Globale Kapitalismus-Kritik an Schulen ist schon da
Wer den Diercke-Spezial liest, Länder des Südens, kann positiv schockiert werden: Für Teile des Inhalts hätte es in den 70er Jahren in Deutschland wohl noch Berufsverbot wegen kommunistischer Umtriebe gegeben.
Volker Pispers ist übrigens auch wieder auf Tour… .
An einen der ersten Berliner Frosttage hatte ich den Geographen Prof. Ludwig Ellenberg bei mir zu Gast. Wie es sich für so einen Anlass gehört, wurde die Bude auf beinahe 16 Grad hochgeheizt, dazu gab es den besten Tschai außerhalb Lahores – im Gegensatz zur pakistanischen Metropole war in meinem Tschai jedoch echte Milch. Die staatliche Gesundheitsbehörde Pakistans hatte bei früheren Kontrollen festgestellt, dass es ein Wunder ist, dass die Milch bei den großen Anteilen an Borsäure, Borax, Salicylsäure und Formaldehyd noch weiß ist – sie wird mit künstlichen Farbstoffen aufbereitet. Wissenschaftler in anderen Teilen Pakistan wiesen nach, dass die Panscherei nicht aufhört, nur der Staat kontrolliert kaum noch.
Nach zwei herrlichen wie informativen Stunden ließ Ludwig mir den Diercke Spezial da, Länder des Südens, der auch an Oberschulen als Lehrmaterial dient.
Er hatte den Part über Costa Rica beigesteuert. Trotzdem las ich erst einmal den Pakistan-Teil von Andreas Benz, um das Niveau des Heftes besser einschätzen zu können. Neben einem Bravo bekam der Kollege auch etwas Mitleid. Etwa 80 Prozent des Platzes von 5 Seiten musste Benz darauf verwenden, Pakistans Besonderheiten zu beschreiben. Auch wegen seiner geographischen Lage wurde das Land zum militärischen Spielball der Weltmacht USA. Dann die ganzen Militärdiktaturen Pakistans, dazu musste Benz beschreiben, dass die derzeitige „demokratische“ Regierung nur eine Marionette der Armee ist. Auch nicht fehlen durfte der Missbrauch des Islams zu politischen Zwecken, wie die noch heute tiefverankerten Fundamente des Feudalismus.
Zum eigentlichen Thema des Diercke Spezial, Globalisierung und die derzeitige Entwicklung des Landes, blieben nur ein paar Absätze übrig, aber die hatten es in sich. Zusammengefasst: mit der Globalisierung hat der pakistanische Staat nahezu alles privatisiert, auch Bildung und Soziales, und sich so komplett aus der Verantwortung gestohlen. Das half zwar dabei, dass eine kleine, gutverdienende Mittelklasse entstand, doch der große Teil der Bevölkerung. blieb und bleibt dabei auf der Strecke.
Dann begann ich den Diercke vom Anfang an zu lesen und spätestens beim Teil “Theorie der fragmentierenden Entwicklung” schüttelte ich bejahend wie positiv schockiert mit dem Kopf. Konzerne werden als virtuelle Unternehmen betitelt, die nur noch Tätigkeiten wie das Planen selbst ausüben. Alles andere, und vor allem die Produktion, wird ausgelagert und damit jegliche Verantwortung für die Beschäftigten wie für Umweltvorschriften abgeschüttelt – vorwiegend an den Globalen Süden. In Teilen gewinnt der dadurch. Auch im Globalen Süden entstehen gutverdienende Mittelklassen, doch die Länder als Ganzes profitieren nicht davon, weil jeder mit jedem im Wettbewerb liegt, um selbst voran zukommen. Deswegen entsteht auch keine nachhaltige, sondern eine fragmentierte Entwicklung. Reichtum wohnt Tür an Tür mit unfassbarer Armut, stellt der „Diercke“ fest.
Ein Kollege mit dem ich eine Zeitlang für zwei Magazine geschrieben habe, fragte vor ein paar Jahren, warum ich mich denn andauernd an Indien abarbeite. Ich war irritiert, denn allerspätestens im Zeitalter der Globalisierung sollte dies doch gerade belesenen Menschen klar sein. Auch was sich an Ländern wie Indien für Deutschland ablesen lässt, wird im Diercke Spezial verständlich erklärt, denn die fragmentierte Entwicklung findet doch für jeden sichtbar mittlerweile sogar im Globalen Norden statt. Dazu nimmt die finanzielle Ungleichheit zu.
Laut des Global Wealth Report von 2023 gibt es in Deutschland geschätzt 2,8 Millionen Vermögensmillionäre. Sollten sie auf Nachrichten stoßen, das deutsche Millionäre massenweise das Land verlassen, gähnen sie einmal: 2024 taten dies 400.
