Sorry, Bodderas, wir kennen die ungefähre Höhe der COVID-19-Todesfälle

Die NZZ- und Ex-WELT-Autorin Bodderas hatte einst mit Desinformation die Zahl der Corona-Toten heruntergerechnet, jetzt rechnet sie sie hoch und gleichzeitig runter, um Zweifel zu schüren. Doch wir kennen die ungefähre Größenordnung der Covid-Todesfälle. Wie journalistische Ahnungslosigkeit zu Jahren an Desinformation führen. Ein deep dive.

Ein Artikel der Journalistin Elke Bodderas wird in zahlreichen Medien verbreitet und schürt auf irreführenden und teils sogar fachlich falschen Grundlagen Zweifel an den offiziellen COVID-19-Todesfallzahlen. Ein Blick auf den Artikel und das bisherige Schaffen von Elke Bodderas in Sachen COVID-19, legt einen Schluss nahe: Bodderas betreibt keinen Wissenschaftsjournalismus, sondern Aktivismus im Namen vermeintlich geschasster „Experten“, die große Anforderungen an eine Aufklärung zur Pandemie stellen, dieser aber im eigenen Umgang mit (post-)pandemischen Themen nicht gerecht werden.

Würde man die Ansprüche der Elke Bodderas, die sie an der post-pandemischen Aufarbeitung von Fehlern formuliert, als Bedingung an ihren eigenen journalistischen Output koppeln, wäre Bodderas schon längst von ihrem Berufsstand verlacht worden. Stattdessen erhielt sie für ihre bisherige Arbeit sogar Anerkennung, etwa in Form eines Auftritts beim ARD-Presseclub im Sommer 2025 zum Thema: „Corona-Pandemie: Kommt jetzt die Aufarbeitung?“ Ein Überblick über ihre bisherige journalistische Arbeit in diesem Bereich lässt aber enorm Raum für Zweifel an ihrer Befähigung als Wissenschaftsjournalistin.

Elke Bodderas und die Pandemie: Eine Chronologie

Im Mai 2021 ließ Bodderas den Internisten Matthias Schrappe in der WELT zu Wort kommen, der mit einer Autor:innengruppe vermeintliche Manipulationen bei der Anzahl von Intensivbetten gefunden haben wollte. Das alles wurde unter dem Namen #DIVIGate bekannt, obwohl #DIVIFake der bessere Begriff gewesen wäre, denn nichts von den riesigen Vorwürfen entpuppte sich als wahr. Sogar in der WELT selbst folgte ein Faktencheck.

Für seriöse Medien wäre #DIVIGate eine Katastrophe, für WELT war es ein voller Erfolg

Ein im Juni 2021 veröffentlichter Bericht des Bundesrechnungshofs wurde von WELT-Autor Frank Lübberding zwar kurzerhand für einen Meinungsbeitrag zu einer versuchten Ehrenrettung der Beteiligten herangezogen, doch auch dieser enthielt keine konkreten Hinweise auf Manipulationen, geschweige denn Manipulationen durch die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) selbst.

Nur wenige Monate später blamierten sich Bodderas und die WELT erneut mit einem Interview, das in der Überschrift irreführend titelte: „Corona bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten wohl nicht Todesursache“. Der eigene Interviewgast distanzierte sich von der Überschrift und der Beitrag erhielt sogar einen Faktencheck auf Facebook.

Der „80 %-Corona-Tote“-Fake: Häussler distanziert sich von „falscher“ WELT-Schlagzeile

Knapp zwei Jahre nach dem #DIVIFake, im Mai 2023, interviewte Bodderas den damals noch als Chefarzt der Lungenklinik Bethanien Moers tätigen Thomas Voshaar, der u.a. von mehr als 20.000 Beatmungsopfern in Deutschland ausging. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) sah sich damals zu einer Richtigstellung veranlasst (dazu später noch mehr).

Verzerrungen, Falschbehauptungen und sogar Verschwörungserzählungen

Im Juli 2025 schrieb Bodderas für die WELT dann von einem „Rätsel um beunruhigende Daten zu Corona-Impfnebenwirkungen“ und dass diese für Expert:innen „furchterregend“ seien. Bodderas bezog sich dabei auf bekannt gewordene Zahlen zu einer Zwischenauswertung der SafeVac 2.0-Studie des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI).

Auf Anfrage wies das PEI gegenüber dem Volksverpetzer darauf hin, „dass die genannten schwerwiegenden Ereignisse von den teilnehmenden Personen selbst berichtet wurden und sie somit nicht medizinisch validiert sind“ und sich daraus entsprechend „keine Rückschlüsse auf tatsächliche Impfschäden in der Allgemeinbevölkerung ableiten“ ließen. 

Entsprechende Schlussfolgerungen hätte Bodderas bereits der Projektbeschreibung auf der Webseite des PEI im Dezember 2020 entnehmen können, denn die Befragung diente in erster Linie der proaktiven Überwachung des Sicherheitsprofils der COVID-19-Impfstoffe und nicht einer retrospektiven Auswertung der Daten über ursächlich auf Impfungen zurückgehende Nebenwirkungen. Das geben die Daten des PEI in dieser Studie schlicht nicht her.

Ich mach’ mir die WELT, wie sie mir gefällt

Doch auch ihre Meinungsbeiträge für die WELT nutzte Bodderas zur Verbreitung von Verzerrungen, Falschbehauptungen und sogar Verschwörungserzählungen. So behauptete sie im Juni 2023, dass bis dahin „in Deutschland mehr als 171.000 Menschen an oder mit Covid-19 [sic!]“ gestorben seien, obwohl in die entsprechenden Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) nur Todesfälle eingehen, „die in Bezug auf diese Infektion verstorben sind“.

Zudem stellt Bodderas es so dar, als ob es überhaupt keine Erklärungen für die Übersterblichkeit im Dezember 2022 gebe und wir es dabei mit einem massiven Rätsel zu tun hätten. Das ist im Hinblick auf die fachliche Debatte schlichtweg falsch, und auch schon zum damaligen Zeitpunkt hätte das Bodderas bekannt sein können.

Im März 2025 verbreitete Bodderas laut der Gesellschaft für Virologie (GfV) in einem weiteren Meinungsbeitrag Falschbehauptungen über die GfV selbst.

Noch mehr Falschbehauptungen

Im April 2025 bezog sich Bodderas in einem Meinungsbeitrag für die WELT im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Pandemie mehr als wohlwollend auf eine Podiumsdiskussion der Hufelandgesellschaft. Der von der Hufelandgesellschaft zur Veranstaltung publizierte Bericht enthält eine Reihe von Fehl- bis sogar Falschinformationen und ist bis heute trotz einer entsprechenden Recherche der tagesaktuellen Redaktion von Radio Corax, an der auch der Autor dieses Beitrags beteiligt war, weiterhin unverändert online. Bis heute hält die Hufelandgesellschaft eine Videoaufzeichnung der Veranstaltung zurück. Dadurch bleibt weiterhin unklar, ob sich die entsprechenden Fehler und Verzerrungen in dem Bericht möglicherweise auch in der Veranstaltung selbst spiegeln.

Bemerkenswert auch folgende Aussage von Bodderas in besagtem WELT-Meinungsbeitrag:

Aber zwei Bundesregierungen hintereinander hatten die Erkenntnisse zugleich ignoriert und bekämpft. Dazu zählten Selbstverständlichkeiten wie etwa, dass es bei Covid keine Herdenimmunität geben (…) [u]nd dass bis heute bei den meisten Corona-Toten niemand sagen kann, woran sie tatsächlich starben.

Auf eine Anfrage zu dieser Behauptung Bodderas, mit Hinweis auf die Bemerkungen des RKI zur Erhebung der COVID-19-Todesfallzahlen sowie einer Nachfrage dazu, inwiefern zwei Bundesregierungen im Zusammenhang mit Todesfällen mit SARS-CoV-2 vermeintliche „Erkenntnisse“ dahingehend „zugleich ignoriert und bekämpft“ hätten, antwortete Bodderas sowohl während der damaligen Recherchen als auch für die Recherchen zu diesem Beitrag bis Redaktionsschluss nicht.

Nachfragen des Volksverpetzers zur bisher erwähnten Kritik an den weiteren hier erwähnten Beiträgen von Bodderas, blieben bis Redaktionsschluss ebenfalls unbeantwortet.

Dutzende Fehl- und Falschinformationen in Bodderas-Beiträgen? Oder mehr? Niemand weiß es

Elke Bodderas, die laut ihrem WELT-Profil seit fast 20 Jahren Redakteurin der WELT war, verließ diese nun gegen September 2025 und wechselte zur Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Im Dezember erschien in der NZZ ihr Artikel mit dem Titel: „100.000 Corona-Tote in Deutschland? Oder 200.000? Oder mehr? Niemand weiss [sic!] es“. Der Beitrag erschien zudem in der Ibbenbürener Volkszeitung (IVZ), der Kölnischen Rundschau, der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ), beim Nordkurier und in der Schwäbischen Zeitung.

Dieser Artikel von Bodderas lässt sich in etwa neun Kapitel einteilen und enthält eine Vielzahl von bemerkenswerten Fehl- und Falschinformationen, Verzerrungen sowie einem Hauch von Verschwörungserzählungen.

