Was die AfD und ihr Umfeld betreiben, ist das genaue Gegenteil. Es ist das bewusste Schüren von Angst und Wut für politischen Profit, finanziert und verstärkt durch Netzwerke, die vom gesellschaftlichen Rückschritt profitieren. Es ist die Instrumentalisierung echter Sorgen für eine Agenda, die am Ende ausschließlich denen nützt, die ohnehin schon alles haben. Die Lösung der AfD für die Wohnungsnot ist nicht sozialer Wohnungsbau, es ist Abschiebung. Die Lösung für zu niedrige Löhne ist nicht Tarifbindung oder Mindestlohnerhöhung, es ist die Zerschlagung von Gewerkschaften. Die Lösung für soziale Ungerechtigkeit ist nicht Umverteilung von oben nach unten, es ist Steuersenkung für Reiche und Konzerne. Das ist kein Versehen. Das ist Programm. Das ist die alte, bekannte Geschichte, wie eine herrschende Klasse die arbeitende Klasse davon abhält, ihre gemeinsamen Interessen zu erkennen, indem sie sie gegeneinander aufhetzt. Statt Solidarität: Nationalismus. Statt Klassenbewusstsein: Rassismus. Statt Kampf um gerechte Löhne: Kampf gegen Geflüchtete. Es hat in der Geschichte immer funktioniert.
Antifaschismus ist keine Meinung. Es ist eine Pflicht.
Antifaschismus ist deshalb keine Lifestyle-Entscheidung, kein politisches Hobby für linke Bubbles in Großstädten, keine Meinung unter vielen, über die man im Debattierclub diskutieren kann. Antifaschismus ist die Konsequenz aus dem, was passiert, wenn man Faschismus gewähren lässt. Deutschland weiß das besser als die meisten anderen Länder. Wir haben die Akten. Wir haben die Gedenkstätten, die Stolpersteine, die Konzentrationslager, die heute als Mahnmale stehen. Wir haben die Namen von sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden. Wir haben die Namen der ermordeten Sinti und Roma, der ermordeten Menschen mit Behinderungen, der ermordeten Homosexuellen, der ermordeten politischen Gefangenen. Wir haben die Zeugenaussagen. Wir haben die Täterprotokolle. Wir haben alles, was nötig wäre, um zu verstehen, wohin es führt.
Und trotzdem stehen wir wieder hier und führen Debatten, die wir schon längst hätten abgeschlossen haben sollen. Trotzdem müssen Jüdinnen und Juden in Deutschland heute wieder überlegen, ob sie ihren Davidstern offen tragen können. Trotzdem werden queere Menschen auf offener Straße angegriffen. Trotzdem fliegen Steine auf Büros von Politikerinnen, die sich zu klar positioniert haben. Und trotzdem laufen auf denselben Straßen, auf denen vor einigen Jahrzehnten SA-Männer marschierten, wieder Menschen in Formation, die glauben, die Geschichte auf ihrer Seite zu haben.
Wer heute gegen Rechtsextremismus auf die Straße geht, wer Solidarität nicht nur als Wort, sondern als tägliche Praxis lebt, wer für eine offene, gerechte, queere, antirassistische Gesellschaft eintritt, der macht keine Ideologie. Der hält das Versprechen, das diese Republik sich selbst gegeben hat. Nie wieder. Das ist kein Slogan für Demonstrationsplakate. Das ist eine Verpflichtung, die jeden Tag neu eingelöst werden muss, in der Wahlkabine, auf der Straße, im Gespräch am Stammtisch, im Kommentar, im Alltag.
Wer also das nächste Mal in der Kommentarspalte liest, Deutschland sei am Ende, der darf gerne fragen: Am Ende wovon, genau? Am Ende welcher Skala? Im Vergleich zu wem? Mit welchen Zahlen? Welchen Belegen? Und vor allem: Warum sagst du gleichzeitig, es geht dir persönlich eigentlich ganz gut?
Deutschland ist nicht perfekt. Es war es nie, es wird es nie sein. Aber es ist eines der besten Länder, die je existiert haben, weil Menschen dafür gekämpft haben, es dazu zu machen. Weil Solidarität kein Fremdwort war. Weil Antifaschismus funktioniert hat. Und weil die, die dieses Fundament jetzt einreißen wollen, genau wissen, was sie tun.
Das zu vergessen ist keine Meinung.
Das ist eine Gefahr.