Die Neustadter Reichsbürger von Freieinig

Kristian Buchnas Rede über die enge Verbindung von Freieinig mit der Reichsbürgerszene

Am 27.5.2025 fand im großen Saal des Hambacher Schlosses eine Sitzung des Neustadter Stadtrats statt. Anlass war der 193. Jahrestag des Hambacher Festes von 1832. Bereits im letzten Jahr hatte der Neustadter Stadtrat an diesem Datum auf dem Schloss getagt, und es sieht fast so aus als könnte daraus eine gute Tradition werden: Die Stadt muss sich in Zeiten, in denen das Hambacher Schloss von Feinden der Demokratie anhaltend instrumentalisiert wird, solidarisch an die Seite des Hambacher Schlosses und seiner Stiftung stellen, um ihrem Anspruch eine „Demokratiestadt“ zu sein, gerecht zu werden.

Neben den erwartbaren Tagesordnungspunkten einer Stadtratssitzung (Flächennutzungsplan, Wirtschaftsförderung, Ehrung verdienter Bürger) war das Highlight dieser Sitzung der gut halbstündige Vortrag von Kristian Buchna. Mehrfach von Applaus der deutlichen Mehrheit des Stadtrats unterbrochen und mit „Standing Ovations“ am Ende beklatscht, erläuterte der kürzlich zum wissenschaftlichen Geschäftsführer der Stiftung Hambacher Schloss ernannte Buchna im Detail die enge Beziehung von führenden Personen der Neustadter Gruppe „Freieinig“ mit der Reichsbürgerszene. Freieinig ruft am Pfingstwochenende erneut ihre „Freunde“ aus der ganzen Bundesrepublik nach Neustadt und auf das Hambacher Schloss.

Die Stadtratssitzung ist bei YouTube dokumentiert. Buchnas Vortrag beginnt etwa bei 1:52:00 zunächst zur (Weiter-)Entwicklung des Demokratieorts Hambacher Schloss. Ab etwa 2:11:00 folgt dann der Teil zur Reichsbürgerszene und Freieinig.

Anschauen unbedingt empfehlenswert!

Auf Basis dieser Videoaufnahmen werden wir im Folgenden einige zentrale Passagen und Aussagen aus Kristian Buchnas Vortrag zusammenfassen.

Kristian Buchnas Vortrag am 27.5.2025 bei der Stadtratssitzung

Buchna begann seinen Vortrag mit der Feststellung, dass das Hambacher Schloss kein wertfreier Ort sei. Die freiheitlich demokratische Grundordnung sei das Fundament des Handelns der Stiftung und Bezugspunkt ihrer Vermittlungsarbeit.

„Wenn wir feststellen, dass sich von gewissen Personengruppen, die sich auf unserem Gelände versammeln, dieses Fundament und seine grundlegenden Werte systematisch attackiert werden mit dem Ziel, eine grundsätzlich andere Ordnung zu etablieren, dann sehen wir uns verpflichtet, zum einen darüber zu informieren und zum anderen mit allem Nachdruck zu widersprechen.“

Kristian Buchna bei seiner Rede am 27.5.2025

Buchna bezog sich mit dem Begriff „Reichsbürger“ nicht auf die kürzlich als kriminelle Vereinigung aufgeflogene Gruppe um den selbst ernannten „König von Deutschland“ Peter Fitzek. Ihm geht es um die Reichsbürgerbewegung, die die Existenz der Bundesrepublik Deutschland bestreitet, ihre Gesetze und Organe nicht anerkannt und zurück zum Deutschen Kaiserreich von 1871 mit seinen 25+1 Gebietskörperschaften (=Fürstentümer) will.

Buchna zitiert aus einer Rede, die bei einer der „Staatsvolktreffen“ im Heilbad Heiligenstadt im April 2025 gehalten wurde:

„Diese BRD ist nicht unser Deutschland. Diese BRD war und ist kein souveräner Staat. Diese BRD ist ein Verwaltungskonstrukt in einem militärisch besetzen Land, fremdbestimmt und ohne Verfassung. Die politischen Akteure an den Schalthebeln dieser BRD sind Marionetten globaler Machtstrukturen.“

Buchna hat auf den Treffen dieser Szene in Dresden, Schwerin, Magdeburg, Gera, München und Heilbad Heiligenstadt, die per Video umfassend dokumentiert werden, jeweils Personen identifiziert, die auch bei den von Freieinig durchgeführten Versammlungen auf dem Hambacher Schloss Präsenz gezeigt haben.

