Einblicke ins ‚Art of Hosting‘
In der vergangenen Woche habe ich vier Tage lang an einem ‚Art of Hosting and Harvesting‘-Training teilgenommen. Angeboten wurde es von der gemeinnützigen Organisationsberatung Socius. Mit der freien Schule Leipzig hatten wir einen ganz wunderbaren Tagungsort.
Ich habe die Tage für mich als sehr intensiv und hilfreich erlebt. In diesem Blogbeitrag möchte ich gerne einige Erfahrungen teilen und auf diese Weise die grundsätzlichen Ideen des Ansatzes weitertragen, so dass sie vor allem auch für das formale Bildungssystem wirksam werden können.
Was ist Art of Hosting and Harvesting?
Beim Art of Hosting and Harvesting handelt es sich um eine Art Ökosystem von partizipativen Methoden. Der Begriff ist seit den 2000er Jahren entstanden. Es gibt somit längst mehrere Traditionslinien, was eine feste Definition schwierig macht. Die englische Bezeichnung lässt sich mit ‚Kunst des Gastgebens und Erntens‘ übersetzen.
Einfach betrachtet ist Art of Hosting and Harvesting ein Set von Methoden, Praktiken und Haltungen von Moderation oder Lerngestaltung. Hinter dem Begriff steht zugleich aber auch mehr: Eine globale Gemeinschaft von Menschen, die angesichts einer zunehmend komplexen und krisenhaften Welt Räume für ganzheitliche Begegnungen schaffen wollen, in denen sich kollektive Intelligenz entfalten kann. Dazu werden Trainings angeboten, wie eben auch ich an einem Training teilgenommen habe, die dann alle Beteiligten befähigen, in ihren jeweiligen Kontexten in diesem Sinne zu wirken und zu gestalten.
Aus meiner Perspektive fand ich beim Art of Hosting and Harvesting mehrere Aspekte wichtig und spannend:
- eine ganzheitliche Herangehensweise mit Rückbezug auf unsere menschlichen Potentiale: Gelernt wird nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit Herz und Hand.
- der fragende und offene Ansatz: es gibt ein tiefes Vertrauen, dass aus der kollektiven Intelligenz aller Beteiligten Gutes entstehen kann, wenn diese sich tatsächlich entfalten kann. Dazu braucht es vor allem bedeutungsvolle Gespräche.
- eine ausbalancierte Lerngestaltung, die davon ausgeht, dass zwischen Chaos und Ordnung Neues entstehen kann, wobei Paradoxes immer wieder Teil vom Spiel ist.
Wichtig fand ich außerdem den Ansatz der Freiwilligkeit: Es macht einen sehr großen Unterschied, wenn Menschen zusammen kommen, die alle freiwillig und damit intrinsisch motiviert lernen – und somit eben nicht in ein fremdbestimmtes Setting gezwungen werden. (Ich bin mir bewusst, wie herausfordernd dieser Ansatz im formalen Bildungssystem oft umzusetzen ist, weil es natürlich zugleich immer sehr viele Ansprüche und Herausforderungen gibt. Ich denke dennoch, dass gerade die Erwachsenenbildung so sehr davon profitieren könnte, wenn mehr auf Vertrauen und damit Freiwilligkeit als Grundlage orientiert würde. Darum ist Freiwilligkeit zum Beispiel eine wichtige Grundlage für das Angebot meiner Lernlabore.)
Was zeichnet Art of Hosting and Harvesting in der Umsetzung aus?
Neben dem ‚Gesamterlebnis‘ und der damit verbundenen eigenen Weiterentwicklung habe ich bei meinem Training sehr viele Mikro-Bausteine kennen gelernt. Sie lassen sich aus meiner Sicht auch unabhängig von einem vollständig umgesetzen ‚Art of Hosting‘ in der Lerngestaltung und somit bei mir vor allem in Fortbildungen in der Erwachsenenbildung gut weiternutzen. Vielleicht kannst du dich davon für deine pädagogische Arbeit auch inspirieren lassen.
1. Calling Question / leitende Frage
Damit sich kollektive Intelligenz entfalten kann, braucht es einen Rahmen, in dem alle Beteiligten zusammen kommen und gemeinsam lernen. Dieser Rahmen wird vor allem von einer so genannten ‚Calling question‘, also einer gemeinsamen, verbindenden Leitfrage für das Treffen gesetzt.
Bei uns stand die Einladung unter dieser Calling Question:
Wie gestalten wir unser Miteinander in unsicheren Zeiten und leben Unterschiede als Quelle von Verbindung?
