Strukturelle #Diskriminierung bei ME/CFS – eine Lücke mit System Neuer LinkedIn-Beitrag, struktur- und formanalytisch reflektiert. Im letzten Beitrag bin ich darauf eingegangen, warum schwer Erkrankte durch die Raster von Versorgung und Sozialrecht fallen. Teil 2: www.linkedin.com/posts/drkell...

Epistemische Ungerechtigkeit |...
Epistemische Ungerechtigkeit | Dr. Karin Kelle-Herfurth, MHBA

Strukturelle #Diskriminierung bei ME/CFS – eine Lücke mit System Im letzten Beitrag bin ich darauf eingegangen, warum schwer Erkrankte durch die Raster von Versorgung und Sozialrecht fallen, obwohl es Rechtsgrundlagen und fortgeschrittene Erkenntnisse zur Pathophysiologie gibt. Bettina Maurer, Fachanwältin für Sozialrecht, hat dazu einen wichtigen Einwand formuliert, den ich hier noch einmal aufgreifen möchte. Sinngemäß schreibt sie: Die Probleme bei Pflegegraden und GdB betreffen nicht nur ME/CFS, sondern alle Menschen mit Sinnes- oder Mobilitätseinschränkungen oder systemischen Erkrankungen ohne explizite Abbildung. Wenn, dann müsste man die Strukturen insgesamt neu denken und auch das Umsetzungsdefizit adressieren. Beides stimmt. Und ich möchte eine Unterscheidung ergänzen, die für den weiteren Reformdiskurs entscheidend ist. Ich sehe die strukturellen Defizite nicht als Primärursache, sondern als Funktion der Systemstabilisierung – als Mechanismus, der privilegierte Deutungsordnungen durch historische Pfadabhängigkeiten, Professionsinteressen und Evidenzhierarchien reproduziert. Die Selektion erfolgt bereits in den Deutungs- und Bewertungsordnungen, die in Strukturen eingebaut sind, bevor diese als Verfahren wirken. Das Pflegegrad-Assessment ist kein Umsetzungsdefizit. Es ist eine eingebettete Annahme. Ein neues Instrument mit derselben Grundannahme produziert innerhalb seiner Binnenlogik dasselbe Ergebnis. Bei #MECFS greifen strukturelle Fehlpassungen so tief, weil alle Ebenen gleichzeitig fest sitzen: 1️⃣ Die falsche Grundannahme über die Erkrankung ist eingebaut. 2️⃣ Die Strukturen bilden das krankheitsdefininierende Kernmerkmal PEM nicht ab. 3️⃣ Die Umsetzungspraxis stabilisiert diese Lücke, auch in korrekt angewendeten Verfahren. Besonders sichtbar wird das beim GdB: Obwohl ME/CFS als neuroimmunologische Multisystemerkrankung klassifiziert ist, wird sie in der Begutachtungspraxis analog zu psychischen Störungen bewertet (Tabelle Nr. 3.7). Das ist nicht bloß Nachlässigkeit. Es ist die Konsequenz einer psychosomatisch geprägten Grundannahme, die in das zentrale sozialrechtliche Referenzsystem eingelassen ist und dort strukturell fortwirkt. Deshalb greifen rechtliche Korrekturen nur dort, wo die Bewertungslogik es zulässt. Was sie nicht zulässt, wird nicht entscheidungswirksam. „Die Strukturen insgesamt neu denken“ ist notwendig. Möglich wird das aber nur, wenn zugleich die vorgelagerten Raster zum Thema werden: Was gilt als Bedarf? Wessen Erfahrung zählt als Evidenz? Denn neue Strukturen mit alten Deutungsordnungen reproduzieren dieselben Muster. Wie solche Ordnungen Geltung gewinnen und sich stabilisieren, ist der eigentliche Hebel – und zugleich der blinde Fleck hinter Verzerrungen. Das muss in professionellen Rollen und Kontexten mitreflektiert werden. Darum geht es in den nächsten Beiträgen und in diesem Artikel über #epistemischeUngerechtigkeit. Dort werden die Mechanismen genauer beschreiben. https://lnkd.in/esV9s2P2

