Sprechen & Zuhören bei Mehr Demokratie e.V.

Ich war heute in Dresden bei einer Moderator*innenschulung von Mehr Demokratie e.V. für das Format Sprechen & Zuhören. Wer das Format selbst kennen lernen will, findet vielfältige Veranstaltungsankündigungen auf der Website des Vereins. Neben Veranstaltungen vor Ort gibt es auch regelmäßige Online-Formate.

Mein Impuls zur Teilnahme war vielfältig.

  • Erstens war und bin ich am Überlegen, was ich mit meiner Kompetenz in Bildungsarbeit in der gegenwärtigen Situation sinnvollerweise tun kann, um Demokratie zu stärken und zu verteidigen. Hintergrund sind hier vor allem die bei uns in Sachsen-Anhalt anstehenden Landtagswahlen im Herbst.
  • Zweitens war ich auf das Format Sprechen & Zuhören neugierig und wollte erkunden, wie ich es auch in meiner Arbeit nutzen kann.
  • Drittens finde ich es immer spannend, Lernangebote aus der Perspektive einer Teilnehmerin kennen zu lernen, um daraus dann auch für eigene Veranstaltungen zu lernen.

Jetzt bin ich auf der Rückfahrt und stelle fest: für alle drei Intentionen hat sich die Fahrt nach Dresden sehr, sehr gelohnt!

Mitmachen bei Mehr Demokratie e.V.

Mehr Demokratie ist ein bundesweit und meinem Eindruck nach sehr professionell arbeitender Verein. Mir gefällt vor allem, dass sie z.B. für Menschen wie mich, die auf der Suche sind, wo sie sich einbringen und etwas Sinnvolles beitragen können, eine sehr niederschwellige Beteiligungs- und Lernmöglichkeit schaffen.

Bestes Beispiel dafür ist die heutige Fortbildung: Ich konnte mich dazu offen für einen eher symbolischen Beitrag von 10 Euro anmelden. Die Veranstaltung war dann so angelegt, dass sehr direkt Handwerkszeug gezeigt und praktisch ausprobiert wurde (dazu unten mehr). Vor allem aber gab es auch die direkte Einladung, sich mit anderen zu verbinden und z.B. in Messenger-Gruppen und regelmäßigen Calls teilzuhaben sowie auf zahlreiche Unterstützungsmaterialien zur eigenen Durchführung von Veranstaltungen zuzugreifen.

Im Ergebnis bedeutet das: Es lässt sich sehr direkt und zugleich sehr verbunden und mit ganz viel Unterstützung aktiv werden. Solch eine professionelle Rahmensetzung ist aus meiner Sicht ein sehr gutes Best Practice Beispiel für erfolgreiche Community-Arbeit. Ich nehme dazu einiges für meine Arbeit bei den wirkSamen mit.

Das Format Sprechen & Zuhören

Das Format Sprechen & Zuhören war mir grundsätzlich vertraut. Ich nutze es in meiner Arbeit bisher als ‚Denkende Runde‘, die ich meist wie folgt gestalte:

  • Es bilden sich Kleingruppen.
  • Alle in der Kleingruppe haben nacheinander je 4 Minuten Zeit, um zu einer Frage zu sprechen.
  • Wer nicht spricht, hört aufmerksam zu. Es gibt keine Nachfragen oder Unterbrechungen.

Ich habe bereits diesen Ansatz immer als sehr wertvoll erlebt. Beim Format Sprechen & Zuhören wird nun noch an zwei Stellen eine sehr wirkungsvolle Ergänzung vorgenommen:

  • Es gibt nicht nur eine Runde, sondern drei Runden. Alle sprechen also dreimal zum gleichen Thema und hören auch dreimal allen anderen in der Gruppe zu. Diese Entschleunigung sorgt für ziemlich viel Vertiefung. Schrittweise traut man sich, sich verletzlicher zu zeigen, wodurch Verbundenheit, Verstehen und Verständnis entstehen kann.
  • Die Frage für das Sprechen & Zuhören ist immer in der folgenden Form formuliert: „Wie geht es dir mit …?“ Ganz bewusst wird also nicht gefragt, was man zu etwas weiß oder zu etwas denkt, sondern es wird auf die persönliche Ebene bezogen. Es geht darum, über sich und seine Gefühle zu einem Thema zu sprechen. Das sorgt für sehr viel Öffnung.
  • Ich kann mir eine Übertragung dieses Formats in meine Fortbildungen sehr gut vorstellen.