Wilhelm I. in Uniform mit Orden, Porträtfoto von Wilhelm Kuntzemüller (1884)

Wer sich aber für ein Wiederaufleben des deutschen Kaiserreichs in den Grenzen und mit der Verfassung von 1871 einsetze, spreche sich, so Buchna, für einen militärisch geprägten Obrigkeitsstaat mit einem Kaiser an der Spitze, für eine Verfassung ohne verbriefte Grundrechte und für ein Wahlrecht für Männer ab 25 Jahren aus. Man möchte ergänzen: Wer sich für das Wilhelminische Kaiserreich ausspricht, will einen Staat, in dem die Sozialdemokratie verboten, ein menschenmordendes Kolonialreich errichtet wurde und der eine maßgebliche Mitschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte, den er mit brutalsten Mitteln führte.

Buchna ergänzte, dass die heutigen Verächter unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung die Versammlungsfreiheit für sich in Anspruch nehmen, wofür die Hambacher 1832 eingetreten sind. Ihre Forderung nach einer Abschaffung der Demokratie zugunsten einer obrigkeitsstaatlichen Monarchie sei die völlige Umkehrung des Geistes von Hambach 1832.

Die Fahnen und Zeichen der Reichsbürgerszene prägten bei den Freieinig-Treffen nicht nur optisch das Bild, sondern auch inhaltlich. So erwähnt Buchna eine Rede bei einer der Versammlungen auf dem Schlossgelände (5.4.2025), in der das Wort „demos“ mit „Abschaum“ übersetzt wurde, die „Demokratie“ also eine „Herrschaft des Abschaums“ sei. Wie bei anderen dieser kruden Thesen, etwa wenn Markus Krall von der „Herrschaft der Minderwertigen“ sprach, wird nachgeplappert, was Rechtsnationalisten und Nationalsozialisten bereits vor Jahrzehnten verkündeten. Die Verunglimpfung der Demokratie als „Herrschaft des Abschaums“ stammt von Wilhelm Landig, einem überzeugten Nationalsozialisten, Mitglied der SS seit 1933 und Autor der „Thule-Trilogie“, ein Standardwerk des esoterischen Neonationalismus.

Und der Weg ist nicht weit von der Ablehnung der Demokratie und der Sehnsucht nach dem Kaiserreich von 1871 zu Verschwörungserzählungen und Antisemitismus. Buchna zitiert den Redner vom 5.4. weiter:

„Diese Zionisten, also unsere ganzen Politik-Marionetten …, das sind eigentlich nur Schauspieler, aber im Hintergrund die wichtigen Leute, die das wirklich organisiert haben, ja das sind die Zionisten. Die Zionisten haben es damals enorm unterstützt, dass die Nazis überhaupt so weit gekommen sind. Also dementsprechend sollte man mal wieder darüber nachdenken, wer wirklich diese bösartigen Schattenorganisationen und Regierungen sind. Es sind Zionisten und der tiefe Staat. Und da dürfen wir uns auch nicht einschüchtern lassen von irgendwelchen Vorwürfen wegen Antisemitismus, weil es muss halt trotzdem ausgesprochen werden.“

Wolfgang Burkard auf der Freieinig-Versammlung am 5.4.2025 auf dem Gelände des Hambacher Schlosses

Reichsbürger Wolfgang Burkard am 5.4.2025 bei einer Versammlung von Freieinig auf dem Gelände des Hambacher Schlosses. Auch wenn man an bei Burkards Verkleidung an Fassnacht denken mag, es ist ernst gemeint (Screenshot).

Ähnliche Verschwörungserzählungen hatte auch schon Wolfgang Kochanek verbreitet, etwa bei einer Rede in Landau am 19.2.2022. Kochanek hatte seine „Weißen“ 2022 und 2023 auf’s Schloss geführt, sich dann aber zurückgezogen. Seine großsprecherisch angekündigten Beteiligungen an kommunal und Bundestagswahlen sind alle gescheitert.