1. Kapitel: „…, aber Schweden“?

Was die Anzahl der bestätigten Todesfälle aufgrund einer Infektion mit dem Coronavirus im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung angeht, schneidet Schweden im Vergleich deutlich schlechter ab als Deutschland

Bodderas behauptet jedoch zu Beginn ihres Artikels: „188.510 Corona-Todesopfer zählt das deutsche Robert-Koch-Institut (RKI) bis heute. Damit belegt Deutschland im weltweiten Sterberanking einen der hinteren Plätze im globalen Mittelfeld, hinter Schweden, das mit einer deutlich weniger restriktiven Corona-Politik auskam.“

Falls die Grafik nicht lädt, hier der direkte Link.

Davon abgesehen, sind Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern mit Vorsicht zu genießen, allein schon aufgrund der Unterschiede zwischen den Ländern in einer Vielzahl von Variablen, als auch aufgrund methodischer Unterschiede bei der Erhebung der Daten, die deren Vergleichbarkeit einschränken können.

Auf welcher Datengrundlage sieht Bodderas hier also Deutschland in Hinsicht auf einen Vergleich bestätigter Todesfallzahlen hinter Schweden? Elke Bodderas antwortete darauf bis Redaktionsschluss nicht.

2. Kapitel: Die mangelhaften Daten

Das Institut des Entgeltportals der Krankenhäuser (InEK) erhebt Daten. Dazu gehören auch Diagnosen von Verstorbenen, die in Krankenhäusern behandelt werden. Doch nur weil eine Person im Datensatz mit einer Coronainfektion verstorben ist, heißt das nicht, dass diese ursächlich für den Tod war. Die InEK stellt in Bezug auf ihren eigenen Datensatz auf Nachfrage der Redaktion klar: „Diese Daten stellen jedoch keine Todesursachenstatistik dar.

Für Elke Bodderas spielt das offensichtlich keine Rolle. Sie berechnet auf Grundlage der InEK-Daten von 2020 bis 2024 eine Anzahl von 216.000 „CovidTodesfällen“. Hier in Anführungszeichen gesetzt, weil die Daten eben keinen Rückschluss auf die Todesursache zulassen.

Auf Anfrage des Volksverpetzers zum Vorgehen Bodderas sagte der Internist Cihan Çelik:

„Der Umgang mit den InEK-Abrechnungsdaten im Artikel ist methodisch nicht haltbar. Diese Daten erfassen Behandlungsfälle anhand von ICD-Codes, nicht die Todesursache, und stellen keine kausalen Zusammenhänge zwischen Infektion und Tod her. Eine Differenzierung zwischen ‚an‘ und ‚mit‘ COVID erfolgt dort nicht.“

Zusätzlich zu ihrem methodisch nicht haltbaren Vorgehen, addiert Bodderas auf die Daten des InEK „noch knapp 28 000 offiziell bestätigte Todesfälle in Pflegeeinrichtungen, Obdachlosenunterkünften oder Gefängnissen“ sowie verstorbene Privatversicherte. Für diese Zahlen gibt Bodderas keine Quellen an und reagierte auf eine Anfrage dazu bis Redaktionsschluss nicht. Insgesamt errechnet sie damit einen Wert von rund 265.000 bis 270.000 „Covid-19-Todesfällen“.

Bodderas Vorgehen „statistisch nicht sinnvoll”

Auch diese Aufsummierung ist methodisch nicht haltbar, so Cihan Çelik, denn „[d]ie Addition von Krankenhausdaten, Pflegeeinrichtungen, Gefängnissen, Obdachlosenunterkünften und Privatversicherten ist statistisch nicht sinnvoll, da Doppelzählungen möglich sind, unterschiedliche Definitionen vermischt werden und eine gemeinsame Grundgesamtheit fehlt. Die Aufsummierung inkompatibler Datensätze liefert keine belastbare epidemiologische Aussage.“

Bodderas nutzt hier also Daten, die keinen kausalen Zusammenhang zwischen Todesfällen an und/oder mit einer SARS-CoV-2-Infektion erlauben, und vermengt diese mit weiteren Daten aus ungenannten Quellen, die unter anderem bereits im Datensatz der InEK auftauchen könnten, wodurch diese doppelt gezählt werden.

Das ist durchaus bemerkenswert, denn im August 2021 wurde die WELT vom Volksverpetzer für ein von Bodderas geführtes Interview kritisiert, das mit einer irreführenden Schlagzeile beworben wurde. Titel: „Corona bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten wohl nicht Todesursache“. 

Der „80 %-Corona-Tote“-Fake: Häussler distanziert sich von „falscher“ WELT-Schlagzeile

Was damals hätte hängenbleiben können: In Deutschland gibt es eine mangelhafte Unterscheidung von Todesfällen an oder mit COVID-19. Mittlerweile nutzt Bodderas also selbst Daten, die nachweislich eine solche Unterscheidung gar nicht erst zulassen. Fazit: Bodderas Berechnung ist falsch, weil sie damit eben keine Todesfälle aufgrund einer Infektion mit SARS-CoV-2 belegen kann und dadurch alles andere als wissenschaftlich.

3. Kapitel: „Ganz ähnlich“ kann vieles sein

Man kann zumindest anerkennen, dass Bodderas wenigstens das RKI um eine Stellungnahme zu ihrer Berechnung auf Grundlage der Daten der InEK bat. Das RKI stellte ihr gegenüber zutreffend fest, dass die Zahlen der InEK nicht mit den Zahlen des RKI vergleichbar sind, aufgrund unterschiedlicher Definitionen. Bodderas behauptet in ihrem Artikel dennoch, dass RKI und Krankenhäuser „ganz ähnlich“ bei der Definition der Todesfälle vorgehen würden.

Eine Aussage, die laut Cihan Çelik schlicht falsch und ein „zentraler Fehler“ sei, denn „das RKI bewertet bei laborbestätigter SARS-CoV-2-Infektion den medizinisch-epidemiologischen Zusammenhang mit dem Versterben. Krankenhauscodierungen erfassen lediglich Diagnosen und den Entlassungsgrund „verstorben“ und bilden keine Todesursachenkette ab. Der Unterschied ist fundamental, nicht graduell.“

Ergo, auch Birnen und Äpfel können in bestimmten Aspekten „ganz ähnlich“ sein, aber es macht bei der Auswahl zwischen beiden vielleicht einen Unterschied, ob man bspw. eine Frucht mit weniger Säure bevorzugt.

Es lohnt sich hier erneut, die Feststellung der InEK in Bezug auf ihren eigenen Datensatz zu wiederholen: „Diese Daten stellen jedoch keine Todesursachenstatistik dar.

4. Kapitel: Bin ich so abgehoben? Nein, es ist das RKI, das Unrecht hat!

Bodderas hätte also wissen können, dass aus den Daten des InEK keine Todesursachen ableitbar sind und diese sich eben nicht mit den Daten des RKI vergleichen lassen. Ihr Artikel hätte bei sauberer Recherche und redaktioneller Kontrolle nie veröffentlicht werden dürfen, zumindest dann nicht, wenn dieser wissenschaftsjournalistischen Mindestansprüchen genügen will.

Alles, was Bodderas dafür selbst hätte tun müssen: eine Anfrage beim InEK stellen, ob die Daten für ihre Berechnung von Todesursachen überhaupt valide sind. Stattdessen bekommen Leser:innen folgende falsche Erklärung für die Abweichung ihrer nicht haltbaren Berechnung mit den InEK-Daten von den offiziellen Angaben des RKI: Bodderas zitiert aus einem Bericht des Gesundheitsamts Frankfurt aus dem Jahr 2023, laut dem „[m]it zunehmender Tendenz im Laufe der Pandemie (…) 25 bis 40 Prozent der im Leichenschauschein vermerkten, durch Covid-19 oder in zeitlichem Zusammenhang damit aufgetretenen Todesfälle nicht gemeldet worden“ seien.“

Cihan Çelik sagt, dass Dunkelziffern bei Infektionserkrankungen erwartbar sind. „Mit abnehmender Testintensität wurden Todesfälle ohne positiven Test nicht erfasst. Genau deshalb werden Übersterblichkeitsanalysen genutzt, um auch ungetestete COVID-19-bedingte Todesfälle abzuschätzen.“ Çelik zufolge sei es auch „methodisch nicht haltbar“, aus dem lokalen Bericht eines einzelnen Gesundheitsamtes einen bundesweiten Trend abzuleiten. Die Dunkelziffern seien „epidemiologischer Standard, kein Skandal“, so Çelik.

Bodderas betreibt Sündenböckjournalismus

Ergo: Das Vorhandensein einer Dunkelziffer bei einer Infektionserkrankung wie Corona ist absolut gewöhnlich und erklärt aber eben nicht die Abweichung, die Bodderas feststellt, denn ihre Daten können keine Angaben zu den Todesfällen aufgrund von SARS-CoV-2 machen.

Zur neuerlichen Wiederholung: Der Grund, warum das RKI weniger Todesfälle angibt als die Daten der InEK könnte auch daran liegen, dass die Daten der InEK laut der InEK „keine Todesursachenstatistik“ sind und eben nicht zwischen „an“ und „mit COVID-19 verstorben“ unterscheiden.