    (Hinweis für Lehrkräfte: Es gibt bei Mehr Demokratie e.V. auch eine Arbeitsgruppe, die Sprechen & Zuhören in Schulen mit Schüler*innen gestaltet.)

    Gestaltung der Veranstaltung

    Das Ziel der heutigen Veranstaltung war es, weitere Moderator*innen für das Format auszubilden und es auf diese Weise in die Breite zu bringen. Das hat vor allem dadurch geklappt, dass wir das Format am Vormittag direkt selbst erlebt haben. Anschließend gab es eine Praxis-Phase, in der wir alle in die Rolle von Moderator*innen schlüpften und das Format testweise mit jeweils anderen Teilnehmenden durchführten. Zum Abschluss werteten wir im Plenum gemeinsam aus und klärten Fragen.

    Dieser Aufbau ist dicht an dem, was ich selbst in Fortbildungen auch immer versuche. Aus der Beobachtung nehme ich noch einmal mit, wie hilfreich es ist, viel Vertrauen in Gruppenprozesse zu haben. Es war heute sehr schön, zu beobachten, wie viel daraus alles entstehen kann.

    Fazit

    Herzlichen Dank an all die vielen engagierten Menschen bei Mehr Demokratie e.V. und eine ebenso herzliche Einladung an alle, die den Verein noch nicht kennen, sich über ihn zu informieren und vielleicht ja auch einzubringen. Wie dargestellt gibt es dazu jede Menge Möglichkeiten, wenn man etwas Zeit investieren kann. Wer keine Zeit hat, aber finanziell nicht super knapp ist, kann den Verein auch durch Spenden oder eine Mitgliedschaft unterstützen.

    Website Mehr Demokratie e.V. #MethodenLernformate #Veranstaltungen
    Sprechen & Zuhören bei Mehr Demokratie e.V. | eBildungslabor

    Silent Writing in zwei Phasen

    Mit einem Silent Writing ist in der Grundform gemeint, dass eine Gruppe sich vor einer gemeinsamen Diskussion kurz Zeit nimmt, so dass alle kurz innehalten, ihre Gedanken sortieren und Stichpunkte dazu für sich festhalten können. Dazu reichen meist schon 3-5 Minuten aus und die Diskussion wird anschließend viel gleichberechtigter und zielführender.

    Besonders hilfreich finde ich solch ein Silent Writing, wenn man es in zwei Phasen durchführt:

  • Notiere alles, was dir zu dem Thema in den Sinn kommt.
  • Schaue deine Notizen durch und überlege, was davon uns gemeinsam als Gruppe in der jetzigen Situation weiter bringt.
  • Ich habe mich heute an dieses ‚2-Phasen-Silent Writing‘ erinnert, weil ich für die Gewerkschaft ver.di ein Material mit vielen Möglichkeiten fertigstelle, wie eine Gruppe von Kolleg*innen in ihrer Zusammenarbeit Verantwortung für das gemeinsame Lernen übernehmen kann. Gefragt sind hier vor allem sehr niederschwellig umsetzbare Ideen. Dazu passt solch ein Silent Writing – insbesondere mit dem 2-Phasen-Ansatz – ganz ausgezeichnet.

    Und für mich finde ich es sinnvoll, dieses Vorgehen hiermit auch direkt in meinem Lerntagebuch für mich und andere festzuhalten. 🙂

    Beitragsbild: Individuelles Silent Writing – aktuelle Kritzelfläche auf meinem Schreibtisch ;-)

    #MethodenLernformate

    Ins Handeln kommen: Pro Action Café als kollegiales Beratungsformat

    Gestern war ich Teilgeberin in einem Pro Action Café. Dieses Format ist eine Mischung zwischen Open Space, World Café und kollegialer Beratung in Verbindung mit der Entwicklung eines nächsten Schritts. Ich habe es als sehr zielführend erlebt und teile deshalb im Folgenden ein mögliches Vorgehen mit dieser Methode zur Weiternutzung.