Eine Distanzierung von solch „zutiefst antisemitistischen Verschwörungstheorien“ gibt es bei den TeilnehmerInnen und Teilnehmern nicht, so Buchna weiter. Vielmehr zustimmende Rufe und Applaus und, es ist kaum zu fassen, was die Moderatorin der Versammlung am Ende der Rede dieses Reichsbürgers, Verschwörungserzählers und Antisemiten sagt:

„Du bist der authentischste Streiter in unserer Mitte. Jeder von uns bewundert dich. Wir tun alles für dich. Mit dem was du uns zu geben hast, bist du hier an der richtigen Stelle.“

Loblied auf die antisemitische und verschwörungserzählende Rede durch die Moderatorin der Freieinig-Versammlung am 5.4.2025 auf dem Schlossgelände. Man möchte fast ergänzen: „Führer, wir folgen dir“.

Buchna bringt dieses Verhalten auf den Begriff, wenn er von einem „eisernen Grundsatz der Nichtdistanzierung“ in diesen Milieus spricht. Bei allen Unterschieden im Detail, „solange es gegen die politische Ordnung der Bundesrepublik geht, kann keine Meinung zu radikal, keine Verschwörungstheorie zu abwegig sein. Denn es gehört ja zur Überzeugung jener Gruppierungen, dass wir in einer ‚Parteien-‘, Verwaltungs-‘ und Ökodiktatur‘… leben,“ so Buchna vor dem Stadtrat am 27.5.2025.

Beim Reichsbürgertreffen am 12.4.2025 im Heilbad Heiligenstadt. Es trommeln Wolfgang Burkard und Karl-Friedrich Rothe, Sprecher für Freieinig. (Screenshot)

Eine Distanzierung von der Reichsbürgerszene durch Freieinig ist auch deshalb nicht zu erwarten, da maßgebliche Mitglieder von Freieinig sich selbst an den bundesweiten Reichsbürgertreffen beteiligen und dort mit dem Lorscher Landsknechtstrommler, Wolfgang Burkard, die Trommeln schlagen. So gesehen in den Videos beim „Staatsvolktreffen“ im Heilbad Heiligenstadt im April 2025. Auch dies hat Kristian Buchna durch seine umfangreiche Recherche aufgedeckt.

„Wer wissentlich und willentlich an der Seite mit Reichsbürgern, Rechtsextremisten und radikalen Verschwörungstheoretikern marschiert, der darf nicht erwarten, dass man den gebetsmühlenartig vorgetragenen Beteuerungen Glauben schenkt, es gehe jener Bewegung eigentlich um Demokratie, Liebe, Frieden und Wahrheit.“

Kristian Buchna in seiner Rede bei der Stadtratssitzung auf dem Hambacher Schloss

Das neue Logo von Freieinig mit umgedrehter Deutschlandfahne auf dem Turm des Hambacher Schlosses

Man muss genau hinschauen, und das macht der gelernte Historiker Buchna, um zu erkennen, dass das jetzt beim Deutschen Patent- und Markenamt registrierte Logo von Freieinig eine kleine, aber vielsagende Änderung erfahren hat. Die Fahne, die auf dem Turm des Hambacher Schlosses weht, ist nicht mehr die Fahne der Hambacher von 1832, Schwarz-Rot-Gold, sondern die Farben sind umgedreht: Gold-Rot-Schwarz. Diese Farbfolge ist das in der Rechtsaußenszene weit verbreitete Zeichen für die Verachtung und Bekämpfung der Bundesrepublik Deutschland.

Buchna erwähnt auch die abscheuliche Gedenkversammlung für die verstorbene, mehrfach verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck am 7.12.2024 in Wiesloch. Teilnehmer, wie man einigen Videos entnehmen kann, die Freieinig-Sprecher Karl-Friedrich Rothe und Stephanie Mahl. Der Hambach-Blog berichtete bereits darüber.

Buchna beschließt seinen Vortrag mit einer optimistischen Einschätzung: Er habe über eine lautstarke, aber auch sehr kleine Minderheit gesprochen, deren Angehörige zum Teil aus anderen Bundesländern anreisten. Der Versuch der Vereinnahmung des Hambacher Schlosses könne allein schon deshalb nicht gelingen, so Buchna weiter, weil die übergroße Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hier in Neustadt und weit darüber hinaus wisse, für welche positiven freiheitlichen, demokratischen Werte dieser Ort stehe und eben nicht für die Sehnsucht nach einer Monarchie.

