Ich glaube, was diese Ulmen-Diskussion mit den not-all-men-Unschuldsvermutenden so schwer macht, ist: Ihnen fehlt die Erfahrung, über sexuellen Missbrauch jedweder Couleur mit der Hoffnung auf eine Beendigung der Situation oder auf Konsequenzen für den oder die Täter gesprochen zu haben, und dabei jedes Mal dieselben, unfassbaren Antworten bekommen zu haben. Viele von uns sind wütend. Weil da immer auch über uns und unsere Geschichte diskutiert wird.
Viele von uns wissen, wie das ist, wenn wir total irritiert und aufgeregt uns jemandem anvertrauen, nur um dann die übliche Leier von der eigenen Schuld oder von den zwei Seiten zu hören. Wir haben das erlebt, teils mehrfach.
Wenn dann irgendein Thomas oder Michael schreibt, dass "Unschuldsvermutung" oder "aber der Kachelmann", obwohl Ulmen ja anscheinend ziemlich viel schon zugegeben hat, dann macht ihr auch unsere erlebte Geschichte klein, so wie sie immer kleingehalten wurde.

Ich glaube, manche denken Jahre nach "me too" noch immer, dass sexuelle Belästigung, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung sowieso kaum eine trifft, vielleicht sogar: keine Anständige. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Unser Leben ist voller "jetzt hab dich nicht so". Aber wir haben uns so.

Und vielen ist gar nicht klar, wie viele Frauen seit dem Fall Pelicot überlegen, wer denn in ihrem Umfeld diese netten Nachbarn sein könnten, die sich massenhaft, Pelicot ist leider kein Einzelfall, über betäubte Frauen hermachen. Dass wir darüber nachdenken: Würde mein Mann, mein Partner das mir oder einer anderen antun?
Im Fall Pelicot haben die Partnerinnen oder Mütter das teilweise trotz Verurteilung ihrer Partner oder Söhne nicht geglaubt. Weil: der würde doch nie!
Aber er hat.
Für viele Frauen ist kein Ort sicher, wirklich sicher, und ganz besonders nicht das eigene Zuhause, wenn wir nicht alleine leben. Wir wissen das. Wir müssen aber letztlich damit leben. Diese Fälle wühlen uns auf, weil sie an unsere Fälle anknüpfen. Weil die fürsorglichen Männer an unserer Seite vielleicht so fürsorglich sind wie Dominique Pelicot, der sich rührend um seine Frau gekümmert hat.
@sarah_ist_muede
Wüsstest du eine Lösung dafür? Absolut ernsthafte Frage und auch nicht schlimm, wenn du auch keine Antwort hast. Ich kann es für mich nicht beantworten. Es hat nur dazu geführt, dass ich mich den allermeisten Frauen gegenüber nur noch sehr zurückhaltend und oberflächlich verhalte. Aber das kann ja nicht die Lösung sein.
Edit: ich meine für Männer, die an einer Lösung interessiert sind.

@Mr_GHARice Wenn du dein Verhalten gegenüber Frauen geändert hast, warum? War dein früheres Verhalten nicht ok? Was meinst du mit zurückhaltend und oberflächlich? Machst du was anderes bei Männer auf dem gleichen Beziehungs-Level (zB auf Arbeit)? Wenn ja, was und warum?

Wie verhälst du dich gegenüber anderen Männern (zB Freunde) hinsichtlich der Thematik? Redet ihr über diese Themen? Was machst du, wenn du unangebrachtes Verhalten bei anderen Männern wahrnimmst? Oder anders: Bist du ein Ally?

@spinni81 @Mr_GHARice kommt darauf an welche Reaktion ein Verhalten auslöst. Als Beispiel geometrische Muster auf Kleidungsstücken. Bei manchen suche ich da nach der Wiederholung, wie das Muster an Trennstellen weitergeführt wird. Fahrräder ziehen meine Blicke auf sich, sind Frauen damit unterwegs dreh ich mich eher weg, bei männlichen Fahrern vertief ich mich mehr in technische Details.
Beides Mal dieselbe Motivation, wird aber unterschiedlich interpretiert.