Zwischenfazit bei den Digital Heroes

Ich unterstütze aktuell die Digital Heroes Reihe, die von Wibke Matthes und Arthur Seidel in diesem Sommersemester gestaltet wird. Es ist auf den ersten Blick eines von vielen weiteren Online-Lernangeboten zum Thema Künstliche Intelligenz. Genauer betrachtet steckt aber noch viel mehr darin, weil es zugleich ein Experiment ist, wie im Online-Kontext zu gesamtgesellschaftlich relevanten Fragen gelernt und im Austausch mit anderen Orientierung, Sinn und Gestaltungsfähigkeit entwickelt werden kann.

Dazu kombiniert die Reihe zahlreiche Impulse mit einer Einladung in Online-Communities, die bewusst divers zusammen gesetzt sind mit Menschen aus Unternehmen, Lehrenden an öffentlichen Bildungseinrichtungen und Studierenden. In diesen Communities ist Raum, um sowohl die Impulse zu reflektieren, als auch als Gruppe an gemeinsam entwickelten Fragestellungen zu arbeiten. Ein bisschen erinnert das Setting somit an Learning Circles, wobei die Impulse, die Funktion der zur Verfügung stehenden Materialien erfüllen.

Um den Experimentier-Charakter durch Reflexion zu unterstützen und gerade dadurch gemeinsam zu lernen, gab es gestern ein innehaltendes ‚Zwischenfazit‘, in dem Raum für Community-übergreifenden Austausch und Reflexion war. Wir stellten uns also die Frage: Wie erleben wir das Lernen bisher und wie können wir es im vor uns liegenden Teil zwei noch besser gestalten.

Ich hatte das Zwischenfazit unter den Oberbegriff der ‚Zumutung‘ gestellt. Ich mag diesen Begriff, weil er sich unterschiedlich verstehen lässt: Eher negativ ‚Unerhört, was mir da zugemutet wird‘ oder eher positiv im Sinne von Lernen: ‚Ich mute mir etwas zu, um zu wachsen!‘.

Genau diese beiden Varianten von Zumutung haben wir dann auf drei Ebenen reflektiert:

  • Die Ebene des individuellen Lernens.
  • Die Ebene der Gruppenbildung und Zusammenarbeit (orientiert am Teambuilding Modell von Bruce Tuckmann mit den Phasen: Forming, storming, norming, performing – wobei vor allem die ’storming‘-Phase hier die ‚Zumutungs-Phase‘ ist.
  • Die Ebene der Technologie, wobei es bei Zumutung hier vor allem darum geht, über eine vielleicht auch ‚zumutende‘ Nutzung zu einem Verstehen und Gestalten zu kommen.

Darauf aufbauend nutzten wir dann die ‚Dramafreiheit‘ von Holger Heinze, um zu überlegen, wie wir zukünftig weiter lernen möchten. Dramafrei bedeutete hier: Möglichst auf die wachstumsorientierte Seite der Zumutung zu gelangen und nicht Opfer, Schurke oder Retter zu sein, sondern Gestalter*in, Herausforderer*in und Coach.

Danke für den guten Austausch und für die Zusammenarbeit mit Wibke. (Den Grundsatz ‚Never host alone‘ aus dem Art of Hosting haben wir gestern für uns so übersetzt, dass wir während der BreakOut-Austauschrunden unseren eigenen Austausch im Plenumsraum hatten. Das war sehr schön! 🙂)

#MethodenLernformate

Segel setzen und in die Zukunft lehnen – ein Pädagogischer Tag an der evangelischen Grundschule Potsdam

Den heutigen Tag habe ich an der evangelischen Grundschule Potsdam verbracht und dort gemeinsam mit einer Vorbereitungsgruppe aus der erweiterten Schulleitung einen Pädagogischen Tag gestaltet. Ziel des Tages war ein Auftakt bzw. eine Fortführung eines Schulentwicklungsprozesses hin zu zukunftsgestaltender Bildung ausgehend von den Herausforderungen der Gegenwart. Der Tag stand unter dem Motto „Segel setzen“ und sollte vor allem Raum für Austausch untereinander bieten, aber zugleich auch Orientierung ermöglichen.

In diesem Blogbeitrag teile ich unser Vorgehen, die Thesen aus meinem Anfangsimpuls und meine Learnings als Inspiration zur Weiternutzung in anderen Kontexten.

Einstieg und Auftakt

Wir starteten mit einer offenen Ankommenszeit sowie einer Andacht und gemeinsamem Singen – thematisch passend zum Tag mit dem Titel: „Pfingsten als Mut-Booster“. Es folgte ein Improvisations-Energizer, den ich neu kennengelernt habe und sehr weiterempfehlen kann. Er funktioniert wie folgt: 

  • Im Vorfeld bereitet man Zettel mit Begriffen vor, die einen Bezug zum Tag bzw. zur jeweiligen Schule haben. Bei uns heute zum Beispiel: Schaukel, Passwort, Klassenrat …
  • Zwei Menschen starten, ziehen einen Zettel, lesen beide den Begriff und erklären ihn anschließend vor dem Plenum – ohne ihn direkt zu nennen. Ohne sich vorher abzusprechen sagt dabei die erste Person ein Wort, die zweite Person improvisiert das nächste Wort dazu, dann ist wieder die erste Person an der Reihe. Gemeinsam wird so das Wort erklärt.
  • Die beiden erklärenden Personen sind dabei herausgefordert, im Pingpong stimmige und gut erklärende Sätze zu entwickeln, alle anderen sind herausgefordert, den Begriff zu erraten. Wer den Begriff errät, übernimmt die nächste Erklär-Runde mit einer weiteren Person.

Wir haben viel gelacht – und konnten danach ganz wunderbar gemeinsam in den weiteren Tag gehen.

Start with why: Wozu in die Zukunft lehnen?

Los ging der inhaltliche Teil mit einer Orientierung zum Wozu, was es im Sinne des Golden Circle immer zunächst zu klären gilt.

Mein Ausgangspunkt war hier unsere radikale Gegenwart, die Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit erfordert, was sich in drei Thesen fassen lässt:

  • Gesellschaftlich, pädagogisch und technologisch erleben wir Krisen und Ermutigungen gleichermaßen.
  • Mit pädagogischem Handeln machen wir einen Unterschied. Wir können dazu beitragen, dass Schulen zum Teil der Lösung angesichts von Krisen werden und Lernende zur Gestaltung l(i)ebenswerter Zukünfte ermächtigen.
  • Veränderung beginnt bei uns selbst: Innere Entwicklung und äußere Veränderung hängen zusammen! Nötig ist es dazu, eine bewusste Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit basierend auf Verbundenheit.
  • Unser Ausgangspunkt zum ‚In die Zukunft lehnen‘

    Darauf aufbauend habe ich konkretisiert, wo ich in der pädagogischen Debatte schon jeweils Bewegung wahrnehme und was ein möglicher darüber noch hinausgehender Schritt sein könnte, um sich in eine l(i) ebenswerte Zukunft zu lehnen.

    • In der pädagogischen Debatte nehmen wir nicht mehr nur vorrangig Produkte, sondern auch Prozesse in den Blick. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr die Räume und die Resonanz, die sie ermöglichen, in den Blick zu nehmen.
    • Verantwortung für das Lernen ist nicht Delegation, sondern Partizipation. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr Ko-Kreation zu ermöglichen, d.h. Lernen zu einem wechselseitig getragenen Prozess zu machen.
    • Bildung zielt nicht mehr nur auf Wissen, sondern auch auf Kompetenz. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr auf Selbstwerdung zu zielen.
    • Technologie ist nicht nur Werkzeug, sondern auch Sparringpartner. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, sie auch mehr als Spiegel zur bewussten Reflexion und Selbstentwicklung zu nutzen.
    • Rückmeldungen sind nicht Wertung, sondern auch lernunterstützendes Feedback. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, sie vor allem als Wertschätzung zu verstehen.
    • Lernen befähigt nicht nur zu Anpassung in bestehende Strukturen, sondern auch zu ihrer Gestaltung. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr zu bewusster Intention zu befähigen: Wozu will ich einen Unterschied hin zu l(i)ebenswerten Zukünften machen?

    Ich finde vor allem den letzten Aspekt entscheidend, weil eine ‚ungerichtete‘ Handlungsfähigkeit für mich kein sinnhaftes Lernziel darstellt. Intention sollte dabei ausgehend von den menschlichen Fähigkeiten zu Verbundenheit, Lernen und Neugierde entwickelt werden, womit die Richtung hin zu l(i)ebenswerten Zukünften gesetzt wäre.

    Mögliche nächste/ weitere Schritte als Bodenpräsentation

    An diesen Impuls schloss sich eine „somatische Aufstellung“ an (was ich beim Art of Hosting gelernt habe und sehr weiterempfehlen kann): Ich hatte den Impuls als „Bodenpräsentation“ gestaltet und hier neben den inhaltlichen Impulsen zum Abschluss die „Bewegungen“ vorgestellt, denen wir uns in unserem pädagogischen Handeln stellen, wenn wir uns auf diese Weise in die Zukunft lehnen und einen Schritt weitergehen wollen.

    • Von:  linear – geschlossen – mechanisch – verfügbar – isoliert – eindimensional
    • hin zu : zirkulär – offen – organisch – unverfügbar – verbunden – ganzheitlich.

    Diese Begriffe ergänzte ich in der Bodenpräsentation und lud dazu ein, sie für sich jeweils ganz direkt abzulaufen und dabei wahrzunehmen: Was spüre ich in mir zu dieser Bewegung? Fühlt sie sich stimmig an, wo spüre ich Widerstand, wo fühle ich mich schon wohl, wohin zieht es mich ganz besonders?

    Auf Grundlage dieser Erfahrungen gestalteten wir als nächstes eine wertschätzende Triade. Die wertschätzende ist eine Methode, die das Troika Consulting der Liberating Structures in der Form weiter entwickelt, dass neben dem Sprechen und Zuhören noch das Beobachten hinzu kommt, sowie zusätzlich noch ein wertschätzender Reflexionsmoment. 

