Lieber Herr Merz,
Ich danke Ihnen für Ihre große Besorgnis im Thema Frauensicherheit. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie das Thema so ernstnehmen.
Dass Sie, nicht wie andere es tun, versuchen all das zu instrumentalisieren, nur um rassistische Narrative zu bedienen. Ich danke Ihnen, dass Sie sich gegen Catcalling einsetzen. Gegen Gewalt. Gegen Missbrauch. Dass Sie Fälle wie Collien Fernandez behandeln. Dass Sie all die Dinge über die Frauen sprechen, all die Geschichten, die endlich sichtbar werden, ernst nehmen. Dass Sie diesen Stimmen Mut zusprechen.
Dass Sie konsequent handeln, wenn es um Machtmissbrauch geht.
Dass Sie Menschen aus Politik und Öffentlichkeit entfernen, die nicht verstehen was Konsens heißt.
Ich danke Ihnen, dass Sie wirklich etwas verändern.
Ach ne.
Das tun Sie ja garnicht
Sie sagen, es geht Ihnen um Sicherheit.
Sie sagen, Sie möchten Frauen schützen. Sie sagen, Sie nehmen uns ernst.
Aber ich frage sie:
Wer genau schützt mich eigentlich vor Ihnen? Vor Männern wie Ihnen?
Sind es nicht genau Männer wie Sie, die seit Jahrzehnten entscheiden, was „normal” ist?
Die mitgetragen haben, dass die Vergewaltigung in der Ehe überhaupt erst illegal werden musste? Und dann noch dagegen stimmen?
Und während Sie von Sicherheit, dem Stadtbild, und einem importierten Problem reden, lebe ich in folgender Welt:
Mit 12 bekam ich täglich ungefragt Dickpics von widerlichen weißen Männern die mich gefragt haben ob ich denn schon Brüste hätte, ob ich denn schon Orgasmen gehabt hätte, ob ich wüsste wie man sich selbstbefriedigt, ob sie es mir beibringen sollten.
Mit 13 war ich mit meinem Erzeuger einkaufen, der offen Frauen angaffte, die kaum älter gewesen sein können als ich heute, während seine Frau zuhause auf Ihn wartete und seine Kinder erzog. Der mir sagte ich solle mich nicht so anstellen, als ich ihn darauf ansprach. Denn „gucken dürfte man ja wohl noch”.
Als ich mit 16 auf offener Straße gecatcalled wurde, und gefragt wurde ob mein Rock nicht zu kurz sei, und meine Netzstrumpfhose nicht ein wenig zu einladend. Als sie lachten, als ich anfing zu weinen und mich in ein Geschäft flüchtete, weil ich mich nicht gegen sie drei hätte wehren können.
Und Sie wagen es über Sicherheit zu reden.
Ich möchte Ihnen mal eine Geschichte erzählen. Meine.
Ich war 14 als ich meinen ersten Freund hatte. Ich dachte ich wüsste wie Beziehungen funktionieren. Ich dachte ich kann ihm vertrauen.
Ich dachte ich wusste was Konsens ist.
Er war eifersüchtig. Besitzergreifend. Kontrollierend. Er wurde wütend, wenn ich mit männlichen Freunden geschrieben habe. Er wurde wütend als ich bei einem Tod eines männlichen Buchcharakters geweint habe. Er
hat mich so fest am Arm gepackt, dass man es noch Tage später gesehen hat. Er hat mich im
Schulflur geschubst, sodass ich hinfiel und mir den Kopf anschlug. Und was habe ich gemacht?
Ich habe gelacht. Trotz der Schmerzen. Denn was würden andere sonst von mir denken? Von
ihm? Ich habe mich geschämt.
Ich habe ihm vertraut. Ihm von meiner Psyche erzählt. Vor meiner Angst was passiert wenn ich
Menschen, insbesondere Männer enttäusche (dabei ein großes Dankeschön an meinen Erzeuger). Ich habe ihn ja geliebt. Dem eigenen Freund kann man doch vertrauen oder nicht?
Er wusste all diese Dinge. Und trotzdem hat er mich gefragt ob ich ihm nicht endlich mal einen
blasen könnte. Oder wenigstens einen runterholen. Wenigstens irgendwas.