Es wäre schön, wenn es so wäre. Wir hoffen, dass diese „Mehrheit“ bei den Veranstaltungen des Solidarischen Frühlings bis Pfingstsonntag diese Haltung gegen die Demokratiefeinde in Neustadt und Hambach zum Ausdruck bringt. Dazu gibt es noch die folgenden Gelegenheiten:

Mittwoch, 4.6.2025, 19:30 Roxy-Kino: Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte

Freitag, 6.6.2025, ab 16:00-20:00, Marktplatzkonzert mit THE BUSTERS sowie Diskussionsbeiträge von Prof. Markus Linden, Musikern der BUSTERS und den beiden OB-Kandidaten Neustadts Steffi Karbach und Marc Weigel.

Samstag, 7.6.2025, ab 10:00-17:00, Kartoffelmarkt Neustadt, Mahnwache und Infostand der Omas gegen Rechts, Friedensinitiative, Regionales Bündnis gegen Rechts.

Sonntag, 8.6.2025, 11:00-13:00, Platz vor dem alten Rathaus in Hambach: Demokratie:Fest! Abschlussversammlung zum „Solidarischen Frühling – Neustadt ‘25“.

Nachtrag OB Weigel

Nach Buchnas Rede bedankte sich Oberbürgermeister Marc Weigel bei Kristian Buchna für die spannende Einblicke „in das was sich auf dem Schloss in den letzten Monaten getan hat und weiterhin tut“. Irritierend sind die Aussagen Weigels, der auch Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl am 15.6. ist, wenn er in diesem Zusammenhang äußert, dass man vielleicht zu einer früheren Zeit über das eine oder andere geschmunzelt hätte, und es abgetan hätte als irgendwie nicht ganz ernstzunehmenden Spaß oder Witz. „Und mittlerweile wissen wir, dass es bitterer Ernst ist.“ Nein, dass es „bitterer Ernst“ ist, was sich da seit Jahren auf dem Hambacher Schloss versammelt, hätte der Herr Oberbürgermeister schon früher wissen können. Er hätte nur zuhören müssen, was u.a. in Gesprächen zwischen ihm und VertreterInnen des Regionalen Bündnisses vorgetragen wurde, oder wenn er gelesen hätte, was u.a. der Freundeskreis Hambacher Fest 1832 ihm schon vor Jahren schriftlich hat zukommen lassen und was auf dem Hambach-Blog immer wieder nachzulesen war.

Wie hat doch Kristin Buchna seine Rede begonnen?

„Wenn wir feststellen, dass sich von gewissen Personengruppen, die sich auf unserem Gelände versammeln, dieses Fundament und seine grundlegenden Werte systematisch attackiert werden mit dem Ziel, eine grundsätzlich andere Ordnung zu etablieren, dann sehen wir uns verpflichtet, zum einen darüber zu informieren und zum anderen mit allem Nachdruck zu widersprechen.“

Kristian Buchna

Informieren und Widersprechen! Das hätte man sich vom OB der selbsternannten „Demokratiestadt“ Neustadt schon lange gewünscht.

Mögliche Änderungen oder Ergänzungen am Programm des Solidarischen Frühlings auf dem Hambach-Blog https://hambacherfest1832.blog/

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Aktuelle Beiträge auf dem Hambach-Blog

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„Zerstörung des historischen Sinns durch kontinuierliche Erschütterung von grundlegendem Wissen“

Volker Weiß auf dem Hambacher Schloss zu seinem neuen Buch „Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört“

Das Hambacher Schloss ist als Ort einer Abendveranstaltung ziemlich ungeeignet. Man muss das Auto nehmen, um hinzukommen. Vor allem am Ende der Veranstaltung braucht man es, kein Bus mehr nirgends.

Wir kamen am 6.3.2025 von jenseits des Rheins. Wir ließen die Rheinebene hinter uns und gelangten durch den Wald, den Berg hoch zum Parkplatz. Dann mussten wir noch die wirklich steilen Treppen hinauf zur Schlossterrasse nehmen. Dort wendet sich der Blick unwillkürlich der Talebene zu. Und auch an diesem schon dunklen Abend war die Ausschau erhebend. Die Lichter der Ortschaften unten in der Rheinebene glänzten. Der Himmel war sternenklar.

Sobald wir das Gebäude des Schlosses betreten hatte, erschien es mir ganz anders: Das Schloss ist der am besten geeignete Ort für eine Veranstaltung, derentwegen man so weit angefahren kam.