    Überblick: Idee und Ablauf eines Pro Action Cafés

    Ein Pro Action Café hat im Sinne einer handlungsorientierten, kollegialen Beratung das Ziel, dass Teilgebende sich von anderen Teilgebenden zu einem nächsten, möglichen Schritt im Kontext einer Herausforderung beraten lassen. Damit gibt es bei dem Format grundsätzlich zwei Rollen:

    • Fallgeber*innen (= diejenigen, die ein Anliegen einbringen)
    • Beratende (= diejenigen, die ihre Erfahrungen und Perspektiven dazu beisteuern)

    Genutzt wird ein World Café bzw. Open Space Setting:

  • Zu Beginn werden die Anliegen im Plenum eingebracht und vorgestellt.
  • Anschließend gibt es für jedes Anliegen einen Tisch. Es wird in drei aufeinander aufbauenden Runden beraten.
  • Zum Abschluss wird das Pro Action Café im Plenum ausgewertet.
  • Wichtig ist bei diesem Setting, dass die Fallgeber*innen eine sehr aktive Rolle haben. Mehr noch als im klassischen World Café Format, bei dem eine Person am Tisch sitzen bleibt und die Diskussionen von einer zur nächsten Runde weiter trägt, haben Fallgeber*innen nun auch noch zusätzlich ein eigenes Anliegen, für das sie erste Schritte für mögliche Handlungen suchen. Gerade deshalb finde ich das Format aber sehr wirkungsvoll, weil auf diese Weise natürlich eine große Neugierde und Motivation für die Tisch-Gespräche besteht.

    Beschreibung der einzelnen Phasen

    1. Start im Plenum

    Die erste Phase bei einem Pro Action Café kann man sich am besten als eine Art Sessionplanung vorstellen. Sie findet im Plenum statt. Es ist hilfreich, hier zu Beginn kurz etwas Raum für Stille und Reflexion zu geben, damit alle Beteiligten sich überlegen können, ob sie beratend oder fallgebend aktiv werden wollen. Und wenn fallgebend, dann zu welchem Thema.

    Bei unserer Durchführung haben wir dieses ‚Plenum‘ als asynchronen Part vorangestellt. Dazu gab es einen Aufruf, vorab das Anliegen mit etwas Kontext dazu in einem Forum zu teilen. Auf diese Weise konnten sich alle schon einmal vorab mit den Themen vertraut machen. Im Plenum reichte dann eine kurze Vorstellung.

    2. Beratungsrunden

    Im Anschluss an die Vorstellung im Plenum folgen dann drei World Café Runden. Die Fallgeber*innen bleiben dabei jeweils an ‚ihrem‘ Tisch sitzen. Die anderen wählen in jeder Runde neu aus, wo sie beraten, d.h. ihre Perspektive einbringen wollen.

    Die drei Beratungsrunden sind aufeinander aufbauend gedacht:

    • In Runde 1 stellt die fallgebende Person ihr Anliegen kurz vor und hört dann zu. Die beratenden Menschen tauschen sich darüber aus, was die zentrale, grundsätzliche Frage ist.
    • In Runde 2 kann die fallgebende Person dann direkt diese konkretisierte Frage vorstellen. Alle teilen ihre Erfahrungen und Perspektiven, die dazu wichtig sein könnten.
    • In Runde 3 wird die bisherige Sammlung durch die fallgebende Person kurz vorgestellt. Die Beratenden reflektieren dann, was sie der fallgebenden Person als nächsten Schritt empfehlen könnten.

    Wir hatten mit rund 8 Minuten pro Runde aus meiner Sicht zu wenig Zeit und werde mich zukünftig an 15-30 Minuten pro Runde. Um den fallgebenden Personen zwischen den Runden kurz Gelegenheit zur Rekapitulation zu geben, kann es auch hilfreich sein, die Wechselpause nicht zu kurz zu gestalten.

    3. Abschluss im Plenum

    Der Abschluss im Plenum gestaltet sich je nachdem, wie ‚gruppenbezogen‘ die eingebrachten Fälle waren. In unserem Fall waren es individuelle Anliegen von einzelnen Personen, die von den vielfältigen Perspektiven der Beratenden profitieren wollten. Eine Auswertung im Plenum ist dann nicht unbedingt nötig. Schön ist es, sich trotzdem auch in diesem Fall kurz Zeit für ein Wertschätzungs-Blitzlicht zu nehmen.