In den Simpsons gibt es eine Szene mit Rektor Skinner, in der dieser in sinngemäßer Übersetzung sagt: „Bin ich so abgehoben? Nein, die Kinder haben Unrecht.“ Die Szene ist zum Meme geworden für alle Arten von Realitätsflucht, bei der andere zu Sündenböcken gemacht werden, um sich nicht mit der eigenen Fehlbarkeit auseinandersetzen zu müssen. 

Das Meme ist auch eine passende Beschreibung dafür, wie Bodderas sich die Realität selbst zurechtrückt und alle Verantwortung für ihre fehlerhafte Recherche auf das RKI ablädt.

5. Kapitel: Verwundert über die Verwunderung

Bodderas behauptet: „Zu den verlässlicheren Berechnungen der Covid-Toten in Deutschland zählt auch eine Statistik, die eine überraschend niedrigere Corona-Mortalität ausweist.“ Welche Statistik Bodderas hier konkret meint, darüber lässt sie die Leser:innen im Unklaren. Auf Nachfrage dazu reagierte Bodderas bis Redaktionsschluss nicht.

An dieser Stelle beginnt sich im Beitrag allmählich auch ein thematischer Bruch anzukündigen. Im Originaltitel ihres Beitrags wird ja eine Schwankung von 100.000 bis 270.000 Toten aufgrund von SARS-CoV-2 angegeben, und ab hier nähert sich Bodderas den Todesfällen von unten an.

Die Autorin sieht eine „[v]erdächtig schmächtige Zahl an Pneumonie-Toten“ im Datensatz der InEK während der Pandemie und meint: Laut Pathologie seien „die meisten Menschen in der Pandemie an tödlichen Lungenschäden (…), an «Covid-19-Pneumonie» oder auch «Acute Respiratorische Distress Symptom», ARDS“ verstorben. Bodderas argumentiert erneut mit den InEK-Daten und wundert sich, dass sich entsprechende Diagnosen darin „eher selten wiederfinden“. Bodderas beschreibt anhand der InEK-Daten eine Abnahme der Todesfälle aufgrund von COVID-19-Pneumonien über den zeitlichen Verlauf. 2023 fänden sich „nur noch wenige Tausend“ Todesfälle aus dieser Kategorie in den Daten.

Sie rechnet die Sterbefälle „mit“ – und nicht zwangsläufig „an“ – einer COVID-19-Pneumonie, u.a. aus den InEK-Daten, für die Jahre 2021 bis 2023 zusammen und kommt zu dem Schluss: „Demnach wären nur etwa 100 000 Menschen in Deutschland an Corona gestorben, die Toten in den Pflegeheimen eingerechnet.

Wissenschaftliche Studien und Zeitverläufe werden ignoriert

Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, schreibt dazu, dass Bodderas nicht erklärt, was unter „die meisten“ zu verstehen ist. Eine Studie in der Fachzeitschrift Nature Microbiology vom Oktober 2023 berechnete einen Wert von nicht ganz 60 % an Todesfällen, die auf Lungenkomplikationen im Zusammenhang mit einer Infektion mit SARS-CoV-2 zurückzuführen seien.

Weber ist auch irritiert davon, dass die Autorin keine Daten für das Jahr 2020 angibt, denn dieses sei schließlich „das einzige Jahr, in dem man nur die Maßnahmen als Gegenmittel hatte. Und diese Abnahme der Fälle von 2021 bis 2023, die sie beschreibt: Dass das auch mit der von ihr kritisierten Impfung zu tun hat, lässt sie natürlich ebenfalls weg“.

Cihan Çelik sieht das ähnlich:

„Zu Beginn der Pandemie starben die meisten Patienten tatsächlich am Vollbild der COVID-Pneumonie, insbesondere vor Beginn der Impfkampagne. In der zweiten Welle war diese Häufigkeit am höchsten. Mit Impfungen und später durch die Omikron-Variante traten Vollbilder von COVID-Pneumonie und ARDS seltener auf. Die Autorin vermischt hier die häufigsten Todesursachen zu Beginn der Pandemie mit veränderten Mechanismen im späteren Verlauf.“

Nimmt man Bodderas ernst, wird das RKI bestätigt

Zur Erinnerung: Die Daten der InEK, die Bodderas verwendet, erlauben keine kausalen Rückschlüsse auf die konkrete Todesursache und stellen lediglich Diagnosen fest. Bodderas will also anhand von einer Abweichung von den InEK-Daten, die methodisch nicht zur Feststellung von Todesursachen geeignet sind, plötzlich eine viel zu niedrige Anzahl an vermeintlichen Todesfällen durch Pneumonien im Datensatz feststellen, obwohl sie völlig vernachlässigt, dass laut Studien nicht einmal annähernd alle Todesfälle im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 durch eine Pneumonie ausgelöst werden, was sich über die Zeit auch verändert hat.

Wenn wir einmal ganz kurz fast allen fachlichen Unsinn, den Bodderas hier verbreitet, ignorieren und davon ausgehen, dass 60 % der Todesfälle aufgrund von SARS-CoV-2 mit einer Pneumonie einhergehen, dann kommen wir, wenn wir den methodisch nicht haltbaren (!) Wert von 100.000 Todesfällen aufgrund von COVID-19-Pneumonien als 60 % einer Grundgesamtheit von Todesfällen infolge einer Infektion mit dem Virus annehmen, auf einen Wert von rund 170.000 Todesfällen.

Wir würden also grob bei den Werten des RKI ankommen, mit einem großen Disclaimer, denn: Grundlage dieser Berechnung wären erneut die Daten der InEK. Es ist methodisch nicht haltbar.

6. Kapitel: Willkommen in Phantasieland

Plötzlich vollzieht Bodderas einen thematischen Bruch. Bodderas beobachtet einen Unterschied in der Anzahl von vermeintlichen Todesfällen aufgrund von SARS-CoV-2 auf Grundlage ihrer methodisch falschen Berechnungen und ihrer ebenfalls falschen Herleitung über die Anzahl von Pneumonien auf deutschen Intensivstationen. Grundlage ihrer beiden Berechnungen sind Daten der InEK, die aber keinen Rückschluss auf die Todesursachen zulassen, und ihr Unverständnis über die vermeintlich geringe Anzahl von Pneumonien im Verhältnis zu Todesfällen mit SARS-CoV-2, obwohl diese nicht ganz 60 % aller Todesfälle aufgrund einer Infektion ausmachen.

Bodderas spekuliert auf dieser in sich nicht nachvollziehbaren und wissenschaftlich nicht haltbaren Grundlage, dass diese Unterschiede möglicherweise durch ein finanzielles Interesse der Krankenhäuser bedingt seien. Bodderas führt hier eine Phantasiedebatte anhand von Phantasiewerten.

Doch Thomas Voshaar, ehemaliger Chefarzt der Lungenklinik am Bethanien-Krankenhaus in Moers, spricht in ihrem Artikel davon, dass eine Pneumonie „keine besonders ertragreiche Diagnose“ sei und diese erst „Beatmung“ richtig viel Geld bringe.

„[M]ir ist nicht klar, wie das überhaupt funktionieren soll.“

Für Cihan Çelik ergeben sich hier zahlreiche Fragen. Die Passage zu den finanziellen Motiven der Krankenhäuser nennt er „unseriös“. Demnach gebe es keine Evidenz für eine systematische Manipulation von Diagnosen oder Todesfällen aus finanziellen Gründen, und er ergänzt: „[M]ir ist nicht klar, wie das überhaupt funktionieren soll.“ Letztlich bleibt weiterhin festzuhalten, dass diese Diskussion auf Grundlage der Phantasiewerte und methodisch unhaltbaren Berechnungen von Elke Bodderas erfolgt.

Laut InEK ist es in den Datensätzen möglich, mehrfache Diagnosen zu kodieren. „[T]ypischerweise“, so die Auskunft vonseiten der InEK, seien das „mehrere pro Fall“. Welchen finanziellen Vorteil Kliniken davon haben sollten, eine Pneumonie zu verschleiern, obwohl sie parallel Behandlungsmethoden wie invasive Beatmungen bei den Abrechnungen vermerken, erschließt sich nicht.

7. Kapitel: Worum ging es in dem Artikel nochmal?

Zur Erinnerung: In dem Artikel geht es laut Teaser und Überschrift um Todesfallzahlen im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 für Deutschland. Plötzlich geht es aber über mehrere Absätze um invasive Beatmung während der Pandemie, ohne erkennbaren Zusammenhang zum Ursprungsthema.

So wird plötzlich über eine hohe Sterblichkeit auf deutschen Intensivstationen gerätselt und behauptet: „Schuld daran, so Voshaar, seien der exzessive Gebrauch von Lungenmaschinen und die frühe künstliche Beatmung gewesen.“ Voshaar begründet das mit der Vergütung von Behandlungskosten für invasive Beatmungen.

