Die große Verunsicherung
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Die Serie „Freaks & Geeks“ als Ausdruck der Postmoderne: Eine philosophische Annäherung
Die Fernsehserie „Freaks & Geeks“ (1999–2000) von Paul Feig und Judd Apatow gilt vielen als Kultwerk, das die Adoleszenz in all ihren Widersprüchen einfängt. Trotzdem sie nach einer Staffel abgesetzt wurde, gilt sie als Wegbereiter für eine komplexere, breiter aufgestellte Sichtweise auf das […]
https://blog.hamdorf.org/freaks-geeks/Sieg der Intoleranz
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"Wieviel kann man an einem Bild weglassen, ohne dass es aufhört Bild zu sein?“
https://www.foto-kunst-theorie.de/foto-theorie-neu-gelesen-martina-dobbe-und-die-postmoderne/
Martina Dobbe, von 2015 bis 2025 Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart an der Kunstakademie Düsseldorf, hat in ihrer 2007 erschienenen Habilitationsschrift „Fotografie als theoretisches Objekt“ den Beitrag „Bildlose Bilder?“ publiziert, der im Untertitel viel verspricht: „Zum Status des Bildes im Medienzeitalter“. So grundlegend und allgemein das klingt, so konkret geht die Autorin…
Quotenregelung als Baustein politischer und bürokratischer Zwangsmaßnahmen
Dagmar Herzog beschreibt Faschismus als Erlaubnisgeber. Was das mit Widersprüchen, Social Media und unserer Haltung zum Klimawandel zu tun hat: ein Kommentar.
@BigBen Thread: Ich vermute, dass in der Physik das Verschleiern von Gedankenlosigkeit schwerer fällt (wenngleich es offenbar - wie von dir beschrieben - auch dort praktikable Strategien gibt). In der Phil. kannst du hingegen weltberühmt werden (Habermas) ohne irgendeine intellektuelle Leistung, die eine kritische Analyse unbeschadet überstanden hätte (einzig im Positivismusstreit hat Habermas überhaupt auf Kritik - und völlig substanzlos - reagiert, 1/6
Zukünfte (17): Ist die Große Transformation unhaltbar?
Hitze, Dürre, Wasserknappheit, Waldbrände, Hochwasser, Unwetter, Artensterben – alltäglich schwappt die Krise unserer aktuellen Lebensverhältnisse über die diversen Bildschirme in unsere gute Stube. Je stärker sich der Eindruck verdichtet, dass unsere moderne Lebensweise „unhaltbar“ geworden ist, umso stärker scheint das Beharrungsvermögen zu wachsen, mit dem wir an den gewohnten Errungenschaften und Vorstellungen der modernen Welt, aber auch an den Hoffnungen auf eine soziale und ökologische Transformation, festhalten.
Der Soziologe und Nachhaltigkeitsforscher Ingolfur Blühdorn befasst sich eingehend mit diesem Festhalten an „unhaltbaren“ Verhältnissen. Bei seiner langjährigen Auseinandersetzung mit der „sustainable transformation“ hat sich, so scheint es, viel Widersprüchliches aufgestaut, die er in diesem Buch gründlich aufarbeitet. Er versucht, die Debatte über die kollektiv bestimmte Selbstbegrenzung neu anzustoßen. Dabei arbeitet er keine Zukunftsentwürfe aus, wie eine gleichermaßen soziale und ökologische Transformation gelingen könnte. Vielmehr versucht er die „Unhaltbarkeit“ der gegenwärtigen Verhältnisse zu ergründen.
Die nächste Gesellschaft – eine dritte Moderne?
Agrarwende, Mobilitätswende … sind plötzlich unter Druck geraten. Es gibt Wichtigeres, die Pandemie, der russische Überfall … eine Zeitenwende findet statt, ist aber noch wenig greifbar. Vorbei scheint allerdings die Hoffnung auf die „Machbarkeit des Notwendigen“ (Eppler)1.
Blühdorn geht von einer Verschiebung der Konfliktlinie aus. Die Protagonisten der sozial-ökologischen Transformation (er verwendet dafür das Kürzel SÖT) sind unter Druck geraten.
