Bahnfahren, eine Odyssey.
Ich bin leider, seit dem Beginn der Pandemie, nicht mehr so oft in Deutschland/Bayern wie ich gerne wäre. Diesmal habe ich beschlossen, weder ein Mietauto zu fahren, noch die angebotenen Flüge zu nutzen und alles per Bahn abzuwickeln.
Weil ich die Bahn kenne, buche ich entsprechend und mit extra Puffern zwischen Stopps und Umstiegen.
Erster Tag, Ankunft am Flughafen. Müde, will nur ins Hotelbett fallen. “Zug fällt heute aus, bitte nutzen Sie Alternativen.” Was zwei Stunden hätte sein sollen, door to door, wird fast fünf. Das Hotel ist sauer, weil ich nach Schließung der Lobby komme, Essen gibt’s auch keines mehr, also gehe ich hungrig und mit Leitungswasser in’s Bett.
Zweiter Tag, Fahrt nach Zürich. Zug hat 73 Minuten Verspätung und darf nicht mehr in die Schweiz einfahren. Also Umsteigen in Basel SBB, da auch noch einmal 30 Minuten warten, in Zürich spät genug angekommen, dass ich in meinen Reiseklamotten zum Event renne, dort verschwitzt ankomme, und meine Präsentation nicht vorher noch einmal für deren System gecheckt werden kann. Nicht meine beste Veranstaltung. Oh, und sollte ich erwähnen, dass weder mobiles noch Zug-Internet gehen? Internet gibt’s erst ab Österreich, wo dann durchgehend 5G bis Zürich besteht, egal wie abgelegen.
Nach München aus der Schweiz. “Connecting Train will probably not be caught.” Stehe in Ulm, warte auf den Ersatzzug, der dann aber nicht kommt. Stattdessen mit dem Regionalverkehr, stehend, nach Augsburg und von da nach München, ins Hotel, duschen, und schnell rennen, damit ich noch einkaufen gehen kann. Bin müde, gestresst, und habe schon keinen Bock mehr.
München -> Frankfurt. In Nürnberg bleibt der Zug stehen, eine Batterie ist kaputt. Ich habe mir ein 1. Klasse Ticket geleistet, aber der Ersatzzug ist so voll, dass ich von Nürnberg bis Frankfurt auf dem Boden zwischen Bordbistro und 1. Klasse sitze. Die Zugbegleiterin macht “die Ukrainer” verantwortlich, welche ohne Fahrkarte in DE mit Vorlage des Reisepasses fahren dürfen, und weswegen man viele Reisende in die 1. Klasse verlagern musste. Hilft auch nix, Geflüchteten die Schuld zu geben, ich sitze halt unbequem und mit 130 Minuten Verspätung auf dem Boden. Meine Veranstaltung wird zum Glück nicht ganz abgesagt, aber das Q&A muss auf “schreibt mir eine eMail” verschoben werden, Vortrag gehetzt und verkürzt werden.
Frankfurt -> Hamburg. Wir haben 45 Minuten Verspätung, aber ich bekomme meinen Sitzplatz und wir holen das Meiste wieder auf. Unterwegs komme ich mit einer Ärztin aus Kiev in’s Gespräch - die Geflüchteten sind teilweise einfach mit den Worten “ihr Reisepass reicht, fahren sie mal mit diesem Zug nach Hamburg und schauen sie ob da noch Ressourcen sind” in einen Zug gepackt worden. Die sind auch nicht schuld, aber wir sind wieder überfüllt und das Bord Bistro wird nach Kassel-Wilhelshöhe geschlossen, weil Wasser kaputt. Das macht sich auch in den Klos bemerkbar, die teilweise wegen fehlender Spülleistung geschlossen werden. In einem Zug mit 500+ Menschen sind zwei Klos brauchbar, Schlangen bilden sich.
Immerhin komme ich rechtzeitig an, kann mich umziehen, duschen, Kaffee kaufen. Vortrag geil, muss aber nach Amsterdam weiter. In Duisburg wird uns mitgeteilt, dass der Zug nicht weiterfahren kann, und wir auf andere Anschlüsse umsteigen sollen. Nach Düsseldorf im ICE (12 Minuten), dann nach Venlo im RE, der so grätig überfüllt ist, dass selbst hinsetzen keine Option ist. Also stehen wir. Es steigen immer wieder Fahrradfahrer ein, die das Fahrrad als Waffe nutzend, die stehende Menge teilen. An den Klappsitzen stapeln sich die Fiets, jeder Stopp wird zum Shuffle-Game um ein Rad von ganz hinten rauszubekommen. Wir haben fett Verspätung. Venlo nach Nijmegen, dann nach Utrecht, komme verspätet in Amsterdam an, kann mir keine Poffertjes kaufen bevor ich los muss. Aber immerhin ist morgen Koningstag, da kann ich die Erinnerungen mit Alkohol verdrängen.
1/2 (die Reise geht gleich weiter)