    Anders sieht es aus, wenn es sich um eher gruppenbezogene Anliegen handelt, also wenn eine Gruppe z.B. zum Ende eines Workshops gemeinsam Fragen zur Weiterarbeit definiert hat, die dann stellvertretend für die gesamte Gruppe von einzelnen Fallgeber*innen eingebracht werden. In diesem Fall kann es lohnend sein, die erarbeiteten nächsten Schritte aus den einzelnen ‚Fällen‘ ins Plenum zurück zu tragen und gemeinsam daran weiter zu überlegen.

    Fazit

    Ich habe die Methode als sehr zielführend und auch für mich persönlich als sehr hilfreich erlebt.

    Für meine zukünftige Durchführung der Methode habe ich einen kleinen ‚Spickzettel‘ für Fallgeber*innen erstellt. So ist für sie immer gut im Blick, was in welcher Runde ansteht. Nutze den Spickzettel gerne auch für dich weiter, wenn du ein Pro Action Café durchführen willst.

    Spickzettel als Text

    Mein Anliegen:
    Formuliere dein Anliegen prägnant für die Vorstellung im Plenum.

    Runde 1 – Klärung der Frage

    • Du erläuterst dein Anliegen kurz
    • Du hörst zu und dokumentierst mit
    • Verständnisfragen dürfen beantwortet werden
    • Ziel: Klarheit über die zentrale Frage gewinnen
    • In der Pause: Anliegen für nächste Runde konkretisieren

    Runde 2 – Sammlung von Perspektiven

    • Du stellst deine konkretisierte Frage vor
    • Du hörst zu, welche Ideen die Beratenden vorschlagen und dokumentierst mit
    • Ziel: Ideen, Erfahrungen und Perspektiven sammeln
    • In der Pause: Sammlung ggf. clustern und priorisieren

    Runde 3 – Nächster Schritt

    • Du stellst die gesammelten Ideen vor und fragst, welche konkreten, nächsten Schritte die Beratenden dir empfehlen.
    • Du hörst zu und dokumentierst die Empfehlungen
    • Ziel: Möglichst konkrete Schritte finden, um ins Handeln zu kommen.
    • In der Pause: gegebenenfalls Aufbereitung der nächsten Schritte für das Plenum.
    Spickzettel zum WeiternutzenHerunterladen

    #MethodenLernformate

    Ins Handeln kommen: Pro Action Café als kollegiales Beratungsformat

    https://web.brid.gy/r/https://ebildungslabor.de/blog/pro-action-cafe/

    Ins Handeln kommen: Pro Action Café als kollegiales Beratungsformat | eBildungslabor

    Micro-Content: Kollaborative Seestern-Reflexion

    Ich möchte im Folgenden eine Methode mitsamt Mini-Material teilen, die du vielleicht für dich in Workshops zu Lernkulturveränderung nutzen kannst.

    Das Vorgehen hat die ‚Starfish-Retrospektive‘ zur Grundlage. Diese Retrospektive nutzt die 5 Arme eines Seesterns, um in Prozessen retrospektiv zu beratschlagen:

    • Was wollen wir beibehalten?
    • Was wollen wir mehr machen?
    • Was wollen wir weniger machen?
    • Was wollen wir starten?
    • Was wollen wir beenden?

    Die Starfish-Retrospektive ist somit eine Ausweitung der klassischen Start-Stop-Continue Methode.

    Kollaborative Ausgestaltung

    Während die klassische Seestern-Retrospektive zwar auch individuell genutzt werden kann, aber wahrscheinlich häufiger zur Beratschlagung in kleineren Teams genutzt wird, geht es mir im folgenden um eine kollaborative Ausgestaltung, die sich auch für größere Gruppen eignet und mit einer Art Gruppenpuzzle funktioniert.

    Hier ist eine Anleitung:

  • Es bilden sich Kleingruppen mit je 5 Personen.
  • Jede Person übernimmt einen ‚Arm‘ des Seesterns – und befragt die anderen Personen in der Gruppe, was ihre Vorschläge dazu sind und macht sich dazu Notizen.
  • Im Sinne eines Gruppenpuzzles kommen Personen zusammen, die zu identischen Armen Notizen haben, tauschen sich zu ihren Sammlungen aus und überlegen dann gemeinsam, welche drei Punkte aus ihrer Sicht am wichtigsten sind.
  • Diese drei Punkte werden in die Stammgruppen zurückgetragen. Das bedeutet: Alle berichten reihum, welche drei Punkte sie zu ihrem jeweiligen Arm besonders wichtig finden.
  • Dieses Blitzlicht ist Basis für einen gemeinsamen Austausch in der Stammgruppe, in dessen Verlauf jede Person einen für sie stimmigen Seestern festhält.
  • Hilfreich kann diese Methode vor allem zum Abschluss eines Workshops sein. Sie ermöglicht sowohl zuhörenden und öffnenden, sowie fokussierten und zusammenfassenden Austausch und lässt alle Beteiligten ihre nächsten Schritte konkretisieren.