Ich finde es hilfreich, bei der Vorbereitung und Planung von Lernangeboten mit solchen ‚Calling Questions‘ zu arbeiten. Es würde dann weniger um die Definition von ‚Lernzielen‘ oder zu entwickelnden Kompetenzen gehen, wie ich es üblicherweise erlebe, sondern eben mehr um die Herausforderung, zu der man gemeinsam arbeiten möchte. Für eine potentialorientierte und offene Lernkultur halte ich das für eine sehr grundlegende und sinnvolle Fokusverschiebung.
2. Einsicht in die eigene Begrenztheit
Das Art of Hosting Training wurde unter anderem damit eingeleitet, dass diejenigen, die da sind, genau die Richtigen sind. Diese grundsätzliche Akzeptanz und auch Wertschätzung für alle Beteiligten bedeutete zugleich aber nicht, sich nicht auch immer wieder die eigene Begrenztheit in Erinnerung zu rufen.
Erreicht wurde das unter anderem durch zwei Stühle im Stuhlkreis, die die Beschriftung trugen: ‚Für die, die nicht hier sind!‘
Stuhl im Stuhlkreis
Wir starteten am ersten Tag außerdem mit einer kleinen Aufstellungsübung (= Alle stehen im Kreis, es werden Aussagen vorgelesen. Wenn eine Aussage auf dich zutrifft, trittst du einen Schritt nach vorne). Hier war eine der ersten Fragen:
Wer musste sich mit anderen in Bezug auf Care-Verantwortung absprechen, um teilnehmen zu können?
Und es gab einen Dank an alle, die demzufolge eben auch nicht da sein können, weil sie sich kümmern.
Sowohl der leere Stuhl als auch das Erinnern, an die, die nicht da sein können, erscheint mir eine gute Sache, die gerade bei größeren Veranstaltungen gut und niederschwellig realisiert werden kann.
3. CheckIn, CheckOut und Vorwärtsgabe
Art of Hosting-Trainings sind meist mehrtägig, wobei jeder Tag einer klaren Struktur folgt: Es startet mit einem CheckIn, dann folgt die so genannte Vorwärtsgabe und am Ende gibt es einen gemeinsamen CheckOut.
CheckIn und CheckOut waren immer sehr ganzheitlich und wertschätzend gestaltet. Ich mochte zum Beispiel sehr das CheckIn am ersten Tag, bei dem wir uns im Raum bewegten und erst einmal einfach nur Blickkontakt miteinander aufnahmen – verbunden mit der Frage: Wie ist es, einen Menschen zum ersten Mal zu treffen, der einzigartig ist im Universum?
Eines meiner Lieblings-CheckOuts war ein gemeinsames ‚Tönen‘ draußen auf der Terrasse der Schule: Wir standen im Kreis und brachten uns mit unseren Stimmen beim Ausatmen in gemeinsame Resonanz.
Mit Vorwärtsgabe ist gemeint, dass immer ein Rückbezug zu den vorherigen Tagen hergestellt wird, also Learnings und Erfahrungen bewusst rekapituliert, in Erinnerung gerufen und dann daran weiter gearbeitet wird.
Diese Elemente lassen sich glaube ich sehr gut auch in sonstige Fortbildungsangebote integrieren. Insbesondere mehr Raum für (ganzheitlich angelegtes) CheckIn und CheckOut erscheint mir eine sehr hilfreiche Sache für wirkungsvolles Lernen.
Ein weiteres Element waren die täglichen ‚Dorfnachrichten‘: eine Art offenes Plenum, in dem alle im Kreis teilen konnten, was organisatorisch und in der weiteren Planung gerade für alle wichtig sein könnte. Auch das finde ich sinnvoll, dafür bewusst Raum zu geben. Am besten vor dem dann stattfindende CheckOut.
4. Geteilte Verantwortung
Schon am Abend des ersten Tages waren alle Teilnehmer*innen unseres Trainings eingeladen, sich selbst für die Praxis des Gastgebens und Erntens einzuschreiben. Dazu waren die wesentlichen Aufgaben im Plenum und im Hintergrund in einer großen Auflistung visualisiert und man konnte einfach seinen Namen dazu schreiben. Jeweils am Abend vorher gab es dann ein kurzes Training mit einer Person aus dem Hosting-Team, in dem der Programmpunkt gemeinsam vorbesprochen wurde, Ideen dazu entwickelt wurden und Verantwortlichkeiten verteilt wurden.
Liste zum Einschreiben
Ich habe mich beispielsweise für den CheckIn am letzten Tag eingetragen. Gemeinsam mit drei anderen Personen und einer Person aus dem Hosting-Team haben wir uns dazu am Vorabend getroffen. Bei diesem Treffen haben wir reflektiert, wie wir die bisherigen CheckIns erlebt hatten und was uns für den CheckIn am letzten Tag wichtig ist. Darauf aufbauend haben wir dann eine Idee entwickelt und aufgeteilt, wer was dazu anleiten wird.