Was zuletzt […] noch als kategorischer Imperativ bezeichnet wurde – Klimaschutz, Menschenrechte, Demokratie, Artenreichtum, planetare Grenzen, ein gutes Leben für alle -, wird nun offen in Frage gestellt.2
Beides ist unhaltbar, so Blühdorns Kernthese, das ignorierende Weiter-so, das jede Evidenz der Klimaveränderung verdrängt oder leugnet. Aber auch der vielbeschworene Untergang der Menschheit als einzig mögliche Konsequenz des unbekümmerten Weiter-so ist unhaltbar. Mit anderen Worten: Unhaltbar ist die gesellschaftliche Ordnung der Nicht-Nachhaltigkeit. Aber unhaltbar ist auch das Projekt der SÖT, das die Gesellschaft auf demokratischen Wegen transformieren sollte.
Blühdorn möchte den Blick auf einen erweiterten Möglichkeitsraum lenken. Die Unbewohnbarkeit des Planeten oder der Untergangs der Menschheit sind möglich, aber keineswegs zwingend. Die Beobachtung der Unhaltbarkeit eröffne vielmehr die Perspektive auf eine neue Moderne, die sich nach dem Narrativ vom Untergang der Menschheit entfalte.
Die planetaren Grenzen sind von den Naturwissenschaften klar bestimmt worden. Sie sagen jedoch nichts über die sozialen Grenzen, die damit verbunden sind. Soziale Werte bleiben kontingent.
Ist es vorstellbar, dass die westliche Moderne und ihre grundlegenden Normen der Freiheit, des selbstbestimmten Subjekts, der Menschenrechte, der Demokratie oder der offenen Gesellschaft sich eines Tages überleben?3
Das ist die Ausgangsfrage, von der aus Blühdorn versucht, die ausgeblendeten Perspektiven zu ergründen. Schon seit Kant sollten die Ideen der Aufklärung die „kosmopolitische Gesellschaft“ und den „ewigen Frieden“ begründen. Geht es mit dieser Denkweise zu Ende? Ist es vielleicht doch nicht die Menschheit, die untergeht, sondern vielmehr die Moderne westlicher Prägung? Blühdorn diagnostiziert eine offensichtliche Zeitenwende, deren Richtung noch nicht erkennbar ist. Er sieht die Sozialwissenschaft kritisch, weil sie sich auf das Wünschenswerte festgelegt habe. Diese Engführung der Analyse und Diagnose möchte er überwinden. Ein Vorbild ist ihm darin Niklas Luhmann, der schon vor vier Jahrzehnten feststellte, dass die funktional differenzierte Gesellschaft wegen ihrer konkurrierenden Systemlogiken kaum in der Lage sei, die ökologische Krise zu bewältigen4.
Blühdorn greift für seine eingehende Analyse trotz dieses Befundes nicht weiter auf die Systemtheorie zurück. Vielmehr bezieht er sich auf die Theorie der Moderne von Ulrich Beck. Das nicht gerade leicht zu lesende Buch ist allein wegen der Aktualisierung des Beck’schen Werks lesenswert.
Der sperrige Begriff des ökologisch-emanzipatorischen Projekts (ÖEP) soll andeuten, dass sich die ökologische Bewegung, die sich aus vielen Strömungen jeder politischer oder unpolitischer Couleur speise und mit Ulrich Beck als „politisches Chamäleon“5 beschreiben lasse, seit den 1970er Jahren mit der emanzipatorischen Bewegung verbunden habe. In westlichen Gesellschaften seien Denkweisen dominant geworden, die Umweltthemen unter dem Vorzeichen emanzipatorischer Werte wie Freiheit, Gleichheit, Würde, Selbstbestimmung, Vernunft und universeller Menschenrechte betrachteten. Das Projekt werde von unzähligen NGOs, grünen Parteien, kritischen Natur- und Sozialwissenschaftlern, progressiven Verwaltungen, engagierten Kirchengruppen, Einrichtungen der politischen Bildung, sozialökologisch orientierten Unternehmen und anderen Akteuren getragen. Ihr Ziel sei die sozialökologische Transformation der Gesellschaft. Dieses Projekt stehe heute plötzlich wieder umfassend zur Debatte. Werte, wie Demokratie, Gleichheit oder universelle Rechte, stünden selbst zur Diskussion.
