Segel setzen und in die Zukunft lehnen – ein Pädagogischer Tag an der evangelischen Grundschule Potsdam
Den heutigen Tag habe ich an der evangelischen Grundschule Potsdam verbracht und dort gemeinsam mit einer Vorbereitungsgruppe aus der erweiterten Schulleitung einen Pädagogischen Tag gestaltet. Ziel des Tages war ein Auftakt bzw. eine Fortführung eines Schulentwicklungsprozesses hin zu zukunftsgestaltender Bildung ausgehend von den Herausforderungen der Gegenwart. Der Tag stand unter dem Motto „Segel setzen“ und sollte vor allem Raum für Austausch untereinander bieten, aber zugleich auch Orientierung ermöglichen.
In diesem Blogbeitrag teile ich unser Vorgehen, die Thesen aus meinem Anfangsimpuls und meine Learnings als Inspiration zur Weiternutzung in anderen Kontexten.
Einstieg und Auftakt
Wir starteten mit einer offenen Ankommenszeit sowie einer Andacht und gemeinsamem Singen – thematisch passend zum Tag mit dem Titel: „Pfingsten als Mut-Booster“. Es folgte ein Improvisations-Energizer, den ich neu kennengelernt habe und sehr weiterempfehlen kann. Er funktioniert wie folgt:
- Im Vorfeld bereitet man Zettel mit Begriffen vor, die einen Bezug zum Tag bzw. zur jeweiligen Schule haben. Bei uns heute zum Beispiel: Schaukel, Passwort, Klassenrat …
- Zwei Menschen starten, ziehen einen Zettel, lesen beide den Begriff und erklären ihn anschließend vor dem Plenum – ohne ihn direkt zu nennen. Ohne sich vorher abzusprechen sagt dabei die erste Person ein Wort, die zweite Person improvisiert das nächste Wort dazu, dann ist wieder die erste Person an der Reihe. Gemeinsam wird so das Wort erklärt.
- Die beiden erklärenden Personen sind dabei herausgefordert, im Pingpong stimmige und gut erklärende Sätze zu entwickeln, alle anderen sind herausgefordert, den Begriff zu erraten. Wer den Begriff errät, übernimmt die nächste Erklär-Runde mit einer weiteren Person.
Wir haben viel gelacht – und konnten danach ganz wunderbar gemeinsam in den weiteren Tag gehen.
Start with why: Wozu in die Zukunft lehnen?
Los ging der inhaltliche Teil mit einer Orientierung zum Wozu, was es im Sinne des Golden Circle immer zunächst zu klären gilt.
Mein Ausgangspunkt war hier unsere radikale Gegenwart, die Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit erfordert, was sich in drei Thesen fassen lässt:
Darauf aufbauend habe ich konkretisiert, wo ich in der pädagogischen Debatte schon jeweils Bewegung wahrnehme und was ein möglicher darüber noch hinausgehender Schritt sein könnte, um sich in eine l(i) ebenswerte Zukunft zu lehnen.
- In der pädagogischen Debatte nehmen wir nicht mehr nur vorrangig Produkte, sondern auch Prozesse in den Blick. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr die Räume und die Resonanz, die sie ermöglichen, in den Blick zu nehmen.
- Verantwortung für das Lernen ist nicht Delegation, sondern Partizipation. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr Ko-Kreation zu ermöglichen, d.h. Lernen zu einem wechselseitig getragenen Prozess zu machen.
- Bildung zielt nicht mehr nur auf Wissen, sondern auch auf Kompetenz. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr auf Selbstwerdung zu zielen.
- Technologie ist nicht nur Werkzeug, sondern auch Sparringpartner. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, sie auch mehr als Spiegel zur bewussten Reflexion und Selbstentwicklung zu nutzen.
- Rückmeldungen sind nicht Wertung, sondern auch lernunterstützendes Feedback. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, sie vor allem als Wertschätzung zu verstehen.
- Lernen befähigt nicht nur zu Anpassung in bestehende Strukturen, sondern auch zu ihrer Gestaltung. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr zu bewusster Intention zu befähigen: Wozu will ich einen Unterschied hin zu l(i)ebenswerten Zukünften machen?
Ich finde vor allem den letzten Aspekt entscheidend, weil eine ‚ungerichtete‘ Handlungsfähigkeit für mich kein sinnhaftes Lernziel darstellt. Intention sollte dabei ausgehend von den menschlichen Fähigkeiten zu Verbundenheit, Lernen und Neugierde entwickelt werden, womit die Richtung hin zu l(i)ebenswerten Zukünften gesetzt wäre.
