Vom „Ausländerproblem“ zur Realität: Warum Friedrich Merz bei der Gewaltstatistik auf dem rechten Auge blind bleibt

Bundeskanzler Friedrich Merz hat heute im Bundestag verlauten lassen, dass die ansteigende Gewalt in Deutschland primär ein „Ausländerproblem“ sei und die aktuelle Kriminalitätsentwicklung maßgeblich auf die Zuwanderung zurückzuführen sei. Mit dieser pointierten Rhetorik zur „explodierenden Gewalt“ setzt der Kanzler ein klares politisches Signal, das jedoch bei genauerer Betrachtung der Datenlage eine gefährliche Schieflage aufweist. Wer einen nüchternen Blick in die aktuellen Berichte des Bundeskriminalamtes (BKA) und die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) wirft, erkennt schnell, dass diese Darstellung der Realität nur bedingt standhält.

Zunächst muss die Behauptung einer „explodierenden Gewalt“ historisch eingeordnet werden. Während Merz ein Klima der akuten Bedrohung beschwört, belegen die langfristigen Zeitreihen der Statistik, dass Deutschland heute weitaus sicherer ist als in den 1980er oder 1990er Jahren. Die Zahl schwerster Delikte wie Mord und Totschlag ist im Vergleich zu den Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung signifikant gesunken. Zwar verzeichnete die Statistik nach dem Ende der Corona-Pandemie einen Anstieg bei Gewaltdelikten, doch handelt es sich hierbei primär um eine Rückkehr zum Vor-Pandemie-Niveau und keinen unkontrollierten Ausbruch. Diese Nuancen unterschlägt die Kanzler-Rhetorik jedoch zugunsten eines plakativen Narrativs, das komplexe gesellschaftliche Entwicklungen auf eine einzige Ursache reduziert.

Besonders kritisch ist dabei die einseitige Fokussierung auf die Staatsangehörigkeit von Tatverdächtigen. Die Kriminologie warnt seit Jahrzehnten davor, Kriminalität als ethnisches Phänomen zu missverstehen. Die Überrepräsentanz nicht-deutscher Tatverdächtiger in der Gewaltstatistik ist weniger eine Frage der Herkunft als vielmehr eine der Demografie und der sozialen Lage.

Gewalt wird statistisch vor allem von jungen Männern in prekären Lebensumständen begangen – eine Gruppe, die unter Geflüchteten und Migranten aufgrund der Fluchthistorie und oft erschwerter Lebensbedingungen überproportional groß ist. Vergleicht man jedoch Personengruppen mit ähnlichem sozialen Status und Alter, schrumpfen die Unterschiede massiv zusammen. Zudem belegen Studien, dass Delikte, bei denen der Täter als „fremd“ wahrgenommen wird, deutlich häufiger zur Anzeige gebracht werden als Taten im vertrauten deutschen Umfeld, was die Statistik zusätzlich verzerrt.

Was in der heutigen Rede von Friedrich Merz jedoch am lautesten nachhallte, war sein Schweigen zu einer der drängendsten Bedrohungen unserer Zeit: dem Rechtsextremismus. Während die Schlagzeilen heute vom „Ausländerproblem“ dominiert wurden, sprechen die Zahlen zur Politisch Motivierten Kriminalität eine andere, weitaus bedrohlichere Sprache.

Die politisch motivierten Straftaten von rechts haben im vergangenen Jahr erneut historische Höchststände erreicht. Über zwei Drittel aller Hassverbrechen in Deutschland werden dem rechten Spektrum zugeordnet, und das BKA selbst stuft den Rechtsextremismus seit Jahren als die größte Gefahr für die demokratische Grundordnung ein. Dass diese massiv steigende Gewaltwelle in der Analyse des Kanzlers heute keine Erwähnung fand, wirkt wie eine bewusste politische Ausblendung.

​Am Ende bleibt der Eindruck einer politisch motivierten Schwerpunktsetzung, die weniger der Aufklärung als vielmehr der Mobilisierung dient. Indem Gewalt fast ausschließlich als importiertes Problem dargestellt wird, lenkt die Bundesregierung von der notwendigen Auseinandersetzung mit der Radikalisierung der eigenen Gesellschaft ab. Eine ehrliche Debatte über Sicherheit müsste beide Augen öffnen: für die sozialen Ursachen von Gewalt ebenso wie für die wachsende Bedrohung durch den organisierten Rechtsextremismus, der die statistischen Realitäten heute weit stärker prägt, als es die Worte des Kanzlers vermuten ließen.

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