    Die Methode funktioniert wie folgt: 

    • Die Anwesenden finden sich zu dritt zusammen und nehmen jeweils eine von drei Rollen ein: Sprecher:in, Zuhörer:in und Beobachter:in. Es gibt drei Runden und die Rollen werden jeweils gewechselt. 
    • Die sprechenden Person spricht zu Beginn für vier Minuten zu einer gegebenen Frage. Die anderen beiden Personen hören zu und beobachten (bzw. achten auch zusätzlich auf die Zeit). 
    • Anschließend wird in drei Minuten wertschätzend gespiegelt, was die zuhörende Person mitgenommen hat und wie die beobachtende Person das Reden erlebt hat, also beispielsweise mit welcher Körperhaltung, mit welcher Stimmlage etc. 
    • Dann werden Rollen gewechselt.

    Unsere Frage war:

    Wie geht es mir beim ‚In die Zukunft lehnen‘? Worauf kann ich aufbauen, was will in mir weiter wachsen? 

    Diese Frage hatte jede 3er-Gruppe auch als Karte zur Verfügung, so dass man die Frage vor sich sichtbar hatte und dann im Kreis herumgeben konnte. 

    Die Verbindung von kurzem Impuls mit somatischer Aufstellung wertschätzender Triade finde ich eine hilfreiche Kombination.

    Welche Segel wollen wir setzen? Impulse und Aneignung im World Café

    Nach einer Kaffeepause ging es dann um das Wie. Also um die Frage: Wie genau soll dieses In-die-Zukunft-Lehnen an der Schule gestaltet werden? Hier hatten wir im Vorfeld in der Vorbereitungsgruppe überlegt, sogenannte ‚Segel‘ einzubringen, die jeweils eine bestimmte Idee/ ein Konzept aufgreifen – zum Beispiel die 4K, die Umsetzung von ’sichtbar evangelisch‘, die Veränderung der Tagesstruktur im Ganztag … 

    Die Idee war hier, dass man im Kollegium nicht ganz von neu anfangen muss, wenn es doch bereits Überlegungen gibt, auf die aufgebaut werden kann.

    Wir sind so vorgegangen, dass die zuvor identifizierten Segel aus der erweiterten Schulleitung jeweils ganz kurz vorgestellt wurden. 

    Anschließend gab es ein World Café mit drei Runden. In der ersten Runde war jeweils die Person der erweiterten Schulleitung mit dabei, die das ‚Segel‘ vorgestellt hatte. Danach blieb dann jeweils eine Person stehen und die anderen bewegten sich woanders hin. 

    Neben den von der erweiterten Schulleitung eingebrachten Segeln gab es natürlich auch eine Joker-Station, an der man weitere Segel überlegen und reflektieren konnte. 

    Jede der drei Runden, die wir machten, hatte eine Leitfrage. 

    • In der ersten Runde ging es einfach darum, was mit diesem Segel genau gemeint ist und wozu es uns beim In-die-Zukunft-Lehnen helfen kann. 
    • Die Frage der zweiten Runde war: Worauf können wir hier aufbauen? 
    • Und die dritte Runde war dann: Was fehlt noch? Wie können wir weiterkommen? Was können wir vielleicht zurücklassen, um Raum zu schaffen für dieses Weiterkommen.

    Ich habe diese Kombination aus kurzen Impulsen und anschließender Aneignung durch das Kollegium je nach Interesse mit den genannten Leitfragen als sehr produktiv erlebt und kann das – für die dargestellte Balance zwischen Orientierung und Impulse geben sowie Austausch und neu Denken – sehr weiterempfehlen.

    Die drei Runden im World Café

    Weiterarbeit: Fragen entwickeln!

    Aus dieser gemeinsamen Aneignung gingen wir dann in ein kurzes Silent Writing. Jede Person schrieb für sich auf, was denn dann jetzt die Frage wäre, die sie in die weitere Diskussion einbringen wollte. Wir kündigten an, dass es am Nachmittag dafür zwei Open-Space-Runden geben sollte.

    Um sich über die notierten Fragen auszutauschen und sie zu priorisieren,  machten wir ein Gewusel im Raum mit der 35er-Methode. 

    Fragen clustern und Open Space

    Wie sich herausstellen sollte, ließen sich die Fragen sehr gut clustern, so dass eigentlich alle Nennungen berücksichtigt werden konnten. Die dafür nötige Clusterarbeit und Sortierung machten wir in der Mittagspause. Daraus gestalteten wir dann einen Sessionplan mit zwei Slots. Bewusst waren die sehr häufig genannten Themen auch mehrmals benannt, so dass in Kleingruppen Raum für intensive Diskussionen sein konnte.

    Improvisierter Sessionplan

    Anders als bei einem Barcamp mag ich es bei diesem Ansatz sehr gerne, dass es keine Sessiongeber*innen gibt, sondern die jeweilige Gruppe sich das Thema mit gemeinsam getragener Verantwortung erarbeitet. 

    Abschluss und Ausblick

    Wir beendeten den Tag mit einer kurzen Feedback-Runde im Plenum und abschließendem gemeinsamen Singen.

    In den Sessions wurde mit dokumentiert. Diese Dokumentation wird nun die Grundlage zur Weiterarbeit sein. Ich freue mich aufs gemeinsame Auswerten und Weiterdenken. 

    Meine Learnings

    Ich mag es gerne, bei solchen Pädagogischen Tagen immer auch selbst viel zu lernen. Von heute nehme ich insbesondere mit:

    • Eines der „Segel“, das aus der erweiterten Schulleitung eingebracht wurde, war „sichtbar evangelisch“, was sinngemäß begründet wurde mit der Einladung zu einer Haltung von Lebendigkeit, was insbesondere auch bedeutet, schwach sein zu dürfen und immer wertschätzend auf andere Menschen, im pädagogischen Setting insbesondere auf Lernende, zu blicken. Verbunden werden könnte das mit der pädagogischen Ermutigung: Fürchte dich nicht! Ich finde das auch für Schulen eine hilfreiche Orientierung, die kein explizites evangelisches Profil haben.
    • Beim Art of Hosting habe ich den Grundsatz gelernt: Never host alone! Das habe ich dieses Mal sehr bewusst wahrgenommen. Nachdem wir schon gemeinschaftlich vorbereitet hatten, war dann auch der Tag gemeinschaftlich getragen: Immer wieder mit Abstimmungen und Resonanz zwischendrin und vor allem auch mit Wechseln bei den Vorstellungsphasen im Plenum. Das macht Lerngestaltung meinem Empfinden nach definitiv besser und freudvoller!
    • Für mich ist der Begriff der Ernsthaftigkeit sehr positiv konnotiert. Wenn ich Lernen beispielsweise mit viel Ernsthaftigkeit betreibe, dann bedeutet das für mich, dass ich es nicht nicht freudvoll betreibe, sondern eben, dass ich mich mit ganz viel Motivation und Kraft dafür einsetze und ich mein Handeln als relevant und wichtig und nicht beliebig empfinde. Offensichtlich ist die Konnotation für viele aber eine andere, weshalb ich – mindestens ergänzend – zukünftig auch mit Begriffen wie Leidenschaft oder Begeisterung arbeiten könnte.

    Vielen Dank an das gesamte Kollegium für den sehr lernenden und konstrukiven Tag! 

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate

    Einblicke ins ‚Art of Hosting‘

    In der vergangenen Woche habe ich vier Tage lang an einem ‚Art of Hosting and Harvesting‘-Training teilgenommen. Angeboten wurde es von der gemeinnützigen Organisationsberatung Socius. Mit der freien Schule Leipzig hatten wir einen ganz wunderbaren Tagungsort.

    Ich habe die Tage für mich als sehr intensiv und hilfreich erlebt. In diesem Blogbeitrag möchte ich gerne einige Erfahrungen teilen und auf diese Weise die grundsätzlichen Ideen des Ansatzes weitertragen, so dass sie vor allem auch für das formale Bildungssystem wirksam werden können.

    Was ist Art of Hosting and Harvesting?

    Beim Art of Hosting and Harvesting handelt es sich um eine Art Ökosystem von partizipativen Methoden. Der Begriff ist seit den 2000er Jahren entstanden. Es gibt somit längst mehrere Traditionslinien, was eine feste Definition schwierig macht. Die englische Bezeichnung lässt sich mit ‚Kunst des Gastgebens und Erntens‘ übersetzen.

    Einfach betrachtet ist Art of Hosting and Harvesting ein Set von Methoden, Praktiken und Haltungen von Moderation oder Lerngestaltung. Hinter dem Begriff steht zugleich aber auch mehr: Eine globale Gemeinschaft von Menschen, die angesichts einer zunehmend komplexen und krisenhaften Welt Räume für ganzheitliche Begegnungen schaffen wollen, in denen sich kollektive Intelligenz entfalten kann. Dazu werden Trainings angeboten, wie eben auch ich an einem Training teilgenommen habe, die dann alle Beteiligten befähigen, in ihren jeweiligen Kontexten in diesem Sinne zu wirken und zu gestalten.

    Aus meiner Perspektive fand ich beim Art of Hosting and Harvesting mehrere Aspekte wichtig und spannend:

    • eine ganzheitliche Herangehensweise mit Rückbezug auf unsere menschlichen Potentiale: Gelernt wird nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit Herz und Hand.
    • der fragende und offene Ansatz: es gibt ein tiefes Vertrauen, dass aus der kollektiven Intelligenz aller Beteiligten Gutes entstehen kann, wenn diese sich tatsächlich entfalten kann. Dazu braucht es vor allem bedeutungsvolle Gespräche.
    • eine ausbalancierte Lerngestaltung, die davon ausgeht, dass zwischen Chaos und Ordnung Neues entstehen kann, wobei Paradoxes immer wieder Teil vom Spiel ist.