Mögliche nächste/ weitere Schritte als BodenpräsentationAn diesen Impuls schloss sich eine „somatische Aufstellung“ an (was ich beim Art of Hosting gelernt habe und sehr weiterempfehlen kann): Ich hatte den Impuls als „Bodenpräsentation“ gestaltet und hier neben den inhaltlichen Impulsen zum Abschluss die „Bewegungen“ vorgestellt, denen wir uns in unserem pädagogischen Handeln stellen, wenn wir uns auf diese Weise in die Zukunft lehnen und einen Schritt weitergehen wollen.
- Von: linear – geschlossen – mechanisch – verfügbar – isoliert – eindimensional
- hin zu : zirkulär – offen – organisch – unverfügbar – verbunden – ganzheitlich.
Diese Begriffe ergänzte ich in der Bodenpräsentation und lud dazu ein, sie für sich jeweils ganz direkt abzulaufen und dabei wahrzunehmen: Was spüre ich in mir zu dieser Bewegung? Fühlt sie sich stimmig an, wo spüre ich Widerstand, wo fühle ich mich schon wohl, wohin zieht es mich ganz besonders?
Auf Grundlage dieser Erfahrungen gestalteten wir als nächstes eine wertschätzende Triade. Die wertschätzende ist eine Methode, die das Troika Consulting der Liberating Structures in der Form weiter entwickelt, dass neben dem Sprechen und Zuhören noch das Beobachten hinzu kommt, sowie zusätzlich noch ein wertschätzender Reflexionsmoment.
Die Methode funktioniert wie folgt:
- Die Anwesenden finden sich zu dritt zusammen und nehmen jeweils eine von drei Rollen ein: Sprecher:in, Zuhörer:in und Beobachter:in. Es gibt drei Runden und die Rollen werden jeweils gewechselt.
- Die sprechenden Person spricht zu Beginn für vier Minuten zu einer gegebenen Frage. Die anderen beiden Personen hören zu und beobachten (bzw. achten auch zusätzlich auf die Zeit).
- Anschließend wird in drei Minuten wertschätzend gespiegelt, was die zuhörende Person mitgenommen hat und wie die beobachtende Person das Reden erlebt hat, also beispielsweise mit welcher Körperhaltung, mit welcher Stimmlage etc.
- Dann werden Rollen gewechselt.
Unsere Frage war:
Wie geht es mir beim ‚In die Zukunft lehnen‘? Worauf kann ich aufbauen, was will in mir weiter wachsen?
Diese Frage hatte jede 3er-Gruppe auch als Karte zur Verfügung, so dass man die Frage vor sich sichtbar hatte und dann im Kreis herumgeben konnte.
Die Verbindung von kurzem Impuls mit somatischer Aufstellung wertschätzender Triade finde ich eine hilfreiche Kombination.
Welche Segel wollen wir setzen? Impulse und Aneignung im World Café
Nach einer Kaffeepause ging es dann um das Wie. Also um die Frage: Wie genau soll dieses In-die-Zukunft-Lehnen an der Schule gestaltet werden? Hier hatten wir im Vorfeld in der Vorbereitungsgruppe überlegt, sogenannte ‚Segel‘ einzubringen, die jeweils eine bestimmte Idee/ ein Konzept aufgreifen – zum Beispiel die 4K, die Umsetzung von ’sichtbar evangelisch‘, die Veränderung der Tagesstruktur im Ganztag …
Die Idee war hier, dass man im Kollegium nicht ganz von neu anfangen muss, wenn es doch bereits Überlegungen gibt, auf die aufgebaut werden kann.
Wir sind so vorgegangen, dass die zuvor identifizierten Segel aus der erweiterten Schulleitung jeweils ganz kurz vorgestellt wurden.
Anschließend gab es ein World Café mit drei Runden. In der ersten Runde war jeweils die Person der erweiterten Schulleitung mit dabei, die das ‚Segel‘ vorgestellt hatte. Danach blieb dann jeweils eine Person stehen und die anderen bewegten sich woanders hin.
Neben den von der erweiterten Schulleitung eingebrachten Segeln gab es natürlich auch eine Joker-Station, an der man weitere Segel überlegen und reflektieren konnte.
Jede der drei Runden, die wir machten, hatte eine Leitfrage.
