben jetzt ein Wald entstanden.â
Janna Einöder ist wirklich begeistert: âMan kann diese schiere Power fĂŒr das Stadtklima zum einen fĂŒhlen, aber auch sehen.â Die Wirkung von BĂ€umen auf das Stadtklima sei bekanntlich enorm. Nicht nur wegen der KĂŒhlung, sondern weil dort, wo sie wachsen auch Regenwasser versickern kann.
Und schlieĂlich diene der Emmauswald auch der Erholung. âUnd genau aus diesem Grund ist diese FlĂ€che eben sehr wichtig fĂŒr uns alle, fĂŒr Mensch und Naturâ, sagt Einöder und appelliert: âAus dem Grund mĂŒssen wir uns unbedingt einsetzen, dass diese tolle und einzigartige FlĂ€che erhalten bleibt fĂŒr die BĂŒrger in Neukölln, aber eben auch fĂŒr Berlin und uns alle.â
Was man sich im Bezirk durchaus vorstellen kann wĂ€re eine Bebauung nur der an den Mariendorfer Weg angrenzenden GrasflĂ€che, berichtet Stadtrat Jochen Biedermann. Die BVV habe das im Februar auf Antrag der GrĂŒnen mit SPD und CDU zusammen auch noch mal bestĂ€tigt. Das Bezirksparlament sei schon seit mehreren Jahren sehr durchgehend konsistent: keine Bebauung hier auf dem Wald. âDeswegen geht es im Kern um die Frage, wie sich die Senatsverwaltung, also die SPD-gefĂŒhrte Verwaltung verhĂ€ltâ, so Biedermann.
Es sei eine seiner ersten Amtshandlungen als Stadtrat 2016 gewesen, ĂŒberhaupt den Sozialwohnungsanteil von 25 Prozent festzuschreiben. âGrundsĂ€tzlich wĂ€re es mir natĂŒrlich lieber, mit öffentlichen Wohnungsbauunternehmen zusammenzuarbeiten, als mit privaten Investoren, die dann bauen und dann im Zweifelsfall weiter verĂ€uĂernâ, sagt er.
âWir haben hier einen Wald, wir haben hier eine dicht besiedelte Stadt drumherum, wir haben hier eine immer heiĂer werdende Stadt. Deswegen können wir diese FlĂ€che gar nicht bebauen, sondern können höchstens gucken, was wir drumherum erreichen könnenâ, stellt Julian Schwarze fest. Er ist Stadtentwicklungs-Experte der GrĂŒnen im Abgeordnetenhaus. âAber genau diese Antwort, die wird so ignoriert. Und das ist ein ziemliches Desaster.â
Rational kann er sich gar nicht richtig erklĂ€ren, warum insbesondere die SPD derart verbissen versucht, Bauprojekte durchzupeitschen, obwohl die objektiven Voraussetzungen fĂŒr eine Umsetzung einfach nicht gegeben sind. Allein schon, dass man sich bereits mehrfach die Zielzahl von 20.000 neuen Wohnungen pro Jahr in Berlin gegeben habe, obwohl die GesamtumstĂ€nde so waren, âdass man froh sein kann, wenn man ĂŒber 10.000 Wohnungen kommtâ.
âEs geht ja nicht darum, zu sagen: es darf nicht mehr gebaut werden. Wenn, dann muss das Richtige gebaut werdenâ, sagt Julian Schwarze.
Andreas Faensen-Thiebes verweist in der Diskussion auf die Bodenschutz-Konzeption des Senats, derzufolge bis 2045 das Ziel der Netto-Null-Versiegelung erreicht sein soll. Es soll also kein einziger zusĂ€tzlicher Quadratmeter Boden mehr asphaltiert oder betoniert werden dĂŒrfen, auĂer eine mindestens gleich groĂe FlĂ€che wird dafĂŒr entsiegelt.
âWenn man das erreichen will, muss man heute damit anfangenâ, sagt Faensen-Thiebes. Denn Boden zu entsiegeln inklusive all der Einbauten unterhalb der ErdoberflĂ€che sei extrem teuer und aufwĂ€ndig. âDeswegen ist das einzige Mittel, wie man das Ziel erreichen kann, heute schon anders bauen, nicht mehr auf der FlĂ€che bauenâ, so der NaturschĂŒtzer. âDas ist ein ganz eindeutiges Paradigma, das auf den BeschlĂŒssen des Senats basiert.â
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