    Wichtig fand ich außerdem den Ansatz der Freiwilligkeit: Es macht einen sehr großen Unterschied, wenn Menschen zusammen kommen, die alle freiwillig und damit intrinsisch motiviert lernen – und somit eben nicht in ein fremdbestimmtes Setting gezwungen werden. (Ich bin mir bewusst, wie herausfordernd dieser Ansatz im formalen Bildungssystem oft umzusetzen ist, weil es natürlich zugleich immer sehr viele Ansprüche und Herausforderungen gibt. Ich denke dennoch, dass gerade die Erwachsenenbildung so sehr davon profitieren könnte, wenn mehr auf Vertrauen und damit Freiwilligkeit als Grundlage orientiert würde. Darum ist Freiwilligkeit zum Beispiel eine wichtige Grundlage für das Angebot meiner Lernlabore.)

    Was zeichnet Art of Hosting and Harvesting in der Umsetzung aus?

    Neben dem ‚Gesamterlebnis‘ und der damit verbundenen eigenen Weiterentwicklung habe ich bei meinem Training sehr viele Mikro-Bausteine kennen gelernt. Sie lassen sich aus meiner Sicht auch unabhängig von einem vollständig umgesetzen ‚Art of Hosting‘ in der Lerngestaltung und somit bei mir vor allem in Fortbildungen in der Erwachsenenbildung gut weiternutzen. Vielleicht kannst du dich davon für deine pädagogische Arbeit auch inspirieren lassen.

    1. Calling Question / leitende Frage

    Damit sich kollektive Intelligenz entfalten kann, braucht es einen Rahmen, in dem alle Beteiligten zusammen kommen und gemeinsam lernen. Dieser Rahmen wird vor allem von einer so genannten ‚Calling question‘, also einer gemeinsamen, verbindenden Leitfrage für das Treffen gesetzt.

    Bei uns stand die Einladung unter dieser Calling Question:

    Wie gestalten wir unser Miteinander in unsicheren Zeiten und leben Unterschiede als Quelle von Verbindung?

    Ich finde es hilfreich, bei der Vorbereitung und Planung von Lernangeboten mit solchen ‚Calling Questions‘ zu arbeiten. Es würde dann weniger um die Definition von ‚Lernzielen‘ oder zu entwickelnden Kompetenzen gehen, wie ich es üblicherweise erlebe, sondern eben mehr um die Herausforderung, zu der man gemeinsam arbeiten möchte. Für eine potentialorientierte und offene Lernkultur halte ich das für eine sehr grundlegende und sinnvolle Fokusverschiebung.

    2. Einsicht in die eigene Begrenztheit

    Das Art of Hosting Training wurde unter anderem damit eingeleitet, dass diejenigen, die da sind, genau die Richtigen sind. Diese grundsätzliche Akzeptanz und auch Wertschätzung für alle Beteiligten bedeutete zugleich aber nicht, sich nicht auch immer wieder die eigene Begrenztheit in Erinnerung zu rufen.

    Erreicht wurde das unter anderem durch zwei Stühle im Stuhlkreis, die die Beschriftung trugen: ‚Für die, die nicht hier sind!‘

    Stuhl im Stuhlkreis

    Wir starteten am ersten Tag außerdem mit einer kleinen Aufstellungsübung (= Alle stehen im Kreis, es werden Aussagen vorgelesen. Wenn eine Aussage auf dich zutrifft, trittst du einen Schritt nach vorne). Hier war eine der ersten Fragen:

    Wer musste sich mit anderen in Bezug auf Care-Verantwortung absprechen, um teilnehmen zu können?

    Und es gab einen Dank an alle, die demzufolge eben auch nicht da sein können, weil sie sich kümmern.

    Sowohl der leere Stuhl als auch das Erinnern, an die, die nicht da sein können, erscheint mir eine gute Sache, die gerade bei größeren Veranstaltungen gut und niederschwellig realisiert werden kann.

    3. CheckIn, CheckOut und Vorwärtsgabe

    Art of Hosting-Trainings sind meist mehrtägig, wobei jeder Tag einer klaren Struktur folgt: Es startet mit einem CheckIn, dann folgt die so genannte Vorwärtsgabe und am Ende gibt es einen gemeinsamen CheckOut.

    CheckIn und CheckOut waren immer sehr ganzheitlich und wertschätzend gestaltet. Ich mochte zum Beispiel sehr das CheckIn am ersten Tag, bei dem wir uns im Raum bewegten und erst einmal einfach nur Blickkontakt miteinander aufnahmen – verbunden mit der Frage: Wie ist es, einen Menschen zum ersten Mal zu treffen, der einzigartig ist im Universum?

    Eines meiner Lieblings-CheckOuts war ein gemeinsames ‚Tönen‘ draußen auf der Terrasse der Schule: Wir standen im Kreis und brachten uns mit unseren Stimmen beim Ausatmen in gemeinsame Resonanz.

    Mit Vorwärtsgabe ist gemeint, dass immer ein Rückbezug zu den vorherigen Tagen hergestellt wird, also Learnings und Erfahrungen bewusst rekapituliert, in Erinnerung gerufen und dann daran weiter gearbeitet wird.

    Diese Elemente lassen sich glaube ich sehr gut auch in sonstige Fortbildungsangebote integrieren. Insbesondere mehr Raum für (ganzheitlich angelegtes) CheckIn und CheckOut erscheint mir eine sehr hilfreiche Sache für wirkungsvolles Lernen.

    Ein weiteres Element waren die täglichen ‚Dorfnachrichten‘: eine Art offenes Plenum, in dem alle im Kreis teilen konnten, was organisatorisch und in der weiteren Planung gerade für alle wichtig sein könnte. Auch das finde ich sinnvoll, dafür bewusst Raum zu geben. Am besten vor dem dann stattfindende CheckOut.

    4. Geteilte Verantwortung

    Schon am Abend des ersten Tages waren alle Teilnehmer*innen unseres Trainings eingeladen, sich selbst für die Praxis des Gastgebens und Erntens einzuschreiben. Dazu waren die wesentlichen Aufgaben im Plenum und im Hintergrund in einer großen Auflistung visualisiert und man konnte einfach seinen Namen dazu schreiben. Jeweils am Abend vorher gab es dann ein kurzes Training mit einer Person aus dem Hosting-Team, in dem der Programmpunkt gemeinsam vorbesprochen wurde, Ideen dazu entwickelt wurden und Verantwortlichkeiten verteilt wurden.

    Liste zum Einschreiben

    Ich habe mich beispielsweise für den CheckIn am letzten Tag eingetragen. Gemeinsam mit drei anderen Personen und einer Person aus dem Hosting-Team haben wir uns dazu am Vorabend getroffen. Bei diesem Treffen haben wir reflektiert, wie wir die bisherigen CheckIns erlebt hatten und was uns für den CheckIn am letzten Tag wichtig ist. Darauf aufbauend haben wir dann eine Idee entwickelt und aufgeteilt, wer was dazu anleiten wird.

    Im Plenum war dann nach der Anleitung der jeweiligen Methode immer kurz Zeit, dass Teilnehmende teilen konnten, wie sie die Methode und Anleitung erlebt hatten. Und man konnte selbst teilen, wie man sich in der anleitenden Rolle gefühlt hatte. Auf diese Weise wurde Verantwortung nicht nur kollektiv getragen, sondern auch kollektiv dazu gelernt.

    Super fand ich vor allem, dass die gemeinsame Verantwortung insbesondere bei CheckIn und CheckOut eben nicht so aussah, dass das Hosting-Team der ad hoc Gruppe eine fertige Methode ‚vorsetzte‘ und dabei unterstützte, sie gut durchzuführen. Stattdessen konnten tatsächlich gemeinsam Ideen entwickelt und umgesetzt werden. Auf diese Weise spiegelten auch die Methoden die Vielfalt der Teilnehmenden wider und die Veranstaltung war tatsächlich kollektiv getragen.

    Damit dieses Prinzip funktioniert, braucht es aus meiner Sicht viel Vertrauen von Seiten der Gastgeber*innen und zugleich viel Erfahrung, um einschätzen zu können, wo ein ad hoc-Team vielleicht doch noch mehr Orientierung braucht. Bei uns klappte das sehr gut.

    Zur Aufgabenverteilung gehörte auch MOS – Material, Orientierung, Schönheit – wozu sich ein Team bildete, was mit sehr viel Liebe und Kreativität die Tage bereicherte. Das lohnt sich gerade bei größeren Veranstaltungen sehr!

    5. Sicherer Raum und Somatik

    Art of Hosting bedeutet, dass allen die Möglichkeit gegeben werden soll, sich gut einzubringen. Ein sicherer Lernraum ist dazu eine unbedingte Voraussetzung. Außerdem ist Art of Hosting von der Überzeugung getragen, dass Menschen nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper lernen.

    In der Umsetzung dieser Prinzipien gab es mehrere Elemente, die sich zum Teil sehr stark von klassischen Fortbildungssettings unterscheiden, aber die sich aus meiner Sicht durchaus übertragen lassen:

    • Viele der Impulse wurden mit ‚Bodenpräsentationen‘ gestaltet. Das bedeutet: Wir saßen alle im Kreis. Impulse wurden auf einzelne Begriffe herunter gebrochen und diese in der Mitte des Kreises visualisiert dargestellt. Solch eine Bodenpräsentation konnte dann immer leicht mit einer ’somatischen Aufstellung‘ verbunden werden. Das bedeutete, dass alle eingeladen waren, sich zu den Begriffen zu stellen und zu fühlen, was der Körper einem dazu signalisierte.
    • Alles, was während des Art of Hostings passierte, war als Angebot und damit Einladung formuliert. Ich konnte selbst entscheiden, wie ich mich beteiligen wollte oder wie vielleicht auch nicht.
    • Im Plenumsraum gab es ein Sofa. Wer sich darauf setzte, signalisierte damit: Ich will weiter zuhören, aber habe gerade keine Kapazitäten, um aktiv in Austausch zu gehen oder mich einzubringen. (Damit war dieser Platz mehr als ein einfacher Rückzugsraum, den es zusätzlich dennoch gab, weil er ein mit dabei bleiben ermöglichte.)
    Unser ‚Rückzugssofa‘ im Plenumsraum

    Ganz entscheidend fand ich außerdem, dass wir nicht nur ‚Lernen mit dem ganzen Körper‘ erlebten, sondern zugleich dazu lernten. So gab es am zweiten Tag einen ausführlichen und auch hier verkörperten Impuls zur Frage, wie eigentlich unser autonomes Nervensystem funktioniert und wie wir mit statt gegen unseren Körper lernen können.

