#Postkolonialismus-Facts zum #WorldCup gefällig? Heute: „Die Ersatzkolonie“

Kolonialismus ist ein vielschichtiges Phänomen. Er ist nicht nur etwas, das den Globalen Süden betraf. Auch innerhalb Europas gibt es Menschen, deren Geschichte von Fremdherrschaft und kolonialen Strukturen geprägt wurde – darunter etwa die Sami, Basken, Grönländer oder Finnen.

Eine Rangfolge von Leid oder Betroffenheit verbietet sich.
#longthread
1/5

Unter den europäischen Gesellschaften nimmt #Bosnien-Herzegowina eine besondere Stellung ein:

Österreich-Ungarn besetzte Bosnien-Herzegowina 1878 und annektierte das Gebiet 1908. Historiker bezeichnen Bosnien-Herzegowina mitunter als „Ersatzkolonie“, da der Donaumonarchie eigene überseeische Kolonien fehlten und der Balkan als wirtschaftlicher Entwicklungsraum sowie politisches Einflussgebiet dienen sollte.
2/5

Bosnien-Herzegowina wurde als „Kondominium“ des Doppelstaates vom gemeinsamen k.u.k. Finanzministerium verwaltet. An der Spitze stand ein k.u.k. Gouverneur.

Die Besatzung war von heftigen Kämpfen begleitet. Später wurde die Herrschaft unter anderem durch ein eigenes k.u.k. Gendarmeriekorps abgesichert. Es folgten die Annexionskrise von 1908 und schließlich das Attentat von Sarajevo (1914) auf den k.u.k. Thronfolger.
3/5

Der Attentäter Gavrilo Princip war ein Bosnier serbischer Ethnizität. Er war Mitglied der Organisation Mlada Bosna („Junges Bosnien“), die sich gegen die Herrschaft des kriminellen Habsburger-Clans in Bosnien-Herzegowina richtete.

Bosnien-Herzegowina ist ein historisch stark vom Islam geprägter Teil Europas, der sich trotz Fremdherrschaft, Krieg und Gewalt einen bemerkenswerten kulturellen Reichtum bewahrt hat. Das Leid der kolonisierten endete nicht mit dem Untergang Österreich-Ungarns.
4/5

Während des Bosnienkrieges in den 1990er Jahren wurden gezielt Menschen vertrieben, kulturelle Zeugnisse zerstört und das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen angegriffen.

Viele Fragen der historischen Herrschaftsverhältnisse, der Gewaltgeschichte und ihrer Folgen bilden sich bis heute in gesellschaftlichen Herausforderungen ab.

Die Konflikte der Kolonialaggression wirken in der Region bis in die Gegenwart fort.
5/5

@AwetTesfaiesus das ist jetzt komplett unprovokativ gemeint, aber vor den Habsburgern wurde der Balkan doch von den Osmanen kolonisiert, oder?

@Frau_Ilka seit der Schlacht auf dem Amselfeld. Beherrscht oder kolonisiert? das wird das man diskutieren können. ich würde sagen:

Das Osmanische Reich hat Bosnien nicht kolonial, sondern imperial beherrscht. Es war Teil des Reiches, unterlag Verwaltung und Steuern, und es gab lokale Autonomie. Es diente dem osmanischen System, war aber keine Kolonie im engeren Sinn.

Kolonien sind meist räumlich vom Mutterland getrennt (nicht integriert), dienen primär dessen wirtschaftlichen Interessen und werden als abhängige Besitzungen verwaltet. Bosnien hingegen wurde als Provinz in den osmanischen Staatsverband integriert und war rechtlich Teil des Reiches.
Das ist aber ein Spektrum und kein klares „entweder oder“; Algerien, wird trotz der Integration mE eher als Kolonie Frankreichs angesehen (siehe bei Frantz Fanon).
Anders Übrigens war der Status der eritreischen Küstenregionen, die auch eine Weile lang vom osmanischen Reich beherrscht wurden, sie wurden aber nicht integriert (es gab ja auch keine Landverbindung dahin).
@AwetTesfaiesus
Imperialismus und Kolonialismus auf einem Spektrum zu sehen, finde ich sehr passend. Es entspannt die Diskussion, denn manche wollen die Beispiele in Europa unbedingt von denen hinter dem Ozean trennen. Das hat auch mit der Qualität der Ausbeutung zu tun, bei der natürlich auf Hautfarbe basierender Rassismus eine Rolle spielt. #Antislawismus braucht aber keine Hautfarbe, um koloniale Machtmechanismen wirken zu lassen.
Du kannst den genannten europäischen Beispielen gern die Lausitz und das sorbische Volk hinzufügen. Bis heute wird die Lausitz ausgeplündert (Braunkohle, Wasser) und als "Revier" bezeichnet. Politisch ist das sorbische Volk nicht in den Staat integriert.
Mit der #ILO169 gibt es eine ziemlich machtvolle Rechtsnorm für kolonisierte Völker, die manche in Europa nicht für anwendbar halten - der Serbski Sejm schon. Er fordert ihre Anwendung. Deutschland hat sie 2021 mit Blick auf "hinter den Ozean" ratifiziert.
#SerbskiSejm #sorben

@HagenDomaschke In der Tat weist Du darauf richtig hin. Die einordnende Frage, ob Kolonialismus vor der Zeitalter der Renaissance-Imperien oder vor der Entwicklung der Industriellen Arbeitsweise qualitative Eigenarten ausweist, die eine begriffliche Separieren gebietet, ist sehr umstritten. Ich verstehe die Argumente.

