Weil wir ja gerade so viel über Kinderschutz, Algorithmen und Bildschirmzeiten reden (und mit wir mein ich den rechten Flügel der SPD und die CDU, die sich nach rechts radikalisiert hat): Warum sind Kinder und Jugendliche so viel am Bildschirm?
Take 1: ihnen fehlt soziale Einbindung.
Gerade Kinder und Jugendliche, die anecken, auffallen, eher einzelgängerisch und schüchtern sind, hängen viel am Handy und fordern das stark ein. Die Lösung dafür ist kein Verbot, sondern besser ausgestattete 1/x
Strukturen in Vereinen, mehr Anerkennung für ehrenamtliche Arbeit, niedrigschwellige Jugendhäuser und mehr Akzeptanz für die Abweichler:innen dieser Gesellschaft. Auch im Jugendalter. Wenn wir Kinder und Jugendliche in (Sport-) Vereinen etc. anbinden, reduziert sich oft auch die Bildschirmzeit (massiv), die schließen Freund:innenschaften und verbringen dadurch weniger Zeit am Bildschirm. Viel nachhaltiger als Verbote, kostet aber Geld.
2/x
Take 2: Kinder und Jugendliche nutzen Medien auch, um sich mal von ihrer beschissenen Lage abzulenken.
Stellt euch vor, ihr lebt in ner viel zu kleinen Wohnung, eure Eltern sind heillos mit allem überfordert, wirtschaftlich geht es nicht bergauf, weil eure Eltern im Bürgergeld feststecken, psychisch krank sind, wegen Betreuungszeiten keinen Job kriegen, ihr teilt euch euer Kinderzimmer mit euren Geschwistern, die teilweise halb so alt sind. Das sind Realitäten von Kindern in Deutschland 3/x
Ich kenn Kinder, die sich für die Zustände zu Hause so sehr schämen, dass sie keine anderen Kinder nach Hause einladen. Keine Kindergeburtstage feiern (ua wegen fehlenden Freundschaften, s.o.), zu keinen eingeladen werden und dann tanzen denen ihre kleinen Geschwister auch noch auf der Nase rum. Und dann kriegen sie n Handy und haben endlich mal die Möglichkeit, abzuschalten und sich von etwas radikal ablenken zu lassen, das Umfeld mal nicht wahrnehmen zu müssen. 4/x
Und sie nutzen diese Möglichkeiten. Dabei stoßen sie auf Plattformen, die exakt dieses Verhalten ausbeuten und verstärken.
Was wären denn hier mögliche Lösungen?
1) ein armutsfestes Arbeitslosengeld und ein armutsfester Mindestlohn
2) eine Kindergrundsicherung, die in der Lage ist, Kindern aus der Armut zu helfen
3) öffentliche Strukturen, die Eltern entlasten (also Orte, an denen die mal sein können, die Kinder werden betreut und lernen andere kennen) 5/x

Punkt 1 und 2 sind Aufgaben und Regulierungen, die der Staat übernehmen müsste.
Punkt 3 die Zivilgesellschaft und hier insbesondere die (radikale) Linke.

Verhalten hat immer einen Sinn und resultiert aus den Strukturen, in denen wir Menschen leben und handeln. Die Strukturen müssen sich ändern, damit Verhalten sich ändern kann. Das werden Konservative und Liberale, die Probleme strukturell individualisieren, statt die größeren Kontexte zu betrachten, aber nicht verstehen 6/x

Wer beim Kinderschutz in Bezug auf Social Media nur vom Verbot redet und von Algorithmen, Armut und Einsamkeit schweigt, ist entweder böswillig oder inkompetent.
Und an der Stelle ist auch Soziale Arbeit gefordert, mal die Systemfrage zu stellen.

7/7

#socialmediaverbot #kinderschutz #sozialearbeit

@SoziAufTour
Danke!
und noch dazu: Von Infrastrukturseite wurde an Turnhallen, Schwimmbädern und der Umgebung gespart. Vereine haben keine Übungsleiter:innen weil viele jetzt arbeiten die vorher nicht gearbeitet haben, oder es keine Vereinbarkeit von Ehrenamt und Job mehr gibt.
Stattdessen wird seitens der Regierung auf AN herumgehackt und das Versprechen der Gerechtigkeit zugunsten einer raffgierigen Minderheit aufgehoben.
es hängt vieles zusammen.
Dieses.
Schön geschrieben & zusammengefasst. Danke!
@SoziAufTour
@SoziAufTour ich war so ein Kind.
@ninafelwitch dito. Bei mir hat Take 1 gut gepasst.
@SoziAufTour Es kommt auch dazu, wie wir sehen, dass Zugezogene kaum in bestehende Freundeskreise rein kommen können. Wenn, dann geht nur etwas mit anderen Zugezogenen, die sind aber meist knapp.

Die Gesellschaft muss wieder offener werden...
@SoziAufTour Was ist mit Teenagern, die keinen Bock haben, mit anderen IRL rumzuhängen, weil sie "anders" sind und mit den Normalos nicht klarkommen oder die nicht mit ihnen? Neurodivers, queer, was auch immer.
@LordCaramac worauf zielt deine Frage ab? Also ob ich der Meinung bin, dass die Leute zwingend in nen Verein müssen oder ob ich der Meinung bin, dass die Leute ganz explizit das Netz zum Austausch brauchen?
@SoziAufTour Zu meiner Zeit gab es weder Smartphones noch Internetzugang für Normalsterbliche, aber ich habe trotzdem die meiste Zeit zuhause vor dem Monitor gesessen, habe simple Grafikdemos in Turbo-Pascal geschrieben, Musik gemacht mit über MIDI angeschlossenem Synthesizer (aber kein Techno, Acid, House, Trance oder sowas, das war nie mein Ding), Bilder gepixelt in Deluxe Paint... die Normalos wollten mit einem Freak wie mir nichts zu tun haben, aber ich auch nicht mit den Normalos. Hätte es damals schon soziale Netzwerke gegeben (die kamen erst knapp zehn Jahre später), hätte ich vermutlich wesentlich mehr Freaks aus der Region kennengelernt. Ich hatte kaum Freunde oder soziale Kontakte, bevor ich nach Köln ging, weil es einfach nicht genug Freaks um mich herum gab. Da hilft es nichts, wenn es Jugendzentren gibt, die voll von Normalos sind.

@LordCaramac also ich hab als Teenie auch aus Einsamkeitsgründen viel in Social Media rumgehangen.
Natürlich gibt's auch Menschen, die keinen Bock auf soziale Interaktion haben/anecken etc. und für die ist das Internet n Segen.

Ich kenn solche Kinder und Jugendlichen auch. Die schick ich idR in Hackerspaces und da haben sich einige bisher wohlgefühlt. Ist n kann, aber kein muss. Ich bin bei sowas einfach dafür, nach dem warum zu fragen und damit zu arbeiten, statt zu verbieten.

@SoziAufTour Wenn die in einer Kleinstadt oder auf dem Dorf wohnen, oder in einer strukturschwachen Gegend sogar noch in einer Mittelstadt, dann kann es gut sein, daß der nächste Hackerspace eine Stunde entfernt ist.
@LordCaramac das ist richtig. Und danke für deine Hinweise
Wie gesagt - ich zwing auch keine Kinder oder Jugendlichen, irgendwo hinzugehen.
Das hier war auch primär n Bericht aus meiner Arbeit. Die sind notwendigerweise verkürzt