Im Plenum war dann nach der Anleitung der jeweiligen Methode immer kurz Zeit, dass Teilnehmende teilen konnten, wie sie die Methode und Anleitung erlebt hatten. Und man konnte selbst teilen, wie man sich in der anleitenden Rolle gefühlt hatte. Auf diese Weise wurde Verantwortung nicht nur kollektiv getragen, sondern auch kollektiv dazu gelernt.
Super fand ich vor allem, dass die gemeinsame Verantwortung insbesondere bei CheckIn und CheckOut eben nicht so aussah, dass das Hosting-Team der ad hoc Gruppe eine fertige Methode ‚vorsetzte‘ und dabei unterstützte, sie gut durchzuführen. Stattdessen konnten tatsächlich gemeinsam Ideen entwickelt und umgesetzt werden. Auf diese Weise spiegelten auch die Methoden die Vielfalt der Teilnehmenden wider und die Veranstaltung war tatsächlich kollektiv getragen.
Damit dieses Prinzip funktioniert, braucht es aus meiner Sicht viel Vertrauen von Seiten der Gastgeber*innen und zugleich viel Erfahrung, um einschätzen zu können, wo ein ad hoc-Team vielleicht doch noch mehr Orientierung braucht. Bei uns klappte das sehr gut.
Zur Aufgabenverteilung gehörte auch MOS – Material, Orientierung, Schönheit – wozu sich ein Team bildete, was mit sehr viel Liebe und Kreativität die Tage bereicherte. Das lohnt sich gerade bei größeren Veranstaltungen sehr!
5. Sicherer Raum und Somatik
Art of Hosting bedeutet, dass allen die Möglichkeit gegeben werden soll, sich gut einzubringen. Ein sicherer Lernraum ist dazu eine unbedingte Voraussetzung. Außerdem ist Art of Hosting von der Überzeugung getragen, dass Menschen nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper lernen.
In der Umsetzung dieser Prinzipien gab es mehrere Elemente, die sich zum Teil sehr stark von klassischen Fortbildungssettings unterscheiden, aber die sich aus meiner Sicht durchaus übertragen lassen:
- Viele der Impulse wurden mit ‚Bodenpräsentationen‘ gestaltet. Das bedeutet: Wir saßen alle im Kreis. Impulse wurden auf einzelne Begriffe herunter gebrochen und diese in der Mitte des Kreises visualisiert dargestellt. Solch eine Bodenpräsentation konnte dann immer leicht mit einer ’somatischen Aufstellung‘ verbunden werden. Das bedeutete, dass alle eingeladen waren, sich zu den Begriffen zu stellen und zu fühlen, was der Körper einem dazu signalisierte.
- Alles, was während des Art of Hostings passierte, war als Angebot und damit Einladung formuliert. Ich konnte selbst entscheiden, wie ich mich beteiligen wollte oder wie vielleicht auch nicht.
- Im Plenumsraum gab es ein Sofa. Wer sich darauf setzte, signalisierte damit: Ich will weiter zuhören, aber habe gerade keine Kapazitäten, um aktiv in Austausch zu gehen oder mich einzubringen. (Damit war dieser Platz mehr als ein einfacher Rückzugsraum, den es zusätzlich dennoch gab, weil er ein mit dabei bleiben ermöglichte.)
Unser ‚Rückzugssofa‘ im Plenumsraum
Ganz entscheidend fand ich außerdem, dass wir nicht nur ‚Lernen mit dem ganzen Körper‘ erlebten, sondern zugleich dazu lernten. So gab es am zweiten Tag einen ausführlichen und auch hier verkörperten Impuls zur Frage, wie eigentlich unser autonomes Nervensystem funktioniert und wie wir mit statt gegen unseren Körper lernen können.
Graphic Recording zum Impuls zum autonomen Nervensystem
Neben diesen direkt greifbaren Elementen war es vor allem die Gesamtgestaltung, die dazu einlud, sich wirklich aufs Lernen einzulassen und in die Tiefe zu gehen. Es war sehr in Ordnung und wurde sehr wertgeschätzt, sich verletzlich und ganz zu zeigen. Ich wünsche mir sehr, dass solch ein Lernen auch in vielen weiteren Räumen gerade im klassischen Bildungssystem möglich wird.
Flipchart: Du darfst dich zeigen!