Çelik bestätigt, dass es im System Fehlanreize gebe, doch der „Vorwurf an Ärzte, dass systematisch früh intubiert wurde aus monetären Interessen, ist ein furchtbarer Vorwurf, ohne Belege.“

Zum Stand der wissenschaftlichen Debatte zur invasiven Beatmung während der Pandemie

Tatsächlich ist die Aussage von Voshaar im Kontext des Beitrags sowie mit Blick auf den aktuellen wissenschaftlichen und medizinischen Diskussionsstand nach meinen Recherchen irreführend und verkürzt die Debatte. Korrekt ist, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern sehr viele invasive Beatmungen durchgeführt werden und einiges auf Fehlanreize im System hindeutet.

Solche potentiellen Fehlanreize diskutiert auch ein Paper von Karagiannidis et al. aus dem Juli 2024, in dem die Autoren eine der bisher umfassendsten Untersuchungen zu Sterbefällen bei verschiedenen Beatmungsformen auf deutschen Intensivstationen durchgeführt haben. Diskutiert werden dabei unter anderem strukturelle Ursachen, wie etwa mangelnde externe Qualitätssicherung und im Vergleich zu anderen Ländern fehlenden Intensivregistern, abgesehen vom Register zur Kapazitätsüberwachung der DIVI.

Die Autoren der wissenschaftlichen Studie diskutieren auch mögliche Fehlanreize über eine zu hohe Anzahl an Intensivbetten, aber nirgends spekulieren sie über einen kausalen Zusammenhang zwischen der Todesursache und der Form der Beatmung, denn auch hier lassen Methodik und Datenstruktur keine kausalen Rückschlüsse zu.

Wieso Bodderas hier überhaupt im Zusammenhang mit einem Artikel zu Unsicherheiten über die Gesamtzahl an Todesfällen aufgrund von SARS-CoV-2 auf das Thema invasiver Beatmungen eingeht, bleibt mir und Expert:innen, mit denen ich darüber sprach, rätselhaft und ist auch aufgrund der fehlerhaften Recherchen ihres Artikels nicht gedeckt.

Ein Exkurs zu „Sokrates“ und einem früheren Beitrag von Bodderas

Machen auch wir an dieser Stelle einen unvermittelten thematischen Exkurs, um einen Blick auf die im Zusammenhang mit Bodderas und ihrem Gesprächspartner Voshaar doch recht interessanten Zusammenhänge zu werfen, denn diese können sowohl Teile des journalistischen Wirkens von Bodderas als auch der Rolle von Thomas Voshaar und seinen Kollegen etwas erhellen und sind auch als Hintergrund für ihren NZZ-Artikel wichtig zu berücksichtigen.

Thomas Voshaar, den Bodderas in ihrem Beitrag zu Wort kommen lässt, ist neben seiner Tätigkeit als Präsident des Verbandes Pneumologischer Kliniken (VPK) auch Mitbegründer des Vereins „Sokrates – Ein Forum kritischer Rationalisten“, der im September 2021 gegründet wurde. Der Verein habe sich laut „Sokrates“ während der „Pandemie entwickelt, wo gerade in Deutschland die wissenschaftliche Aufarbeitung große Mängel gezeigt hat.“ Vorsitzender ist der seit 2013 pensionierte Mediziner Dieter Köhler.

Köhler sorgte im Jahr 2019 vor allem durch sein fehlerhaftes Positionspapier zu angeblich wissenschaftlich unfundierten Feinstaub-Grenzwerten in der EU für Aufsehen. Thomas Voshaar, damals bereits Vorsitzender des VPK, stimmte der Stellungnahme Köhlers damals uneingeschränkt zu. Schließlich musste Köhler jedoch nach Recherchen der taz öffentlich Fehler in seiner Arbeit einräumen. Auch der Volksverpetzer berichtete damals darüber.

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Journalismus mit „sokratischer“ Methode?

Laut damaligen Recherchen der Süddeutschen Zeitung soll Köhler bereits um 2016/2017 mit den Ideen seines Positionspapiers „in E-Mails mit verschwörerischem Unterton“ auf Suche nach Journalist:innen gewesen sein, um seine Ansichten in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Auf Köhlers fehlerhafte Arbeit fiel im November 2018 auch Elke Bodderas herein, die ihn für die WELT interviewte.

Ebenfalls Mitglieder von „Sokrates“: Matthias Schrappe, mit dem Bodderas 2021 den DIVI-Fake in die WELT setzte, sowie der u.a. auch für die WELT als freier Journalist tätige und zuvor hier bereits erwähnte Frank Lübberding. Lübberding veröffentlichte gemeinsam mit Dieter Köhler im Sommer 2021 ein Sachbuch.

Bereits vor der Gründung von „SOKRATES“ gab es also schon Verbindungen zwischen der WELT und späteren Mitgliedern des Vereins. Das allein ist natürlich völlig legitim und journalistisch nicht zu beanstanden. Man sucht sich seine Expert:innen ja schließlich selbstständig und frei. Kritisch wird es aber dann, wenn mindestens der Eindruck entstehen könnte, für die eigenen Experten etwas an der Wahrheit zu schrauben.

Ein manipulativer Verweis in der WELT wirft Fragen auf

In einem WELT-Interview von Bodderas im Mai 2023 mit Thomas Voshaar, behauptete die Journalistin fälschlicherweise, dass Voshaar in einem wissenschaftlichen Review mit Kollegen „von bis zu 20.000 Beatmungsopfern in Deutschland während der Pandemie“ ausgehe. Kurzum: Diese Anzahl von Menschen sei laut einer wissenschaftlich begutachteten Arbeit aufgrund von invasiven Beatmungen auf deutschen Intensivstationen gestorben, so die falsche Behauptung. Das erweckt den Anschein von Wissenschaftlichkeit. Allerdings findet sich im von Bodderas verlinkten Paper keine solche Berechnung.

Nach meinen Recherchen deutet bisher alles darauf hin, dass die Schätzung durch die Autoren der Arbeit, die ebenfalls alle Mitglieder von „Sokrates“ sind, erst im Nachgang ihres Reviews im April 2023 auf ihrer eigenen Homepage veröffentlicht wurde. Das geht aus einem Schreiben von „Sokrates“ vom 24. Mai 2023 selbst hervor, in dem der Verein eingangs erklärt: „Der Artikel in der WELT bezieht sich auf eine Veröffentlichung des Vereins (…).

Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens räumt „Sokrates“ damit ein, dass die Berechnung eben nicht, wie von Bodderas im Interview der WELT mit Voshaar vom Mai 2023 behauptet, in der veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeit enthalten ist, sondern eine nicht wissenschaftlich überprüfte Spekulation seitens der Autoren im Nachgang der Arbeit ist.

Elke Bodderas und „Sokrates“: Wie nah ist zu nah?

Zweitens lässt das neben Fragen zur journalistischen Sorgfalt auch Fragen nach der Transparenz seitens Bodderas aufkommen, denn der Name des Vereins „Sokrates“, von dem die Berechnung eigentlich auszugehen scheint, wird von der Journalistin im entsprechenden Interview nirgends vermerkt, – wozu bis Redaktionsschluss auf Nachfrage keine Antwort von Bodderas vorliegt – und drittens war in der entsprechenden Veröffentlichung von „Sokrates“ gar nicht die Rede von der Zahl „20.000“ sondern „über 10.000“.

Eine erstaunliche Diskrepanz, wenn man bedenkt, dass zwischen der „Sokrates“-Veröffentlichung und dem WELT-Interview nicht einmal zwei Wochen zeitlicher Abstand bestehen. Auch nach nochmaliger Anfrage blieb bis Redaktionsschluss ungeklärt, welche Werte Köhler et al. zur Berechnung nutzten und woher diese stammen. Dieter Köhler antwortete dahingehend: „Worauf sich dann die eingesparten Todesfälle beziehen, hängt von der Ausganzzahl [sic!] ab, die, wie Sie bereits gehen [sic!] haben, schwer zu bestimmen ist (…) Während der Pandemie gab es wilde Schätzungen über die Covidtoten im Krankenhaus und auf den Intensivstationen von den Verantwortlichen in der Politik. Das erklärt auch die unterschiedlichen Zahlen.

Auf welche Schätzungen Köhler und Kollegen sich nun aber bezogen haben und wie diese innerhalb eines Monats zu dieser Diskrepanz geführt haben sollen, bleibt weiterhin unklar. Aus der Perspektive von „Sokrates“ seien damit jedoch alle unsere Fragen „abschließend beantwortet“, so Köhler.

Auch „Sokrates“ arbeitet mit den Daten des InEK

Voshaar und Köhler schrieben in einer ersten gemeinsamen Antwort auf Nachfragen des Volksverpetzers zudem: „Einzig die Daten des InEK könnten in Verbindung mit den OPS-Prozeduren errechnen wie viele beatmete Patienten auf der Intensivstation an Covidpneumonie gestorben sind.“ [sic] Zur Erinnerung: Die Daten des InEK sind laut InEK selbst nicht als Todesursachenstatistik vorgesehen. Für Sokrates stellt das offensichtlich trotz Hinweises darauf kein Problem dar. Köhler schrieb auf weitere Nachfrage später: „Jetzt, nachdem etwas bessere Daten für die Zeit von 2020 – 2024 von InEK vorliegen, dürfte man mit ca. 20.000 – 30.000 unnötigen Sterbefällen für die Pandemie rechnen.