- In der ersten Runde ging es einfach darum, was mit diesem Segel genau gemeint ist und wozu es uns beim In-die-Zukunft-Lehnen helfen kann.
- Die Frage der zweiten Runde war: Worauf können wir hier aufbauen?
- Und die dritte Runde war dann: Was fehlt noch? Wie können wir weiterkommen? Was können wir vielleicht zurücklassen, um Raum zu schaffen für dieses Weiterkommen.
Ich habe diese Kombination aus kurzen Impulsen und anschließender Aneignung durch das Kollegium je nach Interesse mit den genannten Leitfragen als sehr produktiv erlebt und kann das – für die dargestellte Balance zwischen Orientierung und Impulse geben sowie Austausch und neu Denken – sehr weiterempfehlen.
Die drei Runden im World CaféWeiterarbeit: Fragen entwickeln!
Aus dieser gemeinsamen Aneignung gingen wir dann in ein kurzes Silent Writing. Jede Person schrieb für sich auf, was denn dann jetzt die Frage wäre, die sie in die weitere Diskussion einbringen wollte. Wir kündigten an, dass es am Nachmittag dafür zwei Open-Space-Runden geben sollte.
Um sich über die notierten Fragen auszutauschen und sie zu priorisieren, machten wir ein Gewusel im Raum mit der 35er-Methode.
Fragen clustern und Open Space
Wie sich herausstellen sollte, ließen sich die Fragen sehr gut clustern, so dass eigentlich alle Nennungen berücksichtigt werden konnten. Die dafür nötige Clusterarbeit und Sortierung machten wir in der Mittagspause. Daraus gestalteten wir dann einen Sessionplan mit zwei Slots. Bewusst waren die sehr häufig genannten Themen auch mehrmals benannt, so dass in Kleingruppen Raum für intensive Diskussionen sein konnte.
Improvisierter SessionplanAnders als bei einem Barcamp mag ich es bei diesem Ansatz sehr gerne, dass es keine Sessiongeber*innen gibt, sondern die jeweilige Gruppe sich das Thema mit gemeinsam getragener Verantwortung erarbeitet.
Abschluss und Ausblick
Wir beendeten den Tag mit einer kurzen Feedback-Runde im Plenum und abschließendem gemeinsamen Singen.
In den Sessions wurde mit dokumentiert. Diese Dokumentation wird nun die Grundlage zur Weiterarbeit sein. Ich freue mich aufs gemeinsame Auswerten und Weiterdenken.
Meine Learnings
Ich mag es gerne, bei solchen Pädagogischen Tagen immer auch selbst viel zu lernen. Von heute nehme ich insbesondere mit:
- Eines der „Segel“, das aus der erweiterten Schulleitung eingebracht wurde, war „sichtbar evangelisch“, was sinngemäß begründet wurde mit der Einladung zu einer Haltung von Lebendigkeit, was insbesondere auch bedeutet, schwach sein zu dürfen und immer wertschätzend auf andere Menschen, im pädagogischen Setting insbesondere auf Lernende, zu blicken. Verbunden werden könnte das mit der pädagogischen Ermutigung: Fürchte dich nicht! Ich finde das auch für Schulen eine hilfreiche Orientierung, die kein explizites evangelisches Profil haben.
- Beim Art of Hosting habe ich den Grundsatz gelernt: Never host alone! Das habe ich dieses Mal sehr bewusst wahrgenommen. Nachdem wir schon gemeinschaftlich vorbereitet hatten, war dann auch der Tag gemeinschaftlich getragen: Immer wieder mit Abstimmungen und Resonanz zwischendrin und vor allem auch mit Wechseln bei den Vorstellungsphasen im Plenum. Das macht Lerngestaltung meinem Empfinden nach definitiv besser und freudvoller!
- Für mich ist der Begriff der Ernsthaftigkeit sehr positiv konnotiert. Wenn ich Lernen beispielsweise mit viel Ernsthaftigkeit betreibe, dann bedeutet das für mich, dass ich es nicht nicht freudvoll betreibe, sondern eben, dass ich mich mit ganz viel Motivation und Kraft dafür einsetze und ich mein Handeln als relevant und wichtig und nicht beliebig empfinde. Offensichtlich ist die Konnotation für viele aber eine andere, weshalb ich – mindestens ergänzend – zukünftig auch mit Begriffen wie Leidenschaft oder Begeisterung arbeiten könnte.
Vielen Dank an das gesamte Kollegium für den sehr lernenden und konstrukiven Tag!
#Lernkulturveränderung #MethodenLernformate