Die autogerechte Stadt wurde für den männlichen Erwerbspendler gebaut – Fakt – nicht Vermutung.
Weil immer wieder Männer stöhnen, ich solle aufhören, davon zu sprechen, dass unsere Städte von heute für männliche Automobilität umgebaut wurden, hier ein paar Fakten.
Der Begriff „autogerechte Stadt“ geht auf Hans Bernhard Reichows gleichnamiges Buch von 1959 zurück. Die Nachkriegsplanung orientierte sich an der Charta von Athen (1933), die das Auto als Symbol des Fortschritts betrachtete. Stadtplanung wurde damals funktional getrennt gedacht – Wohnen hier, Arbeit dort, verbunden durch das Auto. Das Modell des männlichen Alleinverdieners, der morgens zur Arbeit fährt und abends zurückkommt, war die unausgesprochene Grundlage.
Was die Forschung sagt
Aus einer Gender-Mainstreaming-Perspektive wurde bereits 2008 kritisiert – dokumentiert in der FGSV-Einführung zu Gender Mainstreaming im Verkehrswesen – dass die autogerechte Stadtplanung „fast ausschließlich den motorisierten Pendelverkehr überwiegend männlicher Erwerbstätiger“ berücksichtigte, während Care-Arbeit und die damit verbundene Mobilität von Frauen weitgehend unsichtbar blieb.
Caroline Criado Perez zeigt in Invisible Women (2019), dass selbst die UN-Kommission für den Status der Frauen einen „male bias“ in der Verkehrsplanung festgestellt hat – männliche Reisemuster wurden als „Standard“ definiert, obwohl sie die Realität der Mehrheit nicht abbilden.
Eine Studie in Humanities and Social Sciences Communications (Nature, 2020) belegt: Männer pendeln linear – Zuhause, Arbeit, Zuhause. Frauen kombinieren: Kita, Arbeit, Einkauf, Arzt, Pflege. Genau diese Wegeketten wurden in der Planung systematisch ignoriert.
In Europa fahren laut dieser Forschung 57,5 % der Männer täglich Auto – bei Frauen sind es 45,8 %. Städte wurden darauf ausgelegt, wirtschaftliche Produktivität durch Pendelverkehr zu maximieren – alles andere galt als nachrangig.
Orte wie Kitas, Schulen, Pflegeeinrichtungen – also die Infrastruktur der Care-Arbeit – wurden in der Verkehrsplanung jahrzehntelang schlicht vergessen. Wer kein Auto besitzt oder fahren kann, existierte planerisch kaum. Das betrifft bis heute überproportional Frauen, Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen.
Quellen: