(6)

Am späten Nachmittag, vielleicht eine halbe Stunde bevor ich das Büro verlassen kann, beginnt es erneut zu schneien. Was für ein Glück, denke ich, dass es gestern nicht geschneit hat, als ich zu Fuß zur Arbeit gegangen bin (die Verkehrsbetriebe streikten) und auf dem Rückweg mein Rad nach Hause geschoben habe, weil es einen Platten hatte. Dabei habe ich mir offenbar den Rücken verrenkt oder verkühlt oder beides, jedenfalls war in der Nacht kaum an Schlaf zu denken, weil die Schmerzen wirklich stark waren. Fast so schlimm wie vor ungefähr zehn Jahren, als ich nachts nicht schlafen konnte, keine Nacht, weil die liegende Position die allerschlimmsten Schmerzen verursachte. Ich rief also gleich morgens beim Wirbelsäulenspezialisten an, und bat um einen schnellstmöglichen Termin. Man versprach mir, mich auf die Warteliste zu setzen, einen regulären Termin könne man mir erst Anfang Mai zusagen. Eine Notfallsprechstunde gibt es nicht mehr. Erst hatte ich Angst, dann hatte ich sehr viel Glück, denn nach der Bewegung, nach meinen täglichen Übungen, verschwanden die Schmerzen tatsächlich. Auch der Schnee legte nicht den gesamten Verkehr lahm, die obligatorischen Verspätungen der Bahn, sobald ein Flöckchen Schnee fällt, hielten sich im Rahmen.

Auf dem Dachboden habe ich eine Mappe gefunden, in der meine Eltern ihren Schriftverkehr gesammelt haben, sie enthält Bewerbungen, Bitten um Vorschuss, Versetzungsbescheide, bestandene Prüfungen samt Gratulation des Schwiegervaters, gewährten Heiratsurlaub und allerlei mehr.

#Eltern #Schmerzen #Schnee #Schriftverkehr #Streik