Rückgriff auf die Theorie der Moderne nach Ulrich Beck
Blühdorn hält an der Beck’schen Theorie der Moderne besonders die Analyse der Logik und Dynamik für tragfähig, die zur Herausbildung der zweiten Moderne und des ÖEP geführt hat. Unter der ersten Moderne ist danach das industrielle, fordistische und nationalstaatliche Regime zu verstehen, das vom Glauben an linearen Fortschritt und stetiges ökonomisches Wachstum geprägt ist. Mit ihm setzen sich die Ideale der Aufklärung durch, die dem Menschen als vernunftbegabten und moralischen Wesen einen freien Willen, das Recht auf Selbstbestimmung, eine unantastbare Würde und universelle Menschenrechte zusprachen. Die Menschen blieben in der ersten Moderne aber noch fest eingebunden in kollektive Strukturen, soziale Zwänge und Massenproduktmärkte. Diese wurden nach und nach mit wachsendem Bewusstsein als beengend wahrgenommen, als „eine Verschwörung zur Anpassung“, wie Beck es selbst formuliert hat.
Die „erste Moderne“ produziert Nebenwirkungen, die den Nutzen des Fortschritts in Frage stellen. Das hatte schon Rousseau, Marx, Horkheimer und Adorno, Polanyi und andere beschäftigt. Neu waren nach Beck jedoch die Dimension der ökologischen Auswirkungen, die jeden räumlichen und zeitlichen Rahmen sprengen. Neu war für ihn aber auch Art und Weise, wie diese ökologischen Auswirkungen subjektiv und gesellschaftlich wahrgenommen wurden.
Der in der industriellen Moderne herrschende Zwang zur sozialen Anpassung wurde nach und nach abgelöst von einem sozialen Zwang zur Selbständigkeit und Originalität. Beck sah in der Individualisierung eine „paradoxe Sozialstruktur“, da sie nicht auf einer freien Entscheidung der Individuen beruhte. Die Menschen waren „zur Individualisierung verdammt“. Der Neoliberalismus der 90er Jahre habe diesen Zwang nicht selbst geschaffen, sondern letztlich nur zur marktgerechten Selbstoptimierung ausgebaut. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Paradoxie waren für Beck gravierend. Er fragte sich, wie sich die im Zuge der Individualisierung auseinanderdriftende Gesellschaft noch integrieren lasse.6
Für Beck war damit jedoch keineswegs ausgemacht, dass die Moderne am Ende sei. Die Diagnose der „Postmoderne“ lehnte er ab. Vielmehr beobachtete er eine „mehr-moderne“ Welt, in der die zweite Hälfte einer unvollendeten Moderne in Angriff genommen werde. Er sah eine zweite Moderne, die eine reflexive Modernisierung vorantrieb, indem sie die negativen Nebenfolgen der industriellen Moderne bearbeitete und zugleich die Normen verwirklichte, die sich mit der ersten Moderne entwickelt hatten. Die zweite Moderne, betont Blühdorn mit Blick auf die Situation heute, sei nicht als Folge des Scheiterns der ersten Moderne zu verstehen, sondern als Konsequenz aus deren Erfolg. Die Risikogesellschaft, die Beck als Folge der zweiten Moderne diagnostizierte, sei keine gewählte Option. Sie sei eine unvermeidliche Konsequenz der Bewusstseinsveränderung aller und komme auf den „leisen Sohlen der Normalität“.
„Ökologische Modernisierung“, wie sie seit den 80er Jahren weithin verstanden wird, unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von dem, was Blühdorn im Anschluss an Beck als ökologisch-emanzipatorisches Projekt (ÖEP) bezeichnet. Emanzipatorische Normen bestimmen, wie ökologische Phänomene wahrgenommen werden und wie die ökologische Frage gerahmt wird.
