Die letzten Monate geisterte Epstein durch die Medien, zur Zeit höre ich den Lieblingsschülerin-Podcast vom DLF, in dem es um Übergriffe von Lehrern an Schülerinnen geht, und nun auch noch das Thema Ulmen. Wenn wir einen gemeinsamen Nenner suchen, dann lautet er: Männer. Männer degradieren, missbrauchen, manipulieren Frauen und Mädchen. Manchmal weiß man nicht, ob man dazu lieber schweigt, um betroffenen Stimmen nicht die gebotene Aufmerksamkeit wegzunehmen und sich nicht in den Kanon der Berufsfeministen einzureihen, die ihre Öffentlichkeit damit bestreiten, sich „auch als Mann“ dazu einzulassen – oder ob es eben falsch ist, nichts zu sagen. Wahrscheinlich ist nichts richtig, denn es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Und ich war nicht einmal irritiert, dass im konkreten Fall „ausgerechnet“ Christian Ulmen als misogyner Manipulator porträtiert wird (wie juristisch sensibel man das lieber formuliert). Vor Jahren schon war er verhaltensauffällig in der Öffentlichkeit mit unfeministischem Rumgepoltere. Ich erinnere mich an die frühen Twitter-Zeiten, in denen man fassungslos auf seine Äußerungen reagierte. Aber sonst: Haha, wie lustig, der Ulmen, der kleine Schelm! Ist ja nicht so gemeint! Nur Comedy! Doch was bringt die digitale Gegenöffentlichkeit, wenn sie in einem Paralleluniversum stattfindet? Das Private findet hinter verschlossenen Türen statt. In kleinen Plattenbauwohnungen genauso wie in Villen auf Mallorca.
Ich weiß nicht, was ich aus all dem mitnehmen kann und soll: mehr zuhören, mehr da sein, mehr im eigenen Einflussbereich gegenwirken. Wir feiern gern feministische Erfolge der letzten Jahrzehnte, aber es ist wie im Rätsel mit der Schnecke, die einen Brunnen tagsüber hochkriecht und nachts immer wieder ein Stück zurückrutscht: Der Weg raus aus der Gesellschaft patriarchaler Gewalt ist ein langer, und wir sind erst am Anfang. Ich schäme mich manchmal, ein Mann zu sein. Ich habe auch falsche Dinge gesagt, gedacht, getan, denn es gibt kein „ich aber nicht!“ – aber wir können zumindest versuchen, aus alten Mustern auszubrechen. Das ist das Mindeste, was man tun kann.



