Ein Jahr ohne meinen Vater

Alles ging viel zu schnell

Es ging alles furchtbar schnell, ich konnte gar nicht mithalten mit diesem Tempo. Bis zum Schluss war ich überzeugt, äh was, das kommt schon noch irgendwie gut. Ich weiss noch, wie ich meinen Vater am Sonntag besucht habe und ihm sagte:

«Das ist noch nicht das Ende, muesch luege, da ist noch zu viel Leben da.»

Ich lag falsch. Am nächsten Dienstag ist er gegangen.

Tod als Lehrer – und als Geschenk

Ich habe in meinem Leben schon so viel Tod erlebt und gesehen. Manchmal denke ich, viel zu viel für ein einziges Menschenleben.

Doch all dieses Sterben und die Trauer waren und sind meine wichtigsten Lehrer.

Der Tod meines Vaters habe ich denn auch als wunderbar versöhnlich und heilsames Geschenk erlebt.

Zum ersten Mal erlebte ich Tod nicht als diese Tragödie, die dir den Boden unter den Füssen wegzieht und du nicht mehr weisst, wie weiter. Ich durfte mit meinem Vater, durch ihn in echt erleben: Sterben ist sicher, Sterben ist aufgehoben, Sterben ist kein wirkliches Ende. Zum ersten Mal sah ich das in real time.

Die überraschende Wucht der Trauer

Die Trauer, die mich danach überrollte, hat mich deshalb beinah überrascht. In den ersten Wochen war es das starke Gefühl von der Liebe zwischen uns, die ich vorher nie so gespürt hatte. Ich trauerte, dass ich das nicht länger so leben durfte, dass wir uns nicht auch so noch kennen durften. Als Vater und erwachsene Tochter, die sich in dieser ungefilterten, unverfälschten Liebe begegnen.

Es brauchte einen Moment, bis ich auch das als «nicht verloren» empfinden konnte. Dennoch verstand ich nicht wirklich –

Warum tut das so weh, wenn ich doch so klar weiss, dass nichts verloren ist?

Immer mal wieder überkommen mich diese Wellen, mit denen ich bereits so vertraut bin. Wenn ich etwa in den Bergen unterwegs bin, am Skifahren oder auch am Meer, dann denke ich an meinen Vater und vermisse ihn.

Die Lücke, die bleibt

So ein Vater, das war für mich stets eine stabile Präsenz in meinem Leben, à la: der ist da und Punkt. Unhinterfragt. Dass das nun nicht mehr so, nicht mehr in dieser Form ist, verwirrt mich immer mal wieder.

Ich will meinen Vater fragen, wie ich xy tun könnte – und erinnere mich daran, dass ich ihn nicht mehr einfach anrufen kann.

Wenn ich nach Hause gegangen bin, war er da und hat gekocht. Das hinterlässt eine enorme Lücke in unserer Familie. Auch seine Art, wie er Gespräche angestossen oder zusammengehalten hat, obwohl ich längst nicht immer einverstanden war mit ihm. Ja, ich vermisse auch unsere Meinungsverschiedenheiten. Er fehlt.

Die andere Trauer

Und doch ist dieser Tod anders als die anderen, die ich bereits erlebt habe. Diese Trauer lässt mich nicht ertrinken. Ich spüre den Boden, meinen Körper, die Präsenz. Es ist nicht das so bekannte Lamento in mir drin, das sagt: «Warum nur? Das sollte doch so nicht sein!»

Ich habe nicht dieses Gefühl von Ungerechtigkeit, wie ich das bei all den anderen Toden hatte.

Und nein, es hat nichts mit seinem Alter zu tun, das wäre als Erklärung ein bisschen zu einfach.

Es hat vielmehr mit der jahrelangen Auseinandersetzung und Verarbeitung meiner eigenen Trauer, meiner Traumata zu tun. Was natürlich nicht heisst, dass ich über den Dingen schwebe, im Gegenteil.

Tod und Trauer, aber auch Leben und Liebe berühren mich in einer Unmittelbarkeit, die auch herausfordernd ist. Ich fand es auch absolut grässlich, meinen Vater innerhalb kürzester Zeit sterben zu sehen. Es ist diese Gleichzeitigkeit von grässlich UND aufgehoben, die intellektuell nicht erlebt oder erfasst werden kann.

Das ewige Paradoxon

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen spüre ich heute so deutlich: Das Leben ist wohlwollend, durch und durch. Und, ja, dennoch, da ist die Trauer. Ich lande einmal mehr im direkten Erleben dieses Paradoxons, das der Kopf nicht lösen oder verstehen kann: Ich bin zugleich zutiefst versöhnt als auch traurig.

Ja, das Paradox des Lebens selbst ist doch, dass der Tod und das Leben in jedem Moment so nah sind, ja gleichzeitig.

Ein konstantes Werden und Vergehen. Und ich bin mitten drin, lasse mich immer mal wieder vertrauensvoll fallen – und will mich dann doch irgendwo festhalten. Beides. Gleichzeitig – und gleichberechtigt.

Eine zutiefst mystische Erfahrung, die mich staunend und dankbar zurücklässt. Immer wieder von Neuem.

Ähnliche Beiträge von Leela Sutter:

Beitragsbild Chalabala auf Envato

#Dankbarkeit #Leben #Tod #Trauer