Guten Morgen Fediverse! Heute gibt es etwas Spannendes im Europäischen Parlament: Innenkommissar Magnus Brunner ist im LIBE-Ausschuss zu Gast und wird mit den Abgeordneten vermutlich über die nächsten Schritte zum Thema #Chatkontrolle sprechen.

Das wird spannend mit Blick auf die kommenden Trilog-Verhandlungen: wird die EU-Kommission nach der Einigung im Rat von der eigenen, radikalen Position abrücken? Wie werden Abgeordnete auf den Vorschlag einer freiwilligen Chatkontrolle reagieren?

Ein 🧵:

Das Treffen heute hat Potential für Streit: die freiwillige #Chatkontrolle wurde vom Europäischen Parlament 2021 als Ausnahmeregelung erlaubt & 2024 verlängert. In beiden Fällen forderten die Abgeordneten: die EU-Kommission muss Evidenz vorlegen, dass die Maßnahme funktioniert & verhältnismäßig ist. (Spoiler: ist sie nicht)

Letztes Mal hat die EU-Kommission einen unvollständigen Bericht vorgelegt. Auch dieses Mal hat sie ihre (gesetzlich vorgeschriebenen) Hausaufgaben nicht ordentlich erledigt.

Eigentlich hätte die EU-Kommission den Bericht schon am 3. September vorlegen müssen. Also lange bevor im Rat der EU nun eine Position beschlossen wurde, die eine permanente Verlängerung der freiwilligen #Chatkontrolle vorsieht. Der Bericht wurde aber bis einen Tag nach der Abstimmung zurückgehalten & erst letzten Donnerstag veröffentlicht:

https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/PDF/?uri=COM:2025:740:FIN

Fast drei Monate Verzögerung. Warum? Wer weiß. Vielleicht weil der Bericht ein vernichtend schlechtes Bild auf die Maßnahme wirft.

Zur Erinnerung: eigentlich gilt in der EU die Grundrechtecharta mit einem Recht auf Privatsphäre in Artikel 7:

> "Jede Person hat das Recht auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, ihrer Wohnung sowie ihrer Kommunikation."

Darum gibt es seit 2002 auch die europäische ePrivacy-Richtlinie, wonach Unternehmen ihre User*innen nicht einfach überwachen dürfen. Das ist der Normalzustand, welcher durch die freiwillige #Chatkontrolle seit 2021 temporär ausgesetzt wird und über den verhandelt wird.

Für so einen schwerwiegenden Grundrechtseingriff braucht es gute Gründe, er muss für das Ziel geeignet und insgesamt verhältnismäßig sein. Begründet wird die Maßnahme mit dem Kinderschutz und niemand zweifelt daran, dass das ein wichtiges Ziel ist. Aber schon damals hatten die Abgeordneten Zweifel, dass die #Chatkontrolle der richtige Weg dafür ist. Darum hat das Parlament von der EU-Kommission im Gesetz diesen Bericht verlangt um auf Grundlage von Evidenz eine Entscheidung treffen zu können.

Was steht nun drin?

Das Wichtigste: Die EU-Kommission legt unvollständige Daten vor und sagt selbst, dass sie damit die Verhältnismäßigkeit nicht belegen kann.

Das Dreisteste: Die EU-Kommission verweigert ihren gesetzlichen Auftrag und schlussfolgert einfach, dass sie keinen Nachweis über die fehlende Verhältnismäßigkeit der freiwilligen #Chatkontrolle habe.

Das entspricht nicht dem, was das Europäische Parlament verlangt hat. Es wird spannend, ob die Abgeordneten heute darauf eingehen.

Die Details:

Daten zur Nutzung der freiwilligen #Chatkontrolle hat die EU-Kommission von Google, LinkedIn, Meta, Microsoft und Yubo. Die meisten Fälle werden von Meta gemeldet.

Das Scannen gliedert sich nach drei Bereichen: bekannte Missbrauchsdarstellungen, bisher unbekannte ("neue") Darstellungen und Grooming (Anbahnungsversuche).

Bei den verwendeten Systemen taucht auch ein alter Bekannter wieder auf: #Safer von #Thorn. Ihr erinnert euch?

https://netzpolitik.org/2024/verschluesselung-thorn-brachte-chatkontrolle-auch-fuer-andere-themen-ins-spiel/

Verschlüsselung: Thorn brachte Chatkontrolle auch für andere Themen ins Spiel

Ashton Kutchers Organisation Thorn war von Anfang an der Entstehung der Chatkontrolle-Verordnung beteiligt. Neue Dokumente zeigen, mit welchen Aussagen Thorn die EU-Kommission lobbyiert hat - unter anderem verwies die Organisation auch auf die Möglichkeiten der Chatkontrolle abseits des Kampfes gegen Kindesmissbrauchs.

netzpolitik.org

Die Unternehmen berichten teilweise horrende Fehlerquoten bei der Anwendung der freiwilligen #Chatkontrolle. Hier geht es um die falsch-positiv Rate, also die Zahl der Fälle, in denen fälschlicherweise Menschen die Verbreitung von Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern oder Anbahnungsversuche an diese unterstellt wird - also schwerwiegendste Verbrechen.