Volker Weiss (Foto Maximilian Gödecke)

Vier Wochen ist das Buch erst erhältlich und bereits im Februar auf der Sachbuch-Bestenliste von ZDF, der Wochenzeitung „Die Zeit“ und Deutschlandfunk Kultur auf Platz 1: „Das Deutsche Demokratische Reich. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört.“ Der Historiker und Fachautor Volker Weiß stellte sein neuestes Buch auf dem Hambacher Schloss zum ersten Mal in der Öffentlichkeit vor.

Weiß begannt mit der zentralen These seines Buches. Die extreme Rechte führe einen „systematischen Angriff auf die moderne Geschichtsschreibung“. Und das mache sie durch „die kontinuierliche Erschütterung von grundlegendem Wissen“. „Flood the zone with shit“ hat einer der bekanntesten Figuren dieses Angriffs, der ehemalige Berater Donald Trumps, Steve Bannon, als Handlungsanweisung ausgegeben. Flute das Netz mit Nonsens, Lügen, „alternativen“ Fakten, besetze die Ideale des Gegners, kapere ihre Symbole, behaupte heute dies und morgen das Gegenteil, oder mache es wie Trump, der seine Gegner in einem Satz als Faschisten und im nächsten als Kommunisten denunziert.

Weiß brachte dafür eine Fülle von Beispielen, legte ihre Wirkungsweise offen, arbeitete die Widersprüche heraus, belegte die Kontinuität der Argumentation.

Missbrauch des Hambacher Schlosses

Max Otte mit Klampfe

Seine Schilderungen der Vorgehensweise erinnerten mich daran, warum wir 2018 den „Freundeskreis Hambach 1832“ initiiert hatten. Max Otte und seine rechten Freunde behaupteten, in der Tradition der 1832er zu stehen. Mit Hinweis auf das damalige Hambacher Fest griffen sie die Forderungen der Hambacher nach Pressefreiheit, gegen Fürstenwillkür und für ein einiges Deutschland auf, um die Demokratie in Deutschland zu denunzieren. Otte lud sogar seine Buddies aus CDU und AfD in den Festsaal des Schlosses ein, damit diese besser auf Tuchfühlung gehen können. Sie konnten dort unbeschadet den Rechtsextremisten Markus Krall beklatschen, der den Baum der Freiheit von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen begossen sehen will. Wenn man wollte, könnte man eine Linie vom Hambacher Schloss 2018 zum Bundestag im Februar 2025 ziehen, wo die Merz-CDU die AfD zur gemeinsamen Abstimmung in Sachen Grenzen schließen und Flüchtlinge abschieben eingeladen hat.

Die Ausstellung auf dem Schloss berichtet, dass der bayerische König ein Drittel seiner Armee in die Pfalz entsandte, um »Ruhe und Ordnung« wiederherzustellen. Neue Gesetze sollten die liberale und demokratische Opposition zerschlagen. Die Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit wurde weiter eingeschränkt, Vereinigungen zu politischen Zwecken wurden ebenso verboten wie politische Reden bei öffentlichen Versammlungen.

Nichts davon musste die „Wir-leben-in-einer-Diktatur“-Szene befürchten. Otte ist zudem Anhänger Oswald Spenglers, eines Nationalisten, vehementen Gegners der Weimarer Republik und der parlamentarischen Demokratie. „Wer aber führendes Mitglied der Oswald-Spengler-Gesellschaft ist wie Max Otte, hat kein Recht, sich auf Hambach 1832 zu berufen“, streift Weiß auch dieses Kapitel rechter Geschichtsverfälschung.

War Hitler Kommunist?

Weiß‘ Buch ist schon gedruckt, als die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel ihrem amerikanischen Unterstützer und Gesinnungsfreund Elon Musk erklärte, Hitler sei „dieser sozialistisch-kommunistische Typ“ gewesen. Als habe sie das Buch von Weiß als Drehbuch verstanden, verbreitete sie diesen Unsinn.

Weiß machte auf der Veranstaltung darauf aufmerksam, dass die Parole von den „linken Nazis“ schon lange zum festen Plot rechter Kreise gehöre. Sie habe in der alten Bundesrepublik zu den Standardprovokationen aus den Reihen der CDU/CSU gezählt. Der „gewohnheitsmäßige Polarisierer“ Franz Josef Strauß habe damit im Wahlkampf gegen Helmut Schmidt versucht, Punkte zu machen, erwähnte Weiß, ohne das Ergebnis zu verschweigen: Ohne Erfolg.