    Vorlagen zum Download

    Die folgenden (schnell gestalteten) Vorlagen können auf Vorder- und Rückseite ausgedruckt und dann einmal gefaltet werden. Auf diese Weise können alle Beteiligten die einzelnen Schritte gut nachvollziehen und direkt ihre Notizen, Konkretisierungen und ihren persönlichen Seestern festhalten.

    starfish-mehrHerunterladen starfish-wenigerHerunterladen starfish-stoppenHerunterladen starfish-startenHerunterladen starfish-beibehaltenHerunterladen

    Viel Freude beim Weiternutzen!

    #MethodenLernformate
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    Lernreflexion als pädagogische Herausforderung: ein Workshop-Konzept zum Weiternutzen

    Mit den Kolleg*innen der Lernwelt Sachsen-Anhalt habe ich gestern einen Workshop gestaltet, in dem wir gemeinsam überlegt haben, wie wir Lernreflexion als grundlegende Herausforderung einer guten Bildung in den Angeboten des Projekts berücksichtigen. Da diese Herausforderung sicherlich nicht nur ein Thema für die Lernwelt Sachsen-Anhalt ist, sondern Lerngestaltung übergreifend betrifft, fasse ich in diesem Blogbeitrag unser methodisches Vorgehen zusammen. Es lässt sich aus meiner Sicht gut auch in andere Kontexte übertragen.

    Wir haben den Workshop grundsätzlich nach dem Golden Circle von Simon Sinek aufgebaut. Den Ausgangspunkt des „Warum?“ haben wir hier insbesondere im Sinne eines „Wofür?“ definiert. Damit ergeben sich für solch einen Workshop drei aufeinander aufbauende Phasen. Wir hatten ca. vier Stunden Zeit.

    Unsere Workshop-Struktur als Bodenpräsentation

    1. Warum und wofür ist Lernreflexion entscheidend?

    Ich finde es sehr wichtig, sich zu Beginn eines solchen Workshops über die grundsätzliche Bedeutung von Lernreflexion bewusster zu werden, bevor es dann an die Fragen der konkreten Ausgestaltung geht.

    Als Mini-Impuls habe ich hierzu drei Begriffe mitgebracht:

    • Selbstentwicklung
    • Ermächtigung
    • Handlungsfähigkeit

    Mit diesen Begriffen wird bereits deutlich, dass Lernreflexion nicht nur ein „nettes Add-On“ ist, sondern grundlegend für gute Lerngestaltung und eine wichtige pädagogische Herausforderung. Wenn Lernende zu einem reflektierten Lernen befähigt werden, dann ist das ein wichtiger Teil von Selbstentwicklung, was dann wiederum weniger Fremdbestimmung bedeutet, sondern Ermächtigung zu eigenem Gestalten, was in konkreter Handlungsfähigkeit resultiert.

    Diese Schritte sind zuerst mal natürlich auf Ebene des Lernens gedacht: Lernende entwickeln Kompetenzen, um zukünftig selbstbestimmt ihr Lernen gestalten zu können. Zugleich gibt es aber auch eine darüber hinausgehende Dimension mit Blick auf die Gesamtgesellschaft. Denn solch ein reflektiertes Lernen ermöglicht natürlich auch außerhalb von Schulen, dass Verantwortung für das eigene Leben übernommen werden kann und Lernende gestaltend für gute Zukünfte aktiv werden können.

    Diesen Mini-Impuls haben wir anschließend in einem kollaborativen Silent-Writing verankert. Alle erhielten dazu eine Karte, auf der sie notieren konnten, was ihr Warum und Wofür von Lernreflexion ist. Diese Karten wurden dann jeweils in der Kreismitte abgelegt und eine neue Karte von einer anderen Person gezogen. Man las dann, was die andere Person geschrieben hat und konnte das schreibend kommentieren und ergänzen. Auf diese Weise entstanden „schreibende Gespräche“, die aus meiner Sicht eine sehr schöne Form von Austausch in einer Gruppe sind.