Diese Fehlerrate geht bis zu 20% (!) bei der „KI“-Erkennung von bisher unbekannten Darstellungen und Grooming.

Die geringste falsch-positiv Rate berichtet Meta mit 0.12%. Aber Achtung: die Berechnung ist irreführend. Meta vergleicht die Gesamtanzahl an Erkennungen via freiwilliger #Chatkontrolle mit später wieder revidierten Entscheidungen. Nicht eingerechnet sind Falscherkennungen, die nicht angefochten wurden.

Nehmen wir die berichtete Rate erfolgreicher Anfechtungen durch User*innen zu Grunde, dann steigt die Fehlerrate schon auf 2,3%. Bei 1.5 Millionen Meldungen in der EU insgesamt. Das ist viel.

Auch sonst wirft der Bericht kein gutes Licht auf die freiwillige #Chatkontrolle. Die Daten aus den Mitgliedsstaaten sind unvollständig und nicht miteinander vergleichbar. Viele basieren auf den Meldungen von NCMEC in den USA. Und:

Laut Bericht können die Mitgliedsstaaten keinen systematischen Zusammenhang zwischen den Meldungen durch die Überwachungsmaßnahme und später eingeleiteten Ermittlungen bzw. Verurteilungen herstellen. Es gibt also überhaupt keine Evidenz für die Wirksamkeit!

Keine guten Vorzeichen für die freiwillige #Chatkontrolle also. Und die EU-Kommission hat den gesetzlichen Auftrag, den das Europäische Parlament ihr erteilt hat, nicht erfüllt. Mal schauen, ob Innenkommissar Magnus Brunner und die Abgeordneten heute darauf eingehen werden. Und ob wir einen Vorgeschmack, auf die kommenden Trilogverhandlungen bekommen werden.

Die Sitzung wird hier im Livestream öffentlich übertragen werden. 10:00 soll der Tagesordnungspunkt los gehen:
https://multimedia.europarl.europa.eu/en/libe-committee-meeting_20251204-0900-COMMITTEE-LIBE_vd

Committee on Civil Liberties, Justice and Home Affairs Ordinary meeting - Multimedia Centre

The multimedia platform of the European Parliament is the official public available repository of the media production of the Secretariat of the European Parliament, managed by the Directorate-General for Communication (DG COMM).

Multimedia Centre

Das Wetter in Brüssel ist heute ausnahmsweise gut. Die Sonne scheint auf das Europäische Parlament.

Stellvertretend für die @digiges darf ich als Interessenvertreter für die Zivilgesellschaft auch in das Europäische Parlament.
Also, erst durch die Sicherheitsschleuse und los geht es. Auf dem Weg in den Ausschuss begegne ich noch dem Mitarbeiter einer Abgeordneten. Er ist auch schon gespannt auf die kommende Aussprache.
#Chatkontrolle

Im Ausschuss wird gerade noch einen anderen Bericht der Kommission gesprochen. Der Saal ist groß. Vorne am Podium in der Mitte ist der Ausschussvorsitzende Javier Zarzalejos. Er ist auch Berichterstatter für das Gesetz mit der #Chatkontrolle, zu dem nächste Woche die Trilogverhandlungen beginnen. Von uns aus gesehen rechts von ihm sitzt der Innenkommissar Magnus Brunner.
Gerade musste sich Brunner Schelte von Abgeordneten anhören, weil die EU-Kommission in einem anderen Fall ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat: Beim #Omnibus, mit dem zahlreiche Schutzmaßnahmen wie #DSGVO und #AIAct geschliffen werden sollen, wurde nämlich keine Folgenabschätzung (Impact Assessment) gemacht. Das müsste sie aber.
Auch bei einem vorherigen Omnibus zur Aufweichung von Umwelt- und Menschenrechtsstandards hat sie das unterlassen. Evidenzbasiert arbeiten? Naja:
https://euobserver.com/rule-of-law/ar0c5403fa
EU Ombudswoman slams Commission for abusing 'urgency' provisos

The EU Commission should not skip public consultations, impact assessments, or other steps of ‘good regulation’ by simply citing the vague ‘urgency’ of a legislative proposal, the European Ombudswoman Teresa Anjinho found in an inquiry on Wednesday.