„Eine detaillierte Tiefenbohrung“ zu dieser Frage füllt ein ganzes Kapitel des Buches. Weiß offenbart dabei große Ausdauer in der Recherche und den Ehrgeiz, seine Erkenntnisse zu belegen, was seine manchmal überraschenden Ausführungen kurzweilig und spannend machen. Einiges hat man so nicht gewusst. Wenn Weiß am Abend glaubhaft versichert, sehr viel Goebbels gelesen zu haben, als offenbarte er eine geheime Leidenschaft, gibt es auch etwas für die gut hundert Teilnehmer zu lachen.

Weiß, misstrauisch, weil die Quelle nur unbestimmt angegeben worden war, forschte der angeblichen Aussage Goebbels‘ nach: „Der Idee der NSDAP entsprechend sind wir die deutsche Linke“. Das erschien ihm überfällig, denn immer wieder wurde diese Propagandafloskel von den linken Nazis als bewährte Allzweckwaffe gebraucht. Mit ihr sollte in perfider Weise bewiesen werden, dass eigentlich die Linken für Mord und Krieg des Nationalsozialismus die Verantwortung trügen.

Das Ergebnis: Weder war das Zitat vollständig wiedergegeben, nicht am behaupteten Ort erschienen, noch zur angegebenen Zeit publiziert worden. Der hauptsächliche Makel aber war: Das Zitat stammt nicht von Goebbels, der Autorität, die für den Kampf gegen den politischen Gegner gern als Zeuge herangezogen wurde.

Also warum „Arbeiterpartei“, wieso „sozialistisch“? Goebbels nutzte die Anziehungskraft der Begriffe für einen großen Teil der Wählerschaft, und definierte ihn einfach um:

„Wir sind Sozialisten, weil wir im Sozialismus, das heißt im schicksalsmäßigen Angewiesensein aller Volksgenossen aufeinander die einzige Möglichkeit zur Erhaltung unserer rassemäßigen Erbgüter und damit zur Wiedereroberung unserer politischen Freiheit und zur Erneuerung des deutschen Staates sehen“.

„Der nationalsozialistische Sozialismus (…) schließt die Klassen zusammen und schmiedet damit das Volk zu einer unlösbaren Blutseinheit aneinander“.

Das hatte mit der Formulierung eigener Interessen als Lohnabhängige, der Organisation der Arbeiter in Gewerkschaften, der Erkämpfung des Streikrechts nichts zu tun, sondern war die Begründung für das genaue Gegenteil, das der deutschen „Volksgemeinschaft“: das Proletariat als Teil einer „Bluts- und Schicksalsgemeinschaft“. Mit Provokationen, so schilderte Weiß, lotsten die Nazis Arbeiter in ihre Versammlungen.

„Wie haben die rote Farbe unserer Plakate nach genauem und gründlichem Überlegen gewählt, um dadurch die linke Seite zu reizen, sie zur Empörung zu bringen und sie zu verleiten, in unsere Versammlungen zu kommen“, so Adolf Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ zur feindlichen Übernahme der Farbe rot.

Was gegen die Gegenaufklärung tun?

Warum gelingt der Angriff auf eine eigentlich gesicherte Geschichtsschreibung? Die Weiß‘sche Antwort kann mich nicht überzeugen, ohne dass ich die Antwort kennen würde. Auf die entsprechende Frage führte er an, dass der Geschichtsunterricht in den Schulen verschwinde, indem er mit anderen Fächern zusammen gelegt werde. An den Budgets für die politische Bildung werde gekürzt. Eigentlich wissenschaftlich gut abgesicherte Begrifflichkeiten würden auch in den Medien ungenau verwendet.

Aber ist nicht gerade in Deutschland die Aufklärung über den Mord der europäischen Juden elementarer Bestandteil von Schulunterricht? Der Weg der Etablierung einer Diktatur über Ermächtigungsgesetze, Gewalt, die Einschränkung und schließlich Beseitigung von Rede- und Versammlungsfreiheit, die Zerschlagung gegnerischer Parteien und der Gewerkschaften, die Beseitigung einer unabhängigen Justiz und die Ausrichtung auf eine Person im Führerstaat Gegenstand unzähliger Filme und Bücher, Vorträge und Diskussionen? Anstrengungen, die von den extremen Rechten sofort und geradezu zwangsläufig mit dem Wort „Schuldkult“ diffamiert wurden?

