EIN AUGE, OFFEN

Stunden, maifarben, kühl.
Das nicht mehr zu Nennende, heiß,
hörbar im Mund.

Niemandes Stimme, wieder.

Schmerzende Augapfeltiefe:
das Lid
steht nicht im Wege, die Wimper
zählt nicht, was eintritt.

Die Träne, halb,
die schärfere Linse, beweglich,
holt dir die Bilder.

Aus: #Sprachgitter (1959)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

ZUVERSICHT

Es wird noch ein Aug sein,
ein fremdes, neben
dem unsern: stumm
unter steinernem Lid.

Kommt, bohrt euren Stollen!

Es wird eine Wimper sein,
einwärts gekehrt im Gestein,
von Ungeweintem verstählt,
die feinste der Spindeln.

Vor euch tut sie das Werk,
als gäb es, weil Stein ist, noch Brüder.

Aus: #Sprachgitter (1959)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

BAHNDÄMME, WEGRÄNDER, ÖDPLATZ, SCHUTT

Lichtgewinn, meßbar, aus
Distelähnlichem:
einiges
Rot, im Gespräch
mit einigem Gelb.
Die Luftschleier vor
deinem verzweifelten Aug.
Das letzte
reitende Sandkorn.

(Die
Augärten, damals, das
gelächelte Wort
vom Marchfeld, vom
Steppengras dort.
Das tote Ringelspiel, kling.
Wir
drehten uns weiter.)

Der Sandkornritt, das
Auge, ihm zugewandt.
Die Stundentür und
ihre Geräusche.

Aus: #Sprachgitter (1959)

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EINE HAND

Der Tisch, aus Stundenholz, mit
dem Reisgericht und dem Wein.
Es wird
geschwiegen, gegessen, getrunken.

Eine Hand, die ich küßte,
leuchtet den Mündern.

Aus: #Sprachgitter (1959)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

MIT BRIEF UND UHR

Wachs,
Ungeschriebnes zu siegeln,
das deinen Namen
erriet,
das deinen Namen
verschlüsselt.

Kommst du nun, schwimmendes Licht?

Finger, wächsern auch sie,
durch fremde,
schmerzende Ringe gezogen.
Fortgeschmolzen die Kuppen.

Kommst du, schwimmendes Licht?

Zeitleer die Waben der Uhr,
bräutlich das Immentausend,
reisebereit.

Komm, schwimmendes Licht.

Aus: #Sprachgitter (1959)

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HEUTE UND MORGEN

So steh ich, steinern, zur
Ferne, in die ich dich führte:

Von Flugsand
ausgewaschen die beiden
Höhlen am untern Stirnsaum.
Eräugtes
Dunkel darin.

Durchpocht
von schweigsam geschwungenen Hämmern
die Stelle,
wo mich das Flügelaug streifte.

Dahinter,
ausgespart in der Wand,
die Stufe,
drauf das Erinnerte hockt.

Hierher
sickert, von Nächten beschenkt,
eine Stimme,
aus der du den Trunk schöpfst.

Aus: #Sprachgitter (1959)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

UNTER EIN BILD

Rabenüberschwärmte Weizenwoge.
Welchen Himmels Blau? Des untern? Obern?
Später Pfeil, der von der Seele schnellte.
Stärkres Schwirren. Näh'res Glühen. Beide Welten.

Aus: #Sprachgitter (1959)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

UNTER EIN BILD

Rabenüberschwärmte Weizenwoge.
Welchen Himmels Blau? Des untern? Obern?
Später Pfeil, der von der Seele schnellte.
Stärkres Schwirren. Näh'res Glühen. Beide Welten.

Aus: #Sprachgitter (1959)

#PaulCelan #Celan #Lyrik #poetry

KÖLN, AM HOF

Herzzeit, es stehn
die Geträumten für
die Mitternachtsziffer.

Einiges sprach in die Stille, einiges schwieg,
einiges ging seiner Wege.
Verbannt und Verloren
waren daheim.

Ihr Dome.

Ihr Dome ungesehn,
ihr Ströme unbelauscht,
ihr Uhren tief in uns.

Aus: 4 #Sprachgitter (1959) › 4

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