    Graphic Recording zum Impuls zum autonomen Nervensystem

    Neben diesen direkt greifbaren Elementen war es vor allem die Gesamtgestaltung, die dazu einlud, sich wirklich aufs Lernen einzulassen und in die Tiefe zu gehen. Es war sehr in Ordnung und wurde sehr wertgeschätzt, sich verletzlich und ganz zu zeigen. Ich wünsche mir sehr, dass solch ein Lernen auch in vielen weiteren Räumen gerade im klassischen Bildungssystem möglich wird.

    Flipchart: Du darfst dich zeigen!

    6. Ernten ist mehr als Ergebnisse sichern: Emergenzphase ermöglichen

    Das Training war nicht nur Art of Hosting, sondern vollständig: ‚Art of Hosting and Harvesting‘. Die ‚Ernte‘ des gemeinsamen Lernens war damit ein ganz entscheidender Bestandteil. Ich habe gemerkt, dass gerade das in klassischen Lernangeboten oft fehlt, weil hier doch sehr oft nur auf eine reine Ergebnissicherung orientiert wird. Vor diesem Hintergrund ist dann auch der Prozess des Lernens oft sehr direkt auf die Produktion solcher Ergebnisse hin gestaltet. Beim Art of Hosting haben wir die Ernte dagegen größer betrachtet: Zur Ernte gehört es dazu, zu planen, zu pflanzen, zu nähren und zu kultivieren. Und Ernte bedeutet nicht nur, direkt weiter zu nutzen, sondern man kann auch etwas konservieren oder für später verwenden oder anders weiter nutzen.

    Vor diesem Hintergrund fand unser Lernprozess nicht als einfacher Prozess zwischen Divergenz (= das Denken öffnen) und Konvergenz (= das Denken wieder zusammenführen) statt, so wie ich es klassisch z.B. im Design Thinking gelernt und praktiziert habe. Dazwischen war zusätzlichg mit der Emergenz die eigentlich wichtigste Phase. Emergenz meint einen offenen, entstehenden Raum, der bewusst gehalten und ermöglicht werden muss. Mich erinnerte er ein bisschen an das Presencing der Theorie U.

    Für klassische Fortbildungen ist dieses Aushalten-Können glaube ich eine große Herausforderung, weil wir hier oft die Tendenz haben, schnell zu liefern, eine Antwort zu geben und eine Lösung zu finden. Das Innehalten, Erspüren, Öffnen, Warten … ermöglicht dagegen dann aber tatsächlich erst die Entfaltung kollektiver Intelligenz und die Entwicklung neuer Antworten. Ich freue mich, das zukünftig mehr zu versuchen.

    Das Ernten fand dann in verschiedenen Dimensionen statt: sowohl individuell, als auch kollektiv und sowohl unsichtbar, als auch greifbar. Im einzelnen bedeutete das:

    • In mir und auch in uns allen kam einiges in Bewegung, was vielleicht auch erst viel später sichtbar wird, wenn ich z.B. selbst ein Lernangebot gestalte oder aus einer Verbindung mit einer Kollegin ein neues, gemeinsames Projekt entsteht. Erst einmal blieb es unsichtbar.
    • Sehr viel habe ich für mich individuell greifbar gemacht. Das geschah zum Beispiel dadurch, dass wir alle eingeladen waren, in Notizheften mitzuschreiben. Und auch dieser Blogbeitrag ist für mich jetzt eine Form von ‚individuellem Ernten‘.
    • Immer wieder haben wir im Laufe des Trainings so genannte ‚Lernschleifen‘ gehabt, in denen wir kollektiv ausgewertet haben. Durch das Sprechen über Erfahrungen wurden Erkenntnisse für uns alle greifbar. Vielfach wurde das dann auch auf Flipcharts festgehalten. Besonders schön fand ich auch Versuche einer verkörperten Ernte: Wie können wir das, was wir erfahren haben, mit unseren Körpern zum Ausdruck bringen?

    Ich nehme somit in jedem Fall mit, solch einem ‚umfassenden‘ Ernten auch in klassischen Bildungsformaten mehr Raum zu geben. Ganz wunderbar kann dazu das so genannte ‚Bingo-Harvesting‘ genutzt werden: In Kleingruppen einigt an sich auf z.B. drei wichtige Begriffe zu einer Herausforderung. Eine Gruppe beginnt und stellt ihren ersten Begriff vor. Wenn andere etwas ähnliches notiert haben, können sie es mit ‚Bingo‘ direkt dazu pinnen.

    Wie lässt sich Art of Hosting and Harvesting im klassischen Bildungskontext realisieren?

    Ich werde die Learnings aus meinem Training sicherlich in meine Bildungsarbeit, die überwiegend im formalen Bildungssystem stattfindet, einfließen lassen. Wenn du hier Interesse an Weiterdenken und Zusammenarbeit hast und/oder schon mehr ausprobiert und gestaltet hast, was du teilen kannst, dann freue ich mich sehr, wenn du Kontakt zu mir aufnimmst.

    Ich habe während der Tage auch mehrere sehr konkrete und gut weiternutzbare Methoden kennen gelernt. Eine wertschätzende und ganzheitliche Feedback-Methode – den Kreis der Wertschätzung – habe ich bereits geteilt. Weitere Methoden (= die wertschätzende Triade, das verflixte Fragespiel …) werde ich in späteren Blogbeiträgen aufschreiben, nachdem ich sie auch in meiner eigenen Lerngestaltungs-Praxis erprobt habe.

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate #Veranstaltungen

    Kreis der Wertschätzung

    Beim heutigen Art of Hosting Training in Leipzig habe ich eine ganz wunderbare Methode zum Tagesabschluss kennen gelernt. Wir haben sie in einer Gruppe mit rund 50 Personen durchgeführt. Ich kann sie sehr weiter empfehlen für offene und partizipative Lernformate, in denen intensiv miteinander gearbeitet wird.

    So sind wir vorgegangen:

  • Alle stehen im Kreis und zählen von 1 bis 3 ab.
  • Gruppe 1 beginnt, tritt zwei Schritte nach vorne. Die Gruppen 2 und 3 bleiben im Außenkreis und schließen die Augen.
  • Die Moderation liest nun nacheinander verschiedene Aussagen vor. Zum Beispiel:
    • Eine Person, deren Frage dich beschäftigt.
      Eine Person, die sich heute verletzlich gezeigt hat.
    • Eine Person, die dich gesehen hat.
    • Eine Person, deren Energie dich angesteckt hat.
    • Eine Person, in deren Verbindung du dich sicher gefühlt hast.
    • Eine Person, die du gerne noch näher kennenlernen willst.
      ….
      Die Personen im Innenkreis bewegen sich zu den Personen, auf die die jeweilige Aussage für sie zutrifft und legen ihnen kurz ohne zu sprechen eine Hand auf die Schulter. (Wer keine Berührung mag, kann die Hände vor dem Körper kreuzen. In dem Fall bleibt man nur kurz vor ihr stehen).

    Anschließend ist Gruppe 2 und Gruppe 3 mit Dankbarkeit verteilen an der Reihe.

    Ich habe diese Methode in beiden Rollen – nehmend mit geschlossenen Augen und auch gebend mit dem Hand auf Schulter legen bei anderen – als sehr berührend und stärkend erlebt. Gerade weil sie nicht sichtbar oder verbalisiert, sondern verkörpert und in Stille stattfand. Es machte ganz viel mit mir, auf diese Weise – im Wortsinn – zu fühlen, wie ich im Laufe des Tages mit anderen Menschen in Verbindung gekommen war.

    Ich wünsche mir so viel mehr Lernräume mit solchen Momenten der Sicherheit und Verbundenheit. Danke für den heutigen Raum! ♥️

    #MethodenLernformate

    Authentic Relating: 5 Übungen für authentisches In-Beziehung-Sein beim Lernen

    Gute Bildung hat immer ganz viel mit Beziehung zu tun. Mit meiner Perspektive der Erwachsenenbildung, in der ich häufig nur ‚punktuelle‘ Lernangebote gestalte, finde ich das besonders herausfordernd. Insbesondere denke ich hier darüber nach, wie sich Lernräume für alle Beteiligten sicher anfühlend gestalten können, so dass Verbundenheit und damit Beziehung unter allen Beteiligten möglich ist bzw. dies immer auch gemeinsam gelernt werden kann.

    Ich lerne zu diesem Thema gerade im Bereich des so genannten ‚Authentic Relating‘ – also ‚Authentisches In-Beziehung-Sein‘. Es handelt sich dabei um eine Praxis, wie es über ganzheitlich gedachte und gestaltete Kommunikation mit bewusstem Innehalten gelingen kann, sowohl für sich selbst Authentizität zu ermöglichen, als eben auch Beziehung und Verbindung mit anderen. Entscheidend ist dabei, dass beides zusammen gehört: Ich kann mich nicht verbinden, ohne mich auch selbst in den Blick zu nehmen – und wenn ich nur auf mich selbst blicke, fehlt mir ebenso etwas, weil wir als Menschen verbundene Wesen sind.