Die Frage, aus welcher Perspektive und auf Grundlage welcher Normen sie [die ökologischen Probleme] als problematisch wahrgenommen werden, wird nicht gestellt, sondern es wird […] davon ausgegangen, dass Wissenschaft, Technologie und effizientes Management diese Probleme eindeutig benennen können und dann lösen werden.7
Hinter allen Versachlichungen trete jedoch früher oder später die Frage nach der Akzeptanz auf. Sie lautet: Wie wollen wir leben? „Was ist das Menschliche am Menschen, das Natürliche an der Natur, das es zu bewahren gilt?“ (Beck). Die Rede von der „ökologischen Katastrophe“ zeigte in den Augen von Beck, dass diese Entwicklung nicht gewollt wird.
Becks Hoffnungen zielten gerade auf die Ablösung dieses traditionellen Verständnisses. Er glaubte, die Voraussetzungen dafür seien in der Risikogesellschaft besonders gut. Angesichts der unübersehbaren Nebenfolgen der bisherigen Modernisierung werde die Gesellschaft nun ernsthaft „selbstkritisch“. Er hoffte auf eine Remoralisierung der Gesellschaft, eine „Gesellschaft des schlechten Gewissens“. Er hoffte, die ökologische Krise erzeuge „ein kulturelles Rot-Kreuz-Bewusstsein“.
Die „Erfindung des Politischen“ findet nicht statt
Hier setzt Blühdorn mit seiner Kritik an Beck an. Dieser drohe, seine so wichtige Unterscheidung zwischen dem ökologischen Umbau der Industriegesellschaft und der vorherrschenden ökologischen Modernisierung zu unterlaufen. Angesichts der Nebenfolgen der bisherigen Moderne trauten die Menschen den bestehenden politischen Institutionen die Lösung der Probleme nicht mehr zu und seien auch nicht mehr bereit, den etablierten Eliten die Verantwortung zu überlassen. Beck geht von einer Neuerfindung des Politischen aus, die sich mit dem erstarkten Selbstbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger einstelle. Becks Vision zählt drei Entwicklungen auf, die diese Erneuerung kennzeichnen: die partizipatorische Demokratisierung der liberalen, repräsentativen Demokratie, die Umorientierung des bisher vorherrschenden liberalen Individualismus auf die Gemeinschaftsinteressen und das Wohlergehen der Gesamtgesellschaft sowie der Aufbau einer globalen Bürgergesellschaft.8 Beck sah deutliche Anzeichen für diese neu erfundene Politik und wähnte den Klimaschutz-Konsens, Risikogemeinschaften und eine globale Bürgergesellschaft zum Greifen nahe. In der ökologischen Krise sah er die Chance, der Gesellschaft wieder eine klare Orientierung zu geben. Beck sah die transformative Dynamik in einer sich heute schon abzeichnenden Zukunft ins Blickfeld rücken. Auch wenn es sich um eine „herkulinische Aufgabe“ handle, glaubte er an den neuen Sinnhorizont des Vermeidens, Abwehrens, Helfens angesichts der ökologischen Gefahren. Aus der Krise der Moderne sah er eine neue, zweite Moderne wachsen.
Reflex und Reflexion
Blühdorn setzt hier mit seiner Kritik an Beck an. Aus heutiger Sicht erschienen Becks Hoffnungen übertrieben optimistisch. Sie bildeten jedoch ziemlich genau die Hoffnungen, Werte, Überzeugungen und die Aufbruchstimmung der 70er und 80er Jahre ab. Beck selbst betonte jedoch, dass sich an diese Vision einer zweiten Moderne bestenfalls Hoffnungen, keinesfalls Gewissheiten knüpften. Während bei Beck also die Entstehung des ÖEP noch Hoffnung weckte, diagnostiziert Blühdorn deren Unhaltbarkeit und Zerfall. Die Erklärung hierfür findet Blühdorn bei Beck selbst in dessen Konzept der Reflexivität.