Das neuangestellte Personal im frisch renovierten Rewe-Laden auf der Berliner Turmstraße hat dagegen einen Stundenlohn von etwa 13,44 Euro. Das alte Personal verdiente 18 Euro pro Stunde, da es länger im Unternehmen war – deswegen ist es nicht mehr in der Turmstraße. Da wundert es nicht, dass schon 2022 jeder zweite Deutsche bei einer Umfrage angegeben hat, am Monatsende nicht mehr regelmäßig genug zum Sparen übrig zu haben.
In Indien ist dies und noch viel mehr schon länger zu beobachten. Ebenfalls die Verdrossenheit der Bevölkerung mit dem etablierten politischen Personal, wie der indischen Kongress Partei (so etwas wie die SPD im Reden und die CDU in der Tat). Genau deswegen kam ein hindunationaler Populist wie Narendra Modi schon 2014 an die Macht. Für alles, was schief läuft, werden dort bis heute die Muslime verantwortlich gemacht. Ich glaube, hier müssen jetzt keine Parallelen zu Deutschland oder Europa genauer beschrieben werden. Dafür betone ich lieber, warum ausgerechnet das Lieferkettengesetz von CDU, AFD und Co. so stark torpediert wird: weil es das Geschäftsprinzip der virtuellen Unternehmen (Konzerne) angreifen würde. Also dass Textil-Unternehmen in Bangladesch gegen die in Indien und Pakistan ausgespielt werden können, damit die Einkaufspreise auch günstig bleiben. Die schwarzen oder rotgefärbten Flüsse, in die die ungeklärten Chemiebrühen gekippt werden, bleiben das Problem des Globalen Südens. Das Lieferkettengesetz wäre ein Anfang gewesen endlich dagegen vorzugehen.
Als im Jahr 2013 nahe Dhaka mehr 1129 Arbeiterinnen und Arbeiter bei einem Fabrikeinsturz ums Leben kamen, versprachen die westlichen Einkäufer, sich finanziell daran zu beteiligen, mehr für die Sicherheit der Näherinnen in den Fabriken Bangladeschs zu tun. Prof. Marc Anner bewies mit einer Studie, dass genau das Gegenteil passierte. Die Textil-Einkäufer aus dem Globalen Norden, zahlten anschließend im Durchschnitt sogar 13 Prozent weniger.
Fürs gute Gewissen bekommen Teile des deutschen Bildungsbürgertums dann einen Dieter Nuhr. Ein Mensch, der dank seiner „Berufung“ eigentlich die Zeit hatte, sich mit der Welt zu beschäftigen, aber eingefallen ist ihm nur ein Geschäftsmodell, mit dem er Millionär werden konnte. Ich erzähle ein paar Millionen Menschen, dass sie (also Deutschland) keine Schuld haben, erst recht nicht an der weltweiten Umweltverschmutzung und am menschengemachten Anteil des Klimawandels – den 1,5 Grad.
Nein, keine Zuschauer schelten, denn mir ist einer persönlich bekannt. Er hatte sich mühevoll auf dem zweiten Bildungsweg zum Ingenieur hochgearbeitet. Auch sehr unangenehme Arbeit im Ausland, dazu 60-Stundenwochen und mehr – zu Hause eine Familie. Wo soll da die Zeit bleiben, sich umfangreich zu informieren? Ein Nuhr dagegen hatte sie und hilft trotzdem im seriösen Gewand der ARD bis heute weiter mit, dass Gesetze, die wirklich etwas ändern können, wie das Lieferkettengesetz, öffentlich niedergemacht werden und so politisch nicht umgesetzt.
Doch nicht nur der Diercke Länder des Südens, bietet jungen Menschen Fakten gegen die Nuhrs dieser Erde. Auch junge Ökonomen wie Maurice Hoefgen knöpfen sich mit reichweiten Faktenchecks auf Youtube die Helfer der virtuellen Unternehmen (Konzerne) wie Nuhr vor.
Ja, es sieht allgemein schlimm aus, aber kampflos geht eben nicht alles den Bach runter. Selbst Volker Pispers ist wieder auf Tour – genauer gesagt, sein Bühnenauftritt „U.S.A und Terrorismus“ geht mit englischem Untertitel seit vielen Jahren um die Welt. In den U.S.A ist Pispers gerade unter jungen Farbigen ein Art Held geworden, weil hunderte von Youtubern mit jeweils Hundertausenden Zuschauern Volker Pispers Auftritte nahebringen.
Was die vielen gutartigen „Alten“ gemacht haben, war und ist eben nicht für die Katz. Auch ein Beitrag von „Die Anstalt“ aus dem Jahr 2014 über die U.S.A und den mittleren Osten macht seit Jahren auch in den Staaten die Runde und bringt dort junge Menschen leerreich zum Staunen.