    Es gibt im Authentic Relating fünf Grundlagen-Prinzipien, die man sich weniger wie ‚Regeln‘ vorstellen sollte, sondern eher wie Herausforderungen, die sich immer wieder praktisch üben lassen. Ich habe diese Prinzipien und die möglichen Übungen dazu für mich als sehr wertvoll erlebt. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich in Lernangebote als Übungen gut integrieren lassen, um schon direkt ein bisschen mehr Sicherheit und Verbundenheit zu ermöglichen bzw. das längerfristig besser zu lernen. Deshalb teile ich sie hier:

    1. Heiße alles willkommen (‚Welcome everything‘)

    ‚Heiße alles willkommen‘ ist die Praxis, sich vollständig und präsent in eine Situation hineinzubegeben, indem man zunächst erspürt, was in einem ist und dies dann willkommen heißt. Ich könnte also zu Beginn eines Lernangebots merken, dass ich vorfreudig bin oder dass ich mich unsicher fühle oder dass ich noch viel zu abgelenkt bin. All das sollte ich mir bewusst machen und als Tatsache akzeptieren, um mich dann in die Lernsituation und dabei eben auch in Verbindung mit anderen begeben zu können.

    Es ist natürlich einfacher, positive Gefühle willkommen zu heißen, als Gefühle, die ich an mir gar nicht mag. Es gehört aber unbedingt beides dazu. Wichtig ist, dass ich gerade negative Gefühle dann nicht gutheißen muss oder ihnen zustimmen muss. Vielmehr geht es erst einmal darum, sie zu akzeptieren, um dann vielleicht mit einem neugierigen Blick auf sie schauen zu können.

    Auch ‚Meta-Gefühle‘ gehören zum Willkommen heißen dazu. Also zum Beispiel: „Ich fühle, dass ich unsicher bin und dass ich mich darüber ärgere, weil ich nicht unsicher wirken will.“

    Als Einstieg in Lernangeboten lässt sich diese Herausforderung sehr einfach als kleines Blitzlicht umsetzen: Nach einem kurzen Innehalten und in sich hinein spüren, könnten alle der Reihe nach teilen, was sie in sich mitbringen und willkommen heißen.

    2. Triff keine Annahmen (‚Assume nothing‘)

    Das Prinzip ‚Triff keine Annahmen‘ ist ein Sisyphos-Prinzip, was nie gelingen wird. Denn es ist uns Menschen zu eigen, dass wir ständig irgendwelche Annahmen über unsere Umwelt und auch über andere Menschen treffen. Sonst würde unser Alltag nicht funktionieren.

    So hilfreich dieses Treffen von Annahmen auf der einen Seite ist, so schwierig ist daran auf der anderen Seite zugleich, dass solche Annahmen natürlich immer auf die Vergangenheit bezogen sind. Denn ich treffe meine Annahmen durch meine gemachten Erlebnisse und Erfahrungen in der Vergangenheit.

    In der Verbindung mit anderen Menschen können solche Annahmen verhindern, dass wir neugierig aufeinander werden. Denn wenn ich eine bestimmte Person durch äußere Merkmale oder ein bestimmtes Verhalten direkt in eine bestimmte Schublade einsortiere, dann verschafft mir das vielleicht Orientierung, aber ich werde mich dann wahrscheinlich gar nicht mehr näher für sie interessieren, weil ich ja schon alles über sie zu wissen meine.

    Auch wenn wir das Annahmen machen nicht verhindern können, so können wir doch immer wieder daran arbeiten, uns dieser Annahmen bewusster zu machen. Um mit anderen in authentische Verbindung zu kommen, kann es hilfreich sein, diese Annahmen dann transparent zu machen und über sie zu kommunizieren. Das erlaubt es, sie in der Realität zu überprüfen, was wiederum die Möglichkeit beinhaltet, dass ich falsch liege und lernen kann. (Beispiel: „Ich habe den Eindruck, dass du ziemlich unkonzentriert bist, stimmt das?“ – „Nein, unkonzentriert bin ich eigentlich gar nicht. Ich fühle mich gerade nur sehr unsicher.“)

    Als kleine Übung, die ich als sehr ‚verbindend‘ erlebt habe, lässt sich die Herausforderung von ‚Assume nothing‘ zu zweit erkunden.

    So kann man dabei vorgehen:

  • Beide Personen nehmen sich kurz Zeit zum Ankommen. Sie sagen sich Hallo und stellen sich vielleicht kurz vor.
  • Eine der beiden beginnt und hat zwei Minuten Zeit, um alles zu teilen, was sie als Annahmen über die andere Person in sich wahrnimmt. (Also z.B. Ich habe zu dir die Annahme, dass du letzte Nacht zu wenig geschlafen hast, dass du ein sehr freundlicher Mensch bist, dass du dich gerade ziemlich unsicher fühlst …)
  • Nach den zwei Minuten reagiert die andere Person, indem sie teilt, was diese Annahmen in ihr ausgelöst haben. Sie ist also nicht aufgefordert, zu korrigieren oder sich zu rechtfertigen, sondern sie könnte zum Beispiel sagen: „Ich war erstaunt, als ich hörte, dass du annimmst, dass ich unsicher bin.“
  • Danach werden Rollen getauscht.
  • Zum Abschluss ist kurz Raum für Reflexion.
  • Ich habe die Übung deshalb als wertvoll erlebt, weil es erstens sehr spannend ist, von anderen gesehen zu werden (und ich war erstaunt, wie treffend die Annahmen oft selbst durch eine Videokonferenz und bei bisher mir nicht bekannten Menschen waren). Und weil ich es zweitens sehr herausfordernd und dann gleichzeitig als sehr verbindend empfand, mit anderen ehrlich zu teilen, was man als Annahmen über sie im Kopf entwickelt hat – gerade wenn es nicht nur positive, unterstützende Annahmen sind.

    3. Zeige dich mit deiner Erfahrung (‚Reveal your experience‘)

    Die dritte Praxis ist wieder eine auf sich selbst bezogene Wahrnehmungsübung. Anschließend gilt es, diese Wahrnehmungen zu teilen, also sich den anderen zu zeigen. Das ist deshalb verbindend, weil man sich durch solch ein ‚Zeigen‘ natürlich erst einmal verletzlich macht, denn ich kann nicht wissen, wie das, was ich über mich teile, bei anderen ankommt. Vor allem, weil es eben nicht etwas ist, was ich mir schön ordentlich als Rolle über mich in meinem Kopf zurecht gelegt habe. Gerade weil man sich durch solch ein Teilen in Unsicherheit begibt, ermöglicht genau das anderen Menschen dann auch, sich zu öffnen.

    Als Übung lässt sich das mit dem Teilen eines ‚Gedankenstroms‘ durchführen. Hierzu kommt man in Kleingruppen (3-4 Personen) zusammen. Eine Person spricht nach der anderen, für jeweils 2-3 Minuten. Geteilt wird, was man im jeweiligen Moment in sich wahrnimmt. Also zum Beispiel:

    „Ich nehme wahr, dass ich noch gar nicht weiß, was ich eigentlich sagen soll und dass ich eigentlich gerne etwas sehr Schlaues sagen würde. Ich nehme wahr, dass ich mich beim Sprechen langsam etwas entspanne …“

    Am Ende ist auch hier Zeit, um kurz miteinander zu reflektieren, wie man das Teilen erlebt hat.

    Damit die Übung funktioniert, ist die wichtigste Regel: „Wenn du etwas im Kopf vor planst, dann wirf es direkt wieder raus!“

    4. Übernimm Verantwortung für deine Erfahrung (‚Own your experience‘)

    Das vierte Prinzip – Übernimm Verantwortung für deine Erfahrung – hat große Ähnlichkeit mit den ‚Ich-Botschaften‘, die viele wahrscheinlich aus der gewaltfreien Kommunikation kennen. Anstatt also andere zu beschuldigen, sollte ich versuchen, von mir selbst zu sprechen.

    Beispiel: Nicht sagen: „Du bist total unfreundlich!“, sondern: „Ich fühle mich gerade gar nicht wertgeschätzt“.

    Solche Ich-Botschaften verhindern, dass von anderen eine Verteidigungshaltung eingenommen wird. Stattdessen lädt man zu Kommunikation ein.

    Als Übung kann man hier am besten ein paar Umformulierungen ganz konkret versuchen. Dann erkennt man auch, dass viele vermeintliche ‚Ich-Botschaften‘ eigentlich doch verklausulierte Beschuldigungen sind, z.B., wenn ich sagen würde: „Ich denke, dass du total unfreundlich bist.“

    5. Achte dich selbst und dein Gegenüber (‚Honor self and other‘)

    Das fünfte Prinzip ist eine beziehungstechnische Umänderung der Goldenen Regel. Also nicht: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst. Sondern in authentischer Beziehung gedacht: Behandle dich so, wie du behandelt werden willst – und andere so, wie sie behandelt werden wollen.

    Die Übung, die ich zu diesem Prinzip erlebt habe, fand ich von den Authentic Relating Übungen am spannendsten, weil sie fast ganz ohne Kommunikation auskam und sehr viel Resonanz ermöglicht.

    So gehst du vor:

  • Es finden sich Paare zusammen. Beide Beteiligten kommen kurz an. Danach ist 3 Minuten Zeit für eine ‚Hallo‘ und ‚Tschüß‘-Ausbalancierung, was wie folgt funktioniert:
  • Beide starten mit offenen Augen und blicken sich an.
  • Sobald eine Person den Eindruck hat, dass sie selbst eine Pause braucht oder das von der anderen Person denkt, sagt sie ‚Tschüß‘ und schließt die Augen. Wenn sie wieder zurück kommen will, dann sagt sie ‚Hallo‘ und öffnet die Augen wieder.
  • Die andere Person macht das ganz genau so.
  • Am Ende ist auch hier wieder kurz Zeit, um das Erlebte gemeinsam zu besprechen.
  • Ich fand hier spannend, dass unsere Durchführung so war, dass es zu Beginn bei beiden von uns eher Unsicherheit gab. Durch ‚in die Augen blicken‘ und sich selbst und die andere Person beobachten, kam es dann aber sehr schnell zu einem gemeinsamen Rhythmus von zusammen sein und sich zurückziehen. Ich hatte den Eindruck, dass es sich für uns beide dann gut und stimmig anfühlte.