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Warum ME/CFS-Betroffene durch die Raster fallen, obwohl es Rechtsgrundlagen und fortgeschrittene Erkenntnisse zur Pathophysiologie gibt. Der Text im Beitrag: Bettina Maurer, Fachanwältin für Sozialrecht, hat dazu einen wichtigen Einwand formuliert, den ich hier noch einmal aufgreifen möchte. 1/x
Sinngemäß schreibt sie: Die Probleme bei Pflegegraden und GdB betreffen nicht nur ME/CFS, sondern alle Menschen mit Sinnes- oder Mobilitätseinschränkungen oder systemischen Erkrankungen ohne explizite Abbildung. 2/x
Wenn, dann müsste man die Strukturen insgesamt neu denken und auch das Umsetzungsdefizit adressieren. Beides stimmt. Und ich möchte eine Unterscheidung ergänzen, die für den weiteren Reformdiskurs entscheidend ist. 3/x
Ich sehe die strukturellen Defizite nicht als Primärursache, sondern als Funktion der Systemstabilisierung – als Mechanismus, der privilegierte Deutungsordnungen durch historische Pfadabhängigkeiten, Professionsinteressen und Evidenzhierarchien reproduziert. 4/x
Die Selektion erfolgt bereits in den Deutungs- und Bewertungsordnungen, die in Strukturen eingebaut sind, bevor diese als Verfahren wirken. 5/x
Das Pflegegrad-Assessment ist kein Umsetzungsdefizit. Es ist eine eingebettete Annahme. Ein neues Instrument mit derselben Grundannahme produziert innerhalb seiner Binnenlogik dasselbe Ergebnis. 6/x
Bei #MECFS greifen Fehlpassungen so tief, weil alle Ebenen gleichzeitig fest sitzen: 1️⃣ Falsche Grundannahme über die Erkrankung ist eingebaut 2️⃣ Strukturen bilden krankheitsdefininierendes Kernmerkmal PEM nicht ab 3️⃣ Umsetzungspraxis stabilisiert diese Lücke, auch in korrekt angewendeten Verfahren 7/x
Besonders sichtbar wird das beim GdB: Obwohl ME/CFS als neuroimmunologische Multisystemerkrankung klassifiziert ist, wird sie in der Begutachtungspraxis analog zu psychischen Störungen bewertet (Teil B, Tabelle Nr. 3.7). Das ist nicht bloß Nachlässigkeit. 8/x
Es ist die Konsequenz einer psychosomatisch geprägten Grundannahme, die in das zentrale sozialrechtliche Referenzsystem eingelassen ist, dort strukturell fortwirkt. Rechtliche Korrekturen greifen nur dort, wo die Bewertungslogik es zulässt. Was sie nicht zulässt, wird nicht entscheidungswirksam. 9/x
„Die Strukturen insgesamt neu denken“ ist notwendig. Möglich wird das aber nur, wenn zugleich die vorgelagerten Raster zum Thema werden: Was gilt als Bedarf? Wessen Erfahrung zählt als Evidenz? Denn neue Strukturen mit alten Deutungsordnungen reproduzieren dieselben Muster. 10/x
Wie solche Ordnungen Geltung gewinnen und sich stabilisieren, ist der eigentliche Hebel und zugleich der blinde Fleck hinter Verzerrungen. Das muss professions- und kontextübergreifend mitreflektiert werden. Mehr in den nächsten Beiträgen und in diesem Artikel zu #epistemischeUngerechtigkeit. 11/11

Epistemische Ungerechtigkeit
Epistemische Ungerechtigkeit

Epistemische Ungerechtigkeit beschreibt die systematische Abwertung von Wissen marginalisierter Gruppen und deren eingeschränkten Zugang zu Deutungshoheit

Dr. Karin Kelle-Herfurth