Gender Pain Gap: Warum Schmerzen bei Frauen nicht ernst genommen werden

Schmerz ist nicht neutral. Zumindest nicht im Gesundheitssystem.
Der sogenannte Gender Pain Gap beschreibt ein Problem, das seit Jahren bekannt ist: Frauen wird häufiger weniger geglaubt, ihre Schmerzen werden heruntergespielt, später behandelt, oder gar nicht erst ernst genommen. Was bei Männern als medizinisches Problem gilt, wird bei Frauen oft als „übertrieben“, „psychosomatisch" oder „hormonell“ abgetan.
Und das hat Konsequenzen.

Studien zeigen, dass Frauen länger auf Diagnosen warten, seltener Schmerzmittel in ausreichender Stärke bekommen und häufiger mit Symptomen allein gelassen werden. Besonders drastisch ist das bei Erkrankungen wie Endometriose, die Jahre braucht, um überhaupt erkannt zu werden, obwohl sie extrem schmerzhaft ist.
Aber das Problem ist nicht nur strukturell. Es ist konkret. Es passiert jeden Tag.

Ein besonders absurdes Beispiel ist der Umgang mit Eingriffen.
Das Einsetzen einer Spirale?
Oft ohne Betäubung.
Mit einer Zange wird der Muttermund, ein sehr empfindliches Gewebe, festgehalten und durchgebohrt.
Viele Frauen erleben dabei immense Schmerzen oder gar Ohnmacht. Beides wäre vermeidbar.
„Das ist nur kurz unangenehm.“ Nein. Es ist schmerzhaft.

Und dann hört man Sätze wie:
„Das geht nicht mit Betäubung.“
Doch. Es geht.
Ich hatte mehrere Lumbalpunktionen.
Ohne Betäubung. Jede einzelne mit Starken Schmerzen verbunden, die zum Teil immernoch anhalten.
Ein männlicher Freund von mir hatte denselben Eingriff - mit Betäubung.
Also was genau geht hier „nicht“?
Das Problem ist nicht die Medizin.
Das Problem ist, wem Schmerz zugetraut wird.

Die Realität ist:
Frauen wird systematisch weniger geglaubt.
Wenn ein Mann Schmerzen hat, wird gehandelt.
Wenn eine Frau Schmerzen hat, wird hinterfragt.
„Sind Sie vielleicht gestresst?“
„Haben Sie Ihre Tage?“
„Ist das nicht normal?“
Diese Fragen sind nicht neutral.
Sie verschieben Verantwortung. Weg von der Medizin – hin zur Patientin.
Und irgendwann fangen viele an, sich selbst nicht mehr zu glauben.

Das Problem zieht sich durch das ganze System:
• Herzinfarkte bei Frauen werden später erkannt, weil Symptome anders bewertet werden
• Frauen bekommen häufiger Beruhigungsmittel statt Schmerztherapie
• Forschung basiert oft auf männlichen Körpern
Das bedeutet: Medizin ist nicht für alle gleich gemacht.

Was genau heißt das konkret?
Es heißt, dass Menschen Schmerzen ertragen müssen, die vermeidbar wären.
Dass Eingriffe ohne ausreichende Betäubung durchgeführt werden.
Dass Leiden normalisiert wird.
Und dass Sätze wie: „Das ist halt so“
zu einer medizinischen Antwort werden.

Das ist weder Zufall noch Einzelfall.
Es ist ein System, das weiblichen Schmerz nicht ernst nimmt.
Und solange wir das akzeptieren, wird sich nichts ändern.

@Johanna_Rathkamp Ärzte die sich so verhalten sollten ihre Approbation zurück geben, denn sie haben nichts begriffen.
Schmerzempfinden ist zwar auch subjektiv, aber unter anderem auch aus Biologischen gründen (geschlechtsunabhängig) unterschiedlich.
Da Schmerz immer im Gehirn entsteht abhängig vom Physiologischen Endorphinspiegel, abhängig von der Leitungsfähigkeit der Nerfenbahnen, der psychischen Belastbarkeit und vielem mehr.
Schmerz ist subjektiv also bestimmt der der die schmerzen hat 1/2
@Johanna_Rathkamp 2/2 wie stark diese sind, kein Außenstehender.
Hierfür gibt es eine Schmerzscala von 1 bis 10
Also büschen nervig Aua bis zum schlimmsten das man sich vorstellen kann.
Ab 3 schwer zu ertragen, also schmerzmittelpflichtig, unwichtig was der Behandler denkt oder glaubt zu wissen.
@Johanna_Rathkamp Das erinnert mich an einen Arztbesuch zu dem ich meine Mutter begleitet habe.
Die Ärztin meinte zu meiner Mutter:
"Ach, das ist nun mal so in ihrem Alter."
Nach vielen Wochen stellte sich heraus, dass meine Mutter Nierensteine hatte.
Damals habe ich das Vertrauen in Ärzte komplett verloren.
@Johanna_Rathkamp ich habe das so tief internalisiert, dass ich seit Monaten trotz Schmerzen irgendwie arbeite. Ich gehe nicht zum Arzt, nicht, weil mir nicht zugehört wird, sondern weil ich selbst nicht dran glaube, das ist irgendwie wichtig ist. Es geht ja immer irgendwie. Ich hab schon ganz andere Sachen ausgehalten. So jedenfalls die Stimme in mir drin. Die hab ich dann Dienstag doch endlich mal überwunden und bin zum Arzt gegangen…