Ich denke: für das Verstehen von/sich Annähern an Kolonialismus ist es sehr vorteilhaft, typische Strukturen expansiver Herrschaft zu zeigen.

@AwetTesfaiesus
Was hältst du von der Anwendbarkeit der ILO169 in Europa? Von den Staaten, in denen Sami leben, hat nur Norwegen ratifiziert. Schweden und Finnland befürchten zu Recht grundsätzliche Konflikte um Land und Bodenschätze und - natürlich - echte Mitsprache.
Jedenfalls hat Deutschland ratifiziert, sieht laut wissenschaftlichem Dienst des Bundestags aber keine Anwendbarkeit im eigenen Staat.
@HagenDomaschke müsste ich überlegen. Habe die Argumentation nicht präsent.
@HagenDomaschke hab ich überflogen. Welche Status-Stärkung würde man sich denn von der Ratifizierung
In der sorbischen Gemeinschaft versprechen?

@AwetTesfaiesus
Eine fundamentale: Die Konvention verlangt vom Staat, bei Konflikten Konsultationsmechanismen zu schaffen, mit dem Ziel, Einverständnis zu erreichen.

Jetzt haben wir viel weniger: Wir müssen nur gehört werden - das Ergebnis ist egal.

Ratifiziert ist die ILO169, somit ist sie geltendes Recht, das aber auf das sorbische Volk nicht angewendet wird. Innerhalb des sorbischen Volkes gibt es dazu keine Einigkeit - was normal ist. Ein Teil will jedenfalls die Anwendung der Konvention. Der Serbski Sejm hat das bereits im Juni 2021 deklariert.

@HagenDomaschke und da findet sich keine Partei, die sich das auf die Fahnen schreibt? Das klingt doch wie ein no-Brainer für Grüns
@AwetTesfaiesus
Das sehe ich genauso, schließlich sind wir die Bürgerrechtspartei.
Das Thema kommt aus zwei Gründen bei uns nicht hoch:
- es ist quantitativ völlig irrelevant für uns und alle anderen im Parteiensystem (wiewohl qualitativ höchst relevant),
- es hat enormes Konfliktpotential, sowohl in Richtung des Staates und der deutschen Mehrheit, als auch in Richtung der etablieren sorbischen Strukturen und Personen.

@HagenDomaschke ehrlich gesagt: mir fehlt da auch historisches Faktenwissen zur sorbischen Geschichte und zur Entstehung der ILO169.

Natürlich ist klar, dass man im politischen Raum sehr angstvoll auf Neuseeland schaut und solche Präzedenzfälle unbedingt vermeiden will.

Kurz: Die Unterscheidung finde ich vor allem dann schwierig, wenn sie im Ergebnis eine angemessene Anerkennung / wirksamen Schutz verhindert bzw. vorenthält.
@HagenDomaschke insoweit unterscheiden sich wohl auch die Dänen in Deutschland von den Sorben, aber das führt zu weit. Einen manifesten "Anti-Danismus" konnte ich bisher nicht finden; Anti-Slawismus hingegen… kein Zweifel, dass das weit verbreitet ist.
@HagenDomaschke nicht nur braucht Rassismus keine Hautfarben; er braucht noch nicht einmal "Rassen". Und dennoch ist bei der Umkehrung der Argumentation Vorsicht geboten. 😅
@AwetTesfaiesus eine eher umstrittene these für die es pro und contra argumente gibt. https://www.wienerzeitung.at/a/war-bosnien-herzegowina-eine-oesterreichische-kolonie-
War Bosnien-Herzegowina eine österreichische Kolonie?

Die Besetzung und Annexion durch Österreich-Ungarn kann als Versuch gesehen werden, das Gebiet zu kolonisieren.

@JorgeR_N deshalb habe ich es auch so spitz formuliert. Dass es eine Herrschaft mit deutlich kolonialem Gepräge war, würde ich aber dringend argumentativ verteidigen wollen.
@JorgeR_N dazu fiele mir viel ein. Wenig davon höflich

@AwetTesfaiesus ich bin nicht kompetent in diesem bereich drinnen. Somit habe ich auch nicht allzu viele emotionen zu den aussagen von frau scheer, die übrigens mitherausgeberin des dazugehörigen sammelbandes ist und ein durchaus beeindruckenden wissenschaftl. cv vorweisen kann.

Bosnien-Herzegowina und Österreich-Ungarn, 1878–1918: Annäherungen an eine Kolonie (= Kultur – Herrschaft – Differenz. Band 24). Francke, Tübingen 2018, ISBN 978-3-7720-8604-5.

@JorgeR_N Wenngleich dies hier natürlich wirklich ein Non-argument ist, das schon beim Lesen schmerzt.