Drei ganz unterschiedliche Bedeutungen von „reflexiv“ findet Blühdorn bei Beck: reflexartig und unkontrolliert, reflektiert und selbstkritisch sowie gegen sich selbst gerichtet. Die „zweite Moderne“ sollte bei Beck die bisher noch halbierte Moderne vervollständigen und die unerwarteten Nebenwirkungen der ersten Moderne bereinigen. Die reflexive Modernisierung besagt, dass der zunächst reflexartige Übergang von der Industrie- zur Risikogesellschaft zu einer Selbstkonfrontation der Gesellschaft mit den risikogesellschaftlichen Folgen führt, die im System der Industriegesellschaft nicht mehr angemessen be- und verarbeitet werden können.
Die Diagnose und transformative Bearbeitung der Gefährdungen setze jedoch überindividuelle Bewertungsmaßstäbe und Zielvorstellungen voraus. Beck sei davon ausgegangen, dass bei der reflexiven Modernisierung und der Neuerfindung des Politischen die Basisprinzipien und die großen Errungenschaften der europäischen Moderne – parlamentarische Demokratie, Rechsstaatlichkeit, die Menschenrechte, die Freiheit der Individuen – nicht zur Disposition stünden, sondern nur die Art ihrer Umsetzung in den Gussformen der Industriegesellschaft.
Blühdorn hält das für kaum plausibel, da die Reflexivität im Sinne der Selbstzerstörung sich genau auf diese Maßstäbe beziehe. Bestehende Normen werden zersetzt, neu entstehende Normen werden, so Blühdorn, unter kritischen Dauerbeschuss gestellt, so dass sie sich nicht stabilisieren können. Ein Konsens in der Diagnose der negativen Auswirkungen der Industriegesellschaft und in der Bestimmung von Handlungsstrategien sei mit der reflexiven Modernisierung schwierig.
Der Grund für das Misslingen des ÖEP liegt nicht an einem Scheitern an den Kräften des Kapitalismus. Die zweite Moderne unterminiere sich in ihrem eigenen Vollzug und gerate, wie schon die erste Moderne, in eine „Siegkrise“. Die Gleichzeitigkeit der reflexartigen Zersetzung und der Aktivierung der Normen der Moderne sei schlicht unmöglich. Beck habe diesen Widerspruch gesehen, aber nicht auflösen können. Beck macht mit dieser Widersprüchlichkeit und Unhaltbarkeit sichtbar, was die NSB und das ÖEP nicht aussprechen und reflektieren können, dass sie ihr Ziel nie erreichten und stattdessen Entwicklungen beförderten, die ihren eigenen Intentionen radikal widersprechen.
Beck selbst, so legt Blühdorn offen, hoffte einerseits auf ökologische Gefahren als nicht verhandelbarer, außergesellschaftlicher Norm. Andererseits sah er aber, dass es solche außergesellschaftlichen Normen nicht gibt. Er warnte vor dem „naturalistischen Missverständnis“, man könne die Natur selbst als Maßstab gegen ihre Zerstörung heranziehen. Vielmehr seien es kulturelle Normen, die darüber entscheiden, welche Zerstörung hingenommen wird und welche nicht.
Die ökologische Selbstkritik und der ökologische Umbau der Industriegesellschaft können kaum gelingen, weil es weder für die Problemdiagnose noch für wirksame Gegenstrategien politisch belastbare Referenznormen gibt.9
Die Spannung liegt, betont Blühdorn, nicht einfach zwischen der ökologischen und der emanzipatorischen Dimension des ÖEP, sondern auch innerhalb jeder dieser beiden Seiten. Nicht zuletzt sei die Widersprüchlichkeit auch daran zu erkennen, dass das ÖEP von Beginn an von vergleichsweise privilegierten Teilen der Gesellschaft – einer bürgerlich-liberalen Elite – getragen wurde. Das ÖEP will einerseits authentische Selbstbestimmung des autonomen Subjekts und andererseits die Unterordnung unter ökologische Notwendigkeiten. Auf der emanzipatorischen Seite geraten die Autonomie des individuellen Subjekts und des kollektiven Subjekts in eine Spannung. Auf der ökologischen Seite stehen der ökologischen Mündigkeit und Vernunft, der langfristigen Verbindlichkeit und kollektiven Verantwortlichkeit gleichzeitig die Flexibilität, Originalität, Spontaneität und Diversität gegenüber.