Aber einverstanden bin ich mit seiner Antwort auf die Frage nach Mitteln gegen den Versuch von rechts, Geschichte zu verfälschen. Wichtig seien „Rationalität und Aufklärung“. Und sich zu organisieren, z.B. in den Gewerkschaften. „Und Zeitung lesen, gedruckte Zeitungen. Nicht diese Häppchen-Infos auf flimmernden Bildschirmen.“

AfD-Verbot? Fatales Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur NPD

Interessant, aber nicht weiter vertieft, wird gegen Ende der Veranstaltung die Frage, ob Weiß ein Verbot der AfD befürworte. Die hätte man bereits vor einigen Jahren verbieten sollen, meinte er. Das Material hätte ausgereicht. Kristian Buchna, der für die Stiftung Hambacher Schloss die „Nachlese“ souverän moderierte, ergänzte: Heute heiße es, die AfD sei zu groß, um sie noch zu verbieten. Volker Weiß Antwort: Er halte das Urteil des Bundesverfassungsgerichts beim letzten NPD-Verbotsantrag für einen schweren Fehler. Mit dem Argument, die NPD sei zu unbedeutend, wurde aus einer qualitativen Frage eine quantitative. „Das ist fatal“.

Michael Hansen, Freundeskreis Hamacher Fest 1832

Volker Weiß: DAS DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REICH. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört. Stuttgart: Klett-Cotta 2025, ISBN 978-3-608-96667-1, 288 Seiten, 25 Euro

Inhalt

»Great again!«

Brücken im Ukraine-Krieg

Der Märtyrer – Der Präsident – Das Außenministerium – Der Berater – Der Katechon – Der »russische Taliban« – Dugin im Westen – »Goldgrund Eurasien« – Der europäische Nationalismus und Moskau

Die deutsche Rechte im Ost-Dilemma

Das Erwachen des ukrainischen Nationalismus – Verwirrende Frontverläufe – Abendland im Osten – Ratlos in Schnellroda – Jungeuropa zwischen den Fronten – Tumult im Volkskrieg

Alte Landkarten

Ostpreußens Wiedergeburt? – Grenz-Revisionismus – Deutsch-russische Traditionen – Bis 1989: Aufstand der Völker

»Klasse« statt »Rasse«? Versuche zur Umdeutung des Nationalsozialismus

Die Legende von den »linken Nazis« – Goebbels in Dresden und Magdeburg –

Karriere eines Zitats – Goebbels’ Angriff auf die Linke – Propaganda und Realität – Die Volksgemeinschaft als Arbeitsregime – Das Scheitern der »nationalsozialistischen Linken« –Die Genese des »Deutschen Sozialismus«

Das »Deutsche Demokratische Reich« als antikommunistische DDR-Nostalgie

»Volk« – Der Osten der Rechten – Das Land verlorener Tugenden – Deutschland – ohne »’68« – »Vollende die Wende!« – »Frieden« – Vorwärts in die Vergangenheit! – Sammlung im Osten – Die späte rechte Liebe zur Sowjetunion

Nachwort

Zerbrochene Bilder – Subversion der Subversion

Im Vorfeld der „Nachlese“ am 6.3.2025 auf dem Hambacher Schloss, hatte der Hambach-Blog ein Interview mit Volker Weiß veröffentlicht.

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Aktuelle Beiträge auf dem Hambach-Blog

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„Sehnsucht nach einer imperialen Renaissance“

Volker Weiß ist Historiker und gilt als einer der besten Kenner der neurechten Szene. Nun hat er ein neues Buch vorgelegt: „Das Deutsche Demokratische Reich. Wie die extreme Rechte Geschichte und D…

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Der Rechtsextremismus der Mitte (1)

Gerhart R. Baum hat in der “Zeit” und im “Kölner Stadtanzeiger” zum Kampf gegen Rechtsextremismus aufgerufen, weil die Demokratie in Gefahr ist. Seit den 90er Jahren weiss die Politikwissenschaft, dass Rechtsextremisten nur Erfolg haben, wenn ihre Vorurteile aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft gestärkt werden. Ich begründe hier eine […]

https://extradienst.net/2023/08/14/rechtsextremismus-der-mitte-1/

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