    Fazit

    Ich fand diese Prinzipien und die Übungen aus dem Authentic Relating für mich sehr spannend und sehe viele Möglichkeiten, diese sehr niederschwellig in Lernangeboten zu verankern, um auf diese Weise authentisches Verbinden zu üben. Für sichere, bedürfnisorientierte und zugleich auf Verbindung angelegte Räume, in denen gutes Lernen möglich ist, empfinde ich das als grundlegend.

    Wenn du diese Übungen auch für dich und mit Lernenden erkundest, wünsche ich dir dabei viel Freude und bin gespannt, welche Erfahrungen du damit machst.

    #MethodenLernformate

    Barcamp-Session: So retten wir die Welt (?)

    Ich habe mich in den letzten Monaten intensiv mit den Inner Development Goals (IDGs) auseinandergesetzt und dazu auch das Botschafterinnen-Programm absolviert. Die IDGs sind ein Rahmenwerk mit Selbstentwicklungs-Kompetenzen, das in bewusster Verknüpfung mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (den SDGs) die Frage stellt:

    Welche Veränderung braucht es in uns selbst, um diese Nachhaltigkeitsziele erreichen zu können?

    Bei der heutigen edunautika war eine schöne Gelegenheit, gemeinsam mit neugierigen Kolleg*innen zu erkunden, wie sich dieser grundsätzliche Ansatz der IDGs – mit innerer Entwicklung zu äußerer Veränderung kommen – in Lern- und Austauschformate übersetzen und erleben lässt.

    Ich teile im Folgenden den dazu gestalteten Rahmen. Ich habe ihn als sehr gewinnbringend erlebt. Meine sonstigen Eindrücke von der edunautika habe ich in diesem Beitrag notiert.

    Thema der Session

    Ich habe die Session mit dem Titel angekündigt:

    So retten wir die Welt (?!): Mit innerer Entwicklung und Verbundenheit zu mehr pädagogischer Wirkungsmacht für l(i)ebenswerte Zukünfte.

    In der Vorstellung habe ich erklärt, dass es um gemeinsames Ausprobieren und Erleben geht, also wir konkret erkunden werden, wie ein möglicher Raum für solch eine Entwicklung und Verbundenheit gestaltet sein könnte.

    Rahmen

    Die edunautika ist ein Barcamp und ich habe das Angebot somit als 45-minütige Session angeboten.

    Bei einem Barcamp sind die Türen normalerweise offen. Das bedeutet, dass Menschen jederzeit auch zwischendurch die Session wechseln und somit auch später dazu stoßen können. Ich bin von diesem Grundsatz heute bewusst abgewichen, weil ich finde, dass das bei solch einem Thema und einer entsprechenden Raumgestaltung schwieriger ist. Die Tür der Session war somit zu. (Wer von innen nach draußen wollte, konnte das aber natürlich jederzeit machen.)

    Ablauf

    Der Fokus der Session lag auf zwei ‚Denkenden Runden‘, in denen die Beteiligten in ein intensives Sprechen und Zuhören kommen konnten. Vorbereitet wurde dies durch eine Ankommenszeit und unterstützt mit einer Übung aus dem Social Presencing Theater und einem gemeinsamen Abschluss.

    1. Ankommen

    Ich habe kurz den Hintergrund der Session erklärt (= meine eigene Suche nach mehr pädagogischer Wirkungsmacht angesichts vielfältiger Krisen und möglicher ‚Spuren‘ bei den IDGs, der Theorie U und im Ansatz des DEEPSKILLING). Vor allem aber lud ich ein, sich auf die nächsten Schritte einzulassen – und machte zugleich deutlich, dass es natürlich jederzeit auch möglich ist, auch nicht mitzumachen.

    2. Grounding

    Wir sind alle kurz im Stillen angekommen (= bewusst in sich hineinspüren). Dann haben wir eine nicht-sprechende ‚Vorstellungsrunde‘ in der Form gemacht, dass wir uns alle durch den Raum bewegten und dabei versuchten, die anderen Beteiligten sehr offen wahrzunehmen und sich mit ihnen jeweils non-verbal auf eine Begrüßung zu verständigen (= manche umarmten sich, manche nickten sich zu, manche schüttelten sich die Hand).

    3. Denkende Runde 1

    Wir kamen danach in 3er-Gruppen zusammen. Ich teilte auf Karten jeder Gruppe diese Frage aus:

    Wie geht es mir mit meiner pädagogischen Wirkungsmacht angesichts der Krisen dieser Welt?

    Die Karte wurde reihum weitergegeben. Wer sie hatte, sprach 3 Minuten zur Frage; die anderen hörten zu, aber unterbrachen nicht.

    Im Anschluss erläuterte ich dazu das Bild des Gummibandes: Auf der einen Seite ganz viel Liebe für die Schönheit der Welt; auf der anderen Seite ganz viel Leiden, für das was täglich an Gewalt und Zerstörung passiert. Diese Spannung zuzulassen, kann Energie ermöglichen, um zu Veränderung zu kommen.

    4. Social Presencing Theatre

    Wir machten anschließend eine Mini-Übung aus dem so genannten Social Presencing Theater:

    Wir nahmen in uns dazu die Herausforderung wahr und verkörperten sie, in der wir uns befinden (= Werden wir niedergedrückt? Sind wir orientierungslos? Wird an uns von zwei Seiten gezogen? …). Aus dieser Position heraus lässt sich dann erspüren, wo wir eigentlich hinwollen – und diese Bewegung machen. Wir erleben alle gemeinsam, dass auch andere mit uns solch eine öffnende/aufrichtende Bewegung machen. (In diesem Video ist diese Übung sehr schön erklärt und gezeigt)

    5. Denkende Runde 2

    Danach kamen wir wieder in 3er-Gruppen zusammen – dieses Mal zur Frage: Was gibt mir Zuversicht? Wieder hatten alle 3 Minuten Redezeit.

    6. Entwicklung/ Reflexion einer Intention

    In Stille nahmen wir uns danach Zeit, um für uns der Frage nachzuspüren:

    Was könnte jetzt unsere Intention sein? Worauf wollen wir unsere Aufmerksamkeit richten?

    Nach der Stille-Phase konnten wir das mit Nebensitzenden teilen.

    7. Abschluss

    Als kleines ‚Nachbereitungs-Material‘ zur weiteren Reflexion der aufgeworfenen Fragen haben wir bei den wirkSamen ein Mini-Zine gestaltet, das sich alle zum Abschluss mitnehmen konnten.

    Hier ist die Vorlage dazu zur offenen Weiternutzung:

    Zine zur ReflexionHerunterladen

    (Und hier eine Anleitung zum Falten eines solchen Zines)

    Mein Fazit

    Die edunautika ist ein sehr reformpädagogisch geprägtes Barcamp mit großer Aufgeschlossenheit und vielfach auch langjähriger Erfahrung der Teilgebenden mit solchen, ganzheitlichen und reflektierenden Methoden. Ich fand es sehr schön, in solch einem somit sich sehr ’sicher anfühlenden‘ Raum gemeinsam dem Nordstern einer l(i)ebenswerten Welt und des jeweils eigenen Beitrags dazu nachzuspüren. Vielen Dank an alle Beteiligten!

    Mich bestärkt die Erfahrung sehr, dass solche Räume und vor allem auch dieser Nordstern unbedingt auch in so vielen weiteren Kontexten in die Bildung gehört. Und ich freue mich, daran weiter zu arbeiten.

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate

    Community-Kontext-Datei für eine gemeinschaftliche KI-Nutzung

    In diesem Blogbeitrag möchte ich mit der Idee einer Community-Kontext-Datei eine konkrete Möglichkeit vorstellen, wie sich KI-Sprachmodelle im pädagogischen Kontext gemeinschaftlich statt individualisiert zum Einsatz bringen lassen.

    Warum ist eine gemeinschaftliche KI-Nutzung eine gute Idee?

    Eine gemeinschaftliche anstelle einer nur individualisierten KI-Nutzung ist für mich eine vielversprechende Praxis, um Bildung in einer zunehmend KI-geprägten Welt so auszurichten, dass damit Zusammenarbeit gelernt und Verbundenheit entwickelt werden kann. Zugleich ist auf diese Weise eine resonanzreiche Aneignung und ein Weiterdenken an Wissensinhalten möglich. Diese ‚Nordsterne‘ halte ich für grundlegend für eine Bildung, die nicht vorrangig das individuelle, möglichst effiziente Vorankommen zum Ziel hat und mit der vor diesem Hintergrund das gemeinschaftliche Ganze gegenüber kurzfristigen Eigeninteressen aus dem Blick gerät, sondern die auf soziale Gestaltung und Gemeinwohlorientierung zielt und nicht bei Wissensvermittlung stehen bleibt, sondern kreatives Weiterdenken ermöglicht.

    Eine gemeinschaftliche KI-Nutzung ist somit ein Baustein, um Bildung zum Teil der Lösung für die Krisen dieser Welt zu machen und Lernende in Lernprozessen zur Gestaltung l(i)ebenswerter Zukünfte zu ermächtigen.

    Wie sieht gemeinschaftliche KI-Nutzung grundsätzlich aus?

    Die Grundidee einer gemeinschaftlichen KI-Nutzung sieht so aus, dass nicht alle Lernenden individuell im Chat mit einem KI-Modell sind, sondern KI-Modelle von einzelnen Lernenden ‚mit an den Tisch geholt werden‘.

    Beispiel: Eine Gruppe Lernender brainstormt über Ideen für eine Projektarbeit. Sie tauschen sich zu ihren Ideen aus. In diesem Prozess befragen sie auch ein KI-Modell nach Ideen, tauschen sich zum generierten Output aus, entscheiden sich für eine hilfreiche Idee und arbeiten dann daran weiter.

    In einem früheren Blogbeitrag habe ich zahlreiche weitere Ideen für eine gemeinschaftliche KI-Nutzung aufgeführt.

    Was ist eine Community-Kontext-Datei?