Die reflexive Modernisierung habe die Verständigungsfähigkeit zersetzt, die für die erstrebte „Vernunft“ und „Mündigkeit“ notwendig wäre. Beck ging noch davon aus, dass die Normen und Errungenschaften der europäischen Moderne nicht zur Disposition stünden. Das ist nach Auffassung von Blühdorn heute grundlegend anders.
Auf dem Weg in eine dritte Moderne
Diese Widersprüchlichkeit zwingt nach Ansicht von Blühdorn die ökologisch zunehmend aufgeklärte, spätmoderne Gesellschaft erneut „auf leisen Sohlen“ in eine andere Moderne. Anders als Beck noch hoffte, stehen die heiligen Normen der Menschheit und die großen Errungenschaften der europäischen Moderne heute – infolge der Zersetzung der Verständigungsfähigkeit des ÖEP – selbst zur Disposition. Werte wie Autonomie des Subjekts, Demokratie, Liberalismus, universelle Geltung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit seien, so Blühdorn, höchst unsicher geworden.
Blühdorn stellt folglich klar, dass die Trennung von dem, was immer mehr Menschen nun als „ökoemanzipatorischer Ballast“ erscheine, nicht den „Untergang der Welt“ bedeute, sondern „den der Weltgewissheiten der zweiten Moderne“. Heute gehe es um eine grundsätzliche Neubestimmung der Basisprinzipien der Moderne. Für Blühdorn erscheint als Legende entzaubert, dass die ökologische Bedrohung, die Neuerfindung des Politischen und das „kosmopolitische Moment“ eine sozial und ökologisch befriedete Welt hervorbringen könnten.
Diese Entzauberung bildet für Blühdorn die Grundlage für die Emergenz einer neuen Moderne, an deren Schwelle die spätmodernen Gesellschaften heute stehen. Die zweite Moderne, geprägt vom ÖEP, verwandelt sich absichtslos und reflexhaft in eine dritte Moderne. Entscheidend für diese Entwicklung sind aber nicht nur die Kräfte, die die Emanzipation umkehren wollen. Vielmehr sei es der Glaube an die vernünftige, kollektive Gestalt- und Steuerbarkeit, der seinen Zauber verliere. Ältere Verständnisse von egalitärer, demokratischer, ökologischer und inklusiver Emanzipation könnten auch emanzipatorisch aufgekündigt werden. Die Gesellschaft der Nicht-Nachhaltigkeit werde mit allen Mitteln der Ab- und Ausgrenzung verteidigt. Die dritte Moderne sei aber nicht antimodern, sondern eine Gegenmoderne, die die Prinzipien der Moderne verteidige, aber zugleich grundlegend neu interpretiere. Die dritte Moderne ist bei aller Unschärfe zunächst ein Reflex auf die „Siegkrise“ des ÖEP und der Spätmoderne.
Die dritte Moderne ist […] gleichzeitig emanzipatorisch und auch traumatisch; denn es geht um die Emanzipation von der hergebrachten Idee des autonomen Subjekts im Namen von Freiheit und Selbstbestimmung. 10
Das sei traumatisch, weil das ÖEP in dieser Lesart nicht durch den Kapitalismus, sondern von sich selbst ausgebremst werde. Blühdorn betrachtet dieses Trauma ausführlich im Rückgriff auf die Dialektik, die er auf die drei Säulen des ÖEP, die Nachhaltigkeit, die Emanzipation und die Demokratie anwendet. Die dialektische Analyse hält er für besser geeignet, als die Reflexivität, um den Blick auf das neu Entstehende zu lenken. Wie konnte Ökologisierung in Nicht-Nachhaltigkeit oder Demokratisierung in die autoritär-autokratische Wende umschlagen? Und wie geht daraus etwas Neues, eine dritte Moderne, hervor?
Sich der Ungewissheit stellen
Blühdorn wehrt sich gegen Vorwürfe, dass sein Ansatz pessimistisch, deterministisch oder reaktionär sei. Vielmehr könne es sein, dass entsprechende Stimmen selbst angesichts der unangenehmen Ungewissheit Zuflucht in ihren „safe operating spaces“ suchten. Er möchte den beobachteten Möglichkeitsraum erweitern und zur Bewältigung des Traumas angesichts des Scheiterns des ÖEP und der Transformation beitragen.