EUobserver

Jetzt geht es los. Der Ausschussvorsitzende Javier Zarzalejos leitet den Tagesordnungspunkt ein.

#Chatkontrolle

Zum Einstieg hat EU-Innenkommissar Magnus Brunner das Wort. Sowohl Zarzalejos und Brunner erklären, dass es zeitnah eine dauerhafte Lösung für das Thema brauche.

Brunner begrüßt das Ergebnis im Rat, welcher etwa zwei Jahre nach dem Europäischen Parlament nun eine eigene Position beschlossen hat.

Brunner bestätigt (erstmals öffentlich?) offiziell, dass die Trilogverhandlungen zur #Chatkontrolle nächsten Dienstag am 9. Dezember beginnen werden.

Brunner spricht den letzte Woche vorgelegten Bericht zur freiwilligen #Chatkontrolle an. Entgegen der im Bericht fehlenden Datengrundlage bezeichnet er diesen als umfassend und deutet ihn als unterstützend für die Pläne, eine permanente Überwachungsbefugnis für Unternehmen einzuführen.
Er räumt aber auch ein, dass es noch an der Datenerhebung mangele.

Er verweist auf die Zahl der gemeldeten Erkennungen und deutet das als Erfolg. Über die Falscherkennungen sagt er nichts.

Wie schon seit vielen Jahren auch heute die Warnung: die Zeit werde knapp. Die Ausnahmeregelung, welche Unternehmen entgegen der ePrivacy-Richtline die freiwillige #Chatkontrolle erlaubt, läuft im April aus. In der Vergangenheit ist die temporäre Ausnahmeregelung aber schon einmal temporär verlängert worden.
Als erstes darf Caterina Chinnici (EPP, Italien) sprechen. Sie preist Innenkommissar Brunner und dankt ihm für sein Engagement.
Dann spricht sie von "der #Blockchain" und fragt welche Technologien die EU-Kommission auf den Weg bringen könne, um dort eine Löschung von Missbrauchsdarstellungen zu ermöglichen. OK.
#Chatkontrolle
Brunner zeigt sich - wie so manche im Raum - eher überrascht von der Frage. Er vermeidet das Wort Blockchain zu wiederholen und spricht nur von "solchen Technologien". Ist vielleicht besser so.
Birgit Sippel (S&D, Deutschland) spricht jetzt. Sie war in der Vergangenheit eine starke Verfechterin des ePrivacy-Schutzes. Sie kritisiert nun, dass die öffentliche Berichterstattung zur #Chatkontrolle fälschlicherweise behauptet, Massenüberwachung sei schon vom Tisch. Stattdessen solle diese nach Position des Rats der EU nun auf freiwilliger Grundlage passieren.
Die Abgeordnete Sippel spricht die hohe Falscherkennungsquote bei der freiwilligen #Chatkontrolle an. Sie fragt nach den fehlenden Nachweisen, ob überhaupt Kinder denn tatsächlich durch diese Maßnahme gerettet werden könnten. Sie erinnert an die Realität, dass diese furchtbaren Verbrechen häufig im sozialen Nahfeld von Kindern geschehen.
Sie fragt wieso Brunner die Position des Rates lobt.
Brunner antwortet ihm gehe die Ratsposition nicht weit genug, er freue sich aber, dass es irgend eine Form der Einigung gebe. Diese mache ihn aber nicht glücklich. Er appelliert wiederum an die Abgeordneten, auf eine Verbesserung des Entwurfs in den Trilogverhandlungen zu wirken. Er bleibt aber vage, was genau er mit "nicht weit genug" meint.
#Chatkontrolle
Auf die Frage, wie viele Kinder den nun wegen der freiwilligen #Chatkontrolle haben gerettet werden können erklärt Brunner, dass er dazu keine Zahlen habe.
Die EU-Kommission kann also auch auf direkte Nachfrage der Abgeordneten keine Evidenz erbringen, dass die Überwachung funktioniert.
#Chatkontrolle
Auf Nachfrage eines Abgeordneten stellt Brunner noch einmal klar: zwischen der Position im Rat und der des Europäischen Parlaments bevorzuge er die, des Europäischen Parlaments. Spannend.
#Chatkontrolle
Auch das Thema Alterskontrollen kommt kurz zur Sprache, hier gibt es aber keine neuen Details. Der Ausschussvorsitzende Javier Zarzalejos betont außerdem, dass das Europäische Parlament eine starke Verhandlungsposition habe und zu dieser stehen werde. Hoffen wir, dass er das während der Verhandlungen nicht vergisst.
#Chatkontrolle
@pneutig Danke für die Zusammenfassung und Update und überhaupt! 👍