    Eine Community-Kontext-Datei ist die Übertragung der Idee einer individuellen Lernkontext-Datei auf eine Lerngruppe.

    • Individuelle Lernkontext-Datei: Eine lernende Person hält für sich fest, wie sie gut lernen kann, was ihr Kontext ist, welche Hilfsmittel ihr zur Verfügung stehen, welches Wissen sie schon mitbringt … Diese Kontext-Datei kann sie zu Beginn eines Lernchats mit einem KI-Sprachmodell teilen und so wirkungsvoll lernen. Am Ende kann das eigene Lernen in Interaktion mit dem KI-Modell reflektiert und die Lernkontext-Datei entsprechend angepasst werden. Ich mag solche individuellen Lernkontext-Dateien, weil auf diese Weise KI im Sinne einer Lernerstärkung genutzt wird und das eigene Lernen in den Blick gelangt. Der Ansatz ermöglicht eine offene und selbstbestimmte KI-Nutzung, weil Lernende nicht auf ein bestimmtes Modell angewiesen sind (wie es bei ‚custom instructions‘ auf bestimmten Plattformen der Fall wäre), sondern ihre Lernkontext-Datei im Chat mit unterschiedlichen Anwendungen zum Einsatz bringen und danach immer wieder auf dem eigenen Gerät speichern können. Ich habe das genaue Vorgehen mitsamt einer Vorlage hier beschrieben.
    • Community-Kontext-Datei: Eine Lerngruppe hält gemeinsam fest, wie sie zusammen lernen wollen und was ihr Kontext und ihr Vorwissen ist. Auch diese Kontext-Datei kann dann, wenn im Prozess des gemeinsamen Lernens ein KI-Sprachmodell mit an den Tisch geholt wird, mit diesem geteilt werden und so ein hoffentlich zielführender Beitrag und eine Perspektiverweiterung im Sinne von KI als Resonanzmaschine ermöglicht werden. Die Community-Kontext-Datei kann kollaborativ (z.B. in einem Etherpad oder einer anderen kollaborativen Schreibumgebung) bearbeitet werden und jederzeit auch um weitere Reflexionen ergänzt werden.

    Wie entsteht eine Community-Kontext-Datei?

    Grundsätzlich lässt sich eine Community-Kontext-Datei auf zwei Arten erstellen:

  • Die Lerngruppe notiert selbst ihren Kontext und kann dazu z.B. mit einer Vorlage unterstützt werden. Dann probiert sie die Datei in einer KI-Interaktion aus, reflektiert darüber und passt an.
  • Eine Lerngruppe sammelt Informationen über sich zusammen, zum Beispiel ein Transkript einer Gruppensitzung oder bisher erarbeitete Materialien. Dann lässt sie sich daraus von einem KI-Sprachmodell (am besten auch mit einer konkreten Vorlage) eine Community-Kontext-Datei generieren. Auch hieran kann dann weiter gearbeitet werden.
  • Ich finde beide Wege grundsätzlich sinnvoll und oft wird es wahrscheinlich auch zu Mischformen kommen. Wie der genaue Start ist, liegt sehr stark daran, in welchem größeren Rahmen die Gruppenarbeit eingebettet ist.

    Konkrete Vorschläge: Bewusste menschliche Interaktion + Nutzung der Community-Kontext-Datei

    Ich finde eine Community-Kontext-Datei besonders dann sehr vielversprechend, wenn sie mit einer klugen methodischen Rahmung verbunden ist, die bewusst Raum für menschliche Interaktion ermöglicht. Wenn solche sozialen Lernprozesse dann mit KI-Interaktionen verbunden werden, kann sehr viel daraus entstehen. Wichtig ist zu Beginn gemeinsam in der Gruppe Transparenz darüber herzustellen, was mit Aufzeichnungen genau geschieht (z.B. keine Weitergabe außerhalb der Gruppe) oder welche KI-Modelle aus Sicht aller Beteiligten verwendet werden dürfen.

    Hier sind drei Vorschläge, wie ein gemeinschaftliches Lernen mit einer Community-Kontext-Datei in der Praxis aussehen kann:

    1. Transkript einer ‚Denkenden Runde‘ als Grundlage für eine Lernkontext-Datei:

    Eine Denkende Runde ist ein Format mit Sprechen und Zuhören. Das klingt unspektakulär, aber ist wahrscheinlich gerade deshalb so wirkungsvoll. Die Methode funktioniert folgendermaßen:

    • Es gibt eine gemeinsame Frage. Zum Beispiel: Wie geht es dir mit dem Thema ‚KI in der Bildung?‘ (Es ist hilfreich, diese Frage persönlich zu stellen, also nicht: ‚Was ist wichtig bei KI in der Bildung?‘ und auch nicht rein kognitiv: ‚Was denkst du zu KI in der Bildung?‘ Die Formulierung ‚Wie geht es dir mit …‘ eröffnet Perspektiven, um erstens über sich selbst zu sprechen und zweitens auch über Gefühle)
    • Es wird eine Zeit festgelegt, die auf alle Gruppenmitglieder gleichmäßig aufgeteilt wird. Beispiel: In einer 5er-Gruppe gibt es 20 Minuten. Alle haben 4 Minuten.
    • Alle Beteiligten sprechen nacheinander. Wer nicht spricht, hört nur zu: keine Gegenrede, keine Frage, keine Zustimmung … Durch das Zuhören öffnet sich ein Raum, in dem sich Gedanken im Sprechen entwickeln können. Es ist in Ordnung, wenn dabei auch Stille entsteht.

    Um eine ‚Denkende Runde‘ im Rahmen einer gemeinschaftlichen KI-Nutzung zu gestalten, wird die Denkende Runde aufgezeichnet und daraus ein Transkript erstellt. Das Transkript wird dann mit einem KI-Sprachmodell geteilt. Entweder, um erstmalig eine Community-Kontext-Datei zu erstellen (wie oben als zweiter Weg vorgeschlagen). Oder auch um eine bestehende Community-Kontext-Datei weiter zu entwickeln.

    Das Teilen mit der KI ermöglicht dann eine Spiegelung der Beiträge für die gesamte Gruppe. Es lässt sich zum Beispiel fragen:

    • Was sind unsere drei offensichtlichsten Übereinstimmungen bei diesem Thema?
    • Was wären Fragen, an denen wir gemeinsam weiterdenken könnten?
    • Welche Perspektive fehlt bisher in unserer Runde?

    2. Ein Reverse-Prompting als Zufalls-Öffner

    Normalerweise sieht KI-Nutzung so aus, dass sich Einzelpersonen oder auch Gruppen mit ihren Fragen an ein KI-Modell wenden und nach Antworten suchen. Ich habe hier schon häufiger für die Nutzung von KI-Modellen als Resonanz- statt Antwortmaschine plädiert, also weniger fertige Antworten zu suchen, sondern eher weitere Perspektiven oder auch sich selbst herausfordern zu lassen. Letzteres ist in Gruppen die Idee eines ‚Reverse‘-Prompting.

    Auf Basis einer Community-Kontext-Datei wird dazu ein KI-Modell instruiert, den einzelnen Gruppenmitgliedern nacheinander Fragen mit einem bestimmten Fokus zu stellen. Die Antworten erfolgen dann nicht per KI-Chat, sondern mündlich in der Gruppe. Die Gruppe instruiert das KI-Modell dann mit ‚Weiter‘ zum Stellen der nächsten Frage.

    Solch ein ‚Reverse-Prompting‘ kann – je nach Ausgestaltung des genauen Prompts – sehr gut als Zufalls-Öffner dienen, weil von einem KI-Modell vielleicht noch einmal ganz andere Themen in den Fokus kommen, als wenn sich die Gruppenmitglieder untereinander befragen würden. Die Passung wird dennoch durch die Community-Kontext-Datei sichergestellt. Und die Resonanz entsteht durch das Gespräch in der Gruppe.

    3. Ein erweitertes Pro Action Café als kollegiale Beratung mit KI-Resonanzraum

    Mit einem Pro Action Café kann z.B. zum Abschluss eines Lernangebots im Sinne einer kollegialen Beratung von Lernenden je ein Anliegen / eine Frage für einen möglichen nächsten Schritt eingebracht werden. Die anderen in der Gruppe teilen dann ihre Ideen im Rahmen einer offenen Beratschlagung dazu, so dass der nächste Schritt auf dieser Basis dann möglichst gut angegangen werden kann. Das Format läuft folgendermaßen ab:

    • Alle in der Gruppe sind eingeladen, sich einen nächsten Schritt und ihre Frage dazu zu überlegen. Dazu eignet sich z.B. ein Silent Writing, d.h., ein individuelles Notieren in Stille.
    • Eine Person startet und stellt ihr Anliegen vor. Dann dreht sie sich weg. Die anderen beraten dazu. Die fragende Person hört nur zu und macht sich Notizen.
    • Auf diese Weise können nacheinander alle, die wollen, in die Rolle der fragenden Person schlüpfen und sich von den übrigen Lernenden der Gruppe beraten lassen.

    Die Beratungszeit ist dabei je nach zur Verfügung stehender Zeit begrenzt. Solch ein Timeboxing ermöglicht in der Regel eine sehr konzentrierte Beratschlagung.

    KI-Modelle können in diesem Setting so mit dazu geholt werden, dass die fragende Person nicht nur individuell zuhört und sich Notizen macht, sondern diese Beratung auch aufgezeichnet und daraus dann ein Transkript erstellt wird.