Blühdorn sieht unsere Gegenwart in einem Zwischenstadium (Interregnum). Der Prozess der Zerschlagung der Ökologisierung und Emanzipation sei schon weit fortgeschritten. Er lässt jedoch bewusst offen, wie eine dritte Moderne konkret aussehen könnte. Alles ist möglich, so sein Fazit. Ihm geht es um eine Diagnose jenseits von Optimismus und Pessimissmus. Er möchte sich der Andersartigkeit der zukünftigen Moderne ohne Vorbehalt nähern. Es sei gerade die Krise des ÖEP, das die Ideale der Aufklärung auffrischen wollte, die auch den Sozialwissenschaften die Kriterien für die Bewertung der heraufziehenden dritten Moderne geraubt habe.
Noch eine weitere Motivation nennt Blühdorn für sein ambitioniertes Werk. Er möchte aus der Konfliktspirale ausbrechen, in der spätmoderne Gesellschaften gefangen seien.
Eine erhebliche Bedrohung liegt in der Spätmoderne […] nicht nur in der rasanten Zerstörung biophysischer Systeme, sondern auch darin, dass alle Normen zu ihrer Bewertung deutlicher denn je als letztlich unbegründbare Fundamentalismen und als kontingent erkennbar sind. Gerade das macht die Spätmoderne so unsicher, gereizt, polarisierend und explosiv.11
Der Mehrwert seiner Analyse, so seine Hoffnung, liege darin, dass sie die spätmoderne Traumatisierung sichtbar macht und zu einem besseren Verständnis, im besten Fall sogar zu einer Entschärfung gegenwärtiger Konflikte beiträgt.
Viele der tiefgreifenden Veränderungen, die wir gegenwärtig erleben, sind für Blühdorn nichts anderes als Bewältigungsstrategien dieser Traumatisierung. Allen voran verhindert die Ablenkungs- und Zerstreuungsindustrie mit den Smartphones und den sozialen Medien jede Gelegenheit zur Wahrnehmung und Reflexion der aktuellen Dynamik. Auch die Abkehr vom Öffentlichen und Politischen zurück ins Private dient für ihn der Bewältigung des Traumas.
Die Hoffnungs- und Vertröstungsszenarien tragen nicht anders als die Verschwörungstheorien zur Stabilisierung der zweiten Moderne bei. Gerade die Verschwörungstheorien bestätigen, so Blühdorn, den modernistischen Glauben an die Steuerbar- und Gestaltbarkeit, verorten sie aber nur noch bei den Eliten. Sich selbst verstünden die Anhänger dieser Theorien als machtlos und von jeglicher Verpflichtung und Verantwortung für das Allgemeine entbunden. Die Querdenker und deren Kritiker stabilisieren aus dieser Perspektive die normativen Kategorien der Spätmoderne. Sie brauchen sich gegenseitig als Referenzpunkt im Raum der Orientierungslosigkeit.
Auch die sozialen Bewegungen können heute in den Augen des Autors kaum noch als Avantgarde einer nachhaltigen Gesellschaft nach der Idee des ÖEP gedeutet werden. Sie erscheinen ihm als Rückzugs- und Erlebnisraum für die „sterbende Illusion“.
Auch die weit verbretete Beschäftigung mit dem Thema „Resilienz“ deutet Blühdorn als Mittel zur Traumabewältigung. War für die zweite Moderne noch die große Transformation und Korrektur das Ziel, ist es für die dritte Moderne die Optimierung der Resilienz.12
Es gehe nicht mehr darum, neue emanzipatorische Räume für die progressive Verwirklichung von Gleichheit und Selbstbestimmung zu erschließen, sondern darum, die Absorptionskapazität zu erhöhen. Die Problembewältigung wird nicht mehr in der Veränderung der geselllschaftlichen Naturverhältnisse gesucht, sondern in der Veränderung der subjektiven Wahrnehmung. In der dritten Moderne ist auf der Verliererseite resilient, wer sich durch seine Ausgrenzung nicht aus der Bahn werfen lässt, sondern sich mit den Verhältnissen zu arrangieren versteht. Auf der Gewinnerseite bedeutet Resilienz, sich unempfindlich zu machen für die soziale und ökologische Verwüstung, die mit den eigenen Werten und dem eigenen Lebensstil unzertrennlich verbunden ist.