6. Ernten ist mehr als Ergebnisse sichern: Emergenzphase ermöglichen
Das Training war nicht nur Art of Hosting, sondern vollständig: ‚Art of Hosting and Harvesting‘. Die ‚Ernte‘ des gemeinsamen Lernens war damit ein ganz entscheidender Bestandteil. Ich habe gemerkt, dass gerade das in klassischen Lernangeboten oft fehlt, weil hier doch sehr oft nur auf eine reine Ergebnissicherung orientiert wird. Vor diesem Hintergrund ist dann auch der Prozess des Lernens oft sehr direkt auf die Produktion solcher Ergebnisse hin gestaltet. Beim Art of Hosting haben wir die Ernte dagegen größer betrachtet: Zur Ernte gehört es dazu, zu planen, zu pflanzen, zu nähren und zu kultivieren. Und Ernte bedeutet nicht nur, direkt weiter zu nutzen, sondern man kann auch etwas konservieren oder für später verwenden oder anders weiter nutzen.
Vor diesem Hintergrund fand unser Lernprozess nicht als einfacher Prozess zwischen Divergenz (= das Denken öffnen) und Konvergenz (= das Denken wieder zusammenführen) statt, so wie ich es klassisch z.B. im Design Thinking gelernt und praktiziert habe. Dazwischen war zusätzlichg mit der Emergenz die eigentlich wichtigste Phase. Emergenz meint einen offenen, entstehenden Raum, der bewusst gehalten und ermöglicht werden muss. Mich erinnerte er ein bisschen an das Presencing der Theorie U.
Für klassische Fortbildungen ist dieses Aushalten-Können glaube ich eine große Herausforderung, weil wir hier oft die Tendenz haben, schnell zu liefern, eine Antwort zu geben und eine Lösung zu finden. Das Innehalten, Erspüren, Öffnen, Warten … ermöglicht dagegen dann aber tatsächlich erst die Entfaltung kollektiver Intelligenz und die Entwicklung neuer Antworten. Ich freue mich, das zukünftig mehr zu versuchen.
Das Ernten fand dann in verschiedenen Dimensionen statt: sowohl individuell, als auch kollektiv und sowohl unsichtbar, als auch greifbar. Im einzelnen bedeutete das:
- In mir und auch in uns allen kam einiges in Bewegung, was vielleicht auch erst viel später sichtbar wird, wenn ich z.B. selbst ein Lernangebot gestalte oder aus einer Verbindung mit einer Kollegin ein neues, gemeinsames Projekt entsteht. Erst einmal blieb es unsichtbar.
- Sehr viel habe ich für mich individuell greifbar gemacht. Das geschah zum Beispiel dadurch, dass wir alle eingeladen waren, in Notizheften mitzuschreiben. Und auch dieser Blogbeitrag ist für mich jetzt eine Form von ‚individuellem Ernten‘.
- Immer wieder haben wir im Laufe des Trainings so genannte ‚Lernschleifen‘ gehabt, in denen wir kollektiv ausgewertet haben. Durch das Sprechen über Erfahrungen wurden Erkenntnisse für uns alle greifbar. Vielfach wurde das dann auch auf Flipcharts festgehalten. Besonders schön fand ich auch Versuche einer verkörperten Ernte: Wie können wir das, was wir erfahren haben, mit unseren Körpern zum Ausdruck bringen?
Ich nehme somit in jedem Fall mit, solch einem ‚umfassenden‘ Ernten auch in klassischen Bildungsformaten mehr Raum zu geben. Ganz wunderbar kann dazu das so genannte ‚Bingo-Harvesting‘ genutzt werden: In Kleingruppen einigt an sich auf z.B. drei wichtige Begriffe zu einer Herausforderung. Eine Gruppe beginnt und stellt ihren ersten Begriff vor. Wenn andere etwas ähnliches notiert haben, können sie es mit ‚Bingo‘ direkt dazu pinnen.
Wie lässt sich Art of Hosting and Harvesting im klassischen Bildungskontext realisieren?
Ich werde die Learnings aus meinem Training sicherlich in meine Bildungsarbeit, die überwiegend im formalen Bildungssystem stattfindet, einfließen lassen. Wenn du hier Interesse an Weiterdenken und Zusammenarbeit hast und/oder schon mehr ausprobiert und gestaltet hast, was du teilen kannst, dann freue ich mich sehr, wenn du Kontakt zu mir aufnimmst.
Ich habe während der Tage auch mehrere sehr konkrete und gut weiternutzbare Methoden kennen gelernt. Eine wertschätzende und ganzheitliche Feedback-Methode – den Kreis der Wertschätzung – habe ich bereits geteilt. Weitere Methoden (= die wertschätzende Triade, das verflixte Fragespiel …) werde ich in späteren Blogbeiträgen aufschreiben, nachdem ich sie auch in meiner eigenen Lerngestaltungs-Praxis erprobt habe.
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