    Kollaboratives Silent Writing: ‚Gespräche‘ auf Karten

    2. Wie lässt sich Lernreflexion gestalten?

    Als konzeptionelles Modell für Lernreflexion habe ich den Reflexionszyklus von Graham Gibbs mitgebracht, den ich ausführlich und zum Weiternutzen in diesem Blogbeitrag beschrieben habe.

    Zur Aneignung sind wir folgendermaßen vorgegangen:

    • Ich habe die 6 Schritte kurz im Plenum vorgestellt und alle haben einen Aspekt des Zyklus auf einer Karte erhalten.
    • Es wurden Kleingruppen mit allen Schritten gebildet.
    • Gemeinsam ging jede Gruppe dann einen Zyklus durch und hielt jeweils fest, was die jeweiligen Fragen wären, die man sich in der Lernreflexion stellen könnte. (Ich habe die 6 Schritte von Gibbs hier auf vier Schritte geclustert: 1. Beschreibung und Gefühle, 2. Bewertung, 3. Analyse, 4. Schlussfolgerung und Handlungsplan)

    Zur vertiefteren Aneignung der einzelnen Schritte sind wir dann in einen Mini-Open-Space gegangen. Es gab hier Tische zu jeder der vier Phasen und dreimal je 15 Minuten Zeit:

    • In der ersten Runde haben wir überlegt, was am dümmsten in der Phase gemacht werden könnte.
    • In der zweiten Runde haben wir überlegt, was sinnvoll wäre.
    • Und in der dritten Runde haben wir noch weitere Ergänzungen und Feedback eingesammelt.

    Diese vielfältigen Diskussionen haben wir anschließend in einer „Denkenden Runde“ zusammengeführt:

    • Es kamen Kleingruppen mit ca. 4 Personen zusammen.
    • Wir nahmen uns 15 Minuten Zeit. Die Zeit sollte gleichmäßig zum Sprechen in der Gruppe aufgeteilt werden.
    • Gesprochen wurde nacheinander (d.h. jeweils für knapp 4 Minuten). Die anderen hörten nur zu. Stille war okay.

    Solch eine Denkende Runde ist zurzeit eine meiner Lieblingsmethoden. Ich bin jedes Mal wieder überrascht, wie viel tiefer und zielführender die dann anschließenden Diskussionen werden und wie gut dieses Zuhören hilft, dass neue Gedanken entwickelt werden können und sich alle einbringen können.

    3. Was machen wir konkret?

    Nach einer Mittagspause ging es dann in die Umsetzung. Wir starteten hier mit der sehr schnellen und fokussierten „Zwei-Spalten-Methode“: In Kleingruppen sammelten die Beteiligten zunächst möglichst viele Aspekte zur Frage, wie sie Lernreflexion befördern oder behindern könnten. Aus dieser Liste wählten sie dann die für sie drei wichtigsten Aspekte aus.

    Sammlung mit der 2-Spalten-Methode

    Von diesen Aspekten lassen sich dann relativ gut „Wie können wir …?“-Fragen entwickeln, die anschließend in einer Art Mini-Barcamp oder Open Space bearbeitet werden können. Zur Strukturierung der Diskussion habe ich dazu meine Elevator-Pitch-Vorlage verteilt.

    Vorlage Elevator PitchHerunterladen

    Übergreifende Aspekte

    Ich habe den Workshop als sehr gewinnbringend und weiterführend erlebt. Übergreifend finde ich drei Aspekte wichtig:

    Bei einer Weiternutzung sollte erstens klar sein, dass solch ein doch relativ kurzer Workshop nicht in fertigen und abschließenden Ergebnissen mündet. Was realistisch erreicht werden kann (und bei uns meines Eindrucks nach auch sehr gut wurde), ist, dass alle Beteiligten Klarheit über die Herausforderung der Lernreflexion haben und dass systematisch zur Weiterarbeit entwickelt wird, wo und wie man weiter zu dem Thema arbeiten will.

    Im konkreten Fall haben sich bei uns hier 5 Handlungsbereiche herauskristallisiert.