Dieter Köhler schätzte im Januar 2024 die Anzahl der seiner Meinung nach unnötig an (!) invasiven Beatmungen Verstorbenen noch auf ca. 80.000 Personen. Bis heute ist unklar, auf welche konkreten Zahlen sich Köhler und Kollegen für ihre Schätzungen bezogen haben wollen. Bei der jüngsten Schätzung geht „Sokrates“ laut Angaben von Köhler von den InEK-Daten aus, obwohl diese keine Rückschlüsse auf die Todesursache zulassen.

Köhler und sein Verein changieren gerne sprachlich, wenn es um ihre Schätzungen geht. Einerseits ist da auf Anfrage recht weich und mehrdeutig die Rede von „Sterbefällen“, was als Ableitung auf Grundlage der InEK-Daten zulässig wäre, da diese zwar Todesfälle erfassen, aber nicht deren Ursache, dann wird aber das Wort „unnötig“ eingeschoben. „Unnötig“ in Bezug auf deren Tod oder in Bezug auf die Beatmung? Denn beides muss nicht zusammenfallen. Dann ist aber zuvor mitunter die Rede von „vermeidbare[n] Todesfällenim Zusammenhang mit ihren Berechnungen, oder es wird einfach ohne Umwege behauptet, dass diese Patient:innen direkt „an der Intubation und Beatmung“ verstorben seien.

DGP: Voshaar und Co. argumentieren unwissenschaftlich

Unabhängig davon und zur Erinnerung: Die Schätzungen von Köhler und seinen Kollegen wurden nie wissenschaftlich publiziert und die InEK-Daten sind nicht geeignet zur Ableitung von Todesursachen. Das methodische Vorgehen zur Berechnung ist zudem fragwürdig:

Die Berechnung, die Voshaar im WELT-Interview von 2023 anbietet, beruht vereinfacht gesagt auf einem Vergleich der geringeren Sterblichkeit bei nichtinvasiver Beatmung zur höheren durchschnittlichen Sterblichkeit auf deutschen Intensivstationen bei invasiven Beatmungen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) veröffentlichte zum Gespräch von Bodderas mit Voshaar in der WELT wenige Tage später eine Richtigstellung.

Die Kritik der DGP an dieser Berechnung: Die Sterblichkeit von Patient:innen, die nichtinvasiv behandelt werden, erklärt sich bereits dadurch, dass diese als weniger schwer erkrankt gelten, wohingegen invasiv beatmete Patient:innen als lebensbedrohlich erkrankt gelten. Auf Anfrage des Volksverpetzers dazu verwies „Sokrates“ auf eine Antwort des Vereins auf die Kritik der DGP.

Die DGP schrieb gegenüber dem Volksverpetzer: „Die Aussagen aus früheren Stellungnahmen der DGP bleiben unverändert und sind weiterhin gültig. Die Aussagen dieser Autoren entzieht [sic!] sich jeglicher wissenschaftlicher Herangehensweise.“

Zwischenfazit: Bodderas, „Sokrates“ und der NZZ-Artikel

Zusammenfassend: Köhler et al. haben an verschiedenen Stellen methodisch fragwürdige Zahlen mit ihrem Verein, via Elke Bodderas und der WELT sowie solo veröffentlicht. Fragwürdig, weil sie mutmaßlich so wenig Vertrauen in die eigenen Zahlen haben, dass sie diese nicht einmal in einem wissenschaftlichen Paper veröffentlicht haben, auch wenn Elke Bodderas in der WELT einen solchen Eindruck fälschlich erweckt hatte. Dabei gab Bodderas nicht die korrekte Quelle der Berechnung an, nämlich eine Veröffentlichung von „Sokrates“, wie der Verein auch selbst zugab.

Zusätzlich weist die DGP zu Recht darauf hin, dass es methodisch nicht ausreicht, zwischen Sterbefällen bei nichtinvasiven und invasiven Maßnahmen auf Intensivstationen ein Verhältnis zu bilden und davon ausgehend einfach eine Todesursachenanalyse zu betreiben.

Das ist insofern alles relevant, weil Bodderas – um zurück auf den Artikel in der NZZ zu kommen – einen vermeintlichen Experten zum Thema gewählt hat, der mit seinem Verein und sogar in Zusammenarbeit mit Bodderas, wissenschaftlich fragwürdige und nicht belegte Behauptungen zu möglichen Todesfällen aufgrund von invasiven Beatmungen u.a. in die WELT setzte und nun in einem Artikel von ihr zu Wort kommt, in dem es um vermeintliche Unsicherheiten bei Todesfallzahlen im Zusammenhang mit Corona geht.

Der Eindruck drängt sich auf, dass Bodderas mit ihrem NZZ-Artikel mit einer unwissenschaftlichen Herangehensweise – möglicherweise sogar bewusst – unnötig Unsicherheiten schaffen wollte, um eigentlich dabei nur das Narrativ von Voshaar und Co. noch einmal zu platzieren und vielleicht sogar plausibler erscheinen zu lassen.

8. Kapitel: Zurück zum Thema

Nach dem Intermezzo zu invasiven Beatmungsformen, wechselt Bodderas plötzlich wieder zurück auf das eigentliche Thema des Artikels vom Dezember 2025. Sie schreibt: „Wie viele Menschen tatsächlich in Deutschland an Corona gestorben sind, lasse sich wohl niemals endgültig klären, glaubt Voshaar, «aussagekräftiger als die Krankenhauszahlen ist die Übersterblichkeit».“

Es ist völlig logisch, dass wir nie zu 100 % einen exakten Wert für die Todesfallzahlen aufgrund von SARS-CoV-2 erhalten werden. Weshalb Voshaar die Daten der InEK, mit denen Bodderas über rund 5700 Zeichen in ihrem Artikel vorher argumentiert hat, für weniger aussagekräftig hält, geht aus dem Text nicht hervor. Könnte das damit zusammenhängen, dass Leser:innen sonst auffallen könnte, dass die vorherigen Berechnungen von Bodderas keine Substanz haben? Bodderas reagierte auch hierzu auf Nachfrage bis Redaktionsschluss nicht.

9. Kapitel: Von der Übersterblichkeit zum Lockdown

Laut dem Statistischen Bundesamt gab es während der ersten drei Pandemiejahre eine zusätzliche Anzahl von Sterbefällen im Schwankungsbereich zwischen 140.000 bis 200.000 Personen. Bodderas erklärt, dass die Zahlen zur Übersterblichkeit ebenfalls keinen Begriff davon vermitteln würden, wie groß „der Friedhof der Corona-Toten tatsächlich angelegt werden muss“. Sie nennt eine Reihe von Zahlen zur Übersterblichkeit für die Jahre 2021 bis 2023, erläutert deren Herkunft allerdings nirgends im Text.

Richtig ist laut einem Sprecher des Bundesamts für Statistik, dass die Übersterblichkeit kein exaktes Maß zur Berechnung von Todesfällen aufgrund von SARS-CoV-2 ist. Dieser schrieb dem Volksverpetzer auf Nachfrage:

Eine Abschätzung einer genauen Zahl der Corona-Toten ist mithilfe der Übersterblichkeit unter anderem deshalb nicht möglich, weil die Übersterblichkeit auch von anderen Faktoren beeinflusst wird (Hitzewellen, Grippewellen etc.). Die Sterbefallzahlen während der Coronapandemie lassen sich nur vor dem Hintergrund der Maßnahmen zu deren Eindämmung und den Verhaltensänderungen der Menschen interpretieren. 

Neben der Vermeidung von COVID-19-Todesfällen können die Maßnahmen und Verhaltensänderungen auch dafür gesorgt haben, dass weniger Sterbefälle durch andere Infektionskrankheiten wie beispielsweise die Grippe verursacht wurden, was sich ebenfalls auf den Vergleich mit Vorjahren auswirkt.

Fazit: Lange Rede von Bodderas, mit wenig Sinn

Im Artikel von Bodderas werden Schwankungen von 100.000 bis 270.000 Todesfällen an SARS-CoV-2 angegeben, obwohl die verwendeten Datengrundlagen nicht geeignet für eine Berechnung der Todesfälle aufgrund einer Infektion mit SARS-CoV-2 sind. Die Angaben sind irreführend und die Datengrundlagen häufig nicht transparent.

Laut RKI starben in den ersten drei Pandemiejahren rund 161.500 Menschen mit einem laborbestätigten Nachweis gesichert an einer Infektion mit SARS-CoV-2. Wie bei einer Vielzahl von Infektionskrankheiten ist die Angabe einer völlig exakten Anzahl an ursächlichen Todesfällen weder realistisch noch praktikabel.

Diese Werte geben uns Hinweise auf die ungefähre Größenordnung an Todesfällen, in der wir uns bewegen. Bodderas schürt hier auf Grundlage nicht geeigneter Daten des InEK Zweifel an der Größenordnung. Bodderas nutzt den Artikel dabei gleichzeitig zur Verknüpfung verschiedener Standpunkte, die sie in der Vergangenheit im Zusammenhang mit der Pandemie geäußert oder befördert hat, die aber teilweise sogar im Konflikt miteinander stehen. Sei es zu Übersterblichkeit, invasiver Beatmung oder Todesfallzahlen. Bodderas bediente dabei Verschwörungserzählungen, verbreitete irreführende und teils eindeutig falsche Behauptungen. Elke Bodderas reagierte bis Redaktionsschluss auf die zahlreichen Fragen zum Artikel und der von Expert:innen dazu geäußerten Kritik nicht.