    Mit diesem Transkript lässt sich dann – nach der gemeinschaftlichen Gruppenberatung – in einen individuellen Chat mit einem KI-Sprachmodell gehen. Auch hier hilft es, wenn als größerer Kontext die in der Gruppenarbeit genutzte Community-Kontext-Datei verwendet wird. Der sinngemäße Prompt wäre somit:

    ‚Ich bin Teil einer Gruppe zu xyz. Hier ist mehr zu unserem Kontext: [Kontext-Datei]. Ich hatte dieses Anliegen: [Anliegen einfügen]. Dazu habe ich diese Beratung aus der Gruppe erhalten: [Transkript einfügen]. Welche weiteren Ideen hast du für mein Anliegen? Nenne mir immer einen Vorschlag und warte dann meine Reaktion ab. Berücksichtige dabei den geteilten Kontext und baue gerne auf Vorschlägen der Gruppe auf.‘

    Fazit: Ein flüchtiger Blick auf die Alternative einer verbindenden Technologie

    Die Praxis solch einer gemeinschaftlichen KI-Nutzung ist für mich ein bewusstes ‚Hacking‘ einer Technologie, die bislang überwiegend dazu gestaltet ist, möglichst effizient etwas zu generieren und im Eigeninteresse zu verwerten. Gemeinschaftliche KI-Nutzung gerät vor diesem Hintergrund immer wieder an Grenzen, aber lässt zugleich auch erleben, dass eine andere Technologie basierend auf Gemeinschaftlichkeit und dann auch orientiert am Gemeinwohl grundsätzlich möglich wäre. Um genau diese Perspektive zu öffnen, finde ich solche Lernprozesse besonders wertvoll.

    Weiternutzung

    Um eine möglichst gute Weiternutzung und Erkundung der hier vorgestellten Überlegungen zu ermöglichen, habe ich eine kopierbare Vorlage für eine Community-Kontext-Datei inklusive einer prägnanten Erläuterung online gestellt. Die offen weiternutzbare Ressource ist so gedacht, dass sie direkt von Lerngruppen genutzt werden kann.

    Zur Vorlage und Beschreibung

    Kontext der Überlegungen

    Diese Überlegungen entstanden im Rahmen meiner Beteiligung am Projekt der Digital Heroes von Wibke Matthes und Arthur Seidel im Sommersemester 2026. Wir werden hier den geplanten Communities of Practice einen KI-Community-Booster zur Verfügung stellen, um gemeinsam nicht nur über KI zu lernen, sondern KI-Nutzung, gerade auch in gemeinschaftlicher Form, gemeinsam zu erproben. Ich bin sehr gespannt auf das gemeinsame Lernen!

    #KünstlicheIntelligenzKI #MethodenLernformate

    Sprechen & Zuhören bei Mehr Demokratie e.V.

    Ich war heute in Dresden bei einer Moderator*innenschulung von Mehr Demokratie e.V. für das Format Sprechen & Zuhören. Wer das Format selbst kennen lernen will, findet vielfältige Veranstaltungsankündigungen auf der Website des Vereins. Neben Veranstaltungen vor Ort gibt es auch regelmäßige Online-Formate.

    Mein Impuls zur Teilnahme war vielfältig.

    • Erstens war und bin ich am Überlegen, was ich mit meiner Kompetenz in Bildungsarbeit in der gegenwärtigen Situation sinnvollerweise tun kann, um Demokratie zu stärken und zu verteidigen. Hintergrund sind hier vor allem die bei uns in Sachsen-Anhalt anstehenden Landtagswahlen im Herbst.
    • Zweitens war ich auf das Format Sprechen & Zuhören neugierig und wollte erkunden, wie ich es auch in meiner Arbeit nutzen kann.
    • Drittens finde ich es immer spannend, Lernangebote aus der Perspektive einer Teilnehmerin kennen zu lernen, um daraus dann auch für eigene Veranstaltungen zu lernen.

    Jetzt bin ich auf der Rückfahrt und stelle fest: für alle drei Intentionen hat sich die Fahrt nach Dresden sehr, sehr gelohnt!

    Mitmachen bei Mehr Demokratie e.V.

    Mehr Demokratie ist ein bundesweit und meinem Eindruck nach sehr professionell arbeitender Verein. Mir gefällt vor allem, dass sie z.B. für Menschen wie mich, die auf der Suche sind, wo sie sich einbringen und etwas Sinnvolles beitragen können, eine sehr niederschwellige Beteiligungs- und Lernmöglichkeit schaffen.

    Bestes Beispiel dafür ist die heutige Fortbildung: Ich konnte mich dazu offen für einen eher symbolischen Beitrag von 10 Euro anmelden. Die Veranstaltung war dann so angelegt, dass sehr direkt Handwerkszeug gezeigt und praktisch ausprobiert wurde (dazu unten mehr). Vor allem aber gab es auch die direkte Einladung, sich mit anderen zu verbinden und z.B. in Messenger-Gruppen und regelmäßigen Calls teilzuhaben sowie auf zahlreiche Unterstützungsmaterialien zur eigenen Durchführung von Veranstaltungen zuzugreifen.

    Im Ergebnis bedeutet das: Es lässt sich sehr direkt und zugleich sehr verbunden und mit ganz viel Unterstützung aktiv werden. Solch eine professionelle Rahmensetzung ist aus meiner Sicht ein sehr gutes Best Practice Beispiel für erfolgreiche Community-Arbeit. Ich nehme dazu einiges für meine Arbeit bei den wirkSamen mit.

    Das Format Sprechen & Zuhören

    Das Format Sprechen & Zuhören war mir grundsätzlich vertraut. Ich nutze es in meiner Arbeit bisher als ‚Denkende Runde‘, die ich meist wie folgt gestalte:

    • Es bilden sich Kleingruppen.
    • Alle in der Kleingruppe haben nacheinander je 4 Minuten Zeit, um zu einer Frage zu sprechen.
    • Wer nicht spricht, hört aufmerksam zu. Es gibt keine Nachfragen oder Unterbrechungen.

    Ich habe bereits diesen Ansatz immer als sehr wertvoll erlebt. Beim Format Sprechen & Zuhören wird nun noch an zwei Stellen eine sehr wirkungsvolle Ergänzung vorgenommen:

  • Es gibt nicht nur eine Runde, sondern drei Runden. Alle sprechen also dreimal zum gleichen Thema und hören auch dreimal allen anderen in der Gruppe zu. Diese Entschleunigung sorgt für ziemlich viel Vertiefung. Schrittweise traut man sich, sich verletzlicher zu zeigen, wodurch Verbundenheit, Verstehen und Verständnis entstehen kann.
  • Die Frage für das Sprechen & Zuhören ist immer in der folgenden Form formuliert: „Wie geht es dir mit …?“ Ganz bewusst wird also nicht gefragt, was man zu etwas weiß oder zu etwas denkt, sondern es wird auf die persönliche Ebene bezogen. Es geht darum, über sich und seine Gefühle zu einem Thema zu sprechen. Das sorgt für sehr viel Öffnung.
  • Ich kann mir eine Übertragung dieses Formats in meine Fortbildungen sehr gut vorstellen.

    (Hinweis für Lehrkräfte: Es gibt bei Mehr Demokratie e.V. auch eine Arbeitsgruppe, die Sprechen & Zuhören in Schulen mit Schüler*innen gestaltet.)

    Gestaltung der Veranstaltung

    Das Ziel der heutigen Veranstaltung war es, weitere Moderator*innen für das Format auszubilden und es auf diese Weise in die Breite zu bringen. Das hat vor allem dadurch geklappt, dass wir das Format am Vormittag direkt selbst erlebt haben. Anschließend gab es eine Praxis-Phase, in der wir alle in die Rolle von Moderator*innen schlüpften und das Format testweise mit jeweils anderen Teilnehmenden durchführten. Zum Abschluss werteten wir im Plenum gemeinsam aus und klärten Fragen.

    Dieser Aufbau ist dicht an dem, was ich selbst in Fortbildungen auch immer versuche. Aus der Beobachtung nehme ich noch einmal mit, wie hilfreich es ist, viel Vertrauen in Gruppenprozesse zu haben. Es war heute sehr schön, zu beobachten, wie viel daraus alles entstehen kann.

    Fazit

    Herzlichen Dank an all die vielen engagierten Menschen bei Mehr Demokratie e.V. und eine ebenso herzliche Einladung an alle, die den Verein noch nicht kennen, sich über ihn zu informieren und vielleicht ja auch einzubringen. Wie dargestellt gibt es dazu jede Menge Möglichkeiten, wenn man etwas Zeit investieren kann. Wer keine Zeit hat, aber finanziell nicht super knapp ist, kann den Verein auch durch Spenden oder eine Mitgliedschaft unterstützen.

    Website Mehr Demokratie e.V. #MethodenLernformate #Veranstaltungen
    Sprechen & Zuhören bei Mehr Demokratie e.V. | eBildungslabor

    Silent Writing in zwei Phasen

    Mit einem Silent Writing ist in der Grundform gemeint, dass eine Gruppe sich vor einer gemeinsamen Diskussion kurz Zeit nimmt, so dass alle kurz innehalten, ihre Gedanken sortieren und Stichpunkte dazu für sich festhalten können. Dazu reichen meist schon 3-5 Minuten aus und die Diskussion wird anschließend viel gleichberechtigter und zielführender.

    Besonders hilfreich finde ich solch ein Silent Writing, wenn man es in zwei Phasen durchführt:

  • Notiere alles, was dir zu dem Thema in den Sinn kommt.
  • Schaue deine Notizen durch und überlege, was davon uns gemeinsam als Gruppe in der jetzigen Situation weiter bringt.
  • Ich habe mich heute an dieses ‚2-Phasen-Silent Writing‘ erinnert, weil ich für die Gewerkschaft ver.di ein Material mit vielen Möglichkeiten fertigstelle, wie eine Gruppe von Kolleg*innen in ihrer Zusammenarbeit Verantwortung für das gemeinsame Lernen übernehmen kann. Gefragt sind hier vor allem sehr niederschwellig umsetzbare Ideen. Dazu passt solch ein Silent Writing – insbesondere mit dem 2-Phasen-Ansatz – ganz ausgezeichnet.

    Und für mich finde ich es sinnvoll, dieses Vorgehen hiermit auch direkt in meinem Lerntagebuch für mich und andere festzuhalten. 🙂

    Beitragsbild: Individuelles Silent Writing – aktuelle Kritzelfläche auf meinem Schreibtisch ;-)

    #MethodenLernformate