  • Integration & Niederschwelligkeit: Wie bauen wir Reflexion sinnvoll in Lernprozesse ein?
  • Strukturierung & Methodik: Wie geben wir Reflexion eine klare, verständliche Form?
  • Feedback & Kommunikation: Wie reagieren wir auf Reflexionen der Schüler*innen?
  • Schulkultur & Partizipation: Wie holen wir alle Beteiligten ins Boot?
  • Gestaltung & Visualisierung: Wie machen wir Reflexionshilfen ansprechend?
  • In einem anderen Rahmen können das natürlich auch andere Handlungsbereiche sein.

    Ganz entscheidend habe ich zweitens die Besinnung auf ein „Growth Mindset“ gerade beim Thema Lernreflexion erlebt. Man ist sonst sehr schnell dabei festzustellen, dass ‚Schüler*in NN‘ solch eine Reflexion ganz bestimmt nicht hinbekommt bzw. damit völlig überfordert und auch nicht dazu bereit wäre. Genau daraus ergibt sich dann aber die pädagogische Herausforderung, genau zu solch einer Lernreflexion durch eine entsprechende Lerngestaltung Schritt für Schritt zu ermächtigen.

    Der dritte Aspekt ist eher eine Nebenbei-Beobachtung: Ich habe in diesem Workshop bei Aufgaben in Gruppen- und Einzelarbeiten durchgängig Antworten (= meine Perspektive darauf) angeboten. Meine Einladung war dann immer:

    Eignet Euch das jetzt selbst an!

    Gerade weil es vor diesem Hintergrund möglich gewesen wäre, einfach auch meine Impulse ‚abzuschreiben‘, wurde denke ich der Impuls unterdrückt, schnell mal bei ChatGPT oder einen anderen Sprachmodell nach einer Lösung zu fragen. Denn eine mögliche Lösung lag ja schon vor. Ich werde dieses Prinzip in andere Lernangebote mitnehmen, um so Aneignungsprozesse gezielt zu ermöglichen.

    Freudvolle Weiterarbeit und gutes Weiternutzen!

    Den Kolleginnen und Kollegen der Lernwelt wünsche ich viel Erfolg bei der Weiterarbeit und freue mich auf weitere Zusammenarbeit.

    Allen anderen, die das Thema in dieser oder ähnlicher Form aufgreifen möchten, wünsche ich viel Erfolg und Freude bei der gemeinsamen Entwicklung. Für Anfragen zum Thema bin ich sehr offen. Ich halte Lernreflexion für ein sehr relevantes Thema.

    Und ich freue mich immer, über weitere Einschätzungen zu diesem Thema zu lesen.

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate
    Lernreflexion als pädagogische Herausforderung: ein Workshop-Konzept zum Weiternutzen | eBildungslabor

    Yeah!-Kartenaustausch: Gemeinsam feiern, was erreicht wurde!

    Heute stand die Vorbereitung des morgigen Workshops mit der Lernwelt Sachsen-Anhalt an. Wir werden uns mit Lernreflexion beschäftigen und unter diesem Fokus die bisherigen Angebote weiter entwickeln. Ich werde als Raster das Reflexionsmodell von Gibbs verwenden. Vor allem ist das Treffen aber auch eine Gelegenheit, um zurückzublicken und gemeinsam zu feiern, was bisher im Projekt erreicht wurde.

    Vor diesem Hintergrund werde ich morgen mit einem Yeah!-Kartenaustausch starten. Alle Beteiligten erhalten dazu eine vorbereitete Karte, die mit ‚Yeah!‘ und mehr (z.B. Danke, Geschafft, Richtig gut, Cool …) beschriftet ist. Auf der anderen Seite tragen sie je einen Begriff, ein Erlebnis oder eine Entwicklung ein, die ihnen dazu von der Arbeit in den letzten Monaten in den Sinn kommt.

    Wie auch sonst bei einem Kartenaustausch folgt dann ein Gewusel im Raum. Das bedeutet: Man stellt sich gegenseitig die beschriebenen Karten vor, tauscht sie dann und sucht mit der neuen Karte das nächste Gespräch.

    Auf diese Weise lässt sich gemeinsam positiv, stärkend und feiernd auf Erreichtes zurückblicken – und dann umso besser in die Weiterentwicklung gehen!

    #MethodenLernformate