Diesen Wissenschaftsjournalismus haben wir nicht verdient

Der Artikel von Bodderas zeigt, dass eine öffentliche Auseinandersetzung von Fachwissenschaftler:innen, Fachjournalist:innen und auch Fachgesellschaften zu diesen Themen sowie auch Fehl- und Falschinformationen notwendig ist und auch in Zukunft notwendig bleiben wird. Denn Wissenschaftskommunikation zu offenen Fragen und legitimen gesellschaftlichen Debatten wie den Todesursachen, dem Umgang mit invasiver Beatmung sowie einer generellen Aufarbeitung der Pandemie, wird nicht durch ein Ausblenden, auch fachlich irreführender und falscher Darstellungen, verschwinden.

Ebenfalls deutet der Beitrag von Bodderas darauf hin, dass in relevanten Teilen der Medienlandschaft Probleme bei der effektiven redaktionellen Qualitätskontrolle bestehen, auch bei der Übernahme von Artikeln. Ob sich die entsprechenden Medien mit der Übernahme in Sachen Glaubwürdigkeit einen Gefallen getan haben, bleibt zu bezweifeln. Letztlich bleibt der Artikel eine versuchte Schützenhilfe für einen mehr als fragwürdigen Verein wie „Sokrates“, der mit unwissenschaftlichen Methoden seine Ansichten entgegen der vorhandenen Expertise von Fachgesellschaften und Wissenschaftler:innen verbreiten möchte. 

Es ist bemerkenswert, dass Bodderas Zweifel an vermeintlichen Diskrepanzen streuen will, die sich als Luftnummern oder irreführend entpuppen, gleichzeitig aber Expertise einholt von dem Mitglied eines Vereins, dessen Berechnungen Diskrepanzen zwischen über 10.000 bis hin zu 80.000 Todesfällen und dann zurück auf 20.000 bis 30.000 Todesfälle beinhaltet und diese dann nicht hinreichend zweifelsfrei wissenschaftlich begründen kann.

Fazit

Die aktivistische Methode von „Sokrates“ ergänzt sich mit der bei diesen Themen mittlerweile kaum noch als journalistisch zu bezeichnenden Methode von Bodderas: Zweifel um jeden Preis, denn solange Zweifel bestehen, ist man relevant und Zweifel an der eigenen Arbeitsweise sind dagegen schlicht irrelevant. Zweifel sind wichtig im wissenschaftlichen Diskurs und für den Journalismus, doch sowohl „Sokrates“ als auch Bodderas verlassen mit ihren Methoden den Boden eines seriösen fachwissenschaftlichen und wissenschaftsjournalistischen Diskurses. Hier ist eine bedenkliche Symbiose entstanden. Nicht, weil symbiotische Beziehungen im Journalismus per se ein Problem wären, sondern weil diese sich in Form und Inhalt vom Boden einer gemeinsam geteilten Realität verabschiedet.

Als verspätetes Abschiedsgeschenk hinterließ Bodderas nach ihrem Wechsel zur NZZ der WELT annähernd parallel zum Erscheinen ihres irreführenden Artikels noch eine Rüge des Presserats. Die Rüge wurde für einen Beitrag ausgesprochen, in dem Bodderas fälschlich behauptete, „dass Vereine und Initiativen, darunter die „Omas gegen Rechts‘, projektbezogene Mittel aus Bundesprogrammen illegal für Demonstrationen gegen rechts verwendet hätten.“ Also kein Thema im Zusammenhang mit der Coronapandemie, aber was ja nicht ist, das kann noch werden.

Tagesschau schreibt rechte Desinfo-Kampagne über EU-NGOs ab

Bodderas endet ihren Artikel jedenfalls passenderweise mit einem Zitat von Lord Jonathan Sumption. Insofern passend, weil die britischen Faktenchecker:innen von Full Fact im Juli 2021 darauf hinwiesen, dass Sumption falsche Angaben über die Anzahl an Todesfällen im Zusammenhang mit COVID-19 verbreitet hatte.

Artikelbild: Screenshot Presseclub https://www1.wdr.de/daserste/presseclub/gaeste/gast-elke-bodderas-102.html. Screenshot nzz.ch.

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#DIVIFake #DIVIGate
Corona-Pandemie: Kommt jetzt die Aufarbeitung?

Elke Bodderas

Diese 5 einst seriösen Medien verbreiten jetzt Desinformation

Als es vor Jahren mit den Diskussionen um Fake News auf Social Media losging, war oft eine Antwort: Man müsse nur Journalismus und entsprechende Verlage stärken, denn diese sind Experten im Kampf für Fakten. Doch am Ende kamen die gravierendsten Fake-News nicht aus Telegram oder von der AfD, sondern aus einigen der “großen” Medien. Sie kamen aus dem Axel-Springer-Verlag.

Es zeigt sich aber immer mehr, dass einige Medien, die sich selbst als „journalistisch“ bezeichnen, mit die größten und einflussreichsten Fake News Verbreiter sind. Die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche ist dadurch bedroht, denn bisher hat sie kein Gegenmittel gegen die systematischen Desinformationsverbreiter unter ihnen gefunden. Man scheint sich nicht zu trauen, Fakes Fakes zu nennen, wenn die Desinformation von jemandem kommt, von dem alle so tun, als sei er seriös oder ernst zu nehmen.

Ein wichtiger Hebel scheint auch finanzielle Einflussnahme zu sein. Besitzer von Zeitungen nehmen zunehmend Einfluss auf die Berichterstattung, auch Anzeigen spielen eine Rolle. Hier könnte die Verlagsgemeinschaft ansetzen und sich klare Richtlinien geben. Wir haben nur einige Beispiele für ihre Desinformation gesammelt.

1. Schwäbische Zeitung

Die AfD verfolgt offenbar gezielt die Strategie, ihnen wohlgesinnte Medien durch bezahlte Anzeigen zu „belohnen“. So finanziert sich das Identitären-nahe Magazin „Info-Direkt“ durch Anzeigen aus FPÖ und AfD. 

Ähnlich funktioniert das offenbar auch bei vermeintlich seriösen Medien. Der Schwäbischen Zeitung wird ein großer Rechtsruck vorgeworfen – eine Rolle dabei spielen möglicherweise auch Anzeigen, die die AfD-Fraktion im Europaparlament in der Zeitung schaltet. 

Die Zeitung verbreitete unbelegte Behauptungen über angeblichen „Sozialbetrug“ mit ukrainischen Identitäten. Unkritisch wird der Rechtsradikale H.G. Maaßen interviewt, aber auch die AfD-Rechtsextremisten Maximilian Krah oder Tino Chrupalla. Die Zeitung wurde zweimal vom Presserat gerügt: Einerseits, weil sie den Tod einer 16-Jährigen ohne Grund mit der Impfung gegen Covid in Zusammenhang brachte (auch ZEIT hat in dem Fall recherchiert und keine Belege gefunden). Und weil sie Bilder des blutigen Attentats von Mannheim unverpixelt zeigte. 

SWR Aktuell strahlte einen Beitrag aus, der die wachsende Unzufriedenheit der Mitarbeitenden aufgrund von Stellenabbau und der zunehmenden Verunsicherung durch die populistische Ausrichtung der Schwäbischen Zeitung thematisierte. Man ließ daraufhin durch einen Anwalt die Vorwürfe zurückweisen, Beiträge seien „affin“ für Rechtspopulismus oder die „Querdenker-Szene“.

Auch Kontext schrieb über einen „Rechtsruck“ der Schwäbischen Zeitung. Die TAZ betonte ebenfalls, dass die Zeitung seit 2023 einen deutlichen Wandel nach rechts erfahre. Laut taz stoßen diese Entwicklungen sowohl bei den Mitarbeitenden als auch bei den Lesern auf Kritik.

2. Berliner Zeitung

Ein großes Problem für die Pressefreiheit sind auch Herausgeber, die stark in die Redaktionen eingreifen. So sind in Ungarn praktisch alle größeren Medien im Besitz von einzelnen Orbán-Verbündeten. Und legen dann die Linie fest. Dadurch sind diese Medien kein Korrektiv mehr zu der autoritären Politik von Orbán.

Der aktuelle Besitzer der Berliner Zeitung Holger Friedrich war früher als Stasi IM tätig und hat auch heute noch offenbar enge Beziehungen zu Russland. So nahm er an einem Empfang in der russischen Botschaft teil. Mit dabei war auch Klaus Ernst vom BSW und Tino Chrupalla von der AfD. 

Friedrich nutzt seine Machtposition in der Berliner Zeitung offenbar auch aus. Er verteidigte solche Eingriffe als “wirtschaftlich Berechtigter”. So verletzte er den Quellenschutz und verpfiff Julian Reichelt an seinen Ex-Arbeitgeber, als dieser ihm vertrauliche Dokumente anbot. Das war zwar laut Gericht rechtens, aber trotzdem eine Verletzung des Berufsethos, wie beklagt wurde. Die Berliner Zeitung veröffentlichte außerdem einen sehr positiven Bericht über ein Unternehmen, an dem Friedrich finanziell beteiligt war. Die Zeit berichtete im November 2021 über den Vorwurf, dass Friedrich in seiner Zeitung als anonymer Autor kommentierende Artikel veröffentlichte, was Friedrich bestätigte.