Blühdorn sieht, dass er mit Ökologisierung und Emanzipation nur zwei Dimensionen betrachtet hat. Viele andere – die funktionale Differenzierung und Komplexitätssteigerung, die kapitalistische Expansion, die Vermarktlichung und Konzentration von Macht, die Beschleunigung, die Dynamik der digitalen Revolution und KI – hätten jedoch ebenfalls großen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung der Moderne.
Keine Hoffnungsliteratur mehr, das ist Blühdorns Anliegen. An die soziologische Zunft richtet er seinen Appell, die eigene Verstrickung in die nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit zu reflektieren, sich sehr viel genauer mit der Realität moderner Gesellschaften zu befassen und eine Soziologie der Nicht-Nachhaltigkeit zu entwickeln.
II
Blühdorn hat ein herausforderndes Buch vorgelegt, mit dem er den Versuch wagt, unsere Denkhorizonte kritisch zu hinterfragen. Er widersteht der Versuchung, eine bestimmte Zukunftsvision als unausweichlich zu betrachten oder auch nur einen Möglichkeitsraum zu beschreiben. Vielmehr verlegt er sich darauf, den Raum der Unhaltbarkeiten zu beleuchten. Er nähert sich damit dem Möglichkeitsraum gewissermaßen von der Außenseite und trägt so beim Leser dazu bei, die eigenen Vorstellungen des Möglichen zu reflektieren und im besten Fall tastende Schritte in neue Denkräume zu wagen.
Das Buch erinnert in gewisser Weise an Bruno Latour und sein Terrestrisches Manifest, über das ich vor einiger Zeit einen Blog-Beitrag verfasst habe. Auch Latour versuchte, die Enge des Denkens in den gewohnten Bahnen der Moderne zu überwinden. Er ging von einer historischen Entwicklung, einem „Zeitpfeil der Moderne“, aus, an dem sich alle – Befürworter und Gegner – orientieren konnten und der vom Lokalen zum Globalen verlief. Die Orientierung ist uns nach Latour verloren gegangen, weil zu den beiden Polen des Zeitpfeils ein dritter Pol hinzugetreten ist, der diese schier unerträgliche Spannung erzeugt. Er wählte dafür einen neuen Begriff, das „Terrestrische“, um keine Assoziationen zu gewohnten Begriffen, wie „Erde“, „Natur“, „Boden“ oder „Welt“, zu wecken.
Blühdorns Versuch, das Entstehen einer dritten Moderne zu beschreiben, erinnert mich an diesen Zeitpfeil in unbekanntes Terrain. In der Verbindung der Überlegungen von Blühdorn mit denen von Latour lässt sich leichter erahnen, wie das Abstraktum der dritten Moderne Konturen erahnen lässt.
Latour kommt in seinem Manifest zu Empfehlungen für eine neue Praxis. Latour schlug vor, von einer auf Produktionssysteme zu einer auf Erzeugungssysteme bezogenen Analyse zu wechseln. Das Erzeugungssystem sei nicht daran interessiert, für Menschen Güter aus Ressourcen zu produzieren, sondern Erdgeschöpfe, Lebendigkeit, zu erzeugen. Die Kernfrage für Latour lautete deshalb: Wie lassen sich Bindungen kultivieren? Seine Empfehlung für Erkundungen in dieser Absicht: zunächst die unsichtbar gewordenen Lebensterrains wieder beschreiben!
Blühdorn, Ingolfur: Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Berlin 2024 (edition suhrkamp)
Dank für die Lektüreempfehlung an Tom Hansmann
Mehr dazu
Zukünfte (5): Der Mensch als Natur
Zukünfte (12): Vom globalen zum planetarischen Denken
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