@Maristya @Johanna_Rathkamp

Hey versuch da dran zu bleiben. Aus ständigen Schmerzen kann auch chronischer Schmerz werden. Pass auf dich auf

https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/medizin/schmerzen/schmerzgedaechtnis-1163434

Schmerzgedächtnis löschen: Geht das? | BARMER

Was das Schmerzgedächtnis ist, was es mit chronischen Schmerzen zu tun hat und ob man es mit Medikamenten löschen kann.

Wenn Ungleichbehandlung mal gut ist

Das Geschlecht von erkrankten Menschen wird in Forschung und Therapie kaum berücksichtigt. Dieser Data-Gender-Gap hat Nachteile für beide Geschlechter.

Deutschlandfunk Nova
Schmerzen von Frauen werden offenbar unterschätzt

In Israel und den USA bekommen Frauen in der Notaufnahme seltener Schmerzmittel als Männer, wie eine Studie zeigt.

Deutschlandfunk Nova

@Johanna_Rathkamp #gendermedizin

es hat 8 Jahre gedauert, bis meine Kopfschmerzen aus der Hölle als ... tadaaa .... Migräne diagnostiziert wurden.

Für Migräne gibt es sehr konkret dafür entwickelte akut wirksame Medikamente und Prophylaxe.

Aber kein Arzt hat Ahnung von Kopfschmerzen, so fängts schon an.

Und wer hat häufiger Kopfschmerzen? Frauen. Und zwar deutlich.

@Johanna_Rathkamp in der Schwangerschaft wollte mir die Zahnärztin keine Betäubung geben, weil ich das als Mutter ja aushalten kann.
Äh, nein. Ich wüsste nicht dass es gut für ein Baby ist, wenn die werdende Mutter unter Stress gesetzt wird. Schlimmstenfalls werden dann Wehen ausgelöst.
@coba Eine ehemalige Kollegin hat zu fortgeschrittener Schwangerschaft eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt bekommen, ohne Betäubung. Weil die Betäubung das Kind gefährden könne. Sie kam danach ins Büro zurück und sah aus wie gekaut und wieder ausgespuckt. Sie hat das so machen lassen. Ist unvorstellbar. 😠
@Johanna_Rathkamp
@Ogenblick @Johanna_Rathkamp am meisten radikalisiert hat mich dann zu erfahren, wie unterschiedlich Männer behandelt werden.
Aus der persönlichen Erfahrung: Frauen werden viel häufiger auf ihr Gewicht angesprochen und dass sie mal abnehmen sollen. Männer bekommen einfach die passende Dosis ihres Medikamentes.
Bei Personen mit Vagina wird Ultraschall gerne mal von innen gemacht, weil es ja geht. Bei Personen ohne Vagina wird es von außen gemacht, weil muss ja.
@coba Mir wurde Zeit meines Lebens immer gesagt, man könne beim Ultraschall von innen die Organe besser erkennen.
Hm. Stimmt das eventuell auch nicht?
Ich bekam mit einer Frozen Shoulder kein Cortison zu Behandlung, bei mir selber musste es so ausheilen, was über ein Jahr gedauert hat. Hier, im Fediverse haben mir alleine drei Männer geschrieben, sie hatten alle gleich Cortison bekommen und waren nach ein paar Wochen damit durch gewesen.
@Johanna_Rathkamp Danke dir für diesen wichtigen Text.
Das war (neben vielen anderen tollen Beiträgen) gestern auch Thema eines Redebeitrags auf der starken Demo in Hamburg 💜
@Johanna_Rathkamp Männer können verdammt gut jammern, das müssen wir noch lernen.