“viel Verständnis über Autokraten, Impfgegner und Russlanderklärer”

Dementsprechend ist auch wenig verwunderlich, dass die Berliner Zeitung in letzter Zeit immer deutlicher prorussisch zu berichten scheint. Immer wieder darf der russische Botschafter in Gastbeiträgen ohne Einordnung seine Desinformation verbreiten, viele Beiträge über Russland wurden schon als „Hofberichterstattung“ bezeichnet. Der SPIEGEL sagte, in der Berliner Zeitung herrsche jetzt “viel Verständnis über Autokraten, Impfgegner und Russlanderklärer”. Dagegen geht Friedrich sogar juristisch vor.

Die Berliner Zeitung verbreitet auch Desinformation über die Impfung: In einem Artikel zum Thema Übersterblichkeit (die durch Covid ausgelöst wurde) wird diese über die Querdenker-Chiffre „plötzlich und unerwartet“ mit Impfungen in Verbindung gebracht. Erst kürzlich durfte eine bekannte Impfgegnerin einen Gastbeitrag voller unbelegter Behauptungen über den wissenschaftlich widerlegten Quatsch-Begriff „Turbo Krebs“ veröffentlichen. Im Gegenteil, in der Realität schützen viele Impfungen vor Krebs. Wie Übermedien berichtet, lässt die Berliner Zeitung regelmäßig über ihre “Open Source”-Funktion direkt Desinformation von Corona-Skeptikern bei sich veröffentlichen.

3. NZZ

Früher ein angesehenes Blatt, setzt sich der deutsche Ableger der NZZ heute anscheinend oft für die rechtsextreme AfD beziehungsweise ihre Sichtweisen ein. Ein Beispiel dafür lieferte die Zeitungs selbst im Rahmen der Blockade des thüringischen Parlaments durch die AfD, die das Verfassungsgericht erst beheben musste. Die AfD hatte bei der konstituierenden Sitzung des Thüringer Landtags die Tagesordnung rechtswidrig blockiert.

Thüringen: Die Faschisten lieferten heute das beste Argument für ein AfD Verbot

In einem Beitrag verbreitete die NZZ die Position und Narrative, wie sie auch die AfD vertritt, unter anderem die faktisch nun mal falsche Behauptung, dass die Geschäftsordnung in Thüringen nicht durch das Parlament geändert werden dürfe. Ein Grundrecht für Parlamente wird von der NZZ geleugnet im Sinne von Faschisten? Trotz eines “Faktenchecks” durch das Thüringer Verfassungsgericht steht das dort immer noch. 

Die NZZ wird schon lange kritisiert, einen heftigen “Rechtsruck” durchgeführt zu haben. Dementsprechend mehren sich derartige Positionen. Bei der NZZ finden sich auch regelmäßig Desinformation gegen die Energiewende. Außerdem wurde durch die Zeitung die Gefahr durch das Coronavirus relativiert. Kurz vor der tödlichsten Corona-Welle in Deutschland Ende 2020 wurden dabei von der NZZ gefährliche Desinfirmation verbreitet, die die Gefahr von Corona herunterspielte.

Es ist statistisch wahrscheinlich, dass dieser Beitrag durch seine 163.345 Facebook Reaktionen enorm viele Menschen dazu verleitet hat, unvorsichtiger zu sein. Und somit möglicherweise der Tod von Menschen in Kauf genommen wurde. Mit dieser schweren Schuld muss die Chefredaktion dieser Desinformations-Zeitung jetzt wohl leben. Der Autor des Beitrags wurde von der NZZ entlassen. Aber nicht wegen der gefährlichen Desinformation und den Folgen, die der Beitrag möglicherweise ausgelöst haben könnte. Sondern, weil er auf seinem Urheberrecht beharrte und den Artikel auch dem Desinfo-Portal KenFM anbot

Übermedien bemerkte, wie die NZZ, eine “der etabliertesten Zeitungen der Welt”, ständig so tut, als wäre sie “Anti-Mainstream”. Das gehört zur Inszenierung hinzu, wenn man sich regelmäßig auf die Seite von Desinformationsverbreitern und ihren Narrativen wie “Querdenkern” und AfD stellt.

4. Cicero

2018 wurde noch Volksverpetzer für Analysen über die rechte Vereinnahmung der Gelbwesten-Bewegung in Deutschland als Interviewpartner und Quelle im Cicero herangezogen. 2005 war Cicero noch ein Kämpfer für Pressefreiheit. Die Staatsanwaltschaft Potsdam ließ die Räumlichkeiten der Redaktion durchsuchen. Cicero zog dagegen bis vors Bundesverfassungsgericht. Cicero gewann und das Urteil hatte Signalwirkung für eine Stärkung der Pressefreiheit. 

Heute versucht das Medium selbst die Pressefreiheit einzuschränken. Sie gingen per Anwalt gegen einen Volksverpetzer-Faktencheck vor, der ein zentrales Detail eines inszenierten Skandals widerlegte. Was uns, einem kleinen, unabhängigen Blog, Kosten verursachte. Solche Taktiken nennt man „SLAPP Klage“– also eine Einschüchterungsklage. Das Gericht ließ allerdings schon früh durchblicken, dass der Antrag keine Erfolgsaussichten hat und Cicero ließ den Antrag daher fallen. Wir dürfen weiterhin sagen, dass bei den “AKW-Files” “Cicero hier einfach Dinge dazugedichtet hat, um einen Skandal zu erfinden”.

AKW-Pseudo-Skandal: Cicero scheitert vor Gericht gegen Volksverpetzer

Auch im Hinblick auf die rechtsextreme AfD stellt man ein deutliches Abrutschen des Niveaus fest. So veröffentlichte Cicero ähnlich wie die NZZ einen Artikel, der die „Demokraten“ beschuldigte, für das Chaos der AfD im oben erwähnten Thüringer Landtag verantwortlich zu sein. Die Überschrift erklärt buchstäblich stolz seine Demokraten-Verachtung. 

“Rechtsruck”

Um das klar zu sagen: Wer nicht mehr erkennt, wer von CDU oder AfD – buchstäblich der gesichert rechtsextreme Verband um Faschist Höcke, der blutige Massendeportationen fordert – nun die Demokraten sind, der hat ein ziemliches Problem in der Wahrnehmung. Der Autor hat auch das zugrundeliegende Problem nicht verstanden: Die AfD hätte über ihren Alterspräsidenten immer neue Kandidaten vorschlagen können, wenn es nicht zu einer Änderung der Geschäftsordnung gekommen wäre. Und damit hätte der Landtag lahmgelegt werden können. Die AfD hat es gezielt darauf angelegt, den Alterspräsidenten zu stellen und dieser ignorierte dann die zuvor festgelegte Tagesordnung. Der Beitrag voller falscher Annahmen ist bestenfalls furchtbar naiv und schlimmstenfalls dient er direkt der Machtergreifung der AfD.

Die taz, aber auch die konservative Redakteurin Liane Bednarz attestierten Cicero 2016 einen “Rechtsruck”. Als Belege wurden Formulierungen wie „Invasion der Machtlosen aus fernen Kulturen“, „Staatsdoktrin Willkommenskultur“, dem „sich selbst gleichschaltenden“ öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder der „Umstrukturierung der Bevölkerung Deutschlands“ durch Flüchtlinge genannt.

Michael Kraske, ein freier Journalist für Cicero, beschuldigte die Chefredaktion, einen kritischen Artikel über Thilo Sarrazin zensiert zu haben. Die taz-Redakteurin Anne Fromm bezeichnete Alexander Kissler, den damaligen Leiter des Kulturressorts, als eine radikale Figur in der Cicero-Redaktion: Er schreibe „oft an der Grenze zum Rechtspopulismus“, verteidige Sarrazin und Akif Pirinçci. Im Journalist (Catalina Schröder: Welterklärer mit Rechtsdrall. In: Journalist, Nr. 4/2017, S. 54.) beschrieb Catalina Schröder im April 2017 ihren Eindruck, im Cicero werde „AfD-Gedankengut so elegant verpackt, dass es beim ersten Hinhören gutbürgerlich klingt“.

5. WELT

Viele Menschen halten die WELT für den seriöseren Gegenspieler zur BILD, die weitgehend als unseriöses Boulvard-Blatt gesehen wird. Aber die WELT steht ihrem Schwesterblatt in Sachen Desinformation nichts nach. Unserer Erfahrung nach verbreitet die WELT mindestens genauso häufig offene Desiniformation und falsche Behauptungen, die rechte Narrative bedienen. 

Dem WELT-Redakteur Tim Röhn darf man gerichtsfest vorwerfen, Fake News zu verbreiten. Ein WELT-Artikel der Desinformations-Verbreiterin Elke Bodderas erhielt sogar einen Faktencheck auf Facebook, die eigene Quelle distanzierte sich von der falschen Überschrift. Die WELT verbreitete auch irreführende Artikel über PCR-Tests. Kein Wunder, dass sich das Wissenschaftsressort der WELT praktisch in Dauer-Auflösung befindet.

