#WortzumSonntag: Wolle!

Ich habe nun, ach! BĂŒrgerhaus, BĂŒrgerbus, Vereinsleben, Kommunikation und leider auch die eine oder andere wissenschaftliche Disziplin durchaus betrachtet, mit heißem BemĂŒhn.

Da stehe ich nun, ich armer Dorfzwockel, und bin einer Erkenntnis nÀher gekommen, die mich mehr erschreckt als die meisten anderen:

Das Problem scheint immer seltener ein Mangel an Information zu sein.

Der springende Punkt ist die WillenserklÀrung.

Nicht das flĂŒchtige Wollen.

Nicht der Impuls.

Nicht die Empörung.

Nicht das „eigentlich mĂŒsste man“.

Sondern der erklÀrte Wille.

Jener merkwĂŒrdige Vorgang, bei dem ein Mensch sagt:

«Das will ich.

Das will ich nicht.

DafĂŒr stehe ich ein.

Daran dĂŒrft ihr mich messen.»

Zwischen Wollen und WillenserklÀrung liegt ein Abgrund.

Wollen kann aufploppen.

WillenserklÀrung verlangt Arbeit.

Sie verlangt, den eigenen Wunsch zwischen Erinnerung und Erwartung aufzuspannen.

Zwischen Rezeption und Antizipation.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Sie verlangt Verantwortung.

Vor fast fĂŒnfunddreißig Jahren formulierte ich fĂŒr mich einen einfachen Satz:

«Du kannst nur dann etwas mit einem anderen Menschen erreichen, wenn der es ausdrĂŒcklich und genau von dir will.»

Immer wenn ich diesen Satz missachtet habe, ging es grĂŒndlich schief.

In Beziehungen.

In Projekten.

In Partnerschaften.

Im Ehrenamt.

Bei Vereinen.

Bei Institutionen.

Immer wieder dieselbe Lektion.

Nicht:

«Was ist richtig?»

Sondern:

«Wer will es?»

Das BĂŒrgerhaus kann sauber sein.

Der BĂŒrgerbus kann notwendig sein.

Die Idee kann vernĂŒnftig sein.

Die Lösung kann bekannt sein.

Doch wenn niemand sie ausdrĂŒcklich will, existiert sie sozial nicht.

Dann arbeitet man gegen ein Vakuum.

Dann investiert man Energie in einen Vertrag, den niemand unterschrieben hat.

Je lĂ€nger ich darĂŒber nachdenke, desto mehr erschreckt mich, wie viele wissenschaftliche Disziplinen plötzlich an derselben Stelle zusammenlaufen.

Jura fragt nach Pflichten.

Ökonomie fragt nach Anreizen.

Naturwissenschaft fragt nach KausalitÀten.

Soziologie fragt nach Strukturen.

Philosophie fragt nach Sinn.

Und mitten hinein stolpert der Dorfzwockel mit einer lÀcherlich einfachen Frage:

«Wer will das eigentlich?»

Eine Frage, die zugleich banal und verheerend ist.

Denn Erkenntnis erzeugt keinen Willen.

Information erzeugt keinen Willen.

Vernunft erzeugt keinen Willen.

Technik erzeugt keinen Willen.

Selbst Wahrheit erzeugt keinen Willen.

All diese Dinge können dem Willen dienen.

Ersetzen können sie ihn nicht.

Deshalb erscheint mir das sogenannte Filterblasenproblem zunehmend als ein Problem des Egalfeldes.

Nicht Hass.

Nicht Bosheit.

Nicht einmal Dummheit.

Sondern GleichgĂŒltigkeit.

Der Seniorenausflug ist nicht falsch.

Er ist unsichtbar.

Der Verein ist nicht schlecht.

Er ist irrelevant.

Der Nachbar ist nicht Gegner.

Er kommt im eigenen Bedeutungsraum schlicht nicht vor.

Das Egalfeld braucht keine Energie.

Es muss nichts begrĂŒnden.

Nichts organisieren.

Nichts verantworten.

Es wartet einfach.

Und irgendwann werden jene mĂŒde, die noch etwas wollten.

Vielleicht deshalb berĂŒhrt mich inzwischen die alte Physikerkarikatur vom sphĂ€risch symmetrischen Schaf.

Der Physiker sagt:

«Nehmen wir an, das Schaf sei kugelförmig.»

Der Dorfzwockel sagt inzwischen:

«Nehmen wir an, der Mensch wolle.»

Beides sind Modellannahmen.

Beide funktionieren erstaunlich gut.

Bis man sie mit der Wirklichkeit konfrontiert.

Darum trÀgt der Dorfzwockel auf seiner Briefmarke die Standarte mit dem sphÀrisch symmetrischen Schaf.

Darunter steht:

«WOLLE!»

Der Imperativ ist absurd.

Man kann niemanden zum Wollen zwingen.

Man kann niemanden zur Freiheit befehlen.

Man kann niemanden zur Verantwortung kommandieren.

Und dennoch bleibt der Satz stehen.

Nicht als Befehl.

Sondern als Erinnerung.

Dass Menschen nur dann gemeinsam Wirklichkeit erschaffen, wenn sie bereit sind, ihren Willen zu bilden, ihn zu erklÀren und ihn gegen das Egalfeld zu verteidigen.

Vielleicht ist das die ganze Botschaft des Dorfzwockels.

Nicht:

«Denke!»

Nicht:

«Glaube!»

Nicht:

«Folge!»

Sondern:

«Wolle!»

Oder, wenn das schon zu viel verlangt ist:

«Wolle wenigstens etwas wirklich nicht.»

Denn auch ein begrĂŒndetes Nein ist mehr Wirklichkeit als tausend unverbindliche Vielleichts.

Der Dorfzwockel, Kommunikationskanalklempner zu Obergladbach

Reparatur.

Kein Produkt.

Ein Leck.

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