Noch weniger Wissenschaft bei WELT: 3 Mitarbeiter aus dem Wissen-Ressort haben gekündigt

Döpfners Linie

Bei Volksverpetzer müssen wir regelmäßig Fake News in WELT richtig stellen. Es wird jetzt geleitet von einem Verharmloser der menschengemachten Klimaerwärmung: Mathias Döpfner. Dieser hat bereits mehrfach Desinformation zum Klimawandel verbreitet. Er sagte einmal wörtlich “Bin sehr für den Klimawandel”. Auch dieser Verleger greift direkt in seine Zeitungen ein und forderte 2021 im Wahlkampf die BILD auf, die FDP zu stärken:

“Please Stärke die FDP. Wenn die sehr stark sind können sie in Ampel so autoritär auftreten dass die platzt. Und dann Jamaika funktioniert”.

Auch Döpfner erklärt, direkten Eingriff in die redaktionelle Arbeit sei sein Job. 2016 verfasste er in WELT einen Gastbeitrag, in welchem er nach dem rechtsextremen und antisemitischen Terroranschlag in Halle völlig absurderweise Merkel und der “Willkommenskultur” die Schuld dafür gab. Es ist nicht der einzige Vorwurf, dass Vorgaben gemacht werden, wie zu berichten ist: Im Oktober 2023 berichtete The Intercept von Vorwürfen, dass die Newsapp Upday, welche zu Axel-Springer gehört, von oben Anweisungen bekommen haben sollte, stets Meldungen von palästinensischen Todeszahlen herunterzuspielen und stattdessen stärker die israelische Seite zu pushen. Axel Springer widersprach den Vorwürfen.

2017 sprach der Milliardär Döpfner von der “gebührenfinanzierten Staatspresse” bei Online-Aktivitäten der Öffentlich-Rechtlichen. Im selben Jahr verbreitete er die Lüge von einem “Bockwurstverbot” in Schwimmbädern – wegen der Muslime natürlich. 2019 behauptete er in einem WELT-Kommentar, “die Medien” würden mehrheitlich (im Kontext von Einwanderung) nicht die Realität abbilden, sondern verschweigen und verharmlosen. Das, während er buchstäblich selbst Vorstand der Zeitungsverlage war.

Einflussnahme durch Fossil-Investoren?

Der Axel-Springer-Verlag, zu dem die WELT gehört, gehörte bis vor kurzen auch dem Private Equity Investor KKR, der auch massiv in fossile Infrastruktur (unter anderem in Putins Öltanker) investiert hatte. Neue Dokumente, die Lobbycontrol vorliegen, belegen, dass der Finanzinvestor zufällig gleichzeitig Lobbyarbeit in Deutschland betrieb, als die Axel-Springer-Zeitung BILD das Heizingsgesetz mit Desinformation torpedierte, wovon KKR profitierte.

KKR spaltet sich jetzt aber vom Unternehmen ab – damit gehört das Unternehmen nur noch Friede Springer und Mathias Döpfner. Der findet aber wie gesagt auch persönlich den Klimawandel offenbar ziemlich super.

Döpfner-Leaks: WELT & BILD wollen dich manipulieren

Desinformation ist auch ein Verlagsproblem

Desinformation wird massiv aus Russland und anderen Regierungen gestreut. Sie wird von konzerfinanzierten Lobbyorganisationen gestreut. Sie kommt von extremistischen Rändern, überwiegen von rechts, aus Telegram, aus Twitter. Die etablierten Medien machen größtenteils gute Arbeit, recherchieren gründlich, stellen Fehler richtig. Aber Fake News werden dann besonders gefährlich, wenn sonst oder bisher seriöse Medien sie aufgreifen. Das kann auch mal der MDR sein. Aber es findet sich immer häufiger in etablierten, großen Medien, die teilweise offenbar langsam abdriften. Auch, weil Fake News ein gutes Geschäft ist und zu Abo- und Klickrekorden führt.

Für seriöse Medien wäre #DIVIGate eine Katastrophe, für WELT war es ein voller Erfolg

Dort gibt es auch oft noch gute Journalisten und seriöse Berichte. Aber eben nicht mehr zuverlässig. Und die “schwarzen Schafe” werden nicht nur zur Rechenschaft gezogen, oft sogar be- und gefördert. Und das Problem geht bis nach ganz oben.

Eigentlich wäre es ja so schön: Einfach Journalismus unterstützen und wir bekämpfen das Desinformations-Problem in unserer Gesellschaft. Diese Gleichung geht aber nicht so einfach auf. Aus Profitgier, aus finanzieller Abhängigkeit oder aus persönlicher Ideologie der Besitzer: Auch etablierte Medien können Desinformation verbreiten und der AfD narratologisch den Weg ebnen. Das ist im Kampf keine Randbeobachtung. Das ist der Ort, wo unsere gemeinsame Faktengrundlage zerbricht.

Es existiert offenbar keine funktionierende Selbstkontrolle in der Branche. WELT, BILD & Co. werden als valide Quellen betrachtet, obwohl sie schon zigfach rechte Desinformation verbreitet haben. Die viele Rügen des Presserats interessieren BILD offensichtlich nicht. Die Selbstkontrolle scheint immer wirkungslose zu werden. Es gibt keine Standards für wirksamen Schutz vor übergriffigen Herausgebern. Und es wird sich nichts ändern, wenn wir die Übeltäter weiter wie seriöse Medien behandeln.

Artikelbild: Sebastian Gollnow/dpa

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#desinformation #diese #DIVIGate #einst #jetzt #medien #seriosen #verbreiten

Fact-checkers and experts call on MEPS to reject a media exemption in the DSA - EU DisinfoLab

Journalists, fact-checkers, and disinformation researchers urge MEPs to reject any DSA proposal that would include a media exemption. 

EU DisinfoLab
Gesundheitssystem: Streit um Intensivstationen - Wissenschaftler werfen Intensivmedizinern Panikmache vor. Ihr umstrittenes Thesenpapier wird unter #Divigate verbreitet. Der Diskussion ist damit nicht geholfen. https://www.zeit.de/2021/21/gesundheitssystem-krankenhaeuser-corona-intensivbetten-kapazitaet #Gesundheit
ZEIT ONLINE | Lesen Sie zeit.de mit Werbung oder im PUR-Abo. Sie haben die Wahl.

#DiviGate : Die Gruppe, die anderen Personen Zahlenmanipulationen unterstellt, hat es selbst mit den Zahlen nicht so genau genommen.

Falsche Berechnungen, falsche Zahlen, falsche Schlüsse ...

"Die Manipulation, die keine war"

https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/divigate-in-der-corona-pandemie-die-manipulation-die-keine-war-a-de103992-7fcc-469b-96b1-0b299c342948

#DiviGate in der Coronapandemie: Die Manipulation, die keine war

In einem Thesenpapier wirft eine Autorengruppe Deutschlands Intensivmedizinern vor, mit falschen Zahlen Politik gemacht zu haben. Tausende Intensivbetten seien aus einer Statistik verschwunden. Was ist an dem Vorwurf dran?

Wir müssen uns da gar keine Sorgen machen. @ulfposh hat sich kürzlich so begeistert über eine selbstkritische Diskussion beim Tagesspiegel geäußert, dass jetzt sicher eine große Aufarbeitungsstory von der @welt kommt.

#DiviGateGate #DiviGate #WeltGate
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RT @Volksverpetzer
Mit einem Thesenpapier voller Fehler hat die zum Querdenker-Blatt mutierende WELT massiv Fakes über die Auslastung der Intensivbetten verbreitet. Intensivmediz…
https://twitter.com/Volksverpetzer/status/1394361491491594240

Volksverpetzer on Twitter

“Mit einem Thesenpapier voller Fehler hat die zum Querdenker-Blatt mutierende WELT massiv Fakes über die Auslastung der Intensivbetten verbreitet. Intensivmediziner weisen die "irreführenden Vorwürfe" aufs Schärfste zurück. #WeltGate https://t.co/mG9U6Ojaio #DiviGate #Divi”

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@[email protected]:Mittlerweise sind übrigens mindestens drei schwere Faktenfehler/Falschbehauptungen im #DiviGate Papier bekannt.
@welt bringt keinen Hinweis, keine Korrektur und verbreitetet das Dokument weiter über seine Server.
Christian Endt on Twitter

“Mittlerweise sind übrigens mindestens drei schwere Faktenfehler/Falschbehauptungen im #DiviGate Papier bekannt. @welt bringt keinen Hinweis, keine Korrektur und verbreitetet das Dokument weiter über seine Server.”

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Charakteristisch ist das Belehrende, eine Arroganz, die selten zur Qualität der Recherchen passt, wie auch #Divigate gezeigt hat. Für mich gilt: was ich lese, darf mich ruhig ärgern, soll es sogar, aber es soll dann auch gut recherchiert und überzeugend argumentiert sein. 2/4

Muss man #DIVIGate verstehen? Zu Divi gab es doch schon im April einige Artikel in Medien & Blogs + persönliche Einblicke von Mediziner*innen & ITS Personal.

Vermutlich passt der 9,99€ WELT Artikel wieder nur in die eigene Blase um die böse Plandemie anzuprangern.

Ist das dieses #DiviGate?